Das ist der historische Gewinn, den die Eröffnung der beschriebenen Pyramiden in diesem letzten Jahre gegeben hat. Die Arbeiten werden gegenwärtig fortgesetzt und man hofft, vielleicht auf eine bisher nicht aufgebrochene Pyramide zu stoßen, deren Inhalt noch vollständig vorhanden sein wird. Vor allem richtet sich die Aufmerksamkeit auf die berühmte Pyramide von Meidum, die in der That noch nicht geöffnet zu sein scheint, aber so große Schwierigkeiten den Arbeitern entgegenstellt, daß man vielleicht ein Jahr brauchen wird, um auch nur einigermaßen darin vorzudringen.

Die Masse der Steine, welche zum Bau der Pyramiden gehörten und den Kern der Grabkammer umhüllen, ist so gewaltig, daß man sich keine Vorstellung machen kann, wie viel Steine zu einem derartigen Bau gehören. Ich will nur, um annähernd diese Steinmassen der Vorstellung begreiflich zu machen, eine Vergleichung anführen. Wenn man sich die größte Pyramide, die des Cheops, welche heute eine Höhe von 137 Meter hat, aus hohlem Blech geformt denkt, so würde man sie bequem über die Kuppel des St. Peter in Rom setzen können. Und wenn man ferner die Steine, welche den Inhalt dieser Pyramide bilden, zusammenfügen würde zu einer Mauer von 3 Fuß Höhe, so reichen die Steine dieser einen Pyramide aus, um eine Mauer um ganz Frankreich zu ziehen — und das ist doch gewiß eine Ausdehnung, welche erklecklich ist!

Privatgrab aus dem Alten Reiche.
a Kapelle. — b Schacht. — c Grabkammer. — d Sarkophag.

Wenn die alten Pyramidenkönige in dieser Weise ihre Gräber bauten, daß die eigentliche Grabkammer inmitten auf dem felsigen Boden der Wüste stand und daß zum Schutze derselben eine derartige Steinmasse aufgetürmt war, so lag dem Baue der Gräber von Privatleuten derselben Epoche ein anderes System zu Grunde. Der Privatmann, wenn auch vornehmen Ranges, konnte oder durfte sich keine Pyramide bauen. Andererseits sollten die Gräber vor Eröffnung bewahrt bleiben. — Es wurde mit Rücksicht darauf eine Anlage geschaffen, die ich in der Abbildung dargestellt habe, nach einem der erhaltenen Gräber in Ägypten. Es ist dies der Typus, welcher bei allen diesen Bauten wiederkehrt.

Es wurde zunächst ein tiefer Schacht in den Boden der Wüste eingegraben — die Wüste ist ja Felsboden — dann unten in diesem sogenannten Brunnen, der vertikal läuft, eine horizontale Kammer ausgemeißelt und dort der Sarkophag aufgestellt. Nachdem die Leiche eingesargt war, wurde die Kammer durch eine Steinwand, meist eine Ziegelsteinmauer abgeschlossen, so daß niemand mehr hineingehen konnte ohne Gewalt anzuwenden. Der ganze Brunnen wurde mit Geröll, Sand oder Schutt ausgefüllt und darüber eine Kapelle errichtet, die je nach der Stellung des Verstorbenen oder je nach den Wünschen der Familie mehr oder weniger geräumig war. Sie konnte aus einem Zimmer bestehen, aus einem Saale mit Säulen, aus zwei, drei, vier Gemächern, immerhin aber war sie so eingerichtet, daß die Nachkommen des Verstorbenen, seine Familie, hineingehen und über dem Grabe desselben, das tief in dem Felsen versteckt lag, die Gebete aussprechen und seinem Gedächtnisse die Totenopfer spenden konnten.

Das ist etwa, was über die älteste Pyramidenform und über die ältesten ägyptischen Gräber zu sagen ist. Ich komme nun zur zweiten Epoche, zur Epoche der thebanischen Könige.

Die ägyptischen Könige, welche die ersten zwölf Dynastieen bilden und deren Residenz in Memphis war, hatten abgewirtschaftet. Wir wissen nicht, wie es gekommen ist, aber das eine steht fest, daß nach Abschluß dieser ältesten Königshäuser des Menschengeschlechtes überhaupt plötzlich in Theben ein neues Reich erstand, die thebanischen Dynastieen umfassend, welche als die 17., 18., 19., 20., 21. Dynastie bezeichnet zu werden pflegen, daß man in der Residenzstadt Theben ein großes Reichsheiligtum gründete, den berühmten Tempel von Karnak — er ist noch heute in seinen großartigen Ruinen vorhanden — und daß die Könige nach herkömmlicher Weise beim Antritt der Regierung zunächst ihre Gräber zu bauen nicht unterließen (noch heute sind diese Königsgräber vorhanden).

Pyramiden konnte man nicht mehr errichten. Die Westseite Thebens ist eingeschlossen von hohen Gebirgen, es war daher kein Raum vorhanden, um Pyramiden im Maßstabe der alten Grabdenkmäler der memphitischen Könige aufführen zu können. Denn es rücken die Felsen im Westen so nahe an den Fluß heran, daß die Pyramiden die ganze Westseite der Stadt ausgefüllt haben würden. Aber selbst in diesem Falle würde die Höhe der nahen Bergwände den Eindruck der Pyramidenbauten abgeschwächt haben. Man wählte deshalb die Berge selbst als Gräberstellen und bohrte lange Schachte in einem Seitenthale des thebanischen Westgebirges, welches ausschließlich dazu bestimmt war, die Gräber der thebanischen Könige zu enthalten. Diese Schachte gehen tief in den Berg hinein, anfangs abwärts und dann in gerader Richtung in die Tiefe des Felsens. Ich liefere die ausführlichere Beschreibung eines dieser Gräber, das noch heute von den Reisenden besucht wird, weil durch eine wunderbare Fügung des Schicksals sein alter Plan uns erhalten geblieben ist, welchen der ägyptische Architekt, der mit der Ausführung dieses Grabbaues beauftragt war, auf einen Papyrus hingemalt hatte. Der Plan mit seinen Beischriften und Maßangaben ist fast vollständig erhalten. Die berühmte Papyrusrolle befindet sich im Museum zu Turin. Nach diesem Aufriß antiken Datums, der nur mit geringfügigen Ausnahmen mit dem vorliegenden Risse nach heutigen Aufnahmen übereinstimmt, folgen zunächst vier Korridore in gleicher Richtungsachse. Der erste, welcher den eigentlichen Eingang in das Grab bildet, ist von geringer Länge. Von ihm aus geht der Weg abschüssig bis zum vierten hin, für den bequemeren Transport des Sarkophages hergerichtet; dann folgt ein fünftes Zimmer, sonderbarerweise das „Wartezimmer“ benannt (in welchen man etwas warten soll, bevor man das folgende betritt); hierauf Zimmer sechs, in welchem der Sarkophag in der Mitte steht oder das Zimmer des „goldenen Saals“.