Ein Königsgrab aus dem Neuen Reiche. Vertikaldurchschnitt.

Ein Königsgrab aus dem Neuen Reiche. Horizontaldurchschnitt.
1–4 Korridore. — 5 Der Wartesaal. — 6 Der goldene Saal. — 7 Korridor. — 8 Die Schatzkammer.

Im Hintergrunde desselben erscheint eine neue Fortsetzung der saalartigen Räume als Nr. 7 oder das „Zimmer der Statuetten oder Statuen“ und zuletzt ein Zimmer (Nr. 8), die „Schatzkammer“. Die Namen dieser am Schlusse der Reihe aufgeführten Anlagen beweisen, daß man es hier mit bestimmten Gegenständen zu thun hat, die in den einzelnen Gemächern niedergelegt waren. Im Zimmer 6, dem „goldenen Saale“, befand sich meist alles, was dem Könige im Leben angehört hatte: sein Mobiliar, seine Waffen, seine Stöcke, seine Keulen, seine Peitschen, seine für Speise und Trank bestimmten Geräte u. s. w. Was er im Leben zum eigenen Gebrauch besessen oder getragen hatte, bis zu den Perücken hin, wurde nach seinem Tode in diese Grabkammer gelegt. In diesem selben Zimmer standen die Gegenstände um den Sarkophag herum, während die Leiche, in eingeschachtelten Holz- und Kartonsärgen liegend, mit Kränzen und Blumenzweigen bedeckt ward.

Im Zimmer 7, welches zwei Seitenkammern zeigt, befanden sich wahrscheinlich Statuetten und zwar jene bekannten Osiris-Statuetten, welche das Porträt des Königs trugen, aber den Gott Osiris darstellten. Wiederum ist er in dieser Auffassung mit der Gottheit identifiziert, nur mit dem Unterschiede, daß er in der Gottheit aufgegangen erscheint. Denn die Sonne als Gottheit heißt bei Nacht Osiris, bei Tage Râ. Das Zimmer Nr. 8 enthielt dem Anscheine nach kostbare Gegenstände, welche zum Schatze des Königs gehören mußten, ohne daß wir genauer wissen, welcher bestimmten Art sie waren.

Solche Gräber stehen heutzutage fünfundzwanzig offen; natürlich ist von dem ehemaligen beweglichen Inhalte derselben keine Spur mehr vorhanden. Alles ist vor langen Zeiten hinausgetragen worden, und zwar nicht erst durch die Römer und Araber, welche absichtlich oder zufällig die Gräber geöffnet hatten, sondern von den alten Ägyptern selbst. So groß die Pietät derselben gegen die Toten war, so konnte diese doch nicht verhindern — kommt es ja doch auch in unseren aufgeklärten Zeiten vor — daß sich Spitzbuben dahinter her machten, um die Königsgräber zu öffnen und die wohlgeborgenen Schätze zu stehlen. Diese traurige Thatsache, auch wo, wann und durch wen solches geschah, ist durch alte Prozeßakten auf Papyrus bezeugt, die noch heutzutage vorhanden sind. Sogar in Wien befindet sich ein dahin gehöriges Stück in der kaiserlichen Ambrasersammlung. Wir erfahren daraus, daß Diebe um das Jahr 1100 v. Chr. unter der Regierung eines Königs Ramses IX. einzelne der Gräber erbrochen hatten und Sachen aus der Grabkammer herausgenommen, ja selbst die königlichen Leichen nicht unangetastet gelassen, mit einem Worte Sacrilegia begangen hatten, wie sie durch die ägyptischen Gesetze auf das schärfste verboten und bestraft wurden. Darüber entspann sich ein großer Prozeß, die Diebe wurden verhört, es wurden Gerichtssitzungen gehalten und das Urteil gefällt. Das ist das älteste Beispiel von der Beraubung der Gräber in den ägyptischen Zeiten selber und von dem ausgedehnten Prozeß, der gegen die Diebe angestrengt wurde.

Es steht fest, als Strabo, der berühmte griechische Schriftsteller, Ägypten besuchte und nach Theben kam, standen in Theben vierzig Gräber der Könige offen da, in die man nach Belieben eintreten konnte.

Daß dies in der That der Fall war, wird heutzutage dadurch bewiesen, daß wir in den Königsgräbern über hundert griechische und lateinische Inschriften finden, welche von Reisenden der klassischen Zeit herrühren und anführen: an dem und dem Tage habe ich, der Sohn des und des, die Gräber besucht und habe an meine Frau und meine Kinder gedacht, oder irgend ein anderer Zusatz. Wir lernen daraus den Eindruck kennen, den der Anblick dieser merkwürdigen königlichen Grabstätten auf die Fremden ausübte, so daß sie beim Anblick dieser Pracht nicht umhin konnten, ihrer Familie und ihrer Freunde zu gedenken.

Heutzutage sind von vierzig Gräbern, die Strabo gesehen hat, nur fünfundzwanzig zugänglich. Es müssen also noch andere Gräber verborgen sein, welche seitdem verschüttet worden sind, um nicht hineinzudringen.

Da, im Juli 1881, ereignete sich folgendes: Man hatte vorausgesehen — man konnte ja nicht anders — daß der Inhalt jener Gräber, die heute offen stehen, schon in uralten Zeiten von Räubern gestohlen war, daß man sich aller jener Gegenstände bemächtigt hatte, die sich darin fanden, so daß wir jetzt natürlich keine Spur mehr von dem ehemaligen Inhalt dieser Gräber vorfinden würden. Könige, wie Ramses II., der berühmte Sesostris der Griechen, und seine Vorgänger und Nachfolger, waren längst in Staub zerfallen. Wer sollte ahnen, daß sie heutzutage noch in ihren letzten Resten vorhanden sein würden?