Wir verdanken erst dem Mathematiker und Astronomen Ptolemäus, welcher am Anfang des zweiten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung in Alexandrien seinen gelehrten Studien lebte, die Kenntnis einer Ära, die nach dem Namen des babylonischen Königs Nabonassar als die nabonassarische bezeichnet wird und mit dem 26. Februar 747 v. Chr. begann. Obgleich zunächst Nabonassar und seine unmittelbaren Nachfolger dem Reiche von Babylon und von Assur angehörten, so hatte Ptolemäus dennoch seinem Kanon der Könige die Form des ägyptischen Wandeljahres zu Grunde gelegt, so daß das Jahr nur aus 365 Tagen ohne den überschüssigen Vierteltag bestand. In der Berechnung der Regierungen der einzelnen Könige folgte er außerdem dem Beispiel der Ägypter (wenigstens zur Ptolemäerzeit), indem er das Jahr der Thronbesteigung eines Königs jedesmal als ein volles betrachtete und von dem Jahresanfang an datierte, ohne Rücksicht auf die Monate und Tage vom Neujahrstage an, welche noch seinem Vorgänger angehörten und die somit in Wegfall kamen. Sein Kanon erhielt dadurch eine sehr einfache und übersichtliche Gestalt und gestattet uns die chronologischen Reduktionen auf den julianischen Kalender mit vollster Sicherheit durchzuführen. Ptolemäus benutzte diese feste Ära z. B. um die am 19.-20. März 721 und die am 9. März und 1. September 720 eingetretenen Mondfinsternisse nach ihrem genauen Datum der Nachwelt zu überliefern.

Eine merkwürdige Bestätigung seines Kanons der Könige von Babylon und Assyrien, welche vom Jahre 747 an (genauer vom 26. Februar desselben) bis zum Anfang der Perser-Dynastie regiert hatten, lieferte die Entdeckung (1884) einer keilinschriftlichen Königsliste, welche die Wissenschaft dem englischen Gelehrten Theo G. Pinches schuldet. Ihr Wert kann nicht hoch genug abgeschätzt werden. Von unserem deutschen Assyriologen Prof. Schrader kritisch behandelt, bildet sie heute die feste Grundlage der babylonischen Königsreihen von der zweiten Periode an bis zum Untergange des babylonischen Reiches. Mit Einschluß der letzten, aus den Perserkönigen bestehenden Dynastie zählt die keilinschriftliche Urkunde zehn Dynastien auf, deren Dauer im einzelnen wie im ganzen genau nach Jahren und Monaten angegeben ist. Prof. J. Oppert hat in einer im Jahre 1888 veröffentlichten englischen Abhandlung (the real chronology and the true history of the Babylonian Dynasties) die chronologische Berechnung auf Grund der keilinschriftlichen Angaben vorgelegt und danach den Umfang derselben auf den Zeitraum zwischen den Jahren 2506 und 538 v. Chr. zurückgeführt. Man wird die Wichtigkeit dieses Fundes begreifen, der mit einem Schlage ein helles Licht in das zeitliche Dunkel der babylonischen Könige geworfen hat und bis in eine Epoche zurückgeht, welche nach gewöhnlicher Annahme etwa in die Zeit der zwölften ägyptischen Dynastie hineinfällt. Hiermit ist die Geschichte an den Ufern des Euphrat und ihre Berechnung noch lange nicht abgeschlossen, denn sie überragt die Grenze des Jahres 2506 bis in eine mythische Vorzeit hinein. Die beiden letzten Jahrtausende dieser langen und sagenhaften Periode von 39180 Jahren, deren J. Oppert gedenkt, versteigen sich bis zur ägyptischen Pyramidenzeit. Es steht sicher fest, daß die beiden Fürsten von Agade, Sargon I. und Naram-Sin, dem 38. Jahrhundert v. Chr. angehören, wenn einer Angabe des Königs Nabonidus darüber Glauben zu schenken ist.

Die neueste Entdeckung auf Grund einer glücklich entzifferten Keilinschrift hat für die Geschichte Babyloniens einen festen Rahmen geschaffen, welcher den Mangel einer Ära einigermaßen ersetzt und uns gestattet, geschehene und gemeldete Ereignisse mit einem relativ richtigen Zeitmesser abzuschätzen. Gerade deshalb ist es zu bedauern, daß durch eine Lücke nach den ersten sechs Königen der dritten Dynastie die Namen und Jahreszahlen einer Reihe von Königen ausgefallen sind, unter welchen der obengenannte Burnaburiasch oder Purnapuryas, der Zeitgenosse des ägyptischen Königs Amenophis IV. notwendig seine Stelle eingenommen haben dürfte. Vielleicht daß ein anderer späterer Fund auch diese offene Stelle ausfüllen wird. Vorläufig behauptet die entdeckte babylonische Königsliste ihre erste Stelle unter allen chronologischen Denkmälern, welche von den ältesten Zeiten der Weltgeschichte überhaupt gemeldet haben.

Überlieferte Königsreihen nebst der Dauer der Regierungen der einzelnen Fürsten bilden freilich noch keine Geschichte in unserem Sinne, denn die Begebenheiten, welche damit in Verbindung gesetzt worden, betreffen nur die Könige und ihre Thaten und überlassen es dem Forscher, zwischen den Zeilen zu lesen und aus seinen Vermutungen und Schlußfolgerungen einen geschichtlichen Hintergrund aufzubauen. Die auf den Denkmälern der ältesten Kulturvölker der Erde enthaltenen Nachrichten haben vorläufig nur den Wert mehr oder weniger vollständiger Annalen und Chroniken, die mit jeder Einzelregierung abgeschlossen sind. Erst mit der Schöpfung der Ären oder der auf gelehrter Forschung begründeten Systeme der Zeitmessung von einem chronologisch fest bestimmten Zeitpunkte an tritt die eigentliche Geschichtsschreibung in die Welt und die pragmatische Behandlung gewinnt die Oberhand. Die Geschichte der einzelnen Völker verkettet sich zu einem großen Gesamtbilde, in welchem sich das staatliche und das Kulturleben der Menschheit in seinen Wechselwirkungen und in seiner Entwickelung abspiegelt, während die Ära als genauer und unverrückbarer Zeiger an der Weltuhr die ihr zugewiesene Rolle erfüllt.

Die sieben Hungerjahre.

Die Geschichte Josephs in Ägypten ist und wird für alle Zeiten das unerreichte Muster der morgenländischen Erzählungskunst bleiben, wie immer man auch über die eigentliche Zeit ihrer Abfassung denken mag. Selbst ein Voltaire fühlte sich zu dem Bekenntnis gedrungen, daß sie bewunderungswürdig und ihr kein ähnliches Beispiel an die Seite zu stellen sei. Fesselnd und anmutig entwickelt die Geschichte Josephs die außerordentlichen Schicksale eines ebräischen Hirtenknaben, der sich bis zum Großwesir am Hofe Pharaos emporgeschwungen hatte und zum Ahnherrn eines ganzen Volkes wurde, aus dessen Mitte der Messias dereinst hervorgehen sollte.

Der Reiz des Altertümlichen und des Morgenländischen, welcher die ganze Erzählung von Anfang bis zum Ende durchweht, wirkt in gleichem Maße anziehend auf den Leser ohne Unterschied des Glaubens, der Abstammung, der Heimat und der Zeit. Selbst der Stifter des Islam, der Prophet Mohammed, fühlte sich von ihrem Inhalt so überwältigt, daß er ihr in seinem Religionsbuche des Koran ein eigenes Kapitel der göttlichen Offenbarungen widmete.

In der zwölften Sure des erwähnten Buches, überschrieben: „Joseph, der Friede sei mit ihm“, beginnt er seine Erzählung mit den Worten: „Dies sind die Zeichen des deutlichen Buches, das wir deshalb in arabischer Sprache geoffenbaret, damit es euch verständlich sei. Wir wollen dir durch Offenbarung dieser Sure des Koran eine der herrlichsten Geschichten erzählen, auf welche du früher nicht aufmerksam gewesen.“

Die geschichtliche Offenbarung, welche er im Anschluß an diese Einleitung seinen Lesern zu Herzen führt, folgt mit ziemlicher Genauigkeit dem biblischen Berichte, nur mit dem Unterschiede, daß hier und da Einzelheiten übersprungen sind, an deren Stellen anderes hinzugefügt ist. So berichtet Mohammed, daß nach den sieben guten Jahren und nach den sieben Jahren der Hungersnot „ein Jahr kommen werde, in welchem es den Menschen nicht an Regen mangeln wird, und in welchem sie Wein genug auspressen werden.“ Es bleibe dahingestellt, woher der Stifter der Religion des Islam diese Zuthat geschöpft hat. Ägyptisch ist sie auf alle Fälle nicht, denn der Regen ist keine berechtigte Eigentümlichkeit in der Natur des Nilthales, und man versteht es schwer, was der Weinbau mit dem Ende der Hungersnot zu schaffen habe.

Eigene Erfindung, aber ganz im grübelnden Sinne der Morgenländer aufgefaßt, ist die merkwürdige Einschiebung im Koran, durch welche die leichtfertige Frau des Potiphar ihren Fehltritt gegen die Ehre ihres Mannes vor den Weibern ihrer Stadt zu rechtfertigen oder zu beschönigen versucht.