Es muß jedoch ein Übelstand an dieser Stelle hervorgehoben werden, welcher anfangs den Forschungen auf diesem Gebiete besondere Schwierigkeiten in den Weg legte, ich meine den Mangel jeder inschriftlichen Überlieferung an der Außenseite oder im Innern der pyramidalen Bauwerke, welche Auskunft über die Namen und die Geschichte der königlichen Urheber oder über die Ansichten der ältesten Ägypter über das Leben nach dem Tode in Verbindung mit der Person des verstorbenen Pharao hätten geben können. Mit Ausnahme einiger weniger Einzelheiten, die indes auf die richtige Spur mehrerer königlicher Erbauer geleitet haben, ist so gut wie nichts an und in den Pyramiden entdeckt worden, bis endlich im Jahre 1880 eine ganze Gruppe dieser Grabdenkmäler ihr lang bewahrtes Stillschweigen brach und die beschriebenen Steinwände ihren Mund öffneten.

Ehe ich darauf näher eingehe, will ich es nicht mit Stillschweigen übergehen, daß wir einem alten griechischen Schriftsteller, dem Vater der Geschichte, Herodot, die merkwürdige Angabe verdanken, daß sich an der Außenseite der größten aller Pyramiden, der des Königs Cheops, noch zu seiner Zeit, d. h. in der Mitte des fünften Jahrhunderts vor Christi Geburt, eine Inschrift befunden habe, welche angeblich vermeldete, wie viel an Rettichen, Zwiebeln und Knoblauch für die Arbeiter beim Bau der Pyramiden darauf gegangen sei, nämlich nach griechischem Geldwerte 1600 Talente Silbers oder 7544000 Mark. Da nach seinem Berichte zwanzig Jahre bis zur Vollendung der Pyramiden verstrichen waren, so hatten sich die täglichen Zehrungskosten auf nicht weniger als 1048 Mark belaufen, eine Summe, welche bei den billigen Preisen für die erwähnten Lebensmittel vor mehr als 5000 Jahren im Lande Ägypten eine außerordentlich große Zahl von Bauleuten voraussetzt. Aber die ganze Geschichte ist nicht einmal wahr, da auf keinem ägyptischen Denkmale eine ähnliche offizielle Überlieferung der Altzeit nachweisbar ist. Der Dolmetscher, welcher Herodot begleitete, hatte ihm eine Lüge aufgebunden und die Erklärung irgend einer Inschrift, deren Inhalt er selber nicht zu entziffern vermochte, in unverschämter Weise ausgesonnen.

Im Januar des Jahres 1880 hatte der damals noch lebende Generaldirektor des ägyptischen Museums in Kairo, mein im folgenden Jahre verstorbener Freund Mariette Pascha die Öffnung einer jener verfallenen kleineren Pyramiden angeordnet, welche die Gruppe von Sakkarah bilden. Das also genannte Dorf liegt östlich davon, dicht am Rande der Wüste. Mariettes Gesundheit war damals bereits in so hohem Grade erschüttert, daß er nicht mehr in der Lage war, den etwa vierstündigen Weg nach dem Standorte der Pyramide zurückzulegen. Er überließ es daher den findigen Arabern in seinem Dienste die Arbeit ohne europäische Leitung auszuführen. Die wackeren Leute entledigten sich dieser Aufgabe in trefflichster Weise, denn trotz aller Schwierigkeiten, die sich ihnen in dem Haupteingange entgegenstellten, drangen sie bis zur eigentlichen Grabkammer vor. Sie überzeugten sich zwar, daß dieselbe etwa tausend Jahre früher von ihren eigenen Landsleuten in Sakkarah bereits durchbohrt und vollständig ausgeraubt war, aber sie hatten wenigstens die Überraschung eine Pyramide eröffnet zu haben, deren innere Gänge und Grabkammer zum erstenmale die Anwesenheit einer unglaublichen Anzahl schön eingemeißelter hieroglyphischer Inschriften bezeugten. Nach den an Mariette mitgeteilten Abdrücken der Texte ergab es sich, daß die in Rede stehende Pyramide einem Könige angehöre, dessen wohlbekannter Name Pepi auf die Zeiten der 6. Dynastie (ca. 3000 v. Chr) hinwies. Mein verstorbener Freund wollte nicht an den Pharao dieses Namens glauben, da ihm eine beschriebene Königspyramide als eine Unmöglichkeit erschien. Er zog es vor den pyramidalen Bau als das Grab eines Privatmannes zu betrachten, dessen Name, nach sehr beliebten Mustern bei den alten Ägyptern, mit dem des Königs seiner Zeit gleichlautete.

Gegen Ende des Jahres 1880, nach seiner Rückkehr aus Paris — und zwar in hoffnungslosestem Zustande, denn ein Blutsturz hatte ihn gleich nach seiner Landung in Alexandrien überfallen — fühlte er noch so viel Kraft in sich, unmittelbar nach seiner Ankunft in Kairo ein längeres Gespräch mit mir über jene Pyramide zu führen. Er drückte mir die Bitte aus, mich schleunigst nach Sakkarah zu begeben, wo nach den letzten Meldungen seiner Ausgräber eine zweite, wiederum beschriebene, Pyramide durchbrochen und geöffnet worden war. Es war kurze Zeit vor seinem Tode, am 4. Januar 1881, daß ich die kleine Reise in Begleitung meines Bruders antrat, um die neue Aufdeckung zu prüfen.

Mit Hilfe der Araber und nicht ohne eigene Lebensgefahr zwängten wir uns beide durch die durchbohrte Öffnung — die Steinblöcke über unsern Leibern zeigten eine höchst bedrohliche Lage, denn sie konnten bei der leisesten Berührung jeden Augenblick auf uns niederstürzen — und erreichten durch einen langen Gang glücklich das Grabgemach. Die plötzliche Überraschung sollte dafür um so größer sein. Die Seitenwände des Ganges und der Grabeskammer zeigten ihrer ganzen Länge und Breite nach einen Reichtum hieroglyphischer, in den geglätteten Kalkstein eingemeißelter Inschriften, wie ihn ähnlich nur etwa die thebanischen Königsgräber von Biban el-moluk erkennen lassen. Überdies stand ein wohlerhaltener dunkelfarbiger Granitsarg in der einfachen Gestalt einer Lade an der westlichen Wand der Grabkammer und daneben lag die ihrer Umhüllung beraubte Mumie des Pharao, der sich nach altägyptischer Gewohnheit schon bei seinen Lebzeiten den Grabbau hatte ausführen lassen. Der Sarkophag, dessen Deckel zurückgeschoben war, zeigte in schöner Ausführung der Hieroglyphenschrift die Titel und Namen des Königs, die auch in den Wandinschriften in unzähliger Wiederholung an einzelnen Stellen mir entgegentraten. Sie bezeichnen den König nach seinen beiden Hauptnamen Merenre und Mehtisauf. Aus dem letzteren schuf das griechisch abgefaßte Königsbuch Manethos den König Methesuphis der 6. Dynastie. Die Hauptsache ward damit bewiesen: die beschriebene Pyramide gehörte einem Könige an.

Auch dieses Grab war bereits von Arabern in den früheren Jahrhunderten geöffnet und seines beweglichen Inhaltes mit Ausnahme der nackten königlichen Leiche beraubt worden. Selbst einzelne Stellen der Wände hatte man durchschlagen, zum großen Schaden der darauf befindlichen Inschriften, in der Meinung, daß die vergeblich gesuchten Schätze dahinter verborgen sein müßten.

Mariette starb und überließ seinem Nachfolger Maspero die Aufgabe, die in der Nähe befindlichen Pyramiden derselben Gruppe von Sakkarah zu durchbohren, um die Zahl der mit Inschriften bedeckten Pyramiden zu vergrößern und die Kenntnis der Namen von den darin meist bestatteten Königen zu vermehren. Das Ergebnis der Arbeiten war die Auffindung von neuen Texten im Innern mehrerer Pyramiden, von denen drei dem Königshause der 5. und 6. Dynastie angehörten. Keine einzige war indes unberührt geblieben, denn man fand in jeder die Spuren arger Verwüstung unter den Händen der früheren Eröffner.

Herr Maspero, welcher später seine ägyptische Stellung aufgab, um nach Paris überzusiedeln, hat es sich seitdem angelegen sein lassen, die Abschrift sämtlicher in den beschriebenen Pyramiden aufgefundenen Texte zu veröffentlichen und mit einer fortlaufenden Übersetzung zu versehen. Wenn es auch noch nicht an der Zeit sein dürfte, eine Übertragung ohne Lücken und Fehler zu wagen, so muß ihm dennoch die Wissenschaft zu höchstem Danke verpflichtet sein, die Inschriften ohne Zeitverlust bekannt gemacht und den diesen Studien ferner stehenden Lesern die Gelegenheit geboten zu haben, eine wenigstens annähernd richtige Vorstellung ihres Inhalts zu gewinnen.

Zunächst ist durch das Studium derselben die wichtige Thatsache festgestellt worden, daß die Sprache und Hieroglyphik, deutlicher gesprochen die malerische Seite der letzteren, einer Epoche entlehnt ist, welche den allerältesten Zeiten der ägyptischen Geschichte angehört und wahrscheinlich bis zum ersten König des Landes Menes hinaufreicht. Die Grammatik, der Wortschatz, die Satzverbindungen verraten die ersten litterarischen Anfänge der ägyptischen Sprache, die sich bemüht, des Ausdrucks Herr zu werden und die ärmlichen Mittel, die ihr zu Gebote stehen nach Möglichkeit auszunutzen. Was die geistige Ausbildung an treffender Kürze versagt, wird durch Umschreibungen, Wiederholungen, Vergleiche und Bilder ersetzt. Selbst das Wortspiel einer naiven Sprachanschauung und der äußere Klingklang erscheinen wie Hilfsmittel, um den Eindruck des Dichterischen oder Feierlichen hervorzurufen. Alles ist steif und unbeholfen, aber urwüchsig in seiner altertümlichsten Einfachheit bei den gebotenen Sprachmitteln.

Eine wechselseitige Vergleichung der Inschriften, der erhaltenen oder nur noch in Bruchstücken vorhandenen, führt zu dem Schlusse, daß sie sämtlich einer Sammlung von Texten angehören, welche ganz allgemein die Bezeichnung „das Buch“ tragen. Aber dieses „Buch“ mit seiner ungeordneten Folge von Kapiteln oder Abschnitten, längeren und kürzeren, besaß nach der Meinung der uralten Weisen im Nilthale die geheimnisvollen Eigenschaften einer wirksamen Zauberei. Selbst eine spätere Zeit der ägyptischen Entwickelung, als die Sprache eine ausgebildetere und vollendetere Form gewonnen hatte und die schöne Litteratur im Märchen und Roman zum Durchbruch kam, hielt an dem unverständlichen Zauber „des Buches“ fest, sowie das Grab und das Dasein nach dem irdischen Tode ins Spiel kam. Denn darauf beruhte der Inhalt der Formeln und Beschwörungen, welche die Wände der Pyramidenkammern bedecken, mit bedauernswertem Ausschluß alles dessen, was die Zeitgeschichte der Könige betrifft. Nicht die Vergangenheit der großen Toten, die in ihren steinernen Truhen ruhten, sondern ihre Zukunft in einer anderen Welt bildet den Gegenstand der absonderlichen Texte, die nebenbei als ein Schutzmittel gegen die ankämpfende Vernichtung dienen sollten. Es ist dabei nicht zu übersehen, daß in den Texten der königliche Titel meist schwindet und nur der bloße Name seine Stelle findet. Man spricht von „diesem Pepi, diesem Mehtisauf“ u. s. w., ohne diesen Namen das Wort „König“ voranzusetzen, ein auffallender Umstand, der Mariette anfangs dazu verleitet hatte, die Pyramiden, von denen die Rede ist, nicht Pharaonen, sondern Privatpersonen zuzuschreiben.