Wenn man von Ägypten spricht, muß man wohl unterscheiden, daß die Geschichte des Volkes, welches einst in diesem Lande glücklich gelebt, außerordentliches gewirkt und viel geschaffen hat, nicht nach Jahrhunderten, sondern nach Jahrtausenden zählt. Wir müssen daher überall, wo wir Tempelbauten und Grabanlagen begegnen, auf Grund der ägyptischen Altertumskunde und Geschichte die vorhandenen Denkmäler der Vorzeit nach großen Perioden voneinander sondern. So auch in unserem Falle. Ich unterscheide in Bezug auf den Gräberbau, welcher sowohl die Königs- als auch Privatgräber betrifft, zwei Epochen: die der Pyramiden bauenden Könige (von Memphis) etwa von 3000–2000 v. Chr. und die der thebanischen Fürsten, welche um das Jahr 1800 beginnt und um das Jahr 1000 abschließt, etwa in den Zeitläuften, in welchen König Salomo regierte. Diese Epochen sind nicht nur zeitlich, sondern auch durch lokale Eigentümlichkeiten voneinander abgegrenzt, im engsten Zusammenhange mit den Terrainverhältnissen, je nachdem man in der Lage war, die Gräber auf dem glatten Boden der Wüste oder als Schachte in den Gebirgen (meist auf dem Westufer des Nils) anzulegen.
Die Gräber, welche der memphitischen Periode angehören — ich spreche zunächst von denen der Könige — wurden am Rande der Wüste in Pyramidengestalt erbaut. Der Zahl nach gegen siebzig, erstreckten sie sich auf einer Ausdehnung von zwanzig deutschen Meilen, gegenüber von Kairo, auf der linken (der libyschen) Seite des Nils in westlicher Richtung von dem arabischen Dorfe Gizeh beginnend bis in die sogenannte Landschaft des Fajum hinein.
Diese Königsgräber sind allen Lesern wohl bekannt. Es sind die viel genannten und viel besuchten Pyramiden. Schon die Alten wußten sehr genau, wenn sie auch in betreff der einzelnen Königsnamen sich bisweilen geirrt haben, daß die Pyramiden nichts weiter als Gräber der Könige waren. Sie beschreiben uns den Bau einzelner derselben, sie nennen uns königliche Namen und sie erwähnen Einzelheiten, welche beweisen, daß sie von den damaligen Ägyptern, aus einer verhältnismäßig späteren Periode, sagenhafte Erinnerungen empfingen, die sie uns getreu überlieferten. Aus diesen Traditionen geht im allgemeinen so viel hervor, daß ungeheure Menschenmassen damit beschäftigt waren, diese kolossalen Bauten aufzuführen, daß die arbeitenden Scharen schlecht genährt waren, daß die Könige, welche die größten Pyramiden hatten aufführen lassen, verachtet und gehaßt wurden und ähnliches, wie es die Überlieferung im Volke nach späten Jahren sich eben zurechtgelegt hatte.
Fassen wir zunächst die Pyramiden nach ihrem äußeren Erscheinen auf, so zeigt sich, daß sie in Bezug auf die Höhe in einem sonderbaren Mißverhältnisse zu einander stehen und damit im Zusammenhange auch in Bezug auf die Ausdehnung ihrer Basis.
Die Untersuchungen einzelner dieser Riesenbauten haben erwiesen, daß der Kern einer jeden Pyramide sich genau in der Mitte der ganzen Anlage befindet. Ebenso genau wurde im Centrum des Kernes die einfache viereckige Grabkammer angelegt mit Hilfe gewaltiger Monolithe (Kalkstein oder Granit), mit dem Granit-Sarkophage des betreffenden Königs an der westlichen Wandseite, und gedeckt mit einem Spitzdache, dessen Steine gleichfalls aus Werkstücken von ungeheurer Länge (3–4 Meter) bestanden. Diese kolossalen Werkstücke, oft zu zweien und dreien aufeinandergelegt, hatten den Zweck, die gewaltige Schwere der Steine, welche die Pyramide von der Spitze an bildet, entlasten zu helfen. In diese Kammer führt, und immer von nordwärts her, ein langer und schmaler Gang, und zwar zunächst in schräg laufender Richtung. Dieser wurde, nachdem die Leiche des Königs in die Pyramide hineingeschafft und in den Sarkophag gelegt war, durch einen mächtigen Fallblock ein für allemal abqesperrt. Auch dieser besteht aus einem behauenen einzigen Granitstein. Ging man weiter in die Pyramide hinein, so war da, wo ein zweiter wagrecht angelegter Gang, der bis in die Grabkammer führte, begann, ein zweites Thor, welches gleichfalls durch eine Granitfallthüre geschlossen wurde, nachdem man die Leiche eingesargt hatte und nach dem Ausgang zurückgekehrt war. Dieser Gang wurde bisweilen durch eine dritte Fallthüre für ewige Zeiten abgesperrt. Indessen ist sie bei einzelnen Pyramiden nicht allenthalben nachweisbar. Hatte man die Fallsteine heruntergelassen, so wurde da, wo sich der erste Fallstein am Haupteingange befand, die Pyramide durch darübergelegte Steinplatten in einer Weise ergänzt, daß eigentlich für diejenigen, welche die Stelle des Eingangs nicht genauer kannten, es eine reine Unmöglichkeit war, die Öffnung der Pyramide zu finden.
Ich verweise bei dieser Beschreibung auf die Pyramide, welche das Grab des Königs Phiops enthält und welche im März 1881 aufgedeckt wurde. Diese Pyramide ist, wie die Abbildung zeigt, zerstört; nur der untere Teil des Steinbaues ist erhalten. Sie zeigt die Urform einer Pyramide, wie sie sich aus einzelnen Beispielen als Typus feststellen läßt.
Die erste Pyramide war verhältnismäßig klein, d. h. sie hatte etwa eine Höhe von 80 Fuß. Lebte ein königlicher Erbauer längere Zeit und war es ihm gestattet — die Gräber wurden stets beim Regierungsantritte eines jeden Königs zu bauen begonnen — so ließ er einen zweiten Mantel herumlegen, etwa in einem Abstande von 5–10 Fuß von der Kern-Pyramide, dann einen dritten und vierten Mantel. Auf diese Weise erklärt sich das Gesetz, daß wenigstens im allgemeinen die Höhe der Pyramide im Verhältnisse zur Regierungsdauer ihres Erbauers steht. Die neuerlichen Eröffnungen der Pyramiden, von denen ich noch sprechen werde, haben außerdem ein zweites Gesetz feststellen lassen, daß nämlich die lokale Folge der Pyramiden von Norden nach Süden hin der chronologischen Folge der Könige entspricht, d. h. der älteste König hatte seine Pyramide im höchsten Norden errichtet und seine Nachfolger schlossen sich in der Richtung von Norden nach Süden an, wie sie eben in den Regierungen nacheinander herrschten. Das ist ein wichtiges Faktum in historischer Beziehung; denn es zeigt uns, daß die Entwickelung, die geschichtliche Aufeinanderfolge der Pyramiden, durch ein Gesetz geregelt war. Wie hier im kleinen, so zeigt sich auch im großen durch eine analoge Betrachtung, daß überhaupt der kulturhistorische Gang der ägyptischen Geschichte die Richtung von Norden nach Süden genommen hat. Wir besitzen die ältesten Denkmäler im Norden. Je weiter wir nach Süden fortschreiten, um so jünger werden die Denkmäler; die jüngsten befinden sich in Äthiopien, die Pyramiden von Meroë, die letzten und spätesten Ausläufer des altägyptischen Kulturdaseins in den Zeiten einheimischer Fürsten.
Diese Thatsache ist deshalb bemerkenswert, weil man noch immer die Frage aufstellt: Ist denn die ägyptische Kultur von Afrika gekommen? Ist sie eine echt afrikanische? Oder sind die Ägypter eingewanderte Völker, welche von Norden her über die Völkerstraße der Landenge von Suez kamen und nach dem Nilthale ein fremdes Kulturleben übertrugen? Die historische Folge der Denkmäler scheint der Einwanderung von Asien her das Wort zu reden.
So sehr man sich in einer gewissen Epoche unseres Jahrhunderts — ich meine die Dreißiger- und Vierzigerjahre — für den Bau der Pyramiden, für die innere Konstruktion derselben interessierte, so war es doch für die größere Zahl der Gelehrten ein trockenes Studium, und zwar deshalb, weil keine der damals geöffneten Pyramiden auch nur eine einzige Inschrift enthielt. Die Gänge, von denen ich vorher gesprochen habe, zeigten glatte Wände, die Grabkammern waren leer, der Sarkophag ohne Inschriften. Nur auf einzelnen Bausteinen fanden sich von der Hand der Schreiber hingemalte oder hingekritzelte Namen, welche vermutlich den betreffenden König, welcher in der Pyramide bestattet war, angeben sollten. Wir haben vier oder fünf solcher Namen gefunden, und daraufhin war man imstande, diesen wenigen Pyramiden ihren Erbauern nach historische Namen beizulegen.
Erst im Anfange des Jahres 1881, während meiner Anwesenheit in Ägypten — es ist in den Monaten Februar und März gewesen — wurden durch Araber, welche sich freiwillig dieser Aufgabe unterzogen hatten, mehrere Pyramiden geöffnet, unter ihnen drei, welche sich voller Inschriften befanden. Das Faktum war so außergewöhnlich und die Geduld so sehr auf die Probe gestellt, daß ich kaum die Minute abwarten konnte, in der es mir gestattet sein sollte, in die erste dieser Pyramiden einzutreten und die Texte mit eigenen Augen zu schauen. Und in der That waren die Gänge und die Grabkammer der Pyramide, welche hier in einer Abbildung vorliegt, mit Inschriften bedeckt, und zwar in einer Fülle von Inschriften, die mich auf das äußerste überraschte. Die Araber hatten den alten Eingang durch Steine versperrt gefunden und da die Pyramide oben zerfallen war, es weislich vorgezogen, die Blöcke des Spitzdaches zu durchbrechen und wie in einen Krater hineinzusteigen. Von oben her erreichten sie die Grabkammer, welchen Weg auch ich zu nehmen genötigt war.