Schon vor sechs oder sieben Jahren hatten wissenschaftliche Reisende und meine Wenigkeit selber oftmals bei einem Besuche von Theben Gelegenheit, auf Altertümer zu stoßen, welche der verschiedensten Art angehörten und Inschriften trugen, die darauf hinwiesen, daß es sich hier um Könige handle, die in den Gräbern von Biban-el-moluk — so heißt dieses Totenthal im Munde der Araber — beigesetzt worden waren. Es kamen Namen der seltensten Pharaonen vor, am häufigsten auf den Osiris-Statuetten, welche sich auf die verschiedensten Könige der thebanischen Dynastieen bezogen, besonders auf die 21. der sogenannten Priesterkönige, von welchen massenhaft von mehreren Arabern nach rechts und links veräußert wurden. Ich selbst hatte Gelegenheit, bei einer Reise nach Oberägypten den Sargkasten und die Mumie eines Königs zu sehen, der dieser thebanischen Priesterdynastie angehören mußte. — Ich habe sogar flüchtig eine Kopie aufgenommen, konnte aber damals nichts thun, um herauszufinden, wer den Sarg verkauft habe und woher er stamme, da er sich im Besitze eines hohen Reisenden befand.

Es war im Juli 1881, als nach diesen Vorgängen infolge obrigkeitlicher Einmischung durch Drohungen und Versprechungen einem jener Araber das lang bewahrte Geheimnis abgedrungen ward. Er gab eine genaue Beschreibung des Fundortes der Gegenstände jenes königlichen Nachlasses und erklärte sich bereit, der ägyptischen Behörde den Zugang zu der kostbaren Fundgrube zu öffnen.

Aufgebahrte Mumie des Osiris.

Am 6. Juli 1881 wurde Herr E. Brugsch, mein jüngerer Bruder, und sein arabischer Sekretär Ahmed Effendi Kamal, gleich nach ihrer Ankunft in Theben, wohin sie sich auf Befehl des Chediws von Kairo aus begeben hatten, von dem eben erwähnten Verräter des Versteckes, welcher den glorreichen Namen Mohammed Ahmed Abd-er-rassul trägt, nach dem geheimnisvollen Orte geführt. „Der altägyptische Ingenieur, bemerkt Herr Maspero, der gegenwärtige Direktor des Museums von Bulak, welcher einst den Versteck in dem Felsengrunde hat ausmeißeln lassen, war bei seinem Unternehmen in der geschicktesten Weise verfahren; niemals wurde ein Versteck besser vor Entdeckung geschützt. Die Hügelkette, welche an dieser Stelle die Königsgräber von Bab-el-moluk von der thebanischen Ebene scheidet, bildet zwischen dem Assassif- und dem Thale der Gräber der Königinnen eine Reihe natürlicher Kessel, von denen der bekannteste derjenige ist, in welchem sich der Denkmalbau von Deir-el-bahari befindet. In der Felsmauer, welche Deir-el-bahari von dem nächsten Kessel trennt, genau hinter dem Schutthügel von Schech-Abd-el-Gurnah, etwa 60 Meter über der bebauten Ebene, hatte man einen senkrechten Brunnen von 11,5 Meter Tiefe gebohrt, bei einer Breite von 2 Meter. In der Tiefe des Brunnens, an der westlichen Wand, legte man die Öffnung zu einem Gange an, welcher 1,4 Meter breit und 80 Centimeter hoch ist. Nach einer Ausdehnung von 7,4 Meter wendet er sich plötzlich in die nördliche Richtung und läuft eine Strecke von ungefähr 60 Meter weiter, nicht immer mit Beobachtung der gleichen Maßverhältnisse. An gewissen Stellen erreicht er eine Breite von 2 Meter, an andern nur die von 1,3 Meter. Nach der Mitte zu bereiten fünf oder sechs schlecht ausgemeißelte Stufen auf eine deutlich wahrnehmbare Veränderung der Bodenhöhe vor. Nach der rechten Seite liefert eine Art unvollendet gebliebener Nische den Beweis, daß man einmal daran gedacht hatte, die Richtung des Ganges zu verändern. Der letztere führt schließlich zu einem länglichen viereckigen, unregelmäßigen Gemache von ungefähr 80 Meter Länge.

„Der erste Gegenstand, welcher Herrn E. Brugsch frappierte, als er bis zur Tiefe des Brunnens hinabgestiegen war, bestand in einem weiß und gelb ausgemalten Sargkasten, mit dem Eigennamen Nibsonu darauf. Er lag in dem Gange, ungefähr 60 Centimeter von der Eingangsöffnung entfernt. Ein wenig weiter davon traf er auf einen Sarg, dessen äußere Gestalt an den Stil der 17. Dynastie (um 1800 v. Chr.) erinnerte, dann auf den Sarg der Königin Tiua-hathor Honttaui und darnach auf den Sarg des Königs Seti I. Über den Särgen und auf dem Boden zerstreut lagen Kästen mit Totenstatuetten, Kanopen, Spendenkrüge aus Bronze, und ganz im Hintergrunde, in dem Winkel, welchen der Gang bei seiner Biegung nach Norden bildet, das Leichenzelt der Königin Isimcheb, zusammengefaltet und zerknittert, als ob es ein wertloser Gegenstand gewesen wäre, den ein Priester bei seiner Hast bald hinauszukommen, nachlässig in eine Ecke geworfen hätte.

„In dem großen Gange herrschte der ganzen Länge nach dieselbe ordnungslose Aufhäufung von Gegenständen. Man mußte kriechend vorwärts zu kommen suchen, ohne zu wissen, wohin man die Hände legte und die Füße setzte. Die Särge und die Mumien, bei dem matten Scheine eines Kerzenlichtes nur flüchtig und halbwegs erkannt, trugen geschichtliche Namen: Amenophis I., Thutmos II., in der Nische neben der Treppe: Ahmos I. und sein Sohn Siamon, Soknunra, die Königinnen Ahhotpu, Ahmos-Nofritari und andere. In dem Zimmer in der Tiefe hatte das Durcheinander seinen höchsten Grad erreicht, aber man erkannte beim ersten Blicke allenthalben den vorherrschenden Stil der 20. Dynastie. Der Bericht Mohammed Ahmed Abd-er-rassuls, der anfänglich übertrieben schien, war nur ein schwacher Ausdruck der Wirklichkeit. Wo ich zwei oder drei glanzlosen Kleinkönigen zu begegnen glaubte, hatten die Araber ein vollständiges Grabgewölbe von Pharaonen aufgegraben. Und von welchen Pharaonen! die vielleicht allerberühmtesten der Geschichte Ägyptens: Thutmos III. und Seti I., Ahmos der Befreier und Ramses II. der Eroberer. Herr E. Brugsch glaubte das Spielwerk eines Traumes zu sein, unversehens in eine ähnliche Gesellschaft hineinzufallen, und wie er, so frage ich mich immer noch selber, ob ich wirklich nicht träume, wenn ich sehe und berühre, was der Körper von so viel hohen Personen war, von denen man nur die Namen zu kennen glaubte.

„Zwei Stunden genügten für die erste Durchsuchung, darauf begann die Arbeit der Bergung. Dreihundert Araber wurden durch Vermittlung des Mudirs (Gouverneurs der Provinz) zusammengetrommelt und machten sich ans Werk. Der Dampfer des Museums, der in größter Eile verlangt wurde, war noch nicht angekommen; aber man hatte einen der Piloten, Rëis Mohammed, bei der Hand, auf welchen man zählen konnte. Er stieg in die Tiefe des Brunnens hinab und machte sich daran, den darin befindlichen Inhalt hervorzuholen. Herr Emil Brugsch und Ahmed Effendi Kamal übernahmen die Gegenstände, je nachdem sie aus der Erde hervortraten, trugen sie bis zum Fuße des Hügels und legten sie reihenweise nebeneinander hin, ohne in ihrer Überwachung einen Augenblick nachzulassen. Achtundvierzig Stunden energischer Arbeit waren erforderlich, um alles hervorzuholen. Aber die Aufgabe war nur zur Hälfte gelöst. Der Leichenzug der alten Pharaonen in ihren Särgen mußte seinen Weg mitten durch die thebanische Ebene nehmen, um jenseits des Nils bis zu dem Dorfe Luxor zu gelangen. Mehrere von den Särgen, welche zwölf bis sechzehn Männer kaum zu tragen vermochten, brauchten sieben bis acht Stunden von dem Gebirge aus bis zum Flusse. Dabei wird man sich leicht vorstellen können, was dieser Weg bei dem Staube und der Julihitze bedeuten mußte.

„Endlich gegen Abend des 11. Juli waren alle Mumien und Särge in Luxor bei einander, sorgfältig eingewickelt in Matten und Leinenzeug. Drei Tage später kam der Dampfer des Museums an. Nachdem die notwendige Zeit für die Verladung nach Bulak verstrichen war, kehrte er sofort mit seiner Fracht von Königen nach Bulak zurück. Und sonderbar! von Luxor an bis zur Stadt Kuft hin, auf beiden Uferseiten des Nils, folgten die Fellahfrauen mit aufgelöstem Haare und unter Klagegeschrei dem Dampfer und die Männer feuerten Flintenschüsse ab, wie es bei Leichenbegängnissen ihre Gewohnheit ist. Mohammed Ahmed Abd-el-russul hat sich 500 Pfund Sterling verdient und ich habe ihn zum Aufseher der Nachgrabungen in Theben ernennen zu müssen geglaubt. Wenn er dem Museum mit gleicher Geschicklichkeit dient, wie er lange Zeit hindurch demselben schlechte Dienste geleistet hat, so können wir noch auf einige schöne Entdeckungen hoffen. — Mit so thätigen und ergebenen Leuten als die sind, welche ich gegenwärtig habe, ist es mir wohl erlaubt, glaube ich, auf Erfolg im voraus zu rechnen. Die Energie des Herrn Emil Brugsch, den Schwierigkeiten und mehr als das, den wirklichen Gefahren der Lage gegenüber, ist keinen Augenblick ermattet. Weder er, noch Ahmed Effendi Kamal, haben sich bis jetzt von ihren Anstrengungen völlig erholt. Es ist mir angenehm, ihnen öffentlich für den ausgezeichneten Dienst zu danken, den sie dem Museum und der Wissenschaft erwiesen haben.“

Die nach dieser lebendigen Schilderung folgende allgemeine Beschreibung der gefundenen Altertümer giebt eine historische Übersicht der Funde, die in zwei große Klassen unterschieden werden. Zur ersten gehören ungefähr zwanzig Särge, zum größten Teil bereits im Altertume ausgebessert oder zerbrochen — sie lassen den Stil der 18. und 19. Dynastie erkennen — zur letzteren die Särge, welche ein gleichförmiges Äußeres zeigen und der 20. Dynastie entstammen. Ich lasse die Aufzählung der einzelnen nachstehend folgen.