Das alles wurde so ernsthaft genommen, daß man sich häufig in der Lage befand, zu eigenem Frommen den Blitz vom Himmel durch Gebete und Zauberformeln sogar zu erflehen, wofür es an historischen Beispielen nicht mangelt. Der König Porsenna von Volsinii verstand es, das Kunststück wirksam auszuführen, was vor ihm bereits Numa geleistet haben soll. Als aber Tullus Hostilius, wie getreulich überliefert worden ist, seinem Vorgänger dasselbe Kunststück nachzumachen sich bemühte, da erschlug ihn der zur Stelle erschienene Blitz, weil er irgend etwas bei der Ausführung der vorgeschriebenen Bräuche zu thun verabsäumt hatte.
Plinius, der von diesen Ereignissen schriftliche Nachrichten in seiner Naturgeschichte hinterlassen hat, scheint so entzückt von dem Fortschritt der Wissenschaft bezüglich der Vorbedeutung der Blitze gewesen zu sein, daß er sich gegen die Zweifler daran ereifert. Sei man doch zu seiner Zeit so weit gekommen, daß man nicht nur den Tag, an welchem die Gewitter eintreffen, mit Bestimmtheit voraussage — wer denkt dabei nicht an unsern modernsten Unwetterpropheten? — und daß man ferner so weit gekommen sei, die Vorbedeutung der Blitze für das Schicksal des Privatmannes und des Staates, wie es zahllose Erfahrungen bestätigten, anerkennen zu müssen.
Die Blitztheorien, insofern sie sich ganz insbesondere auf Vorbedeutungen im Familien- und staatlichen Leben beziehen, dürfen als keine römische Erfindung oder Entdeckung angesehen werden, sondern sie waren als Erbteil einer hochheiligen Wissenschaft den Römern von den „düsteren und strengen“ Etruskern überkommen. Die Etrusker, Tusker oder wie man sie immer bezeichnet hatte, die Träger einer selbständigen Kultur, waren in vorrömischer Zeit in Italien eingewandert und hatten auf religiöse Anschauungen, auf Staatseinrichtungen und auf das ganze Leben der späteren Römer einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt.
Wie es Alexander von Humboldt im zweiten Bande seines „Kosmos“ S. 169 mit kurzen, aber treffenden Worten geschildert hat, „war ein eigentümlicher Charakterzug des tuskischen Stammes die Neigung zu einem innigen Verkehr mit gewissen Naturerscheinungen. Die Divination (das Geschäft der ritterlichen Priesterkaste) veranlaßte eine tägliche Beobachtung der meteorologischen Prozesse des Luftkreises. Die Blitzschauer (Fulguratoren) beschäftigten sich mit Erforschung der Blitze, dem Herabziehen und dem Abwenden derselben. — So entstanden offizielle Verzeichnisse täglicher Gewitterbeobachtungen.“
Zur besseren Orientierung bei ihren Gewitterstudien hatten die Etrusker den Himmel in 16 Teile geteilt, in der Richtung Nord — Ost — Süd — West — Nord, jeder einzelne Teil wurde wiederum in 4 Teile gespalten. Die ersten acht, nach Osten hin liegenden Teile nannten sie die linke Seite der Welt (auch die alten Ägypter bezeichneten die östlichen Weltteile als die linke), die acht aus der entgegengesetzten Seite befindlichen Teile die rechte Seite. Die Blitze zur Linken sah man als glückbringend an, die Blitze zur Rechten, im Nordwesten, als Unheil verkündigend. Blitze aus anderen Himmelsrichtungen galten als indifferent.
Auf Grund der Bücher, welche den etruskischen Fulguratoren oder Blitzschauern als Leitfaden ihrer Wissenschaft dienten, waren es neun Götter, welche Blitze schleuderten, wobei dem Götterkönig Jupiter ein dreifacher Blitz zugeschrieben wurde, so daß im ganzen elf Götterblitze vorhanden waren. Die Römer beschieden sich mit zweien, dem Tagblitze, welchen sie dem Jupiter, und dem Nachtblitze, welchen sie dem Gotte der Unterwelt Summanus zuschrieben. Auch die Lehre von den aus Himmelshöhe niedersteigenden und den sogenannten irdischen Blitzen, von welchen vorher die Rede war, wird als etruskisch bezeichnet.
Viel mehr als der abgehäutete Eselskopf, durch den man sich nach tuskischen Religionsgebräuchen vor einem Ungewitter schützen konnte, würde uns die Art und Weise interessieren, durch welche die Fulguratoren vorgeblich den Blitz herabzuziehen vermochten. In den Anmerkungen zu der Humboldtschen Stelle über die etruskischen Blitzbanner, welche ich wörtlich wiedergegeben habe, findet sich die Klage ausgesprochen, daß nach dieser Richtung hin von den Fulguralbüchern nichts auf uns gekommen sei. Der große Gelehrte hat dagegen über den Verkehr zwischen Blitz und leitenden Metallen als wichtigste Notiz aus dem Altertum eine, wenn auch nur die einzige Angabe beim Ktesias aufzufinden vermocht.
Der bekannte griechische Geschichtsschreiber dieses Namens, dessen vollständige Werke verloren gegangen sind und nur noch auszugsweise in Bruchstücken vorliegen, lebte als Leibarzt am persischen Hofe in der Stadt Susa, woselbst er Gelegenheit fand, einen reichen Schatz von Beobachtungen und Erfahrungen zu sammeln. Unter seinen zufällig erhaltenen Nachrichten findet sich auch die folgende vor: „Er habe zwei eiserne Schwerter besessen, Geschenke des Königs (Artaxerxes Mnemon) und dessen Mutter (Parysatis), Schwerter, welche in die Erde gepflanzt, Gewölk, Hagel und Blitzstrahlen abwendeten. Er habe, so fügt er hinzu, die Wirkung selbst gesehen, da der König zweimal vor seinen Augen das Experiment gemacht.“
Lassen wir das Gewölk und den Hagel, die nicht seltenen Begleiter der Gewitter, beiseite, so weist die Stelle, welche von einem Abwenden des Blitzes spricht, mit größter Deutlichkeit auf die Kenntnis der Blitzableitungstheorie auf Grund leitender Metalle hin.
Zählte unser großer Landsmann Alexander von Humboldt noch zu den Lebenden, so würde ich ihm die Überraschung bereitet haben, die Kenntnis dieser Theorie im Altertume, mindestens schon in den Jahrhunderten unmittelbar vor dem Anfang unserer Zeitrechnung, durch eine Zahl inschriftlicher, nicht mißzuverstehender Zeugnisse zu beweisen.