In den Texten, welche sich mit der angegebenen Feier beschäftigen, pflegen die Könige den Göttern gegenüber eine ausführliche Ruhmredigkeit zu entwickeln, die Festlichkeiten in eigener Person ausgeführt zu haben, um sich des Dankes wie der Belohnung der Himmlischen zu versichern. Der Gedanke entspricht dem Gefühle der ägyptischen Frömmigkeit und Neigung, möglichst zahlreiche Gott wohlgefällige Werke ins Leben zu rufen.

Zeigen die Tempelwände aus älteren Zeiten eine gewisse Kargheit in den Vorstellungen und Inschriften, welche sich auf Tempelgründungen beziehen und beschränken sie sich fast nur auf das Bild der Ausspannung des Meßstrickes, so entwickeln im Gegensatz dazu die Bauten aus Ptolemäer- und Römerzeit eine Fülle von bildlichen Darstellungen und inschriftlichen Überlieferungen, die kaum glaubhaft erscheint, aber ganz dem Charakter jener späteren Zeiten entspricht. Sie geben alles zum Besten und schwatzen alles aus, was das heilige Buch über das Fest der Grundsteinlegung in sich schloß. Es hält nicht schwer daraus den Schluß zu ziehen, daß die priesterlichen Urheber jener jungen Darstellungen sich beflissen fühlten, den Tempeln und damit ihrem eigenen persönlichen Ansehen ein gewisses Relief durch die Menge der dargestellten und beschriebenen Scenen zu verleihen, wobei die Person der regierenden Fürsten, bis zum Kaiser Nero hin, stets in den Vorgrund der Bildwerke trat.

Wir können getrost die Behauptung aufstellen, daß dies zu unserem eigenen Glücke geschah, denn das Buch „von der Meßstrick-Ausspannung“ würde uns seinem Inhalte nach ganz ungenügend erschlossen worden sein und Lücken darbieten, die nur der Zufall hätte ausfüllen können. Daß man in jenen späten Zeiten Abschriften der alten Traditionen darüber besaß, dafür liefert ein Verzeichnis der Tempelbibliothek von Apollinopolis magna (heute Edfu genannt) in Oberägypten den vollen Beweis. Es wird darin eine Papyrusrolle mit der Aufschrift: „Das Buch von der Gründung eines Tempels“ besonders angemerkt.

Ich folge der Reihe nach den einzelnen Handlungen, welche sich auf Grund der Überlieferungen in Bild und Wort aus jenen Zeiten auf den Tempelwänden in unsere eigene Epoche hinein gerettet haben, und schildere als treuer Berichterstatter, was ich daraus gesehen und gelesen habe.

Der erste Akt der Vorstellungen betrifft den Hauptteil der ganzen Feierlichkeit: die Ausspannung des Meßstrickes, wobei nach althergebrachter Vorschrift der König der himmlischen Chawi oder der Göttin der heiligen Tradition gegenübersteht. Beide halten Pflock und Hammer (das oben beschriebene Schlaginstrument) in ihren Händen.

In einer der Darstellungen mit Inschriften werden dem Könige die folgenden Worte in den Mund gelegt: „Ich habe den Pflock und den Hammer gefaßt und ich halte den Meßstrick gemeinschaftlich mit der Göttin Chawi. Ich betrachte den Lauf der Sterne und mein Auge haftet am Gestirn des Großen Bären. Ich zähle die Zeit an der Wasseruhr und stecke die vier Enden des Tempels ab.“

Der Tempel von Edfu, von dessen Gründung die Rede ist, liegt in der Achse von Nord nach Süd oder, wie einzelne Inschriften an seinen Wänden es sonst ausdrücken, er streckt sich vom Großen Bären nach dem Siriusstern aus. Der Sirius galt als südlichste, der Große Bär als das nördlichste Sternbild am Himmel. Die angeführten Worte gewinnen dadurch ihr volles Verständnis. Der König bestimmte auf dem Wege der astronomischen Beobachtung die Achse des zukünftigen Tempels, wobei für die Bewegung und Stellung der beiden Sternbilder die Wasseruhr zur vorgeschriebenen Zeitbestimmung diente.

Der Meßstrick beruhte seinem Maße nach auf der Länge und der Einteilung der altägyptischen sogenannten heiligen Elle. Dies gab Gelegenheit inschriftlich auch dieses Maßes zu gedenken, wobei der Gott Thot, als „Vermesser dieses Landes“ besonders noch hervorgehoben, in den Texten als ihr Erfinder hingestellt wird. Die Elle selbst hatte ihre besondere Bezeichnung als Bauelle; sie hieß „die Beste“. Da die Ägypter niemals verlegen waren, den Namen irgend eines Gegenstandes auf etymologischem Wege zu erklären, so wurde auch in diesem Falle der angeführten Benennung ein angemessener Wortursprung abgerungen. Man versichert: „auf das beste sind alle Ellenverhältnisse dieses Tempels eingerichtet, darum heißt sie die Beste mit Namen.“

Nach der Vermessung des Baugrundes des Tempels und der Bestimmung seiner Achsenrichtung auf astronomischem Wege, sowie nach Einpfählung der Holzpfosten an seinen vier Hauptecken, erscheint als zweite Handlung die Ausschachtung der Erde an den für die Fundamentierung genau abgegrenzten Stellen. Der König leitet auch diese Arbeit in feierlicher Weise ein. Er trägt die Erdhacke des ältesten ägyptischen Feldbaues in seinen Händen und hackt eigenhändig den Boden zum guten Beispiel für seine Nachfolger und zur Freude der Götter auf, wozu er die Worte spricht: „Ich hacke den Boden auf und bewässere ihn zur Genüge, um dem für ewige Dauer bestimmten Werke Festigkeit zu verleihen.“