Ein Königsgrab aus dem Alten Reiche. Vertikaldurchschnitt.
Ein Königsgrab aus dem Alten Reiche. Horizontaldurchschnitt.
1 Eingang. — 2 u. 4 Gänge. — 3 Fallthür. — 5 Grabkammer. — 6 Kammer mit dem Sarkophag.
Aber meine Hoffnung, in den grün ausgemalten Inschriften auf Texte zu stoßen, welche geschichtliche Überlieferungen enthielten, wurde arg getäuscht. Die einzige historische Beigabe gewährte der Name des Königs in Begleitung aller seiner Titel, welcher hier und in den übrigen von mir besuchten Pyramiden genau aufgeführt war. Auch der Sarkophag enthielt auf dem Deckel und an den Seiten Inschriften, welche wiederum nur Namen und Titel in aller Länge und Breite, wenn auch in schönsten hieroglyphischen Charakteren, enthielten. Nachdem ich die frisch geöffneten Pyramiden der Reihe nach untersucht hatte, konnte ich feststellen, daß die zahllosen Texte, mit welchen die Wände bedeckt sind, die wiederholten Abschriften eines einzigen großen Buches darstellen, welches von der zukünftigen
Reise des verstorbenen Königs im Jenseits handelt. Ich muß dabei bemerken, daß nach ägyptischer Anschauungsweise das Leben des einzelnen Menschen als Abbild des Sonnenlaufes angesehen ward. Die Seele ist ein Ausfluß des göttlichen Lichtstrahles, aufgefaßt in materieller Weise als Sonne. Der Sonnenstrahl, himmlischen Ursprungs, tritt in den Leib des geborenen Erdenkindes ein und nach der Auflösung des Körpers kehrt er zurück zur ewigen Gottheit, zum Urquell des Lichtes. Des Menschen Lebenslauf ist seinem Inhalte nach ein Stück Sonnendasein: der Mensch wird geboren im Osten und geht unter im Westen wie die Sonne. Nach seinem Tode, seinem Untergange im Westen, muß der menschliche Lichtträger dem Laufe der Sonne in der Nachtregion folgen, um am Ausgangspunkte im Osten sich mit der Gottheit zu vereinen und in das ewige Licht aufzugehen. Seine Wanderung nach diesem Ziele schlägt die umgekehrte Richtung des Lebenslaufes von Osten nach Westen ein. Von Westen nach Osten wandelnd, legt er die Reise der Toten zurück. Dies ist das Thema, der Grundtext mit seinen einzelnen Unterabteilungen, welcher in diesen Inschriften behandelt wird. Es kommen natürlich eine Menge Dinge dabei zum Vorschein, welche für die spezielle Wissenschaft der altägyptischen Lehre vom Dasein nach dem Tode von besonderem Nutzen sind, aber doch für die allgemeine historische Wissenschaft nur geringen Wert haben. Es werden z. B. Gestirne genannt, welche dem Verstorbenen auf seinem Wege von Westen nach Osten zu schauen vergönnt wird, es werden die unterirdischen Regionen und die Bewohner dieser himmlischen Nachtwelt beschrieben und vieles andere nebenbei in dunkler Sprache geschildert.
Wir können aus einer Vergleichung dieser Texte uns eine lehrreiche kritische Ausgabe des altägyptischen Buches von dem Glauben über das Jenseits nach dem Tode zusammenstellen.
Ist nach dieser Seite hin der Inhalt dieses Buches von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit, so wird er außerdem bedeutungsvoll dadurch, daß zum erstenmale in diesem Buche große, zusammenhängende Stücke in einer Sprache vorliegen, von der wir sonst sehr wenig wissen, d. i. von der ältesten Gestalt der Sprache der Ägypter.
Als ich zunächst die Pyramide des Königs Phiops (gegen 3300 v. Chr) betrat und nach ihr eine zweite, welche seinem Sohne Mehti-em-saf angehört, fand ich, daß in früheren Zeiten Räuber in beiden furchtbar gehaust hatten. Es ist bekannt, daß die meisten Pyramiden heute geöffnet sind, es ist ebenso bekannt, daß nicht erst in neuerer Zeit diese Wiedereröffnungen vor sich gegangen sind, sondern daß schon Perser, Griechen, Römer und Araber versucht haben, die Pyramideneingänge meist mit großer Mühe und großem Kostenaufwande zu sprengen, um sich der von ihnen darin vermuteten Schätze zu bemächtigen. Wir wissen sogar die Namen zweier Kalifen aus dem neunten und elften Jahrhundert, welche die kostspieligen Zerstörungsarbeiten nicht gescheut haben, um bis zu der Sarkophagkammer vorzudringen, woselbst sie außer geringen Schätzen wenig vorgefunden hatten.
Als ich die Grabkammer der Phiopspyramide erreicht hatte, überzeugte ich mich sofort, daß die Pyramide bereits geöffnet, der Schatz gehoben und die Leiche beraubt und in Stücke zerbrochen worden war. Alles, was sich vorfand, war eine Hand und eine Masse von Leinwand, aber die letztere von einer solchen Feinheit, daß meine Araber in den Ausruf ausbrachen: „Di harir“, d. h.: „Das ist Seide“. Sie war in der That so zart und glänzend, wie Seide nur immerhin sein kann. Proben davon sind in einzelne Museen Europas gewandert.
In der zweiterwähnten Pyramide fand ich die Mumie des Königs auf dem Boden des Sarkophages, auf Steinen liegen, ein orientalisches Zeichen der Mißachtung. Die Mumie war beraubt. Sie gehörte nach meiner Untersuchung an Ort und Stelle einem jungen Manne an von ungemein feiner Muskulatur, mittlerer Größe, lockigem Haare und war vollkommen wohl erhalten. Neben dieser Mumie lag gleichfalls ein Haufen der ehemaligen Umhüllung, aus denselben feinen Stoffen bestehend, wie ich sie in der Pyramide des Phiops entdeckt hatte. Die Mumie wurde nach dem Museum in Bulak transportiert, wo sie sich gegenwärtig noch befindet.