6) Schwarz. Die symbolische Bedeutung dieser Farbe wird am besten durch ihr fast ausschließliches Vorkommen in der Gräberwelt Ägyptens festgestellt. Der an den Decken einzelner Königsgräber, von den Pyramiden an, gemalte Nachthimmel ist schwarz mit fünfzackigen gelben Sternen daran, die Götter und die übrigen Bewohner der Unterwelt erscheinen in schwarzer Färbung. Die Tageshelle, die Farbe des Lebens, ist verschwunden und durch die tiefste Finsternis ersetzt. Schwarz erscheint allenthalben als die Farbe des Todes und der düsteren Trauer, gerade wie noch in unserer eigenen Gegenwart. Ich habe darüber kein anderes Wort zu verlieren, denn die Sache ist allgemein bekannt, und ich kann mich mit dem in aller Kürze gegebenen Hinweis auf die Sprache des Schwarzen im ältesten Ägypten bescheiden.
Wie sehr die Vorstellung der Farbe auf das altägyptische Gemüt einwirkte und zu welchen tiefsinnigen Vergleichen und Stimmungsbildern sie Veranlassung gab, kann nur derjenige ermessen, welcher in die Sprache und das Schrifttum der ältesten Bewohner des Nilthales vollkommen eingeweiht ist. Der Symbolismus der Farbe bricht überall durch, und es wäre eine der dankenswertesten Aufgaben, das tausendfältig zerstreute Material zu sammeln, um bis in das Einzelnste hinein die Fäden der Gedankenrichtung zu verfolgen. Unter allen Umständen müssen die Grundfarben und ihre uralte Skala: Weiß, Gelb, Blau, Grün, Rot, Schwarz als Ausgangspunkt angesehen werden, da die Betrachtung und die Aufzählung aller Erzeugnisse der Natur nicht nach ihrem Werte, sondern nach ihrer Färbung in der angeführten Reihenfolge vor sich ging. Handelte es sich um Metalle, so führte man sie in der Ordnung des hellen oder weißen Silbers, des gelben Goldes, des blauen Eisens, des Kupfergrün, des roten Kupfers, des grauschwarzen Bleies auf. War von Steinen die Rede, so folgte man der Anordnung: Diamant, Topas, Saphir, Smaragd, Rubin, Turmalin oder sonst ein dunkelfarbiger Edel- oder Halbedelstein. Bei Pflanzennamen, bei bunten Zeugstoffen u. s. w. schlug man denselben Weg ein, und die Anschauung vertiefte sich jedesmal in einen Symbolismus, der bis auf die Farbe der Bekleidung und der Schmuckgegenstände am menschlichen Leibe seine abergläubische Wirkung ausübte und aus der Farbe Glück und Unheil herauslas. Legte man den Toten schwarzfarbige Käfersteine auf den Leib, so hatte das seinen guten Grund. Für die Lebenden wäre ein schwarzer Schmuck als Unglück weissagend angesehen worden. Wenn auf dem Leichensteine einer verstorbenen vornehmen Ägypterin der Dame unter anderen die Worte in den Mund gelegt werden: „Ich hielt mich fern vom Quarz und zog den Grünstein (Smaragd oder welch immer grünfarbiger Stein) vor“, so hatten sie dadurch einem Gedanken Ausdruck gegeben, den ich etwa durch „was mir Unglück bringen konnte, vermied ich, was mir Hoffnungen erweckte, trug ich an mir“ deute. Auch aus diesem Beispiel tritt es klar hervor, daß sich die Farbensprache bis zur Stunde noch lange nicht überlebt hat. Kannte man auch schon im Altertum das, was wir in unserer Gegenwart als Modefarbe bezeichnen, so war die Wahl der Grundfarbe dennoch keine beliebige, sondern stand mit dem Symbolismus der Farbe in innigstem Zusammenhang.
Die älteste Rechenkunst.
So geläufig uns heutzutage die Rechenkunst geworden ist und so einfach den Kindern der Gegenwart die dafür aufgestellten Regeln erscheinen, so wenig dürfen wir zu dem Glauben berechtigt sein, als sei es von jeher so gewesen und diese Kunst nur wie eine Erbschaft aus ältesten Zeiten anzusehen. Erst seit der Einführung der sogenannten arabischen Ziffern für das dekadische Zahlensystem, in welchem das Zeichen der Null und die Stellung der Zahlen in ihrer Aufeinanderfolge eine so tief einschneidende Bedeutung gewann, befand sich die Rechenkunst auf der ganzen Höhe ihrer Aufgabe. Von dieser Zeit an waren alle Schwierigkeiten beseitigt, mit welchen die Menschheit der früheren Tage zu kämpfen hatte, um die Zahl zu beherrschen und die verschiedenen Rechenoperationen ohne die kleinsten Irrtümer auszuführen.
Was heute von Schule und Haus an bis zum großen Lebensmarkte hin zu einer alltäglichen Gewohnheit geworden ist und mit der größten Leichtigkeit durchgeführt wird, konnte vordem nur auf mühsamem Wege erreicht werden, wobei alle Hilfsmittel erschöpft wurden, um in langsam tastender Weise das Resultat einer beliebigen Rechenoperation zu gewinnen. Die Finger der beiden Hände genügten anfangs für das Zusammenziehen kleiner Zahlenposten, einen erweiterten Fortschritt kennzeichnet die Anwendung von Steinchen (Calculi nannten sie die Römer und leiteten davon den Ausdruck Calculare für die Operationen des Rechnens ab), deren sich die ältesten Rechenmeister bedienten, aber erst die Einführung des sogenannten Abakus oder Rechenbrettes, wie es noch heutigestags in Rußland und in den Bazaren des Morgenlandes als mechanisches Hilfsmittel bei den gewöhnlichsten Berechnungen verwendet wird, muß als der erste Schritt zu einer vereinfachten systematischen Behandlung der Zahlen auf dekadischer Grundlage bei Griechen und Römern bezeichnet werden.
Vor der Einführung der arabischen Ziffern, wie wir sie zu nennen belieben, bedienten sich die eben erwähnten beiden Kulturvölker, ähnlich wie beispielsweise die Ebräer, der Buchstaben ihres Alphabets, um die Einer, Zehner, Hunderter, Tausender u. s. w. der dekadischen Zahlenreihen für das Auge erkennbar anzudeuten. Das Beschwerliche einer derartigen Bezeichnungsweise liegt auf der Hand und bedarf keiner ausführlicheren Erörterung.
Das älteste Kulturvolk der Erde, oder die Ägypter, schlug einen anderen Weg ein, indem es für jede Einheit einer dekadischen Reihe ein besonderes Zeichen schuf, dessen Wiederholung die Vielfachen ausdrückte. Ein stehender Strich besaß den Wert unserer Zahl 1, zwei, drei u. s. w. bis neun nebeneinander stehende Linien hatten die Werte von 2, 3 u. s. w. bis 9. Für 10 bildete man ein eigenes Zeichen in Hufeisengestalt, dessen Wiederholung in derselben Weise die vielfachen von 10 bis 90 dem Auge sichtbar darstellte, ebenso für 100, 1000 u. s. w. bis zu einer Million hin. In der Kursivschrift der Hieroglyphen oder der sogenannten hieratischen Schrift suchte man die dem Schreibenden Zeit raubenden Wiederholungen der einzelnen dekadischen Zahlzeichen möglichst zu vermeiden und sie für das Auge durch ein einziges Zeichen darzustellen. Ein liegender Strich — z. B. vertrat die Stelle von |||, oder 4, zwei übereinander liegende = die Stelle von 2×4 Strichen, oder mit anderen Worten der Zahl 8 nach ihrer hieroglyphischen Bezeichnungsweise.
War es erforderlich in irgend einer Inschrift von Brüchen zu reden, so spielten auch darin dieselben Bezeichnungen der Zahlen ihre Rolle, nur setzte man ihnen das Wörtchen ro voran, welches soviel als unser „Teil“, oder besser -tel, am Schlusse eines Zahlwortes bezeichnete. Ro 3, ro 4, ro 20, ro 124 hieß soviel als ein Drittel, ein Viertel, ein Zwanzigstel, ein 124stel. Für die Hälfte hatte man ein eigenes Zeichen erfunden, ebenso für 2⁄3 und wenige andere Brüche. Im übrigen kannte man nur Brüche mit dem Zähler 1, also 1⁄3, ¼, 1⁄5 u. s. w. Zum Ausdruck solcher Brüche, deren Zähler größer als 1 war, nahm man einfach seine Zuflucht zur Zerlegung derselben in solche mit dem Zähler 1, deren Summe den gewünschten Hauptbruch ergab. So wurde ¾ einfach in die Brüche ½ und ¼ zerlegt, die in der schriftlichen Darstellung hintereinander fortliefen. War eine derartige Zerlegung nicht immer durchführbar, so ließ man den letzten kleinsten Bruch ganz aus dem Spiele und übersah lieber den dadurch entstandenen kleinen Fehler.
Wie beschwerlich und zugleich zeitraubend die Bezeichnungen einer Reihe größerer Zahlen, vielleicht dazu noch mit hinzugefügten Brüchen, in einer hieroglyphischen Darstellung sein mußten, das beweisen uns Hunderte und aber Hunderte von Beispielen auf den steinernen Wänden der altägyptischen Tempel und Gräber. Nur auf den hieratisch geschriebenen Papyrusrollen nimmt ihre Darstellung aus dem oben angeführten Grunde bescheidenere Dimensionen an.