„Aber die Frauen in der Stadt, so erzählt Mohammed, sagten: Die Frau des vornehmsten Mannes forderte ihren jungen Sklaven auf, mit ihr zu sündigen und er hat die Liebe für sich in ihrem Herzen angefacht und wir sahen sie nun in offenbarem Irrtume.
„Als sie diese spöttischen Reden hörte, da schickte sie zu ihnen, um sie zu einem für sie bereiteten Gastmahle einzuladen und legte einer jeden ein Messer vor und sagte dann zu Joseph: Komm und zeige dich ihnen!
„Als sie ihn nun sahen, da priesen sie ihn sehr, schnitten sich in ihre Hände und sagten: Bei Gott! das ist kein menschliches Wesen, sondern ein verehrungswürdiger Engel!“
„Darauf sagte sie: Seht, das ist derjenige, um dessentwillen ihr mich so getadelt.“
In denjenigen Ländern des Ostens, in welchen das Verbot des Islam gegen die bildende und malende Kunst, insoweit sie die gotteslästerliche Nachahmung lebender Wesen betrifft, keine Beachtung mehr findet, und es dem Künstler frei steht, mit der einzigen Ausnahme des Gesichtes einer für heilig angesehenen Person, auch das Lebende mit Pinsel und Farbe wiederzugeben, bildet die angeführte Stelle des Koran einen sehr beliebten Vorwurf der künstlerischen Thätigkeit.
Ich hatte oft Gelegenheit, auf meinen Wanderungen im Lande Iran in den Häusern selbst hochgestellter Personen von geistlichem Stande Wandgemälden gegenüberzustehen, deren Gegenstand mir anfänglich durchaus unverständlich war. Man stelle sich eine farbige Komposition von mindestens hundert Personen vor, die sämtlich dem schönen Geschlecht angehören und von denen jede, mit einem Messer in der Hand, damit beschäftigt ist, einen Apfel zu schälen und in Stücke zu schneiden. Aus den Fingern fallen reichliche Blutstropfen zur Erde nieder. Aus Mangel an der richtigen perspektivischen Auffassung sitzen die Gruppen der Frauen nicht nebeneinander, sondern übereinander. Die Augen der versammelten Damenwelt sind auf ein schönes Pärchen gerichtet, das über den Köpfen aller nebeneinander sitzt. Eine vornehm gekleidete Frau wirft einen süßzärtlichen Blick auf ihr Gegenüber, einen schönen rotwangigen Jüngling, der bescheiden das Auge zu Boden senkt.
Das alles, was der Künstler damit sagen wollte, sollte als eine Illustration zu der angeführten Koranstelle dienen. Die vornehme Frau ist Madame Potiphar, der junge Mann neben ihr der schöne Sklave Joseph, die versammelte Damenwelt stellt die eingeladenen Gäste dar, welche von der Schönheit des Jünglings so berückt sind, daß sie kein Auge von ihm lassen können und sich beim Apfelschälen in die Finger schneiden. Mögen sich unsere Künstler ein Beispiel daran nehmen!
Man ist schon längst darauf aufmerksam geworden und hat es als eine vollendete Bestätigung der Wahrheit des biblischen Berichtes mit Recht angesehen, daß gewisse Einzelheiten der Erzählung so weit sie das Verhältnis Josephs zu dem Pharao seiner Zeit berühren, sich durchaus mit den Angaben der Denkmäler decken.
Dazu gehörte die Auslegung von Träumen fürstlicher Personen. Ein zukünftiger Pharao, dessen Haupt dereinst die weiße Krone des Südlandes oder Oberägyptens und die rote Krone des Nordlandes oder Unterägyptens tragen sollte, sah im Traume zwei Schlangen neben sich, von denen die eine mit der weißen, die andere mit der roten Königskrone auf dem Kopfe geschmückt war. Als er aus dem Schlafe erwachte, warf er die Frage auf „Warum ist mir dies geworden?“ Der Traum wurde ihm in dem Sinne gedeutet, daß er über das ganze Ägypterland herrschen würde.