Der Grundstein war es daher im Altertum nicht, welcher bei der Feierlichkeit der Taufe eines Denkmales eine besondere Rolle spielte, sondern der Aufriß des Baugrundes auf dem Erdboden mit Hilfe der Meßschnur und des Holzpflockes, wobei die Erdhacke, das älteste Ackerwerkzeug des ägyptischen Landmannes, die Stelle des Zeichenstiftes vertrat und gewisse Gestirne des Himmels als Kompaß für die Achsenrichtung des zukünftigen Gebäudes dienten.

Damit ist der Weg zum vollsten Verständnis der zahlreichen bildlichen Darstellungen und Inschriften geöffnet, welche mit der Feier der Anlage eines monumentalen Werkes in Zusammenhang stehen und die unerwartetsten Einblicke in die Einzelheiten dieser Feier gestatten. Ich darf kühn behaupten, daß ich heutzutage imstande bin, den Inhalt jenes Buches, welches der „oberste Schriftgelehrte“ seinem Könige Usortisen I. bei Veranlassung der Anlage eines Sonnentempels in Heliopolis vor mehr als vierzig Jahrhunderten vorlas, mit derselben Genauigkeit festzustellen, wie er es selber mit Hilfe seines beschriebenen Papyrus mit der Überschrift: „Über die Ausspannung der Meßschnur und das Einpfählen des Pflockes“ zu thun in der Lage war.

Und dieser Inhalt soll die nächste Fortsetzung und den Schluß des von mir gewählten Themas bilden. Vor der Hand bin ich meinem würdigen Thebaner noch einmal dankbar, mir durch den Verkauf seiner altersgrauen Lederrolle den ersten Anstoß gegeben zu haben, meine ganze Aufmerksamkeit genau von damals an auf das altägyptische Baugewerk zu richten.

Die Denkmäler, soweit uns ihre letzten Reste ein Urteil darüber gestatten, lassen in Bild und Wort die Gewohnheit der alten Ägypter erkennen, mitten unter den zahlreichen Darstellungen, fast durchweg mythologischen Inhalts, dem Gedächtnis des historischen Aktes ihrer Grundsteinlegung durch den königlichen Erbauer eine besondere Stelle einzuräumen. Für die älteren Zeiten, wobei ich an die letzte Hälfte des zweiten Jahrtausends v. Chr. denke, schlug man ein ziemlich abgekürztes Verfahren ein, um die Thatsache den späteren Geschlechtern zu melden.

In diesem Falle, und sowohl in Ägypten, wie beispielshalber auf den ausgedehnten Trümmerresten der Tempelbauten in Theben und Abydus, als auch in Nubien — ich führe das Heiligtum bei Amada als redenden Zeugen an — tritt uns das Bild des Königs im vollsten Schmucke seines hohen Amtes entgegen, um die ihm zugeteilte Rolle als Grundsteinleger in der vorgeschriebenen Weise auszuführen. Er hält nämlich in der einen Hand einen langen Stock oder Pflock, auf den er mit Hilfe eines keulenartigen Holzes, des Vorgängers und Stellvertreters unseres Hammers, Schläge vollzieht, augenscheinlich in der Absicht, den hölzernen Pfahl in den Erdboden einzutreiben.

Ihm gegenüber steht eine weibliche Figur im Schmucke einer Göttin, welche einen zweiten Pfahl mit der Holzkeule in die Erde schlägt. Die Inschriften lassen über Namen und Bedeutung jenes Wesens keinen Zweifel übrig. Es handelt sich um die Göttin Chawi, die treue Behüterin aller schriftlichen Überlieferungen und die Personifikation der in den Tempeln aufbewahrten Papyrusrollen oder, nach unserer Art zu reden, der heiligen Bücherei. Sie wird als „die erste Schreiberin“ und als „die Königin der Bibliothek“ tausendfältig gepriesen. Die Verbindung ihres Bildes mit der Darstellung des Königs bei der Grundsteinlegung sollte zum symbolischen Ausdruck des Gedankens dienen, daß Pharao als Gründer des Baues genau nach den schriftlichen Überlieferungen der Vorzeit verfahre.

Bisweilen tritt eine zweite göttliche Gestalt den oben erwähnten beiden zur Seite. Es ist der ibisköpfige Gott Thot, der ägyptische Hermes, die Personifikation der Weisheit und des Verstandes, welche der Lichtgott durch seinen himmlischen Vertreter dem Menschen überlieferte, um in Schrift und Wort und in allen seinen Handlungen den Gesetzen des ewig Wahren, Schönen und Guten allzeit gerecht zu werden. Der verborgene Sinn, welcher der Gesamtdarstellung zu Grunde lag, ist, auch ohne die erklärenden Beischriften zu den Darstellungen zu kennen, ein sehr einfacher und natürlicher: der König, selber vom Lichtgotte abstammend, denn er bezeichnet sich regelmäßig als dessen Sohn, handelt bei der Grundsteinlegung mit Weisheit und Verstand, indem er den Überlieferungen des von Gott herabgesendeten heiligen Buches vorschriftsmäßig Folge leistet.

In sämtlichen Darstellungen, welche uns die beschriebene Scene vor Augen führen und an denen der Laie meist verständnislos vorübergeht, hat der Bildhauer und Maler das Mittelstück der beiden Holzpflöcke durch eine weißfarbige Schnur umspannt, die sich in Gestalt eines Ovales um beide Hölzer windet. Es ist die Meßschnur oder der Meßstrick, welcher, um die Pflöcke gelegt, zur mathematisch genauen Absteckung des Bauterrains diente.

Bereits den Griechen war die Geschicklichkeit der ägyptischen Geometer in der Vermessung von Grund und Boden sehr wohl bekannt und ein Demokritos fand eine besondere Befriedigung darin sich rühmen zu können, in seiner eigenen Geschicklichkeit in dieser Kunst von keinem, selbst nicht von den ägyptischen Harpedonapten oder „Seilausspannern“ übertroffen zu sein. Das griechische Wort, welches ich eben angeführt habe, ist eine genaue Übersetzung des ägyptischen Ausdruckes für die Vermessung, der ganz dasselbe besagt und das, was wir unter der Grundsteinlegung verstehen, wörtlicher als „Vermessung“ des Baugrundes mit Hilfe des Meßstrickes erscheinen läßt.

Die von dem König in eigener Person nach uraltem Brauch ausgeführte Handlung konnte zunächst nicht an jedem beliebigen Tage geschehen, sondern die Tagwahl war dafür vorgeschrieben. Das Fest der Grundsteinlegung oder richtiger gesagt: „Der Ausspannung des Meßstrickes“ durfte nur an einem Neumonde, in späterer Zeit an einem sechsten Tage des Mondmonats, stattfinden, der als glückbringend für den Fortgang und die Zukunft des Bauwerkes angesehen ward. Es ist eine merkwürdige Sitte, die nicht durch Inschriften, sondern nur durch stets wiederkehrende Darstellungen bestätigt wird, daß das Fest mit der Köpfung eines Vogels (die besondere Art des Tieres ist nicht genauer zu unterscheiden) verbunden war.