Der Staub beim Erdhacken ist in Ägypten gewaltig, und es ist deshalb eine weise Vorsicht, die der König befolgt, das trockene Terrain vorher mit Wasser zu befeuchten.

Dritte Handlung. Der Boden ist in vorgeschriebener Tiefe ausgeschachtet (die Nachgrabungen bei einzelnen Tempeln haben eine Tiefe von 5 Metern erwiesen) und wird mit Sand und Geröll oder Scherben ausgefüllt. Der König verrichtet auch dies Geschäft und das Bild zeigt ihn mit einem Sandfasse in den Händen, dessen Inhalt er in den hohlen Raum schüttet. Die begleitende Inschrift spricht von „dem Ausschütten des Sandes und vom Ausfüllen des Schachtes mit Geröll, um die Fundamentierung des Tempels herzustellen.“ Ich verweise auf das oben Gesagte und berufe mich auf meine Bemerkung über das Bauen auf Fundamenten aus Sand.

Nachdem die feste Grundlage für das Werk geschaffen worden ist, kann der eigentliche Bau seinen Anfang nehmen. In ältesten Zeiten geschah dies nicht mit Hilfe von behauenen Steinen, sondern der gestrichene und an der Sonne getrocknete Erdziegel vertrat die Stelle des solideren Steinmaterials. Aber alter Sitte blieb man treu, denn der König war verpflichtet, wie es die bildlichen Darstellungen beweisen, den Nilschlamm des Bodens, den zunächst die vollzogenen Ausschachtungen zu Tage gefördert hatten, mit Wasser zu befeuchten, zu kneten und in der hölzernen Ziegelform zu streichen. Einzelne Beischriften fügen dem hinzu, daß die Ziegel mit gehacktem Stroh vermischt wurden, um ein festes Bindemittel herzustellen und erinnern dadurch allein schon an die bekannte Bibelstelle (2. Mos. 5., 6–7): „Darum befahl Pharao desselbigen Tages den Vögten des Volkes und ihren Amtleuten, und sprach: Ihr sollt dem Volke nicht mehr Stroh sammeln und geben, daß sie Ziegel brennen (der Urtext sagt nur Ziegel machen, nicht brennen, wie Luther übersetzt) wie bisher. Lasset sie selbst hingehen und Stroh zusammenlesen“ (zu vergl. auch die Verse 10, 15, 16, 18).

Nach den Abbildungen streicht der König, angethan mit dem schönsten Königsschmuck und selbst die hohe Krone auf seinem Haupte, wie ein gewöhnlicher Tagelöhner seine Ziegel. Seine Thätigkeit bezeugt er außerdem in seiner eigenen Rede: „Ich habe die Ziegelform genommen und damit den Ziegel gestrichen und habe die Erde mit Wasser gemengt. Ich führte eine Bauhütte auf, um das Haus herzustellen und das Viereck des Tempels fest zu gründen.“

In der Kaiserzeit verstanden es die Priester Ägyptens höflich und selbst höfisch zu sein und das unsaubere Geschäft des Ziegelstreichens durch römische Cäsaren wie Augustus, Tiberius und Nero (im Tempel von Tentyra) gleichsam zu parfümieren. In der Darstellung, welche die Imperatoren als Ziegelstreicher erscheinen läßt, um ihre Bauthätigkeit an dem Heiligtum der größten und vollkommensten aller Göttinnen, der himmlischen Hathor oder ägyptischen Aphrodite-Urania, in symbolischer Weise zu kennzeichnen, werden ihnen die an die Göttin gerichteten Worte in den Mund gelegt: „Ich habe Erde genommen und Myrrhe erfaßt, ich vermischte Weihrauch mit Wein, ich habe nach der Ziegelform gegriffen, um Ziegel für den Aufbau des Heiligtums zu streichen, welches dein Bild in sich schließt.“

Auch bei einer andern ähnlichen Gelegenheit offenbart sich die zartfühlende Rücksicht der priesterlichen Schmeichler gegen das Cäsarentum. Zu den pharaonischen Arbeiten bei den Grundsteinlegungen im Nilthal gehörte auch das Steinetragen zum Bau. Das Geschäft eines Steinträgers konnte man unmöglich respektshalber dem Autokrator in Rom zumuten und so verwandelte man den Erdziegel zu einem Ziegel aus Gold und Edelgestein, welchen zum Bau des Tempels die Majestät nach Darstellung und Beischrift der ägyptischen Aphrodite zuträgt. Die Überschrift zu dem kurzen Text lautete: „Die Darreichung der Steine, welche in die Erde gethan werden. Text: Ich habe vor dein Angesicht, du meine Königin, Ziegel aus Gold und Edelstein herbeigetragen, und sie an den vier Ecken deiner Wohnstätte niedergelegt.“

Bei Nachgrabungen würde man vergeblich auf die angedeuteten Schätze unter den vier Ecksteinen des Tempels von Tentyra suchen. Des Sängers Höflichkeit allein erfand die glanzvolle Wandelung des Nilschlammes in Gold und Edelstein.

An die Handlung des Ziegelstreichens schließt sich eine neue, welche als die Fortsetzung und selbst als Schluß der Gesamtdarstellung gelten darf, insoweit sie die Bauthätigkeit, von der Grundsteinlegung an bis zur Vollendung des Werkes, im Sinne der Arbeit umfaßt. Der König übernimmt die Rolle des Maurers, welcher zuletzt mit Hilfe eines geraden Stockes die senkrechte Richtung der aufgeführten Mauerwand prüft. Dazu des Fürsten eigene Worte: „Ich habe den Stock genommen. Ich mauerte die Wohnung der herrlichen Göttin auf, ich gründete sie mit meinen eigenen Händen. Ich habe meiner holdseligen Mutter ein Denkmal gesetzt, das ansehnlicher ist als die den Göttern geweihten Stätten.“

Um das Gesamtbild der Teilnahme, welche der König dem Bau eines Tempels erwies, durch die beiden Schlußakte zu vervollständigen, darf ich als gewissenhafter Schilderer der Darstellungen und als getreuer Dolmetscher der Inschriften es nicht verabsäumen, auch davon zu reden, um den Leser in den Stand zu setzen, eine vollständige Einsicht über die folgenden Handlungen zu gewinnen.

Der Tempel ist im Bau vollendet, aber von innen und außen bedeckt ihn der Schmutz der Maurerschwalbe. Es thut daher not, ihn davon zu befreien, bevor der zukünftige himmlische Bewohner in sein neues Heim einzieht. Mit Besen und Seife, um nach unserer Redeweise die Hauptsache kurz zu bezeichnen, muß eine Generalreinigung vorgenommen werden. Das Natronsalz, das an gewissen Stellen in Oberägypten in besonderer Güte gefunden und ausgelaugt wurde, vertrat dabei die Stelle unserer Seife. Es kam in Kügelchen in den Handel und diente zum Waschen und Säubern unreiner Räumlichkeiten und Gegenstände. Bei der Reinigung des Neubaues war es daher selbstverständlich das unfehlbare landesübliche Waschmittel.