Schon um das Jahr 2000 v. Chr. gehörte die Aufstellung von Obeliskenpaaren vor den Tempeln zu einer gewohnheitsmäßigen Sitte. Der noch in unserer Gegenwart aufrechtstehende Obelisk von Heliopolis, in der Nähe von Kairo, rührt aus dieser alten Epoche her. Das steinerne Ungetüm hat eine Höhe von etwas über 21¼ Meter, wie alle Obelisken endigt seine Spitze in eine kleine Pyramide oder das sogenannte Pyramidion, welches die ägyptischen Inschriften mit dem Worte Benben bezeichnen.
Nach dem klaren Wortlaut einer Reihe auf verschiedene Obelisken eingegrabener Texte in Hieroglyphenschrift wurde das Pyramidion regelmäßig mit sogenanntem Elektrongolde überzogen, das beim Sonnenschein einen blendenden Glanz meilenweit ausstrahlte. Die Sockelinschrift auf einem thebanischen Obelisken meldet es wörtlich: „Er (der König) hat zwei große Obelisken anfertigen lassen aus rotem Granit vom Südlande (aus Syene, dem heutigen Assuan). Ihre Spitze ist aus Elektrongold, welches die Fürsten aller Länder geliefert hatten, hergestellt und wird auf viele Meilen hin geschaut, wenn ihre Strahlen sich über die Erde ergießen, nachdem die Sonne, sobald sie im Osten aufgegangen ist, zwischen ihnen beiden leuchtet.“ Auf einem der beiden Obelisken von Alexandrien, es handelt sich um denselben, welcher nach New York überführt worden ist, findet sich die entsprechende Angabe vor, daß der König Thutmosis III., aus dem fünfzehnten Jahrhundert v. Chr., „zwei große Obelisken anfertigen ließ mit einem Pyramidion aus Elektrongold.“ Ich lasse es bei diesen Beispielen sein Bewenden haben, da ähnlich lautende urkundliche Angaben sich auf den steinernen Spitzsäulen bis zu den altägyptischen Obelisken in Rom und Konstantinopel hin in vielen Beispielen vorfinden. Sie dienen sämtlich zur Bestätigung der Thatsache, daß die Spitzen der Obelisken einen Überzug von Gold trugen oder, was wahrscheinlicher sein dürfte, einen Überzug aus vergoldetem Kupfer. Diese Vermutung findet nämlich durch folgende, bei einem arabischen Schriftsteller aus älterer Zeit erhaltene Überlieferung ihre Bestätigung.
Derselbe erzählt in seiner Beschreibung der damals noch reichlich vorhandenen Denkmäler auf dem Boden der alten Sonnenstadt, in der Nähe von Kairo, daß man auf der Spitze des oben erwähnten Obelisken, also in einer Höhe von über 60 Fuß, eine kupferne Kappe über dem Pyramidion entdeckt habe, die der zur Zeit regierende Chalif herabnehmen ließ, mit der Weisung, sie näher zu untersuchen. Es stellte sich bald heraus, daß die Kappe nicht, wie man hoffte, aus einem Edelmetall, sondern aus reinstem Kupfer bestand, das eingeschmolzen und zur Prägung von Kupfergeld verwendet wurde.
Bei allem Reichtum, welcher infolge siegreicher Feldzüge der Ägypter gegen das Ausland in den Glanzperioden der Geschichte der Pharaonen nach dem Nilthale zuströmte, ist es kaum anzunehmen, daß die Könige so verschwenderisch freigebig gewesen sein sollten, die Spitzen ihrer Obelisken mit echtem Golde zu überziehen. Ein vergoldeter Kupferüberzug erfüllte denselben Zweck, und wenn die Inschriften unablässig nur vom Elektrongolde sprechen, so darf man nicht vergessen, daß Prahlerei eine Eigenschaft der alten Ägypter war, und daß die herrschenden Könige jede sich darbietende Gelegenheit ergriffen, um ihren Handlungen, besonders den Gottheiten gegenüber, den Stempel des Großartigen und Außergewöhnlichen aufzudrücken.
Eine vergoldete Kupferspitze auf einer riesengroßen Spitzsäule aus Granit stellte einen Blitzableiter dar, wie man ihn sich nicht besser wünschen konnte. War es auch nicht der Hauptzweck, welchen als solche die Aufstellung von Obelisken vor den Tempeltürmen erfüllte, so war es dennoch ein Nebenzweck, dem sie dienten, und die Beobachtung selber, daß der Blitz dadurch angezogen wurde, mußte sehr bald zur Erkenntnis der Anziehungskraft vergoldeter Metallspitzen auf einem ungewöhnlich hohen Gegenstande, sei es eine steinerne Säule, sei es ein Mastbaum, bei einem vorkommenden Gewitter führen. Die Blitzableiter im größten Stile, den je die Welt gesehen, „schnitten das Gewitter“ und dienten gleichzeitig zum Schutze der zu ihren Füßen liegenden Tempel.
Ägypten gehört nicht zu denjenigen Ländern, in welchen Entladungen der atmosphärischen Elektricität häufig zu beobachten sind. Das wußten schon die Alten, und Plinius führt in seiner Naturgeschichte (II., 50) ganz richtig die Gründe an, welche der Entwickelung von Gewitterbildungen im Nilthale entgegenstehen. Dennoch hat man, besonders im Frühjahr und im Herbst, nicht allzu selten Gelegenheit, sehr starke, wenn auch kurz andauernde Gewitter zu beobachten. Ich habe am ersten Katarakt, ferner in Edfu, Theben, Kairo und am Suezkanal deren erlebt, wie sie selten in unserer nordischen Heimat in die Erscheinung treten dürften.
Für die alten Ägypter hatten die Gewitter einen unheimlichen Beigeschmack. Man schrieb sie nämlich, wie alles dem regelmäßigen Verlaufe der natürlichen Dinge im Kosmos Entgegenstehende (Erdbeben, Stürme, Hagelschlag, Sonnen- und Mondfinsternis, Abnahme des Mondes, Verkürzung der Tage beim Eintritt des Winters u. s. w.), dem bösen Dämon Typhon zu, dem seinem guten Bruder Osiris feindlich gesinnten Gotte, der vor allem das Dörrende, Versengende, Verbrennende liebte und daher feuerfarbig dargestellt wurde. In dem notwendigen Kampfe der sich entgegenstehenden Naturkräfte siegte aber Osiris über Typhon, in unserem Falle die reine Atmosphäre über das Ungewitter. Euripides singt:
Vom Guten nicht gesondert ist das Schädliche,
Vielmehr gemischt aus beiden sprießt das Wohlergehen.
Diesem ernsten Grundgedanken folgte auch der ägyptische Geist in der Auffassung des Guten der Notwendigkeit des Bösen gegenüber, in der intellektuellen Welt wie in den kosmischen Erscheinungen, und der böse Blitz bildete keine Ausnahme von der allgemeinen Regel.