Es geht, wie gesagt, aus den übereinstimmenden Nachrichten hervor, daß die Ägypter die ersten waren, welche der Farbensymbolik ihre besondere Aufmerksamkeit zugewandt haben. Die weiße Farbe galt dem Tage und der Oberwelt, die schwarze oder dunkelblaue der Nacht und der Unterwelt, jene der Freude über das Dasein, diese der Trauer um das Abgeschiedene. Feuerrot symbolisierte die heiße dauernde Sonnenglut, die blaue Farbe das Wasser, daneben Rot und Gelb oder Falb das typhonisch Sündhafte. Soweit nach den Alten.

Ich wende mich der Denkmälersprache zu, welche zur Farbensprache der damaligen Zeit die ausgedehntesten Beiträge liefert, beinahe unerschöpfliche, erinnert man sich an die Masse des vorhandenen inschriftlichen Materials. Bei der Betrachtung der einzelnen Farben folge ich durchaus der altägyptischen Farbenskala.

1) Weiß. Das Wort dafür bezeichnete zunächst nur das Helle im Gegensatz zum Dunklen, das Lichte dem Finsteren gegenüber. Beim anbrechenden Tage wird die Erde „hell“ und die Sonne „erhellt“ die Welt durch ihre Strahlen, die wie „Gold“, d. h. in Gelb leuchten. Das „helle“ Metall ist das Silber, der „helle“ Stein der weiße Quarz. Auch die Mondgöttin heißt die „Helle“. Ein alter Weisheitslehrer, der seine Lebenserfahrungen auf Papyrus niedergeschrieben hatte, empfiehlt seinem Leser: „Hell sei dein Antlitz, so lange du dein Dasein hast,“ mit anderen Worten, zeige ein heiteres und freundliches Angesicht. Aus dem Begriff des Hellen entwickelte sich erst in zweiter Linie die Bedeutung des Weißen als Farbe. Eine Byssusart, dieselbe, mit welcher Joseph nach seiner Erhöhung auf Befehl Pharaos bekleidet wurde, heißt die „Weiße“, desgleichen wird eine Antilopenart, die Zwiebel, die Milch, der Kalkstein u. s. w. als weiß bezeichnet. Die Verbindung „hell oder weiß machen“ eine Person oder einen Gegenstand, bedeutete ebensowohl „glanzvoll machen, erleuchten, verherrlichen“, als „aufklären“ und „prächtig ausstatten“. Von einem Könige heißt es, er habe das Land Ägypten „glanzvoll gemacht“, von einem andern, er habe ein Heiligtum „prächtig hergestellt“, von einer priesterlichen Person, sie habe einen Tempel mit silbernen Gefäßen, Rindern, Gänsen und zahlreichem Geflügel „glanzvoll ausgestattet“. Ein Vorsteher von Propheten oder Dienern wird ein „Aufklärer“ der Propheten oder Diener genannt. Mit einem Worte, mit dem Hellen und Weißen verknüpfte sich die Vorstellung der Pracht und Herrlichkeit, welche frei von Flecken und Makel bis zur Farbe der Bekleidung hin das innere Hellsein auch äußerlich bezeugte. Man sieht, daß unsere weißen Kleider, Krawatten, Westen und Handschuhe sich eines uralten Ursprungs rühmen dürfen.

2) Gelb. Als Metall erscheint das Gelb in seiner leuchtendsten Form als das Gold, in seiner Auffassung als Edelstein als Topas, der sehr häufig in der Aufzählung mineralischer Substanzen die Stelle des Goldes vertritt. Die Strahlen der Sonne werden als „golden“ bezeichnet. Die ägyptische Hathor-Venus ward als „die goldene“ angerufen und ein Horus-Apollo als „goldener“ verherrlicht. Trotz dieser schmeichelhaften Vergleiche, welche dem Golde die Bedeutung des Glanzvollsten verliehen, wohnte dennoch dem gelben verlockenden Scheine des Goldenen ein typhonischer Nebensinn bei. Bei den Opfern, welche dem Sonnengotte dargebracht wurden, ermahnte man die den Gott Verehrenden, kein Gold am Leibe zu tragen. Noch bis zur Stunde entäußern sich die Orthodoxen unter den Anhängern des Islam sämtlicher goldenen Gegenstände, welche sie bei sich führen, bevor sie sich dazu anschicken, die vorgeschriebenen Gebete zu sprechen. Auf dem gelben Golde ruht das Auge des Neides und der böse Blick kann nach den Darstellungen der Morgenländer nicht dazu beitragen, dem Betenden Heil und Segen zu verleihen. In unserer eigenen Farbensymbolik verknüpft sich in gleicher Weise der Begriff des Neides mit der Vorstellung der gelben Farbe.

3) Dunkelblau, die Farbe des Saphirs und des Lasursteins oder des Lapis-Lazuli, war bei den alten Ägyptern nicht nur geschätzt, sondern allgemein beliebt. In der Pflanzenwelt erscheint sie als Indigo, welcher bis in die Gegenwart hinein zum Färben der gewöhnlichen Hausgewänder in Blusenform benutzt wird. Die alten Ägypter gaben dieser Pflanze den Beinamen Dar-neken, d. h. „vor Schaden bewahrend“. Wie ich nebenher bemerken will, gehörte die Umgegend der Stadt Pelusium in Unterägypten zu denjenigen Landstrichen, in welchen der Anbau von Indigo und die Herstellung der damit blau gefärbten Gewänder einen Hauptgegenstand der Industrie bildete. Als im Mittelalter die Kreuzfahrer die ägyptische Küste berührten, erstanden sie bei ihrer Landung im Hafen von Pelusium, in der Nähe des heutigen Port-Saïd, jene blauen Gewänder, welche sie über ihre Rüstung warfen. Man nannte sie Pelusia nach dem Namen des Ortes und der Name hat sich bis auf die heutigen Tage in dem wohlbekannten französischen Worte Bluse fortgepflanzt. Die altägyptischen Texte gaben der Göttin des Himmels oder dem Himmel selbst den Beinamen der „Dunkelblauen“, womit alle sonstigen Deuteleien über die symbolische Bedeutung dieser Farbe ein für allemal beseitigt sind. Das Tragen dunkelblauer Steine, an ihrer Spitze der Saphir, und das Anlegen dunkelblauer Gewänder galt als ein probates Mittel, sich den himmlischen Schutz zu sichern.

4) Grün, die beliebteste Farbe in Ägypten, bildet den Gegenstand vieler inschriftlichen Hinweise auf seine symbolische Bedeutung. Grünfarbige Mineralien, vom Smaragd und Malachit an bis zum Kupfergrün hin, und vor allem die grüne Pflanzenwelt galten als Sinnbild der Erfüllung in Aussicht stehender Hoffnungen, die von der Saat auf dem Felde ihren Ausgang nahmen. Die grüne Saat verheißt die Ernte, eine frohe Hoffnung auf den Eintritt des Segens. Grün ward deshalb das Symbol der Freude und der Lust, und bei den Ägyptern von alters her „grünte“ selbst das Herz beim Anblick des „gleich wie Smaragd leuchtenden Ackerbodens“. Ausdrücke wie: „Der Himmel ist blau und die Erde grünt“ dienen in den Texten der Steinschriften des Tempels von Dendera nicht selten zur Umschreibung der freudigsten, weil hoffnungsreichsten Stimmung von Göttern und Menschen. Die grüngesichtige Hathor-Venus der ägyptischen Denkmälerwelt hatte deshalb ihre eigene Bedeutung, gerade wie das ihr geheiligte Land des grünen Gesteines des Malachit, womit im höchsten Altertume bereits der an Kupferminen und an Grünsteinbrüchen reiche Gebirgsteil in der Nähe des Berges Sinai bezeichnet wurde. Der Name Malachit, von den Griechen Molochit getauft, findet sich in der Keilschrift in der Gestalt Melucha wieder, worunter man dieselbe Gebirgsgegend verstand. Wie man sich nach diesen Auseinandersetzungen überzeugen wird, ist unsere „grüne“ Hoffnung nichts weniger als modernen Ursprungs. Die Ringsteine und sonstigen Schmuckgegenstände aus Smaragd oder grünfarbigen Steinen, welche die Ägypter, besonders die Frauenwelt, an ihren Fingern, oder auf der Brust, oder an den Armen so häufig zu tragen pflegten, finden nach diesen Andeutungen ihre genügende Erklärung.

5) Rot. Als typische Vertreter der roten Farbe galten bei den Ägyptern das Kupfer, der Rubin und sonstiges rotfarbiges Gestein, die Feuerflamme (hochrot), das geronnene Blut (dunkelrot) und die im Zorn geröteten Augen und Gesichtszüge. Feine Beobachter der toten und lebendigen Gegenstände der Natur, hatten die alten Bewohner des Nilthales der roten Farbe schon frühzeitig eine symbolische Bedeutung beigelegt, deren Inbegriff sich in den kurzen Worten darstellen läßt: der durch Blut zu sühnende Zorn des Göttlichen, die Blutsühne und damit die Versöhnung durch Verzeihung der Sünde. Die brennend rote Liebe unserer Gegenwart war der ägyptischen Altzeit vollständig unbekannt, weil das sichtbare Symbol derselben, die rotfarbige Rose, verhältnismäßig spät in Ägypten eingeführt worden war. Nach den mythologischen Inschriften der Denkmäler wurde ein Teil der sündigen Menschheit durch den Sonnenkönig Re durch Feuer vernichtet, das sein in eine Rachegöttin verwandeltes Auge auf die Kinder der Erde warf. Nachdem sein Zorn sich in Barmherzigkeit umgewandelt hatte, betäubte der Lichtgott Re durch den „blutroten“ Saft von Alraunen die wütende Göttin und der übriggebliebene Teil der Menschheit wurde am Leben erhalten. Die Menschheit selber übernahm fortan die Bestrafung der Sünder durch ihre Verfolgung und Vernichtung mit Hilfe von Wurfgeschossen und Keulen, und das vergossene Blut der Übelthäter sühnte Verbrechen und Sünde.

In späterer Zeit trat das Tier an die Stelle des Menschen, doch war die Wahl der Tiere von ihrer Hautfarbe, der roten oder rötlichen, abhängig. Das Blut des Tieres und sein durch Feuer zu Asche verbrannter Leib, auf welche die Sünde des Menschen fiel, diente als Reinigungsmittel für den Opfernden und sühnte die begangene Sünde bis zum Totschlag hin. In einem bis zum heutigen Tage hin auf einer steinernen Tempelwand erhaltenen Text in hieroglyphischen Schriftzügen lesen wir mit aller Deutlichkeit des Verständnisses das Folgende: „Ein kräftiges, unverschnittenes Rind, dessen Nase der Arbeitsring noch nicht durchbrochen hat, gelte als das große Sühneopfer des Gotteshauses in der angemessenen Zeit des Jahres. Man reinige es im Wasserbecken des Gotteshauses in aller Frühe, man beseitige darin seinen Schmutz am Kopfe und man putze seine Klauen mit Palmbaumbast ganz und gar; man betrete das wohlgewaschene Schlachthaus und strecke das Rind auf das Holzbrett hin. Der Schlächter trete heran, trenne seinen Kopf, sein Herz, seine Vorderschenkel und seine Hinterkeulen ab, trage sie hinaus und reinige sein Messer mit Wasser. Was übrig geblieben ist, werde fortgenommen und durch den Verbrenner in Asche verwandelt, die in einen großen Krug gethan werde. Man setze ihn im Schatzhause in der bestimmten Zeit des Jahres nieder.“ Im Anschlusse daran werden die Vorschriften zu einer Salbe geliefert, welche mit den Blättern der im Morgenlande noch jetzt allgemein bekannten Hennehpflanze rot gefärbt wurde und mit der Asche des Rindes vermischt den Zwecken der heiligen Sühne diente.

Man vergleiche damit die im 19. Kapitel des 4. Buches Moses enthaltene Vorschrift „von der rötlichen Kuh und dem Sprengwasser“, um sich die volle Überzeugung zu verschaffen, daß auch im altebräischen Kulte ein ganz ähnlicher Gebrauch zur „Entsündigung“ gesetzmäßig festgestellt war.

Ich habe kaum weiteres meinen Auslassungen hinzuzufügen, um den Symbolismus der roten Farbe nach den Anschauungen der alten Ägypter in das rechte Licht zu stellen. Sie galt als Zeichen der Sühne durch das Blut. Die rote Farbe der Decken und Gewänder in den ägyptischen Tempeln gewinnt hierdurch ihren hohen symbolischen Sinn.