Es mag auffallen, daß die regierende Majestät auch diese Thätigkeit, wenn auch nur in symbolischer Weise, auszuführen berufen war. Allein man muß berücksichtigen, daß von den Ägyptern die Reinheit des Tempels mit der Reinheit des göttlichen Wesens in eine unmittelbare Beziehung gesetzt wurde, und daß dem Herrscher die ganze Verantwortlichkeit zufiel, dem Gotteshause auch nach dieser Richtung hin seine höchste Aufmerksamkeit zu schenken. Selbst dem unreinen Menschen ward der Eintritt in den Tempel nicht gestattet, und es war streng vorgeschrieben, einen solchen Besucher auszuschließen. An hervorragenden Stellen auf den Wänden und Säulen des Tempels ward deshalb dem Besucher inschriftlich entgegengerufen: „Ein jeder, welcher eintritt, sei viermal rein!“

In dieser Beziehung ist eine lange Inschrift ungemein merkwürdig, welche auf eine Thürwand in der Nähe des Brunnens eingemeißelt ist, der sich auf der östlichen Seite des Tempels von Edfu befindet und dessen Aufbau in die Zeit der Ptolemäer-Geschichte fällt. Ich gebe den Inhalt des kurzen schönen Textes in möglichst wortgetreuer deutscher Übertragung wieder: „Aufruf an die Propheten der Stadt der Erhebung des Horus (Apollo) auf den Thron, an die großen heiligen Väter von Edfu, an die Hallenbewohner des goldenen Horus und an die Pastophoren und Priester von Edfu. Jeder, welcher in dieses Thor eintritt, beseitige beim Eintritt die Unsauberkeit, denn Gott ist die Lauterkeit lieber als Millionen von Reichtümern und als Hunderttausende von Goldstücken. Seine Sättigung ist in der Wahrheit und sein Herz findet Wohlgefallen an größter Lauterkeit.“

Es liegt auf der Hand, daß auch in diesen Worten der Grundgedanke: die mit der physischen Reinheit verbundene moralische, versteckt liegt.

Die Reinigung des vollendeten Tempelbaues durch den König wurde in einer eigenen, aber für den Kenner nicht mißverständlichen Art im Bilde dargestellt. Aus der rechten Hand der Person des abgebildeten Herrschers fallen eine Menge von Kügelchen — eben jene Natronkügelchen — abwärts, um die im kleinen in die Wand skulpierte Zeichnung des Heiligtums zu umkreisen.

Wie alle übrigen Beischriften, welche den oben geschilderten Handlungen als erklärender Text dienen, in ihren Ausdrücken und Wendungen variieren, um der Einförmigkeit von Wiederholungen die Spitze abzubrechen, so zeigen auch die zu den Bildern der Reinigung gehörigen Legenden Verschiedenheiten, die nur das Wort, nicht aber den gemeinten Sinn verändern. Nebenbei bemerkt wurde das Streuen der Natronkügelchen, nach dem Inhalt der Beischriften, während eines viermaligen Umganges um den Tempel durch den König vollzogen.

Nach Vollendung dieses gleichfalls aus dem höchsten Altertum stammenden Brauches, der in seiner Symbolik an Sinnigkeit nichts zu wünschen übrig läßt, trat der letzte und wahrscheinlich feierlichste Akt der Stiftung einer Wohnung Gottes ein: „Die Übergabe des Hauses an seinen Herrn“, wie er inschriftlich bezeichnet wird.

Die Scenerie nimmt in den Darstellungen auf den steinernen Wänden des Tempels den Ausdruck des Pomphaften und besonders Feierlichen an. Man erblickt den König in seinem vollsten Ornat als Beherrscher der Welten im Süden und im Norden. Die altertümliche buntfarbige und mit Buntstickerei geschmückte königliche Schürze tritt an seiner Körpermitte in steifer Haltung hervor. Zwei eigentümliche Stäbe, ein längerer und ein kürzerer, ruhen in seiner linken Hand, der kürzere mit einem kugelartigen Aufsatz, der längere mit einem Blumenkelche am Mittelstück. Des Königs rechte Hand streckt sich nach den göttlichen Insassen des Tempels aus, als wolle sie mit dieser Geste die gesprochenen Worte begleiten oder bekräftigen.

Der Rede geht die Überschrift voraus: „Die Übergabe des Hauses an seinen Herrn“. Die darauf folgenden Worte variieren in ihrer Fassung. In dem einen Beispiel spricht der Herrscher: „Ich strecke meinen Arm aus nach der Vollendung des Werkes. Es sei die Wohnung (dieser oder jener) Gottheit übergeben.“ In einem andern steigert sich die Rede bis zur Schwulstigkeit. Es heißt darin z. B.: „Schön ist es, dies schöne Haus, das seinesgleichen in Ägypten nicht findet. Die Göttin der Überlieferungen gründete es und der Gott der Weisheit leitete seine Bauregeln und die himmlischen Baumeister bauten es. Seine vier Ecken befinden sich an den ihnen angewiesenen Stellen und alles Zugehörige entspricht der Berechnung. Seine Gründung war ein Fest, seine Ausführung eine Freude, seine Vollendung ist ein Tanzen und Springen. Tritt ein (die Rede richtete sich an die ägyptische Aphrodite Urania) in dasselbe mit frohem Herzen, denn Götter und Göttinnen sind in Wonne, wenn du in ihm gleichwie die leuchtende Sonne in der Lichtsphäre aufgehst, und alle Menschen sind voll Bewunderung bei deinem Anblick.“

Die verschiedenen Instrumente, deren sich der König bei den einzelnen Handlungen der Gründung eines Tempels bediente, sobald er dieselbe in eigener Person vollzog, wurden in die Fundamentierung gesenkt oder, wenn das nicht, mindestens in eigens zu diesem Zweck angefertigten Miniaturexemplaren in dem Sande unterhalb der Steinmauern übergeben. In beiden Fällen wurden sie mit Inschriften versehen, welche, leider ohne Angabe von Daten, den Namen des königlichen Bauherrn und die nähere Bezeichnung des neu gegründeten Heiligtums oder einzelner Teile desselben enthielten. In den Museen Europas und in der hochberühmten Sammlung ägyptischer Altertümer in Kairo befindet sich beispielsweise die Hacke und verschiedene Zimmermannswerkzeuge aus Holz und aus Bronze (Beil, Stemmmeißel, Glätteisen u. s. w.), deren sich der König Thuthmosis III. (1503 bis 1449 v. Chr.) bei der Grundsteinlegung des Tempels Amon-toser auf der Westseite von Theben (im heutigen Medinet Abu) eigenhändig bedient hatte. Das nämlich sagt deutlich die Inschrift auf den einzelnen Werkzeugen: „Thuthmosis III., der vom Amon geliebte König, als er den Meßstrick zur Gründung von Amon-toser ausspannte.“

Daß diese und ähnliche Reliquien aus so alten Zeiten einen hohen Wert für die allgemeine Kulturgeschichte besitzen, ist selbstverständlich, und man darf nicht anstehen, dem geistvollen Urteil beizupflichten, das ein gelehrter französischer Ägyptolog, der verstorbene Chabas, über die Ideenverwandtschaft in den ältesten und jüngsten Zeiten der Geschichte der Menschheit gefällt hat.