Im Kampfe traten dem guten Osiris seine beiden Schwestern Isis und Nephthys als helfende, stützende, beschützende, ablenkende Bundesgenossinnen zur Seite. In den bildlichen Darstellungen erscheinen beide Göttinnen zur Rechten und zur Linken ihres Bruders, ihn mit ihren Flügelpaaren deckend und behütend, um ihr helfendes Wirken in symbolischer Weise zum Ausdruck zu bringen.
Die vor den Tempeleingängen paarweise aufgestellten Obelisken und Mastbäume, in ihrer Eigenschaft als Blitzableiter, wurden deshalb geradezu als das Schwesterpaar Isis und Nephthys aufgefaßt und man versteht nunmehr den geheimnisvollen Sinn einer Inschrift, welcher sich auf die Wetterbrecher bezieht. „Die mit Kupfer beschlagenen paarweisen Mastbäume, welche zum Himmel hinaufreichen, sind die beiden großen Schwestern Isis und Nephthys, welche Osiris behüten und über den König der Tempelwelt wachen.“
Der große königliche Gräberfund.
Es geht ein wohlthuender, weil urmenschlicher Zug durch das gesamte Altertum, sowohl das klassische wie das nichtklassische, ein Zug, welcher uns noch heutzutage zur höchsten Dankbarkeit verpflichtet seiner historischen Folgen wegen: ich meine die Pietät der Alten gegen ihre Verstorbenen, eine Pietät, welche bei den Völkern der Vorzeit in den Vordergrund ihrer Anschauungen tritt. Sie bauten Gräber für ihre Toten, welche nicht darauf berechnet waren, nur eine kurze Zeit nach dem Tode fortzudauern und dann zu vergehen, sondern — nach den Mitteln, wie sie ihnen zu Gebote standen — sie führten wahre Grabdenkmäler auf, welche für eine lange Dauer hergerichtet waren. Sie betteten ihre Toten in diese Grabstätten und gaben ihnen alles dasjenige mit, was ihnen im Leben auf Erden lieb und wert gewesen war. Dieser Pietät verdanken wir heutzutage die Kenntnis alles dessen, was man mit dem Namen der Privataltertümer bezeichnet, freilich auch vieles Historische darunter, und wir haben dadurch Kenntnis von Details, von denen uns die Überlieferungen z. B. der Klassiker auch keine Spur hinterlassen haben. Es bewahrheitet sich auch hier das alte Wort, daß, wenn die Menschen schweigen, die Steine reden werden.
Wenn irgend ein Volk des Altertums sich in der Pietät gegen seine Toten auszeichnete, so waren es vor allen übrigen die Ägypter. Wir können während des Zeitraumes von vierzig Jahrhunderten, von den ältesten historischen, schriftlich vorhandenen Denkmälerepochen an bis gegen den Anfang unserer Zeitrechnung hin, diese Pietät verfolgen in allen Perioden ihrer Geschichte und in allen Landschaften des eigentlichen Ägyptens; wir haben Gelegenheit, diese Pietät jederzeit nachzuweisen, überall ihre Spuren aufzudecken und zu gleicher Zeit belebt zu finden durch das verständnisvoll geschriebene Wort.
Es gab bei den alten Ägyptern ein religiöses Gesetz, welches drei Forderungen an den sittlichen Menschen stellte. In erster Linie handelte es sich darum, die Götter zu preisen und ihnen zu danken, an zweiter Stelle die Menschen zu lieben und zuletzt als dritte Bedingung die Toten zu ehren. Praktisch übertragen lauteten dieselben Gebote: Alles zu thun im Leben, was den Göttern lieb und angenehm war; in Bezug auf die Menschen: zu spenden dem Hungrigen Brot, dem Durstigen Wasser, dem Nackten Kleider und den Verirrten auf den rechten Weg zu führen; in Bezug auf die Toten: schöne Gräber herzurichten und den Verstorbenen an den Festtagen des ägyptischen Jahres die regelmäßigen Totenopfer darzubringen. Und dieses letzte Gebot wurde in Ägypten in reichster und ausgedehntester Weise befolgt. Die Gräber sind zum Teil heute noch, wenn auch nur in Ruinen, vorhanden, aber selbst diese Trümmer sind bedeutsam genug, um uns einigermaßen eine Vorstellung von der Pracht und Herrlichkeit der Stätten der Toten zu gewähren. Damit hing zusammen, daß nach ägyptischer Anschauung die Häuser der Lebendigen nichts weiter sein sollten als Antichambres der Ewigkeit. Deshalb finden wir in Ägypten unendlich wenig Sorgfalt auf das eigene Haus, destomehr aber auf die „Wohnungen der Ewigkeit“, wie sie auf den Denkmälern heißen, d. h. auf die Gräber, verwendet.
Wenn heutzutage ein Reisender (ein wissenschaftlicher sowohl wie der gewöhnliche Tourist) seine Nilfahrt durch Ägypten zurücklegt und an den Hauptstellen, an welchen sich in der Altzeit große Städte befunden haben, die Altertümer, wie sie noch vorhanden sind, einer näheren Prüfung unterzieht, so drängt sich ihm unwillkürlich die Beobachtung auf, daß er eigentlich keine wertvollen Überreste von dem findet, was man heutzutage Städte, Häuser und Wohnungen nennt; daß die vorhandenen Altertümer sich nur beschränken: in erster Linie auf die Tempelbauten, in zweiter auf die zahlreichen Grabanlagen.
Ich bin im Zweifel und würde in Verlegenheit geraten, wenn ich irgend wo die Ruinen eines ägyptischen Königspalastes nennen sollte. Es sind keine vorhanden. Es giebt zwar Bauten, die aus Ziegeln aufgeführt sind (teils im Ofen gebrannt, teils nur durch Sonnenhitze getrocknet, häufig mit königlichen Namen gestempelt), sie sind ausgedehnt, können wohl Königspalästen angehört haben, aber es fehlen alle inschriftlichen Beweise, daß in der That dieses oder jenes derartige Gebäude ein wirklicher Königspalast gewesen war. Die Paläste, wären sie aus Stein ausgeführt gewesen, könnten doch nicht von der Erde ganz und gar verschwunden sein; denn dasselbe Material, aus dem z. B. Tempel und Gräber erbaut waren, war dauerhaft, weil es Jahrtausende überwunden hat. Es müßte also eine ähnliche Erhaltung auch bei den Königspalästen stattgefunden haben, wie es eben nicht der Fall ist. Mit einem Worte: wie die Alten melden und Augenzeugen es sahen, war das Wohnhaus, auch das Pharaos, nichts anderes als eine Herberge auf Erden, während das Haus der Ewigkeit, das Grab, die alleinige Stätte war, auf welche sich alle Sorgfalt der Erhaltung ausdehnte. Die Gräber selbst wurden nicht nur dauerhaft hergestellt, so daß sie Jahrtausende bestehen konnten, wie wir es in den Inschriften als Hoffnung ausgesprochen finden, sondern es war auch das jedem zugängliche Innere derselben wie eine heilige Kapelle mit bilderreichen farbigen Darstellungen und Inschriften geschmückt. Die Körper der Toten wurden in der Tiefe des Felsens am Ende eines Schachtes in eine stille, unzugängliche Kammer gelegt, aber ihr Grab, in auffallender Weise gleichsam häuslich zugerichtet. Man gab den Verstorbenen für die ewige Ruhestätte alles mit, was ihnen auf Erden lieb und wert gewesen war, außerdem eine reiche Auswahl von Talismanen und Totenschriften, wie das religiöse Gesetz es erforderte, und so ruhten die Mumien wohlverwahrt und geschützt, zumal in einem Klima, welches die Erhaltung des Körpers und der altertümlichen, oft sehr gebrechlichen Gegenstände in seiner Umgebung ungemein begünstigte. So haben wir heute Gelegenheit, da, wo man überhaupt noch Gräber vorfindet, in einer Weise die Pietät der Ägypter gegen ihre Toten kennen zu lernen, wie sie kaum sonst in der Welt mehr zu finden ist.