Trotz der besonderen Schwierigkeiten, welche neben lückenhaften Stellen die Entzifferung und Auslegung der Bauurkunden im einzelnen darbietet, darf die richtige Auffassung des rein historischen Teiles als vollkommen gesichert betrachtet werden und gerade diese ist es, auf welche ich die besondere Aufmerksamkeit des Lesers richten möchte.

Zunächst erscheint die pharaonische Majestät durchaus nicht als ein in seinem Willen unbeschränkter Autokrat. Wie im Kriege, so ist auch im Frieden der König durch das herkömmliche Recht darauf angewiesen, seine Pläne und Absichten einem hohen Rate, der aus den vornehmsten Beamten, den sogenannten Freunden (den gleichbedeutenden Philoi am Hofe der späteren Ptolemäerfürsten) an seinem Hofe bestand, zur Begutachtung vorzulegen, wie es der Fall lehrt, bis zu der beabsichtigten Ausführung eines monumentalen Werkes hin. Das dienstbereite und dem König ergebene Beamtentum, meist aus den die Würden erbenden Familien der altägyptischen Aristokratie hervorgegangen, wird kaum je sich veranlaßt gefühlt haben, dem Willen des Pharao einen offenen Widerstand entgegenzusetzen, aber nach Sitte und Brauch war der Fall vorgesehen und die selbständige Ausführung der königlichen Entschlüsse eine Sache der Unmöglichkeit. Der formalen Beratung mußte Genüge geleistet werden.

Bei der Grundsteinlegung der monumentalen Werke war der König in vollster Staatstracht in eigener Person anwesend, um mit eigenen Händen die Meßschnur auszuspannen und den Pflock in den Erdboden zu schlagen. Gleichzeitig öffnete der „oberste Schriftgelehrte“ am königlichen Hofe eine Papyrusrolle, um für das Ceremoniell des feierlichen Aktes die erforderlichen Anweisungen zu geben. Und damit bin ich auf den Punkt gelangt, für die Gründungsfeierlichkeiten die anziehendsten Aufschlüsse der Denkmäler zu bieten. Die erwähnte Meßschnur und der Pflock bilden dabei die Hauptsache.

Zur Erläuterung und zum besseren Verständnis des Nachfolgenden sei vorausgeschickt, daß bei der Ausführung selbst die umfangreichsten baulichen Anlagen im alten und, wie ich gleich hinzufügen will, selbst im modernen Ägypten die solide Fundamentierung, nach unseren Begriffen wenigstens, eine untergeordnete Rolle spielte. Baute man auf felsigem Grunde, wie ihn die Wüste durch ihren Kalksteinboden darbietet, so begnügte man sich damit, das Gestein zu ebnen und zufällige Vertiefungen durch Mauerwerk auszufüllen. Ein so natürliches Fundament stellt alles künstlich hergestellte in den Hintergrund und man begreift vollkommen den Sinn des biblischen Gleichnisses von dem Bauen der Kirche auf einem Felsen.

Anders lag die Sache, sobald es sich um die Ausführung eines Bauwerkes auf dem schlammigen Boden des Nilthales selber handelte. Auch hierbei ließ man die künstliche Fundamentierung aus dem Spiel, sondern nahm zu dem Hilfsmittel seine Zuflucht, den vermessenen Baugrund in erforderlicher Tiefe und Breite auszuschachten, den entstandenen hohlen Raum mit genäßtem Wüstensand oder gestoßenen Scherben und Geröll auszufüllen, um für den beabsichtigten Bau die nötige feste Grundlage zu schaffen.

Man könnte geneigt sein, ein solches Verfahren mißfällig zu beurteilen, um nicht von oberflächlichen oder gar liederlichen und kenntnislosen Baumeistern zu sprechen, allein die Beobachtung hat gelehrt, daß sämtliche Bauten, die uns erhalten geblieben sind und welche Erdbeben, des Menschen Hand und der nagende Zahn der Zeit verschont hat, Jahrtausende überdauert und an Festigkeit ihrer Fundamentierung nichts verloren haben.

Die schlagendsten Beweise für die angeführte Art der Fundamentierung in altägyptischer Zeit haben die so umfangreichen und von ganz unerwarteten Erfolgen gekrönten Nachgrabungen des Engländers Flinders Petrie in Ägypten geliefert, über welche mein Freund G. Schweinfurth (in Petermanns Mitteilungen, 1890, Heft 2) wörtlich folgende Bemerkung macht: „In Tanis sowohl wie zu Naucratis hatte Petrie ausfindig gemacht, daß, wo nicht gerade Wüstenboden und Fels einen sicheren Baugrund gewährten, die alten Tempelerbauer ihre Mauern auf eine Lage von Sand (5 Meter) zu fundieren pflegten, mit dem man eine entsprechende Ausschachtung des Nilthons gefüllt hatte. Diese Eigentümlichkeit gestattet, innerhalb des Kulturlandes die alten Mauerwerke auch an solchen Stellen genau festzustellen, wo sie längst abgetragen und zerstört worden sind. Durch Sondierung nach den entsprechenden Sandlagern vermochte Flinders Petrie im Bezirk des großen Tempels von Arsinoë (in der Landschaft des Fajum) die Richtung oder Ausdehnung der Tempelmauern leichter festzustellen.“

Den praktischen Nutzen dieses Verfahrens lernte ich selbst erst aus einer Unterhaltung mit dem vorletzten Vicekönig von Ägypten, dem seines Thrones verlustig gegangenen Chedive Ismaël Pascha kennen. „Wie sonderbar, bemerkte er mir eines Tages, daß die in Ägypten lebenden Europäer sich darauf versteifen, bei dem Bau ihrer Häuser der europäischen Gewohnheit zu folgen und Fundamentierungen, sogar mit Kellerräumen darin, anzulegen. Sie scheinen nicht zu wissen, daß bei jeder alljährlich eintretenden Überschwemmung das Grundwasser die Fundamentierung durchzieht und der sich im ägyptischen Erdboden bildende Salpeter allmählich die solidesten Steine zerfrißt. Sand, Sand, das ist und bleibt das beste Fundament zu einem Hausbau in Ägypten.“

Der Fürst hatte so unrecht nicht, denn ich konnte erfahrungsmäßig nur bestätigen, daß in dem von mir in Kairo bewohnten und nach europäischem Muster gebauten Hause die Kalksteinblöcke und das Ziegelwerk der Kellerräume trotz der wenigen Jahre seit Aufführung des Hauses vom Salpeter in so starkem Maße angefressen waren, daß ich mit einem Finger ganze Lagen der Außenseiten mit Leichtigkeit abzulösen und abzublättern imstande war. Bekanntlich ist das ganze Nilthal derart mit Salpeter geschwängert, daß die Regierung an verschiedenen Orten des Landes künstliche Bassins mit Erdumwallungen anlegen ließ, um Salpeter für die Zubereitung von Schießpulver zu gewinnen.