Die Aufwickelung und Untersuchung der Mumie des Königs hatte kaum eine Viertelstunde Zeit in Anspruch genommen. Nach einer Pause von wenigen Augenblicken wurde gegen 10 Uhr die Mumie Nr. 5229 aus ihrem Glasbehälter herbeigeholt. Sie war in sauberer Weise mit einem orangefarbigen Zeugstoff umhüllt, der durch Binden aus gewöhnlicher Leinwand zusammengehalten war. Sie trug keine sichtbare Inschrift, man erblickte nur um den Kopf herum eine mit mystischen Figuren bedeckte Binde. Nach Beseitigung des orangefarbigen Stoffes gewahrte man auf dem Leichentuche aus weißer Leinwand, welches unmittelbar darunter lag, eine vierzeilige Inschrift: „Im Jahre 13, am 28. des zweiten Sommermonats, an diesem Tage kamen der erste Prophet des Götterkönigs Ammon Namens Pinotem, Sohn des ersten Ammonspropheten Pionch, der Tempelschreiber Zosersuchonsu und der Schreiber der Totenstadt Butehamon, um den verstorbenen König Usirmari-Mianum (Ramses III.) in seinem ehemaligen Zustand wieder herzustellen und ihn in Ewigkeit hin dauernd zu erhalten.“ Was man anfänglich für eine Königin (Nofritari) gehalten hatte, war somit die Leiche Ramses III. Nach Aufklärung dieses Punktes wurde Ramses III. auf seine Füße gestellt und in seiner Wickeltracht photographisch abkonterfeit. So kurze Zeit die Aufnahme erforderte, so lang erschien sie den gespannten Zuschauern. Die Aufwickelung eines der großen Eroberer der ägyptischen Geschichte begann inmitten allgemeiner Ungeduld. Alle hatten ihre Plätze verlassen und drängten sich unterschiedslos an die Operateure heran.
Drei Bindelagen verschwanden schnell, dann bereitete eine mit Pech durchtränkte Lage von zusammengenähtem Cannevas ein Hindernis, das mit Hilfe des Meißels beseitigt wurde. Mitten durch die entstandenen Öffnungen waren neue Zeuglagen sichtbar. Die Mumie schien sich endlich unter den Händen aufzuschälen. Einige Leinwandstücke trugen Darstellungen und Inschriften mit schwarzer Tinte: der Gott Amon sitzt auf seinem Throne und eine Zeile Hieroglyphentext darunter belehrt uns, daß eine fromme Person der Zeit oder eine Prinzessin aus königlichem Blute sie habe herstellen und anbringen lassen. Die Inschrift lautet: „Von der Sängerin des Götterkönigs Amon, des Sonnengottes Faïlâ-atuimut, der Tochter des ersten Amonspropheten Piônch, auf daß der Gott ihr Leben, Gesundheit und Stärke schenken möge.“ Zwei Brustschilder lagen in den Falten des Zeugstoffes versteckt. Das erste, aus vergoldetem Holze, zeigte nur die gewöhnliche Darstellung der Göttin Isis und Nephthys, welche die Sonne anbeteten. Das andere war aus reinem Golde und gehörte Ramses III. an. Eine letzte Schicht aus verpichtem Cannevas, ein letztes Leichentuch aus rotem Zeugstoff und die lebhafteste Enttäuschung malte sich in den Zügen aller Umstehenden: das Gesicht war in eine feste Masse von Teer getaucht, welche das Erkennen des Gesichts unmöglich machte. Um 11 Uhr 20 Minuten verließ der Chediw den Saal.
Die Operationen wurden am Nachmittag desselben Tages wieder aufgenommen und am Morgen des 3. Juni fortgesetzt. Eine neue Untersuchung der Binden ließ Inschriften auf zweien unter denselben erkennen. Die eine datiert vom Jahre 9, die zweite vom Jahre 10 des Oberpriesters Amons und Königs Pinotmu I. Das Pech, von einem Bildhauer am Museum durch vorsichtige Meißelhiebe losgelöst, verschwand allmählich. Die Züge sind weniger gut erkennbar als die Ramses II.; man kann indes bis zu einem gewissen Punkte das Porträt des Eroberers wieder zusammenstellen. Kopf und Gesicht sind fast vollständig abrasiert und zeigen keine Spur von Haar oder Bart. Die Stirn, ohne weder sehr breit noch sehr hoch zu sein, hat bessere Verhältnisse als die Ramses II.; der Bogen der Augenbrauen ist weniger stark, die Backenknochen springen weniger hervor, die Nase ist weniger gekrümmt, Kinn und Kinnbacken weniger schwer. Die Augen waren vielleicht größer, aber man kann nichts darüber fest behaupten. Die Augenlider waren ausgerissen gewesen, die Höhlung ausgeleert und nachher mit Lappen ausgefüllt. Das Ohr steht weniger vom Schädel ab als bei Ramses II., es ist durchbohrt zum Tragen von Ohrgehängen. Der Mund ist über Gebühr groß, die dünnen Lippen lassen weiße und gute Zahnreihen erkennen; der erste Backzahn auf der rechten Seite scheint halb zerbrochen oder schneller abgenutzt als die andern gewesen zu sein. Der starke und muskulöse Körper gehört einem Manne von 60 oder 65 Jahren an. Die runzelige Haut bildet hinten am Nacken, unter dem Kinn, an den Hüften und an den Gelenken außerordentlich große Falten, welche übereinander gelagert sind; der König war im Augenblicke des Todes fettleibig.
Kurz, Ramses III. gleicht einer Nachahmung Ramses II. in verkleinertem und weicherem Maßstabe; die Physiognomie ist feiner, überhaupt intelligenter, aber der Wuchs ist weniger hoch, die Schultern weniger breit, die Stärke war geringer. Was er selbst der Person Ramses II. gegenüber, das ist seine Regierung der Regierung Ramses II. gegenüber: Feldzüge, nicht mehr auswärts, in Syrien oder Äthiopien, sondern an den Mündungen des Niles und an den Grenzen Ägyptens, Bauten, aber in schlechtem Stil und eilig ausgeführt, ein frommes Gepränge, aber mit weniger Mitteln, eine unbändige Eitelkeit und ein solches Verlangen es in allem seinem berühmten Vorgänger nachzuthun, daß er selbst seinen Söhnen und beinahe in derselben Reihenfolge die Namen der Söhne Ramses II. gab.
Die Mumien beider Könige befinden sich gegenwärtig in ihren Särgen in einem Glaskasten des Museums von Gizeh in der Nähe von Kairo. Das Gesicht liegt frei und die berühmten Könige und Eroberer, deren Kriege und Siege im vierzehnten und dreizehnten Jahrhundert vor dem Beginn unserer Zeitrechnung die Wände ihrer noch erhaltenen Tempel in Theben schmückten, müssen es sich gefallen lassen, von neugierigen Reisenden als merkwürdige Antika betrachtet zu werden.
Pyramiden mit Inschriften.
Es ist heute eine ausgemachte Thatsache, daß die weltberühmten Pyramiden Ägyptens, welche sich in einer Ausdehnung von etwa fünf geographischen Meilen auf dem Ostrande der libyschen Wüste entlang ziehen, westlich von der untergegangenen Hauptstadt Memphis, den ältesten Königen der Welt einst als Grabstätten dienten. Über ihre Bauart und ihre Steinmassen ist kaum noch ein Wort zu verlieren. Bemerken wir nur nebenher, daß die größte derselben sich eines kubischen Inhalts von ungefähr sieben Millionen Schiffstonnen rühmen darf und das ist keine Kleinigkeit, mit einem Worte wir wissen, daß ihr massiger Bau darauf berechnet war, für die Leichen der Könige unzugängliche und unzerstörbare Grabkammern zu schaffen, deren Dauer in Ewigkeit hin bestehen sollte. Die Gänge und zwar von der Nordseite her, welche in das Innere der merkwürdigen Bauten bis zur Grabkammer führten, wurden an verschiedenen Stellen durch gewaltige Blöcke von Granit wie durch Fallgatter abgeschlossen, so daß es, besonders bei den größeren, gewaltiger Arbeiten bedarf, um den freien Eintritt wieder zu öffnen.
Die ersten Araber, die nach der Besitznahme Ägyptens den Pyramiden ihre Aufmerksamkeit schenkten und ihren Besuch abstatteten, standen in dem Glauben, daß die ehemaligen Könige des Landes in den sonderbaren Bauten nur ihre Schätze verborgen haben konnten und sie scheuten deshalb weder Mühe noch Kosten, um jene Schätze zu heben. Freilich wurden sie in ihren Erwartungen gründlich getäuscht, denn sie entdeckten in dem innersten hohlen Kern der Pyramiden nur die einbalsamierten Leichen der königlichen Erbauer und statt des gehofften kostbaren Nachlasses fanden sie wenige Schmucksachen, Bildsäulen und Gegenstände des Totenkultus vor, denen allerdings heutigentags ein archäologisch hoher Wert zugeschrieben werden dürfte. Aber was wußte man im neunten und den unmittelbar darauf folgenden Jahrhunderten von der wissenschaftlichen Bedeutung derartiger Schätze des grauesten Altertums?
Unsere junge und jüngste Zeit denkt anders darüber und die eingehendsten Untersuchungen über den Bau und die königlichen Erbauer so gewaltiger Grabdenkmäler haben bis zur Stunde die gelehrte Welt mit der Lösung noch mancher rätselhaft gebliebener Dunkelheiten darüber beschäftigt.