Der kleine Zug zwängt sich bald durch die künstlichen Einschnitte der Wüste hindurch, bald bewegt er sich frei auf dem flachen Boden derselben, um eine kleine Stunde lang dem Reisenden den Genuß einer sandigen Einöde und ihrer Schrecken zu bieten. Auf dem höchsten Punkte des Plateaus malen sich die grünen Ränder des Faijum in westlicher Richtung am Himmel ab und mit Bequemlichkeit läßt sich die Gesamtausdehnung dieser fruchtbaren Provinz vom Wagen aus überschauen. Allmählich unterbrechen kleine mit Pflanzenwuchs bedeckte Strecken den sandigen Boden, und der Verkehr zeigt sich in allen möglichen Gestalten. Am wenigsten erwünscht erscheinen uns die wandernden Büffel, Rinder, Kamele, Pferde, Esel, Schafe und Ziegen, welche mit ihren Führern und Reitern den Schienenweg vor uns eingeschlagen haben und sicher durch den Eisenbahnzug zermalmt werden würden, wenn nicht der schrille Pfiff der Lokomotive ihnen das Warnungszeichen zum schleunigen Abzug gäbe. Auch darin verleugnet sich der orientalische Charakter durchaus nicht. Niemand pflegt sich weder in den engen Straßen der Städte noch auf offenen Feldwegen umzusehen, um einem vom Rücken aus kommenden Hindernis auszuweichen. Es bedarf erst eines Anrufes von hinten her, um im gegebenen Falle je nach rechts oder links auszubiegen. Dieselbe Erscheinung wiederholt sich selbst in der geschichtlichen Entwickelung der morgenländischen Völker. Was hinter ihnen liegt, kümmert sie blutwenig, und nur der Moment der Gegenwart fesselt ihren geistigen Blick.

Immer deutlicher und zahlreicher werden die Spuren des vegetativen Lebens, wenn es auch zunächst nur vereinzelt stehende Palmen, dorniges Gestrüpp und rohrartige Gewächse sind, die zu beiden Seiten der eisernen Straße den sandigen Boden der Wüste schmücken. Endlich durchqueren wir einen mächtig breiten, 8 bis 10 Meter hohen Erdspalt, durch dessen Mitte sich Wasserstreifen entlang ziehen. Schilfgebüsch, Tamarisken und Strauchwerk aller Art bedecken den feuchten Boden des „Fluß ohne Wasser“ genannten Erdspaltes, dessen Ränder mit aller Deutlichkeit die Ablagerungen eines ehemals mächtigen Stromes erkennen lassen. Der Spalt zieht sich in Windungen an dem westlichen Rande der Wüste entlang und endigt schließlich in nördlicher Richtung, nicht weit vom sogenannten „Hörnersee“ (Birket el-Qurun), jenem langgestreckten Seebecken mit salzigem Wasser, das die westliche Grenze des gesamten Faijum bildet.

Wir lassen die Frage unerörtert, ob wir in diesem „wasserlosen Flusse“ einen Abflußkanal des ehemaligen Mörissees erkennen müssen, der an dem Plateau der Wüste von Hawara und Illahun vorüberzog, auf dessen Höhe wir in etwa ein- und zweistündiger Entfernung vom Schienenwege aus die massigen dunklen Überreste von zwei Pyramiden erkennen. Es sind die riesigen Grabbauten von zwei Königen der zwölften Dynastie, dem vierten und sechsten derselben, welche einst, d. h. vor etwa 4000 Jahren ihre Residenz im Herzen des Faijum aufgeschlagen hatten. Von der Pyramide von Illahun aus hat der Besucher die beste Gelegenheit, die Abbiegung des Josephskanals in die östliche Thalspalte des Faijum in Augenschein zu nehmen. Mehr als irgendwo in der Welt zeigt sich die segensreiche Wirkung des Wassers und nun gar erst des Nilwassers, auf die Fruchtbarkeit des Bodens und wäre es eine Wüstenei, wie an dieser Stelle am Fuße der Pyramide von Illahun. Schon der scheinbar moderne Name Illahun oder, ohne den angefügten arabischen Artikel, Lahun weist auf einen uralten Ursprung der Anlage des Kanals zurück, denn er ist seiner ehemaligen ägyptischen Bezeichnung La-hunet, d. i. „die Mündung des Kanals“ entlehnt, die sich in ihrer griechischen Form in dem Namen des Labyrinths, d. i. Lapi-ro-hinet, „der Tempel der Kanalmündung“ wiederfindet. Thatsächlich lag der vollständig vom Erdboden verschwundene Bau, welcher diesen Namen trug, im Süden der Pyramide von Hawara, mit anderen Worten in der Nähe der Kanalmündung, woselbst es dem Engländer Petrie geglückt ist, den Grundplan des ehemals weltberühmten Gebäudes wiederherzustellen. Doch ich verliere mich in die vergangenen Zeiten und springe von der Gegenwart ab, aber dennoch ist diese unzertrennlich in Ägypten von den mehrtausendjährigen Geschichten, die sich auf dem Boden dieses merkwürdigen Landes abgespielt haben und die dem Modernen gerade einen besonderen Reiz verleihen. Ich weiß wohl, daß ein englischer Diplomat die Äußerung gethan haben soll, daß er das ganze ägyptische Altertum zum Henker wünsche, da es den Grund zu vielen politischen Scherereien abgebe, allein es wird ihm kaum der Trost beschieden sein, seine Meinung von der Mehrzahl seiner eigenen Landsleute geteilt zu sehen. Das heutige Ägypten würde trotz seines Bodenreichtums und seines milden Klimas halber kaum eine besondere Anziehungskraft auf die Tausende von Reisenden ausüben, welche alljährlich ihre Nilreise antreten, wenn nicht seine Altertümer und seine Geschichte einen so mächtigen, selbst poetischen Reiz auf die Phantasie ausübten. Nur von der geschichtlichen Ferne aus gesehen erhält das gegenwärtige Ägypten seinen idealen Wert, gerade wie die Städte und Dörfer im Nilthale nur aus der Ferne betrachtet den Eindruck des Malerischen hervorrufen. In der Nähe lösen sich die Bilder in Schutt, Schmutz, Fetzen und Elend auf und wie Nebelgestalten zerrinnen die zauberhaftesten Lichteffekte vor unsern sehenden Augen zu glanz- und farblosen Tönen.

Die Fahrt hinter dem „Flusse ohne Wasser“ oder dem Bahr-bela-ma, welche in einer kleinen halben Stunde zurückgelegt ist, entschädigt reichlich für die toten Eindrücke inmitten der wenn auch kurzen Strecke durch die Wüste. Das frische Leben voller Saft und Kraft einer mit verschwenderischer Hand spendenden Natur tritt uns an jeder Stelle entgegen, denn soweit das Auge bis zu den Bergzügen am Horizonte, welche den Thalkessel des Faijum einschließen, zu reichen vermag, allenthalben wird es durch den Anblick wundervoll grüner Ebenen mit üppigstem Baumwuchs entzückt. Der Schienenweg durchzieht ein wahres Eden und wir sind überrascht durch die wechselvollsten Bilder einer nichts weniger als ägyptischen Landschaft. Allenthalben fließen die Wasser zwischen den Feldern und Baumpflanzungen und von allen Richtungen her tönt uns das Knarren gewaltiger Wasserräder entgegen. Die Dörfer, aus ungebrannten Erdziegeln aufgeführt, bewahren allein ihren ägyptischen Charakter, nur die Bewohner des gesegneten Ländchens offenbaren in ihren Zügen einen besonderen Typus, der von dem echt ägyptischen bemerkenswert absticht.

Der Bahnhof der Hauptstadt der Oase des Faijum, Medineh, ist endlich erreicht und der Zug fährt in die offene Halle ein, welche ein Holzbau mit Satteldach überschattet. Der Zugang ist durch ein Holzgitter abgesperrt und nach europäischem Muster fordert der Portier an der Thür dem Reisenden die Fahrkarte ab. Wir sind dem stauberfüllten Waggon mit einem „Gott seis gedankt!“ entstiegen und müssen uns nach einem Esel umsehen, um den kurzen Weg nach der Stadt zurückzulegen. Das Grautier ist leichter gefunden als bestiegen, denn die zerlumpten hohen Sättel sind schlecht gegürtet und die Steigbügel, wenn solche überhaupt vorhanden sind, haben ungleiche Länge. Mit Hilfe von zwei Eseljungen sitzen wir endlich im Sattel und haben Gelegenheit, ein wenig aufzuatmen und die Umgebung des Bahnhofs näher zu betrachten. Ein unentwirrbares Knäuel von tausend Dingen, alles in Staubwolken eingehüllt, erschwert die Prüfung der Einzelheiten, nur soviel wird uns klar, daß ein Güterschuppen fehlt und daß der Raum rechts und links von den Schienen zur Aufspeicherung der ankommenden und abgehenden Güter und Waren dient. Der Schienenweg selber bildet auch hier die kürzeste Straße nach der Stadt, und Mensch und Tier wandern lustig neben den rollenden Eisenbahnzügen einher, ohne daß Barrieren oder Bahnwärter für die öffentliche Sicherheit Sorge trügen. Gott ist barmherzig und mit Ihm, dem Retter, läßt sich alles wagen. Wir schlagen den Seitenweg linker Hand ein und begrüßen bald den Josephskanal, auf dessen Rücken beladene Schiffe dahinziehen. Hölzerne Brücken — ein unerhörter Anblick im eigentlichen Nilthale — sind in kurzen Entfernungen über den Kanal geschlagen, der mitten durch die Stadt führt, um am entgegengesetzten Ende derselben an den letzten Häusern vorüberzuziehen. Der Anblick hat hier etwas ungemein malerisches und lohnt allein eine Reise nach dem Faijum. Die dunklen Häuserwände auf der einen Seite des Kanals, die üppige Vegetation, und nicht am letzten, wundervolles Palmengebüsch am andern Ufer sind wie für den Dichter geschaffen und fesseln das entzückte Auge. Und weiter hinaus, neben Feldern, Gärten und Gräberruinen zieht der Kanal seine Straße dahin, um innerhalb eines großen ummauerten Beckens sein Ende zu finden oder vielmehr um als Josephskanal seinen Namen zu verlieren. Schleusen leiten seine angesammelte Wassermenge durch mehrere Kanäle dahin, die über das ganze Faijum ihr Netz ausspannen und dem Hinterlande den feuchten Segen der Fruchtbarkeit zuführen.

Die Stadt selber, man merkt es ihr an, war weder schön noch ist sie es jetzt, der echte morgenländische Charakter haftet ihr an, aber sie scheint sich emporzuringen und ein wenig veredeln zu wollen. Der Wohlstand hat sich einzelne aus weißen Kalksteinblöcken zusammengefügte Häuser geschaffen und das in Medineh angesessene Europäertum, an ihrer Spitze die nie fehlende, überaus thätige, schaffende und schachernde griechische Kolonie, hat sich auch beim Bau ihrer Wohnstätten zu europäischen Mustern emporgeschwungen. Selbst ein Gasthof mit griechischer Firma ist in den letzten Jahren entstanden, und ich kann versichern, daß Zimmer und Verpflegung mehr als bloß bescheidenen Ansprüchen genügen. Die eine Seite des Hauses liegt sogar an einem breiten, aus dem Josephskanal abgeleiteten Wasserbecken, an dessen Rändern männiglich seine Waschungen vollzieht und sich ohne Rücksicht auf die vorüberziehenden Straßengänger in höchster Ungeniertheit unter der Tagessonne badet. Die Bazare der Stadt sind dunkel und schattig, die ausgelegten Waren vermögen nur den Eingeborenen anzulocken und die Käufer sind bei weitem anziehender in ihrem Gebahren beim Kaufen und Feilschen als der Kaufmann und seine Bude. Da sitzen sechs Bauernweiber auf dem Erdboden vor dem engen Laden eines Kastenmachers, klatschen in die Hände und singen Freudenlieder dazu, weil ihr männlicher Beistand soeben den Kauf eines buntangestrichenen Koffers als Hochzeitsgabe für eines der Weiblein abgeschlossen hat. Es ist herzerfreuend derartigen Straßenscenen in unserer verwöhnten Welt zu begegnen, und ich pflege gern stehen zu bleiben, um den Unterhaltungen dieser ungeschminkten Naturmenschen zu lauschen.

Die Leute der Stadt bedienen sich nur bei weiteren Ausflügen des Esels, seltener des Pferdes als Reittier. Die Einführung des Karro oder kleinrädrigen Lastwagens, der natürlich als Hauptstraße den Schienenweg einschlägt, ist jungen Datums, aber geradezu unerhört ist der Anblick eines zweirädrigen Vehikels, auf welchem ein griechischer „Bauunternehmer“ seine Besorgungen in und außerhalb der Stadt zu machen den Vorzug hat. Das Volk auf der Gasse starrt das Wundergefährt mit großen Augen an und äußert darüber sein wohlbekanntes: „Was Gott nicht alles geschehen läßt.“ Der Unternehmer zu Wagen ist nicht der einzige in seiner Art, denn es regt sich mächtig im Faijum und alle Tage treten neue Schöpfungen zu Tage. Der fruchtbare Boden birgt Gold in sich und jede Spekulation zur Ausbeutung desselben trägt ihren reichlichen Gewinn. Sollte man es beispielsweise glauben, daß selbst mit deutschem Gelde und durch deutsche Unternehmer von Medineh aus neue Schienenwege in das Innere des Faijum gebaut worden sind? Das Herz hüpfte mir vor Freude im Leibe, als ich diese Thatsache an Ort und Stelle von allen Seiten bestätigt fand.

Die Stadt Medineh, deren Einwohnerzahl mir aus dem Munde des Herrn Bürgermeisters selber in kürzester Fassung auf 50 — er meinte natürlich 50000 damit — angegeben worden ist, hat wie jede Stadt des Morgenlandes ihre besonderen Merkwürdigkeiten, die dem ankommenden wißbegierigen Fremden gern und willig gezeigt werden. Mit Vorliebe führt man den Wandersmann von draußen nach einer verfallenen Moschee am andern Ende der Stadt, dorthin, wo die schönste Aussicht ist, von der ich oben gesprochen habe. Besagtes Gebäude, vor langem von dem ägyptischen Sultan Kait Bey gegründet, ist mit Hilfe einer Reihe antiker Marmorsäulen nebst ihren Kapitälen aufgeführt worden, die man aus der nahegelegenen Ruinenstätte Arsinoe, der griechisch-ägyptischen Vorgängerin von Medineh, hierher geschleppt hatte. Das wäre allerdings nichts besonders Merkwürdiges, denn ähnliche Verwendungen antiken Baumateriales finden sich in sonstigen Städten des Orients vor, das Merkwürdige vielmehr besteht in einer weißen von grünen Flecken durchzogenen Marmorsäule und ihrem Gegenüber, deren Farbe ich leider vergessen habe. Beide Säulen haben die Eigenschaft eines medizinischen Wunders. Man höre nur. Die Säule Nr. 1, an deren Fuße eine Menge frisch ausgedrückter Limonen liegen, zeigte bis auf 4 Fuß Höhe eine dicke Kruste heruntergelaufenen Menschenblutes. Auf meine Frage nach dem Ursprunge dieses edlen Saftes wurde mir von meinen sämtlichen mohammedanischen Begleitern die verbürgte Erklärung gegeben, daß jene Säule bis zur Stunde die Eigenschaft besitze, jede Art innerer Krankheiten zu heilen. Das Rezept sei folgendes: Man zerdrücke an der Säule eine Limone und lecke so lange auf der benetzten Fläche, bis das klare Blut aus der Zunge an dem Marmor entlang läuft. Die Krankheit weiche danach sofort, wie tausendfältige Kuren bewiesen hätten. Weniger anstrengend ist die Kur an der Säule Nr. 2. Wer von Gliederschmerzen und Rheumatismus geplagt sei, lege den Rücken an die Säule, reibe ihn ein paarmal daran und — probatum est, die Heilung sei augenblicklich vollbracht. Ich lobte und dankte Gott mit den Gläubigen des Propheten und hütete mich wohlweislich, auch nur den mindesten Zweifel an der Heilkraft der beiden medizinischen Säulen auszusprechen.

Die heutige Stadt Medineh an den Wassern des Josephkanals ist die modernste Auflage ihrer älteren und ältesten Vorgängerin Krokodilopolis oder „der Krokodilstadt“, die einer der Ptolemäer nach dem Namen seiner Schwester in Arsinoe umtaufte. Die älteste Stadt befand sich etwa eine halbe Stunde nördlich von dem heutigen Orte, die folgenden Ansiedlungen aus den Zeiten der späteren Pharaonen, der Perser, Griechen, Römer, Kopten und Araber bauten sich in der Richtung nach Süden bis in die Nähe des jetzigen Medineh auf. Die Trümmerstätte aller dieser untergegangenen Städte mit ihren Tempeln, Wohngebäuden, öffentlichen Werken, Säulen, Statuen und allen Erzeugnissen der Kunst und Industrie bis zu den beschriebenen Papyri hin, ist heutzutage von mächtigem Umfang. Ich brauchte volle anderthalb Stunden, um sie in ziemlich schnellem Schritte zu umgehen. Nicht weniger als dreizehn hohe Berge von Schutthaufen, von denen ein jeder seinen eigenen Namen bei den Einwohnern von Medineh führt, erheben sich auf dem mit Scherben und Bauresten bedeckten Boden der Vorzeit und täglich treten neue Funde zu Tage, welche der Zufall oder Ausgrabungen aufdecken. Der Handel mit Altertümern ist daher an Ort und Stelle in Schwung und ich darf mit vollem Rechte behaupten, daß sogar der größte Teil der in den Hauptstädten Ägyptens, besonders in Kairo und Alexandrien, feilgebotenen Antiken, vor allem in Töpferware und Papyri, seinen Ursprung aus dieser Ruinenstätte herleitet. Daß seltsame Verwechselungen bei der Abschätzung der gewonnenen Funde vorkommen, mag folgendes Beispiel lehren. Bei meinem Besuche der Ruinen näherten sich meiner Person zwei wohlgekleidete Bürger in langem Kaftan und weißem Turban, von denen der jüngere in seiner Hand einen zierlich in ein weißes Tuch eingewickelten Gegenstand trug. Nach gegenseitiger Begrüßung machten sie mir den Vorschlag, gegen eine Barzahlung von 10 Pfund Sterling in Gold, das sind 200 Mark, eine in ihrem Besitze befindliche höchst wertvolle Antike zu erwerben. Es fehlte wenig, daß ich in ein helles Lachen ausgebrochen wäre, nachdem es sich herausstellte, daß der teure Schatz aus ältester Vorzeit nichts mehr und nichts weniger als die Hälfte eines zerbrochenen kleinen Porzellanengels war, wie man ihn auf unsern Jahrmärkten für 10 Pfennige erstehen kann. Ich bedauerte mit verbindlichstem Danke keine Verwendung für das seltene Kleinod zu haben und wir segneten uns beim gegenseitigen Abschied voneinander. Derartigen Mißgriffen begegnet man häufig bei den Eingeborenen, ohne daß man bei ihnen beabsichtigte Täuschung voraussetzen dürfte. Es fehlt ihnen aber jede Vorbildung, um den Unterschied zwischen Altem und Modernem heraus zu erkennen, sobald es sich um Gegenstände außerhalb ihrer gewöhnlichen Anschauungssphäre handelt. Da lobe ich mir Meister Mahmud in der ehrsamen Stadt Medineh, den lustigsten aller Antiquare, den ich je in der Welt gesehen. Sein Haus, inmitten der Stadt gelegen, ist eine wahre Fundgrube für den Altertumsforscher, denn alles, was dem Bauernvolke und den Städtern auf der weit ausgedehnten Ruinenstätte an Antiken in die Hände fällt, wandert sofort in das Museum Meisters Mahmud. Es ist wahr, der biedere Mann kann weder schreiben noch lesen, aber er hat einen ausgezeichneten Kennerblick für das Echte und Gute und hält die ganze ägyptische Mythologie wie am Schnürchen. Freilich hat er sich seine eigene Terminologie zurechtgelegt, aber man versteht sie, sobald man nur eine halbe Stunde mit ihm verkehrt hat. Allerdings sind seine Sammlungen nicht geordnet, denn die Antiken bedecken haufenweise den Fußboden und die langen Tischbretter, aber er weiß die Hauptsachen mit seinen zwickernden Augen zu finden und herauszufischen und den uneingeweihten Reisenden nebenbei durch sein scheinbar unverfängliches Wesen arg zu täuschen. Zwischen den echten Dingen blenden wunderbar glänzende Nachahmungen durch ihre seltsamen Darstellungen in Begleitung uralter Königsnamen und gerade für diese Werke der modern arabischen Kunstfertigkeit findet Mahmud die meisten Abnehmer zu den höchsten Preisen. Natürlich giebt er vor, nichts darüber zu wissen, aber er verrät sich selber, denn ein schelmisches Lächeln umspielt seinen Mund, wenn er einen willigen Käufer gefunden zu haben glaubt. Das gehört einmal zum Leben der Großstadt, zu welcher das moderne Arsinoe emporzusteigen ganz ernste Anläufe nimmt. Wie wäre es z. B. sonst möglich, daß über vielen Kaufläden und Hausthüren Schilder mit Namen und Titeln prangen, die neben dem Arabischen die Umschrift und Übersetzung in das Französische und Englische erkennen lassen, obgleich ich keinen einzigen Franzosen und Engländer, nicht einmal eine englische Rotjacke, in Medineh zu Gesicht bekommen habe. Offenbar bereitet man sich für die Zukunft vor, ohne sich vorläufig weder für den einen, noch für den anderen zu entscheiden.

Es hält schwer in der ersten Nacht seines Weilens in Medineh sich eines ruhigen Schlafes zu erfreuen, denn die Wasser rauschen, die Schöpfräder knarren, die Hunde bellen und die Wächter führen so laute Unterhaltungen vor den Häusern, daß es ein wahres Kunststück ist, die Augen in den ersten Stunden der Nacht schließen zu können. Die nächtliche Kühle macht sich hier mehr als sonst in dem Lande der Ägypter fühlbar und es empfiehlt sich daher, sich durch warme Decken zu schützen. Das Klima ist im übrigen vorzüglich, die Sommerhitze nicht übermäßig stark und die heißen Südwinde, die sogenannten Chamsin, sind ein unbekanntes Ding. Haben die Leute von Stande, mit denen ich zu verkehren Gelegenheit fand, wahr geredet, so wären ansteckende Krankheiten, wie Cholera und Pest, niemals in das Faijum eingezogen. Ob auch die Influenza vor Illahun Halt gemacht hat, habe ich nicht erfahren können, obgleich sie im ganzen Nilthale, wenn auch in milder Form, vorläufig wenigstens, bei Jung und Alt aufgetreten ist. Rechnet man noch die Rosengärten, Weinberge und Obstbaumanpflanzungen zu den Wohlthaten der menschlichen Existenz, so ließe es sich im Faijum herrlich und in Freuden leben. Vorläufig hat der Zug der Reisenden sich bisher wenig nach dem Faijum gelenkt. Gewöhnlich sind es die Jagdliebhaber, welche die Richtung über Medineh nach dem Hörnersee einschlagen, um Hyänen, Schakale, Luchse, wilde Katzen oder sonstiges Raubzeug zu schießen, oder auf Wasservögel zu jagen und die wohlschmeckenden Fische im See zu fangen, die mit den Nilfischen keinerlei Verwandtschaft zeigen sollen. Soll ich vollständig in meinem Berichte über das Faijum sein, so darf ich nicht vergessen, daß sogar die Aussprache des Arabischen für mein Gehör dialektische Verschiedenheiten von der Kairenser Sprache darbietet und daß, nebenbei bemerkt, die Bewohner des Faijum sich einer Redefülle befleißigen, die mit frommen und erbaulichen Phrasen gespickt ist. In den Gebräuchen bei öffentlichen Aufzügen, wie bei Hochzeiten, Beschneidungen und Bestattungen offenbaren sich gleichfalls Verschiedenheiten von den Sitten bei den übrigen Ägyptern. Alles in allem lohnt es sich, einen Abstecher nach dem Faijum von Kairo aus zu unternehmen, um sich von der Eigenart dieser Oase und ihrer Bewohner durch den Augenschein zu überzeugen. Wer den Versuch machen will, wird sich reichlich belohnt fühlen, doch vergesse er nicht, sich mit ausreichenden Geldmitteln zu versehen. Auch im Faijum giebt es keine billige Zeit mehr und an den gesegneten Ufern des Josephskanals kennt man so gut wie in Kairo nur hohe und höchste Preise. Der Fremde ist eben nur dazu da, um weidlich ausgeplündert zu werden.