„Stets gleichen Schwächen unterworfen,“ so führt er aus, „stets gleichen Gefahren ausgesetzt, unterthan gleichen Schrecknissen, von gleichen Leidenschaften beherrscht, durch gleiche Hoffnungen angeregt, bewegt sich der Mensch von Jahrhundert zu Jahrhundert in dem gleichen Geleise. Unablässig richtet er seine Kräfte und seinen Geist auf die Beseitigung derselben Hindernisse, auf die Befriedigung derselben Bedürfnisse. Aus der Anwendung dieses Gesetzes instinktiver Analogie entspringen analoge Thatsachen, die äußerst auffallend erscheinen, sobald sie durch lange Zwischenräume voneinander getrennt sind.
„Die Erforscher der ägyptischen Denkmäler und Schriften geben häufig Gelegenheit, diesem eigentümlichen Zusammenhange näher zu treten, nicht nur in Bezug auf die Grundanschauungen, sondern auch auf die Form der Ausdrücke, auf die Gleichnisse des Stiles, auf Idiotismen u. s. w., und es widerfährt ihnen nicht selten, sich bei Redensarten überrascht und befangen zu fühlen, deren Fassung ihnen durchaus modern erscheint.“
In Bezug auf den von mir selber behandelten Gegenstand führt der gelehrte Schriftsteller seinen Gedanken darüber weiter aus: „Meine Aufmerksamkeit wurde erweckt, seitdem ich eine analoge Thatsache in Gebräuchen festzustellen vermochte, die so auffallend ist, daß sie eine besondere Erwähnung verdient.
„Die Gründer von Städten und Denkmälern waren stets darauf bedacht, die großen Werke, welche ihnen den Ursprung verdankten, mit ihrem Namen zu verknüpfen. Noch in unsern Tagen rufen Gedächtnisinschriften an sichtbarster Stelle den Namen der Gründer in die Erinnerung zurück und zu dem Zweck geschlagene Medaillen, Münzen und andere Gegenstände werden in den Grundstein oder sonst einen versteckten Platz gelegt, woselbst die ferne Zukunft, nach dem Untergange des Denkmals selbst, sie wiederzufinden vermag. Diese Gewohnheit wurde von den Ägyptern, dem Volke großer Bauwerke, ebenfalls beobachtet. Die Pharaos aller Epochen setzen mit Vorliebe ein ganz persönliches Verdienst in die Ausführung umfangreicher, auf ihren Befehl entstandener Arbeiten; sie schrieben allenthalben: ‚Ich habe gegründet, ich habe errichtet, ich habe gebaut.‘ Niemals findet sich der Name des Baumeisters auf den Denkmälern vor. In den Weihinschriften, welche die Mauern schmücken, fleht der König die Götter an, an der Wohnung, die er ihnen eben gewidmet habe, seinen Namen zu verewigen.
„Aber die Analogie bleibt nicht dabei stehen. Wie noch heute der König oder die Person, unter deren Schutz ein Denkmal errichtet werden soll, in feierlicher Weise den ersten Stein dazu legt, in gleicher Weise vollzogen bei der Ausschachtung für das Fundament die Pharaos die Scheinhandlung der Arbeit.“
Mein Aufsatz über den in Rede stehenden Gegenstand wird an Vollständigkeit nur gewinnen, wenn ich eine Bemerkung über die Zeitdauer der Arbeit an einem Tempelbau, von seiner Gründung an bis zu seiner letzten Vollendung hin, hinzufüge. Ich wähle als Beispiel den großen Tempel des ägyptischen Lichtgottes Horus von Edfu, da uns zufällig die Hauptdaten für die einzelnen Phasen des fortschreitenden Werkes in den darauf eingegrabenen Inschriften erhalten sind.
Der Tempel mit Einschluß seiner gewaltigen Umfassungsmauer bedeckt ein Areal von nahe 5970 Meter im Geviert. Er zeigt in seiner gegenwärtig noch ziemlich gut erhaltenen Anlage alle Bestandteile, aus denen ein ägyptisches Heiligtum von größerer Ausdehnung bestand: im Hintergrund das Allerheiligste mit einem Umgang, in welchen 13 Seitengemächer münden, davor und nur durch den breiten Raum des sogenannten „Opfertischsaales“ getrennt, eine von 12 Säulen in 3 Reihen gestützte Halle, vor dieser, mit einer Doppelstellung von 12 Säulen, der sogenannte „Vorsaal“, an den sich, immer in der Achsenrichtung von Nord nach Süd, der offene Vorhof mit einem Umgang oder Peristil von 32 Säulen anschließt, vor welchem sich die beiden, wie zur Verteidigung festungsartig gebauten, mächtigen Pylonenflügel mit dem Hauptportal in ihrer Mitte lagern: die sämtlichen Räumlichkeiten von einer Mauer umschlossen, deren Länge, Breite, Höhe und Dicke (47 : 22 : 10½ : 2½ Meter) nichts zu wünschen übrig läßt, und das alles von außen und von innen mit eingemeißelten Inschriften und Darstellungen bedeckt, so daß auch nicht ein einziger leerer Raum aufzufinden sein dürfte. Eine leichte Berechnung auf Grund der chronologischen Angaben in den überlieferten Bauurkunden verschafft die Gewißheit, daß das Werk in dem Zeitraum von genau 180 Jahren 3 Monaten und 14 Tagen, von dem Datum der Grundsteinlegung, oder dem 23. August 237 v. Chr. an gerechnet, in der Ptolemäerepoche ausgeführt worden ist.
Das Obeliskenpaar, welches gewohnheitsmäßig vor dem Tempel zu beiden Seiten des Haupteinganges seinen Platz fand, fehlte auch diesem Heiligtume nicht, ist aber gegenwärtig vom Erdboden verschwunden. Aus einer zufälligen Angabe, die sich auf einem der größten Obelisken aus rötlichem Granit von Assuan von über 50 Meter Höhe eingegraben findet, geht mit aller Zuverlässigkeit hervor, daß dieser Koloß von einem einzigen, spiegelglatt polierten und mit Inschriften bedeckten Stein im sechzehnten Jahrhundert v. Chr. in dem kaum glaublich geringen Zeitraum von nur 7, sage sieben Monaten in dem Steinbruch von Assuan fertiggestellt wurde.
Als ich seinerzeit meinem thebanischen Führer, einem echt ägyptischen Fellach, von dieser erstaunlichen Thatsache Kunde gab, schien er nicht im geringsten darüber verwundert zu sein. Mit einer bezeichnungsvollen Armbewegung, welche das Schlagen andeuten sollte, wies er nach einer einsam stehenden Dattelpalme hin. Ich verstand seine stumme Sprache sofort.
Bei den öffentlichen Arbeiten der modernen Ägypter treibt der aus Zweigen des Palmbaumes zugestutzte Stock die säumigen Tagelöhner zu ihrem Werke an. Ob es auch im Altertum geschah? Sicherlich ja! Die Darstellungen, welche in einem thebanischen Grabe, just aus der Epoche der Aufführung des Obeliskenriesen von Karnak, bauende Kriegsgefangene in farbigen Bildern vor Augen führen, lassen mit Stöcken bewaffnete Aufseher erkennen, und eine Beischrift bestätigt den Zweck ihrer Anwesenheit mit den Worten: „Der Aufseher spricht zu den Bauleuten: Ich habe meinen Stock in meiner Hand, seid nicht müßig!“ Es sind genau dieselben biblischen Worte: „Ihr seid müßig, müßig seid ihr!“ welche Pharao den durch Schläge mißhandelten Amtleuten der Kinder Israel zurief, als sie vor Pharao traten, um ihre Beschwerde mit der Klage: „Warum willst du mit deinen Knechten also fahren?“ aber leider vergeblich, vorzutragen.