Von Jahren der Hungersnot, sogar von „vielen Jahren des Hungers“ ist auf den Denkmälern in einzelnen Inschriften die Rede. Die paar Stellen, in welchen sich diese allgemeinen Andeutungen vorfinden, gehen jedoch in die ältere Periode der ägyptischen Geschichte zurück, ohne eine Gewähr dafür zu bieten, daß dies ausschließlich nur für die Altzeit anzunehmen sei. Die Notiz, welche irgend ein Gelehrter dem Namen des vierten ägyptischen Königs Uenephes oder Venephis in der manethonischen Königsliste beigeschrieben hat: „zu dessen Zeit eine Hungersnot wütete“, ist ebenso nebelhaft als der König, auf welchen sie sich bezieht, und hat scheinbar keine Bedeutung zur Entscheidung der Frage, die mich beschäftigt.

Aber anders sieht es mit einem Denkmale aus, das soeben erst einer zweitausendjährigen Vergessenheit entrissen und auf photographischem Wege zur Kenntnis der gelehrten Welt gebracht worden ist. Die lange Inschrift, welche den Gegenstand meiner Betrachtung bilden soll, ist das Neueste und das Wertvollste, was seit langem den ägyptologischen Wissenschaften geboten worden ist, denn gerade sieben Jahre der Hungersnot finden sich darin ausdrücklich erwähnt und zwar im Zusammenhange mit einem geschichtlichen Datum.

Bekanntlich bildet der erste Wasserfall bei der modern ägyptischen Stadt Assuan, der älteren Stadt Syene, deren ägyptischer Name Siwene so viel als „Handelsplatz“ bezeichnet, die Südgrenze des ägyptischen Reiches. Sie liegt am rechten Ufer des Nils in einer palmenreichen Gegend; in ihrer Nähe befinden sich die weltberühmten Steinbrüche von Rosengranit, aus welchen die pharaonischen Baumeister und Künstler das Hartmaterial zu ihren Werken zu beziehen pflegten. Die riesigsten Blöcke, ich habe nur an die Obelisken zu erinnern, fanden ihren Weg von hier aus nach den nördlich im Lande gelegenen Städten und Tempeln.

Gegenüber von Syene breitete sich die gleichfalls von Palmen bekränzte Insel Elephantine aus, offenbar so benannt als Stapelplatz für das sudanesische Elfenbein. Die Tempelbauten, welche meist die Insel schmückten, sind bis auf wenige Überreste vom Erdboden verschwunden und mächtige Scherbenhaufen allein bezeichnen heutzutage ihren ehemaligen Standort.

In den Zeiten der späteren ägyptischen Dynastien, als Äthiopien für Ägypten so gut wie verloren war und Einfälle der dunklen Bevölkerung, nach der ägyptischen Grenze hin, die südlichsten Teile des Pharaonenreiches bedrohten, befand sich regelmäßig eine ägyptische Garnison auf Elephantine, um die Grenze zu decken und über die Sicherheit der Gegend zu wachen. Schon der alte Herodot weiß davon zu erzählen, denn er berichtet von 240000 Mann — ein wenig stark als eine bloße Garnison auf der schmalen Insel — die unter dem ersten Psammetichos, um die Mitte des siebenten Jahrhunderts v. Chr., von Elephantine über die Grenze nach Äthiopien hinein abzogen, weil sie vergeblich nach dreijährigem Aufenthalte auf ihre endliche Ablösung gewartet hatten und des königlich ägyptischen Dienstes überdrüssig geworden waren. Griechen und Römer setzten die alte Gewohnheit des Garnisondienstes fort und Hunderte in griechischer Sprache niedergeschriebene Sold- und Steuerquittungen auf Scherbenstücken bezeugen in Schrift und Sprache die Anwesenheit ausländischer Truppenkörper.

Der Hauptstock der Bevölkerung der Insel und der gegenüberliegenden Stadt Syene bestand aus dunkelfarbigen Äthiopen vom Stamme der Kensi, die nordwärts bereits etwa in der Nähe der heutigen Stadt Edfu in Oberägypten ihre nördlichsten Ansiedlungen besaßen und südwärts bis zum zweiten Wasserfall bei dem heutigen Wadi Halfa sich ausdehnten. Es waren die Vorfahren der in der Gegenwart unter dem Namen der Berabira oder Barberiner bekannten Bevölkerung, die längs der schmalen Nilufer zwischen den vorher genannten Punkten und südlich über Wadi Halfa hinaus bis nach Dongola hinauf ansässig sind und mit schweizerischer Anhänglichkeit ihre traurige, wenn auch sonnige Heimat lieben. Ihre Sprache, das sogenannte Nuba, scheint die Tochter des ehemaligen Äthiopischen zu sein, das in Meroë die Hauptstätte seiner Entwickelung fand und sich bis zu den Küsten des Roten Meeres hin ausdehnte. Wenigstens lassen sich mehrere von den Alten überlieferte Wörter der altäthiopischen Sprache nur mit Hilfe des modernen Nuba erklären. Wenn beispielsweise Plinius den Namen der häufig von Nebeln umhüllten und daher von den Schiffen gesuchten Topasen-Insel durch das Wort topazin erklärt, das in der Sprache der Troglodyten oder der Höhlenbewohner in der Nähe der Küste so viel als „suchen“ bedeute, so ist diese Erklärung vollkommen zutreffend, da noch in der heutigen Sprache des Nuba tabe-sun den Sinn von so viel als „du suchtest“ besitzt.

Es erklärt sich hieraus zur Genüge, daß im Altertum das sogenannte Vorder- oder Oberland oder die nubische Provinz des ägyptischen Reiches nicht mit der Insel- und Hauptstadt Elephantine, sondern weit nördlicher ihren Anfang nahm, etwa in der Nähe von Edfu, woselbst die dunkelfarbige Bevölkerung die ägyptische „rote“ Rasse nordwärts ablöste. Das ist auch heutigestags der Fall.

In der Abbildung über der obenerwähnten Felseninschrift erscheint ein König Ägyptens in altertümlicher pharaonischer Tracht, welcher drei Gottheiten ein Rauchopfer darbringt. Die Beischrift nennt seine Titel und Namen. Es ist König Toser, sonst auch in den Königslisten Toser-Sa genannt, ein König der dritten Dynastie nach der manethonischen Königsliste, in welcher er unter der griechischen Umschrift Tosortasis an der bezeichneten Stelle wieder erscheint. Er gehört unter die Zahl jener sagenhaften Herrscher, von welchen bis auf die oben erwähnte Inschrift noch keine Denkmäler entdeckt worden sind.

Ihm gegenüber befindet sich der widderköpfige Kataraktengott Chnubis von Elephantine in Begleitung von zwei Göttinnen, Satis und Anukis, welche die Nilschwelle, die kommende und die gewordene, symbolisieren. Der Gott verspricht nach den Worten des neben ihm stehenden Textes dem König: „Ich schenke dir die Überschwemmung für jedes Jahr.“