Der Name und die Anwendung dieses Metalles war, wie man sieht, von den ältesten Zeiten an den Ägyptern durchaus geläufig, und nichts läßt darauf schließen, daß in Ägypten die Eisenzeit der Bronzezeit notwendig gefolgt sei.
Man könnte vielleicht der Meinung sein, daß es sich in allen genannten Beispielen nur um Meteoreisen handele und daß dies um so wahrscheinlicher sei, als die Bezeichnung des Eisens in der ältesten ägyptischen Sprache durch ein zusammengesetztes Wort ausgedrückt war (bi-ni-pe), welches wörtlich so viel als „Wunderding“, „Wundergabe des Himmels“ bedeutet. Allein es ist zu bedenken, daß in den Zeiten der Griechen und Römer derselbe Ausdruck für das Eisen ganz allgemein gebraucht war und daß in der Sprache der christlichen Ägypter oder der Kopten dasselbe Wort im Sinne von Eisen fortbestand, ohne Rücksicht auf den meteorischen oder tellurischen Ursprung desselben.
Ich habe dem Beispiele des Eisens meine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, um daran den Nachweis zu führen, welche Bedeutung den Pyramidentexten für die allgemeine Kulturgeschichte der Menschheit innewohnt. An Hunderten von Stellen drängt sich die Überzeugung auf, daß jene Texte, deren erstaunliches Alter von niemand bezweifelt wird, bereits in den Abschluß einer großen Kulturepoche gehören, in welcher ein zweigeteiltes Ägypten mit einem einzigen Herrn und König an der Spitze bestand. Schon damals war nach Andeutungen in jenen Texten die Ostgrenze Unterägyptens durch Festungswerke geschützt, welche sich an der Spitze der nördlichsten Bucht des Roten Meeres erhoben. Es ist daraus ersichtlich, daß diese Bucht an dem heutigen Krokodilbecken ihren Anfang nahm, das in der Mitte der Landenge von Suez gelegen ist und in der Wasserlinie des Suezkanals aufgegangen ist. Auch für das Vorkommen der ältesten Pflanzenwelt bieten dieselben Pyramidentexte eine reiche Ausbeute der Forschung dar. Der Ackerbau war auf der Kultur von Weizen, Gerste und Spelt begründet. Die Getreidesorten waren längst von dem Euphratgebiete her nach Ägypten eingeführt worden, ebenso der Anbau der Leinpflanze und des Weinstockes, wie es Prof. Schweinfurth durch seine eingehenden Untersuchungen auf dem Gebiete der Pflanzengeschichte wahrscheinlich gemacht hat. Auch der Papyrus und der Lotos, sowie eine Reihe von Binsengräsern an den Ufern des Niles und in den Seen und Sümpfen werden in den Pyramidentexten als allgemein bekannt angenommen und unter den Bäumen sehen wir die Dattelpalme, die Sykomore, den Feigenbaum, die Persea, den Moringabaum und Stachelakazien in den Vordergrund treten. Unter den Vierfüßern werden der Elefant, das Nilpferd, der Löwe, die Hyäne, der Fuchs, der Luchs, Antilopen, Gazellen, Hasen und als gezähmte mehrere Rinderarten, das Schaf, die Ziege, der Esel, der Hund, die Katze, aber weder das Pferd noch das Kamel in denselben uralten Texten erwähnt. An Schlangen und giftigem Gewürm aller Art besaß die ägyptische Erde von damals einen gewaltigen Überfluß, denn nur dadurch erklärt es sich, daß die Pyramidentexte es nicht verschmäht hatten, mitten in das uralte Totenbuch eine ganze Reihe von Beschwörungen einzutragen, welche gegen die Bisse und Stiche des das Leben und die Gesundheit des Menschen bedrohenden Gewürmes gerichtet waren. Die Formeln schließen meist unverständliche Redensarten und Wörter in sich, wie sie nicht bloß in der ältesten Zeit den Zauberern eigen waren, um ein drohendes Übel fern zu halten und in wirksamster Weise abzuwehren.
Und gerade dieser Zauber ist es, der dem ganzen übrigen Inhalt der Pyramidentexte ihren Grundcharakter verleiht. Es macht den Eindruck, als seien die unbekannten Verfasser der kulturhistorisch so merkwürdigen Überlieferungen aus der ältesten geschichtlichen Vergangenheit Ägyptens wahre Hexenmeister gewesen, die nach der Volksmeinung es verstanden, unter priesterlichem Namen ihren Einfluß auf die beängstigten Gemüter der Menge auszuüben und unter dem hellen klaren Lichte der ägyptischen Sonne die Mächte der Finsternis sich ihrem Willen unterthan zu machen. Das „Buch“ der Pyramidentexte ist von diesem Standpunkte aus ein eigentliches Zauberbuch, mit welchem der ägyptische Gottesglaube seinen ersten Einzug in die kaum gegründete älteste Kulturwelt hält. Der ägyptische Staat ist gestiftet, seine Provinzen, deren Hauptstädte sind festgestellt, der König trägt die weiße Krone der Südwelt und die rote der Nordwelt auf seinem Haupte, sein Hof ist von Edlen und Dienern bevölkert, die Bewohner beider Landesteile beugen sich vor seinem Throne und „berühren die Erde zu seinen Füßen mit ihrer Nasenspitze,“ aber seine eigentliche Macht war in der Vorstellung begründet, daß er als Nachkomme und Vertreter des Lichtgottes auf Erden der Oberste aller Zauberer sein müsse, dem selbst nach seinem Tode ein Dasein höherer Art beschieden sei. Über die Fragen nach dem Wo und Wie? sollte das „Buch“ in den Grabkammern der beschriebenen Pyramiden eine unfehlbare Antwort erteilen.
Im Faijum.
Abseits von dem eigentlichen Nilthale in westlicher Richtung von Mittelägypten gelegen bildet das sogenannte Faijum oder auf gut deutsch „das Seeland“ eine große rings von Höhenzügen der libyschen Wüste umschlossene Oase von etwas mehr als 1200 Kilometer ins Geviert Flächeninhalt. Der Strom der Reisenden, welche Jahr aus Jahr ein die winterliche Pilgerfahrt auf dem heiligen Strome zurücklegen, berührt dies schöne Stück Erde nur selten, das unter sämtlichen Provinzen geradezu als die Perle bezeichnet zu werden verdient. Und nicht die gütige Mutter Natur hat ihr freiwillig diesen Vorzug verliehen, sondern der Mensch vor mehr als viertausend Jahren war es, der die Schöpfung des Faijum ins Leben rief und eine sandige unfruchtbare Oase zu einem Paradiese umwandelte. Wie dies geschehen, das haben die Forschungen der Gelehrten mit großem Scharfsinn nachgewiesen. Bereits um das Jahr 2500 v. Chr. war vom Nilstrome ein wasserreicher Kanal — es ist derselbe, welcher heute den Namen des Josephskanals trägt — in das Sandbecken der späteren Oase eingeleitet worden, um den dürren Erdboden zu befruchten und auf die Wüste die Schlammdecke des Niles auszubreiten. Der Segen des Werkes ließ nicht auf sich warten, denn reiche Ernten lohnten den Fleiß des Landmannes. Es war zugleich ein Triumph der ältesten Kunst des Wasserbaues, diesen Kanal mit einem künstlichen Wasserbecken von gewaltiger Ausdehnung zu verbinden. Die darin infolge der jährlichen Nilüberschwemmungen angesammelte Wassermenge, welcher Schleusenwerke den freien Abzug strahlenförmig nach allen Richtungen hin gestatteten, reichte aus, um das gesamte „Seeland“ zu berieseln und in den Jahren der Not vielleicht dem Nil selbst einen Teil des von demselben empfangenen Geschenkes zurückzugeben. Vom Herodot an bis zum Plinius hin ist das klassische Altertum darüber einig, daß der Mörissee (so nannte man ihn nach einem ägyptischen Worte meri für einen See oder Wasserbecken) ein hervorragendes Wunderwerk sei, das seinesgleichen in der Welt suchte. Der See ist heutzutage vollständig verschwunden und nur seine koptische Bezeichnung jom, d. h. der See, das Meer, in dem heutigen Namen der Provinz Faijum oder Faijom hat die Erinnerung an sein ehemaliges Dasein auch noch im heutigen Ägypten selber bewahrt.
Zu den Vermutungen über die eigentliche Lage des Sees welche von einer Reihe namhafter Gelehrter älterer und jüngerer Zeit ausgesprochen worden sind, ist in den letzten Jahren eine neue getreten, welche besonders in Ägypten selber ein gewisses Aufsehen erregt hat, nachdem die englische Verwaltung des Landes ihr die Berechtigung der Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit nicht hat absprechen können. Ein amerikanischer Kapitän Whitehouse, welcher seit einer Reihe von Jahren seinen Winteraufenthalt in Kairo aufgeschlagen hat, ist infolge eifriger Nachforschungen und Vermessungen an Ort und Stelle zu dem Schlusse gelangt, daß der alte Mörissee seine größte Ausdehnung nach Südost in dem heutigen sogenannten Wadi Rayan gehabt haben müsse, und daß seine Wiederherstellung nur eine Frage des Geldes und der Zeit sei. Die Engländer sind praktische Leute und sie würden hier zu Lande sicherlich nicht den Ideen und Arbeiten des Amerikaners ihre vollste Aufmerksamkeit geschenkt haben, wenn dieselben nicht ihre Begründung in den Thatsachen fänden. Vorläufig ist der Kostenüberschlag zur Herstellung und Füllung des Wasserbeckens von Rayan mittelst eines künstlichen Kanals auf 1700000 Lstr. abgeschätzt worden und nichts steht der Schöpfung des neuen Sees mehr im Wege, sobald die englischen Wasserbaumeister sich überzeugt haben sollten, daß die Anlage zweier Riesenreservoirs, das eine in Nubien zwischen Kalabscheh und Philä, das andere in Ägypten bei Selseleh, sich zu kostspielig oder unausführbar herausstellen sollte. Alle drei Projekte haben den Zweck zu erfüllen, in den Zeiten des tiefen Wasserstandes für das Deltagebiet stets ein erforderliches Quantum von Wasser in Bereitschaft zu halten und durch ein eigenartiges Schleusensystem den Abfluß einer nutzlos vergeudeten gewaltigen Wassermenge in das Meer zu verhindern. Selbst der neue Mörissee des Herrn Whitehouse würde diesen Hauptzweck zu erfüllen haben und seinen verschollenen Vorgänger riesenhaft übertreffen.
Wie dem auch sein möge, das eine steht unbestritten fest, daß der heutige Josephskanal mit seinen Schleusen und verästelten Wasseradern die Rolle des vergangenen Mörissees in glücklichster Weise übernommen hat und daß infolge dessen die moderne Seeprovinz zu den fruchtbarsten Gebieten des ägyptischen Reiches gehört. Ich bedaure aufrichtig, daß es mir erst im Jahre 1892 vergönnt gewesen ist, ihr durch eigene Anschauung auch meinerseits dieses Zeugnis ausstellen zu können, das ihr von allen europäischen Reisenden zugestanden wird.
Der Weg von Kairo nach dem Herzen des Faijum, d. h. der Hauptstadt desselben mit dem Namen Medineh, d. h. „Stadt“, dauert kaum vier Stunden. Nach zweistündiger Fahrt auf der oberägyptischen Eisenbahn bis zu dem Orte El-Wasta tritt für den Reisenden ein Wagenwechsel ein. Man besteigt nach einer Viertelstunde Rast den nach Medineh abgehenden Zug und hat schon auf dem kleinen Bahnhofe von El-Wasta Gelegenheit, sich von der veränderten Lage der Dinge oft in handgreiflichster Weise zu überzeugen. Die europäische Eigenart, welche in Kairo und an sonstigen von unsern Reisenden viel besuchten Plätzen Oberägyptens das arabische Element zurückdrängt, geht bis zur Sprache hin in die Brüche und „der Sohn des Landes“, vom hochmütig sich spreizenden jungen Effendi an bis zum grobkörnigen Fellachen hin, läßt seine berechtigten oder unberechtigten Eigenschaften mit allem Nachdruck des Besonderen den fremden Einwanderer fühlen. Man schreit und ruft, man keift und lärmt, man schiebt und drängt sich durcheinander, man besetzt die Wagen, wie es einem gefällt, bis endlich der Zug ins Rollen kommt und von dem Schaffner eine Sichtung des Ungehörigen in allerletzter Minute vorgenommen wird. Hält der Zug an der nächsten Station still, so beginnt das Schreien und Drängen von neuem und das Lexikon arabischer Liebenswürdigkeit tönt in unsere Ohren: „Friede sei mit dir, Mohammed, wo fährst du hin? — Auch mit dir sei der Friede, ich fahre nach der Stadt, um meinen Esel zu verkaufen. — So sei dir Heil auf der Reise beschieden! — O mein Herrgott! mein Retter und Bewahrer! — Mein Brüderchen, du bist ausgestiegen, ohne deine Fahrkarte abgegeben zu haben. — Hier ist sie, mein Bruder! Möge Gott dich segnen u. s. w.“ schwirrt es durch die stauberfüllte Luft, während alles durcheinander rennt und stürmt, um bald den Ausgang, bald den Eingang von Wagen zu Wagen zu suchen. Auf der Plattform, am Ende der Waggons, fehlt die schützende Brüstung, aber man übersieht schnell dieses Manko, denn ein helles Lachen ergießt sich über den Frengi, welchen es mit Entsetzen erfüllt, daß der hölzerne Fußboden unter ihm klaffende Risse und Öffnungen zeigt, welche die freie Aussicht auf den Schienenweg öffnen, so frei, daß selbst der Staub durch die gähnenden Spalten hindurchwirbelt. Und welcher Staub erfüllt die im Coupé herrschende Atmosphäre! Gesicht und Hände, Kleider und Gepäckstücke, alles ist mit einer grauen Decke überzogen und zahllose Fliegen vermehren die Plagen in dem oberägyptischen Waggon, den unsere europäischen Bahnverwaltungen kaum mehr für reparaturfähig halten dürften. Die Wagen krachen und wanken, daß man seekrank zu werden vermeint, aber lustig geht es vorwärts vom Nil aus über die grüne Fläche mit ihren Dörfern und Herden zu beiden Seiten des Schienenweges, bis nach kaum viertelstündiger Fahrt die Ränder der Wüste erscheinen, welche das Faijum vom eigentlichen Nilthale trennen. Im hellen Sonnenglanze strahlte zur Rechten in kaum einstündiger Entfernung jene merkwürdige Pyramide, welcher die Araber den Namen der Lügen-, d. h. Vexierpyramide, beigelegt haben. Auf den vielfachen Windungen des Niles erscheint sie dem Schiffer auf dem Strome in allen Richtungen der Windrose, als habe sie es darauf abgesehen ihn zu foppen und ihn in die Täuschung zu versetzen, als käme er nicht von der Stelle. Das Grabdenkmal hat erst seit vorigem Jahre eine hohe historische Bedeutung gewonnen, nachdem die Nachgrabungen des findigen Engländers Petrie die Lösung ihres rätselhaften Ursprunges der Wissenschaft geliefert haben. Dreißig Meter tief unter dem Boden der Wüste und dicht vor der Pyramide entdeckte derselbe einen Tempel, dessen Inschriften als ihren Erbauer einen König Snofru nennen, den Vorgänger Königs Chufu-Cheops, den Urheber der höchsten Pyramide von Gizeh. Die Pyramide von Meidum, wie sie heute nach der Bezeichnung des zu ihren Füßen liegenden Dorfes genannt wird, ist somit das älteste Baudenkmal der Welt und mit Ehrfurcht begrüßen wir diesen Markstein am Horizonte aller menschlichen Erinnerungen durch die staubigen Fenster des rollenden Marterkastens.