Ein ägyptisch-arabisches Sprichwort sagt: Der Stock sei vom Himmel gekommen, und sie sprechen aus eigener Erfahrung. Als die Menschheit noch in den Kinderschuhen ging — und die heutigen Morgenländer haben sie bis zur Stunde noch nicht abgelegt — mochte die sonderbare Himmelsgabe wirksam sein, um jene großen Werke der Vorzeit ins Leben zu rufen, deren letzte Reste uns noch heute mit Staunen und Bewunderung erfüllen. Als Trost für die Leiden einer längst dahingegangenen Menschheit reicht dieses Staunen nicht aus.

Eine Blitzstudie.

Unter den Erscheinungen atmosphärischer Natur, welche der Mensch zu beobachten Gelegenheit findet, nimmt das Gewitter eine hervorragende Stelle ein. Während die einen am offenen Fenster in ruhiger Stimmung den zuckenden Blitzen und dem rollenden Donner ihre Aufmerksamkeit spenden, bemächtigt sich anderer das beklemmende Gefühl der peinlichsten Furcht. Blitz und Donner erfüllt sie mit Schrecken.

Besonders nervenschwache und ängstliche Personen pflegen es wie der Vogel Strauß zu machen, der seinen Kopf in den Sand stecken soll, um einer ihm drohenden Gefahr zu entgehen. Sie kriechen ins Bett, steigen in den Keller nieder oder verbergen sich sonst wo in abgeschlossenen finsteren Räumen der eigenen Häuslichkeit. Ich kannte sogar einen sehr gelehrten Doktor der Philosophie, einen Mann in den Dreißigern, welcher bei einem nahenden Gewitter sich in das Kleiderspind seines Zimmers einzwängte und die Thüren desselben mit aller Vorsicht zusperren ließ, um dem Anblick eines sich entladenden Gewitters zu entgehen.

Greift die alte ehrwürdige Großmutter zum Gesangbuch, um durch das Herlispeln eines passenden Liedes den Zorn des lieben Herrgottes bei einem heranziehenden Gewitter in andächtigster Kirchenstimmung zu beschwichtigen und für sich und ihr Haus den Schutz des Allerhöchsten zu erflehen, so ist das rührend, aber lange nicht so schlimm, als wenn in manchen von der aufgeklärten Stadt fern gelegenen Ortschaften die Kirchenglocken in Bewegung gesetzt werden oder der und jener einen sogenannten Donnerkeil in die Hand nimmt, in der Meinung, einen kräftigen Talisman gegen alle Blitzschäden an seiner werten Person zu besitzen. In diesen und ähnlichen Fällen treibt der böse Aberglaube immer noch sein Spiel und läßt den Sohn unseres Jahrhunderts in einem zweifelhaften Lichte der eigenen Aufklärung erscheinen. Wenn aus den finsteren Zeiten des Mittelalters und aus dem Altertum vor zweitausend Jahren uns von ähnlichen Dingen und Anschauungen gemeldet wird, so lächeln wir wohl darüber, vergessen es aber, daß auch der Aberglaube seine Geschichte hat, die sich bis zur Stunde mitten unter uns Lebenden weiter entwickelt.

Die Alten waren gute Beobachter der Natur und wenn sie beispielsweise auch keine richtigen Vorstellungen über die elektrische Kraft und die sogenannten schlechten oder guten Leiter besaßen, so wußten sie dennoch, daß gewisse Stoffe vom Blitze selten oder gar nicht berührt zu werden pflegen. Darf man dem römischen Verfasser einer Naturgeschichte, Plinius, Glauben schenken, so blieb der Lorbeerbaum, der Adler und das „Meerkalb“ vom Blitze verschont, weshalb, wie er bemerkt, ängstliche Leute bei einem Donnerwetter unter ein aus der Haut des Meerkalbes gefertigtes Zelt gern ihre Zuflucht nahmen.

Auch daß hohe Gegenstände, besonders in gewissen Gegenden, die fatale Eigenschaft besaßen, den Blitz anzuziehen, war den Römern nach dem Zeugnis desselben Plinius nicht unbekannt. In Italien hörte man damit auf, das zwischen der Stadt Terracina und dem Tempel der Göttin Feronia, in der Nähe des heutigen Lago di Ferona gelegene Gebiet mit kriegerischen Zwecken dienenden hohen Türmen zu versehen, seitdem man die böse Erfahrung gemacht hatte, daß auch nicht einer vom Blitz verschont geblieben war.

Über die Entstehung, Richtung, Wirkung und Bedeutung des Blitzes hatte man eigentümliche Vorstellungen bei den Römern. So unterschied man beispielsweise Blitze, welche aus den höheren Himmelsregionen herniederprasselten, und sogenannte irdische oder saturnische, vom Erdgott Saturn also bezeichnet, welche aus dem Erdboden hervorgingen. Die aus der Wolkenregion niederstrahlenden sollten eine schiefe, die irdischen Blitze eine gerade Richtung haben. Aber man ging noch weiter und sprach von Familien- und Staatsblitzen, wobei man durchaus nicht an die Donnerwetter dachte, durch welche die Häupter der Regierung im kleinen und im großen von Zeit zu Zeit die Luft zu reinigen gewohnt sind.

Im Gegenteil, diese beiden Blitzsorten wurden als Vorbedeutungen bei der Inangriffnahme von Zukunftsplänen angesehen, und zwar auf die Dauer des ganzen Lebens für den Begründer einer Familie, auf die Dauer von dreißig Jahren bei der Entladung eines Staatsblitzes, mit der einzigen Ausnahme, sobald ein solcher bei der Gründung von Kolonialstädten in die Erscheinung trat.