Das Wohlgefallen, welches Pharao an der Auslegung seines Traumes von den sieben fetten und sieben mageren Kühen und von den sieben vollen und sieben leeren Kornähren empfand, erhielt nach der biblischen Erzählung seinen äußerlichen Beweis durch eine echt ägyptische Investitur. Die Bibel sagt es mit klaren Worten: „Und that seinen Ring (Tabacat) von seiner Hand, und gab ihn Joseph an seine Hand, und kleidete ihn mit weißer Seide (schesch, nach Luther, richtiger: in ein Byssosgewand) und hing ihm eine goldene Kette um den Hals.“

Genau ebenso verfuhr die ägyptische Majestät, wie es die Denkmäler in Bild und Wort bezeugen, sobald sie das Verdienst eines Mannes nach Gebühr zu belohnen im Begriff stand. Der königliche Siegelring, auch in der altägyptischen Sprache mit dem Worte tabacat bezeichnet, wurde dem zukünftigen Würdenträger verliehen, ihm ein Festgewand aus feinster Byssosleinewand (sches) und die unvermeidliche „goldene Kette“, an Stelle unserer modernen Ordensdekorationen, feierlichst und vor versammeltem Volke überreicht. Das Umbinden der goldenen Kette um den Hals bildete sogar einen sehr beliebten Vorwurf des hierarchischen Ehrgeizes bis in die Gräberwelt hinein.

Viel bedeutungsvoller, weil die genaueste Kenntnis mit dem altägyptischen Titelwesen vorauszusetzen ist, sind dagegen der Name und die Bezeichnungen der Würden, welche Pharao dem ehemaligen Sklaven asiatischer Abkunft verleiht.

Der König wählt für ihn einen ägyptischen Namen aus, den Joseph fortan zu führen ermächtigt wird. Er nennt ihn Zaphnathpaneach, was freilich unser Luther irrtümlich, älteren Auslegungen folgend, durch „heimlicher Rat“ verdeutscht hat. Sinnvoll, wie alle ägyptischen Eigennamen bedeutet der aus mehreren Wörtern der ägyptischen Sprache zusammengesetzte Name: „Es sprach Gott: Er lebe.

Unter den Würden, welche Pharao dem jungen Beamten verlieh, ist keine, welche in den ägyptischen Inschriften nicht ihr Gegenstück fände. Josephs Ernennung zum Ab — Luther hat das ägyptische Wort für das gleichlautende ebräische mit dem Sinne von „Vater“ gehalten — ist gleichbedeutend mit unserem deutschen „Beschließer“, und als das hohe Amt jener in der nächsten Umgebung des Pharao befindlichen und häufig aus gekauften Sklaven (den modernen Mamelucken) bestehenden Hofdienerschaft zu bezeichnen, denen nach dem Beispiel der heutigen Abdar in den Palästen der orientalischen Fürsten die Sorge überlassen blieb, das königliche Eigentum bis zu den Speisen und Getränken hin unter Siegel zu halten. Daß die Stellung der „Beschließer“, und zwar mit dem Siegel Pharaos, den Wert eines Vertrauenspostens hatte, liegt nach dem Gesagten auf der Hand.

Joseph erhält einen noch höheren Beweis der pharaonischen Gnade durch seine Erhebung „zum Fürsten in ganz Ägyptenland“, genauer zum Adon von ganz Ägypten oder des Stellvertreters, denn diesen Sinn schließt das wiederum echt ägyptische Wort Adon in sich, des Regenten selber. Auch dieser Titel, und zwar genau in derselben Fassung, kehrt auf einzelnen Denkmälern zur Bezeichnung des höchsten Amtes im Staate wieder, häufig genug mit dem Zusatz hinter dem Namen des altägyptischen Reichskanzlers: „Der Zweite nach dem König“. Dasselbe sagte auch die biblische Überlieferung mit den Worten Pharaos von Joseph aus: „allein des königlichen Stuhles will ich höher sein denn du.“

So erscheint Joseph auf Grund seiner Titel als ein Vertrauter am Hofe Pharaos, dem die Verwaltung des königlichen Hauses („Du sollst über mein Haus sein“, ganz in Übereinstimmung mit dem ägyptischen Titel des Hri-pir oder der über das Haus gesetzt ist) übergeben war, und der als erster Reichsbeamter die höchste Stelle im Staate bekleidete.

Der ägyptische Name Josephs: „Zaphnathpaneach“ und die zweimal in der heiligen Schrift wiederkehrenden Eigennamen Potiphar und Potiphera, altägyptisch: Petiphera „das Geschenk der Sonne“, haben ihre eigene Bedeutung für die äußerste Grenze der Abfassung der biblischen Erzählung vom Joseph in Ägypten. Sie sind den älteren Epochen der Denkmälerwelt vollständig ihrer ganzen Bildung nach unbekannt und treten als Namen echter Ägypter zum erstenmale im neunten Jahrhundert v. Chr., also etwa volle Tausend Jahre nach den in der Schrift geschilderten Begebenheiten auf.

Frühestens in dieser Zeit hatte der unbekannte mit ägyptischen Verhältnissen so wohl vertraute Herausgeber der Geschichte Josephs die vorhandenen schriftlichen Überlieferungen, deren ältere und jüngere Redaktionen die Verschiedenheit in der Anwendung der Gottesnamen Elohim und Jehovah in erster Linie verraten, zu einem Ganzen verarbeitet, wie es den Lesern der Bibel späterhin geboten ward. Die Namen, welche ich soeben angeführt habe, beruhten auf seiner Erfindung, wie er denn überhaupt Ägypten und die ägyptische Hofhaltung von seinem späten Standpunkte aus behandelt hat.

Es tritt die Frage nahe, in welcher Zeit und unter welchem Könige Ägyptens Joseph gelebt haben möge, d. h. also unter einer Regierung, unter welcher der Nil sieben Jahre lang seine Schuldigkeit zu thun und das Land zu überschwemmen verabsäumt hatte.