Ich habe kaum ein Wort über die Erfindung des Blitzableiters durch den amerikanischen Staatsmann und Schriftsteller Benjamin Franklin aus dem vorigen Jahrhundert und über die Konstruktion eines solchen Apparates zu verlieren nötig. Alle Welt kennt den Blitzableiter, ist aber überzeugt, daß seine Erfindung zu den Errungenschaften im Rahmen der Neuzeit gehört. Vielleicht wird man anders darüber urteilen, wenn man meine folgende Auseinandersetzung mit Aufmerksamkeit liest.
In meiner Arbeit „Zur ältesten Geschichte der Feier der Grundsteinlegungen“ ließ ich die Bemerkung mit unterlaufen, daß es bei den alten Ägyptern Brauch war, den Eingang zu den Heiligtümern durch zwei hohe festungsartig gebaute Türme zu decken, deren Verbindung ein zwischen ihnen liegendes großes Thor, der sogenannte Pylon, bildete. Zur Rechten und zur Linken des Pylon standen zwei Obelisken und Götter- oder Königsbilder aus Stein, zwischen welchen der Wanderer seinen Weg nach dem gleich dahinter sich öffnenden Thoreingang nahm.
Bei den vollendeten Bauten sind die Außenseiten der Pylonentürme mit Darstellungen und hieroglyphischen Inschriften im großen Stil bedeckt, wobei der königliche Gründer und die Hauptgottheiten des Tempels den Vorwurf des Künstlers und des Schreibers in Bild und Wort abgaben. Über den Umfang der Flächen, welche zu bedecken waren, mag man eine ungefähr richtige Vorstellung gewinnen, wenn ich als Beispiel den Tempel von Edfu wähle. Jeder von den beiden auf rechteckiger Grundlage ausgeführten Türmen hatte eine Höhe von 60 ägyptischen Ellen, das sind 31½ Meter, eine Fassadenbreite von 21 Ellen oder 11 Meter und eine Seitenbreite von 12 Ellen oder 6 1⁄3 Meter.
Bis zum fünfzehnten Jahrhundert hinauf lassen die noch vorhandenen Turmpaare auf ihrer Vorderseite je zwei in die verbauten Steine eingehauene Rinnen erkennen, welche wie eine Gosse von oben nach unten laufen und zur Aufnahme von irgend einem langen, stangenartigen Gegenstand von gewaltiger Dicke bestimmt waren. Über die Natur und die Bestimmung desselben kann kein Zweifel obwalten, da eine in Farben ausgeführte Zeichnung der Pylontürme an der Wand eines Tempels des Mondgottes auf der Ostseite Thebens bis auf den heutigen Tag wohlerhalten vorliegt. Die Rinnen, von denen ich soeben gesprochen habe, sind in der Zeichnung durch mächtig hohe, roh behauene Baumstämme ausgefüllt, welche die Zinnen der Türme weit überragen. Sie sind durch klammerartige Vorrichtungen an der Rinne befestigt, und ihre Spitzen zeigen bunte Zeugstoffe als Flaggenschmuck. Ich habe deshalb diesen mastartig gestalteten Baumstämmen den Namen „Flaggenbäume“ gegeben.
Man könnte daran denken, daß es sich hierbei einfach um eine Dekoration gehandelt habe, um der massigen Fassade einen malerischen Anstrich zu verleihen und die toten glatten Flächenwände einigermaßen zu beleben. Freistehende Mastbäume mit bunten Wimpeln dienen ja noch in der Gegenwart bei festlichen Gelegenheiten zur Ausschmückung von Plätzen und Straßen und hohe Fahnenstangen mit buntfarbigen nationalen Flaggen werden von uns zu dem gleichen Zweck an den Dächern oder an der Vorderseite von Bauwerken und Häusern angebracht.
Bei den Ägyptern war die Zahl und die Farbe der Flaggenbänder aus Zeugstoff keine zufällige oder beliebige. Ich habe nach den Inschriften aus vorchristlicher Zeit anderwärts die Beweise geliefert, daß die Zahl derselben sich auf vier beschränkte und daß die Stoffe rot, weiß, blau und grün gefärbt waren, mit anderen Worten, daß es vorgeschrieben war, den vier heiligen Farben den Vorzug zu geben. Es ist gewiß nicht ein bloßer Zufall, daß auch im ebräischen Kultus, wie es aus alttestamentlichen Überlieferungen deutlich hervorgeht, nur allein die vier heiligen Farben rot, blau, karmesin und weiß für die Priesterkleidung, die Vorhänge und die Teppiche im Tempel von Jerusalem gesetzlich zur Auswahl gestellt wurden.
In einzelnen Inschriften aus den Zeiten der Ptolemäer werden die beflaggten Mastbäume, welche beispielsweise am Tempel von Edfu eine Höhe von mindestens 32 Metern oder von beinahe 100 Fuß erreichen mußten, auf den Tempelwänden in sehr genauer Weise beschrieben, wobei sich eine ganz verwundersame Thatsache herausstellt. Ich lasse in möglichst getreuer deutscher Übertragung den Wortlaut einer der Inschriften von Edfu für die Sache selber sprechen: „Dies ist der hohe Pylonbau des Gottes von Edfu, am Hauptsitze des leuchtenden Horus (des ägyptischen Apollon). Mastbäume befinden sich paarweise an ihrem Platze, um das Ungewitter an der Himmelshöhe zu schneiden. Zeugstoffe in weißer, grüner, blauer und roter Farbe befinden sich an ihrer Spitze.“
An einer anderen Stelle, in einer längeren Bauschrift, welche sich auf dasselbe Heiligtum bezieht, werden die Flaggenmaste an den Türmen mit folgenden Worten beschrieben: „Ihre Mastbäume aus dem Aschholze (gewöhnlich wird dieser Name auf einen bestimmten aus dem Auslande geholten Baum, nach der Mehrzahl der Ausleger eine besondere Akazienart, nach anderen die Ceder bezogen) reichen bis zum Himmelsgewölbe und sind mit Kupfer des Landes beschlagen.“
Vier mit Kupfer beschlagene, etwa 100 Fuß hohe Mastbäume, die paarweise an den beiden Turmwänden vor den Tempeln aufgestellt wurden, in der deutlich ausgesprochenen Absicht, die Ungewitter zu schneiden, konnten nichts anderes als Blitzableiter im großen Stil gewesen sein. Das scheint mir so klar auf der Hand zu liegen, daß kaum eine andere Deutung möglich ist. Ich sehe außerdem, daß sämtliche Gelehrte, welche auf die von mir zuerst entdeckten, veröffentlichten und in dem angegebenen Sinne erklärten Inschriften aufmerksam geworden sind, mit und ohne Erwähnung meines Namens, sich für den ältesten nachweisbaren Blitzableiter erklärt haben.
Der Gegenstand ist damit noch nicht abgeschlossen, sondern eine zweite Form von Blitzableitern und in der oben erwähnten Inschrift, wenn auch nur mit den kurzen Worten geschildert: „Zwei große Obelisken prangen vor ihnen (den Mastbäumen), um das Ungewitter in der Himmelshöhe zu schneiden.“ Was vorher als der eigentliche Zweck der hoch aufgerichteten mit Kupfer beschlagenen Mastbäume durch den Ausdruck „Um das Ungewitter zu schneiden,“ d. h. durch Ableitung des elektrischen Funkens, findet hier aufs neue seine Anwendung auf die Obeliskenpaare, deren Erwähnung durch einen besonderen Umstand für die Nebenauffassung als Blitzableiter bemerkenswert erscheint.