Durch manche Besorgnisse, die der Gang der politischen Ereignisse in ihm weckte, fühlte sich Wieland bewogen, seine Abreise zu beschleunigen. „Der Krieg“, schrieb er, „hat sich nun von den Ufern des Rheins und Neckars bis in's Herz von Deutschland gezogen. Alles weicht dem unaufhaltsamen Strom, und es fehlt hier nicht an Gerüchten, die uns auch für die Reiche von Thüringen und Sachsen bekümmert machen könnten, wofern es den Westfranken vielleicht Ernst seyn sollte, allen freiwilligen sowohl als gezwungenen Theilnehmern an dem Göttern und Menschen verhaßten Kriege ihre schwere Hand fühlen zu lassen. Haben nun auch die Zeitumstände mich die Wonnetage, die ich mir von meinem hiesigen Aufenthalt versprach, nicht so rein genießen lassen, als ich wohl gewünscht hätte, so ist doch einer von den Hauptzwecken meiner Reise erreicht. Ich befinde mich ungemein wohl, und wenn der gute Genius, der meine Reise von Weimar nach Zürich begünstigte, mich auch von Zürich nach Weimar zurückgeleitet, so darf ich hoffen, die guten Folgen derselben für meine Gesundheit und die Munterkeit meines Geistes noch mehrere Jahren zu verspüren.“

Am 15. September 1795 meldete Wieland, daß er letztverwichenen Sonntag um zwei Uhr Nachmittags mit seiner lieben Reisegesellschaft gesund und wohlbehalten in Weimar angekommen sei. „Sein guter Genius“, schrieb er, „habe es so geleitet, daß er auf der ganzen Route über Stuttgart, Heilbronn, Schwäbisch-Hall, Anspach, Nürnberg, Bamberg, Coburg und Saalfeld keinen Franzosen zu Gesicht bekommen, auch nirgends kaiserliche Truppen angetroffen, auf keiner Post länger als eine Stunde aufgehalten worden sei, daß er seine aus Vorsicht mitgenommenen deutschen und französischen Pässe auch nicht ein einziges Mal nöthig gehabt, und mit Einem Worte so ruhig und bequem gereist sei, als ob überall Friede wäre.“

Sein Aufenthalt in der Schweiz hatte ihm das Landleben von einer so anmuthigen Seite gezeigt, daß ihm, der, nach seinem eignen Geständniß, „gern wie Horaz, durch's Leben weggeschlichen wäre, und der nichts mehr haßte als Stadt-, Hof- und Weltgetümmel“, sich oft der sehnsuchtsvolle Wunsch aufdrang, in ländlicher Zurückgezogenheit, der Natur, sich selbst und den Seinigen leben zu können. Die Achtung und Neigung fürstlicher Gönner, die Freundschaft mancher vorzüglichen Männer, die Weimar damals in sich versammelte, hätten ihn in jenem Entschluß wankend machen können. Oft aber ergoß sich Wieland in bittere Klagen, daß er bei aller Muße doch ein sehr zerstückeltes Leben führe, mit Unterbrechungen durch Besuche von Einheimischen und Fremden. Sein Zartgefühl für das Schickliche versetzte ihn in eine sehr unmuthige Stimmung, wenn er von Fremden im Schlafrock und in der Nachtmütze überrascht ward. Trostlos machte ihn besonders die Vorstellung, daß seine arglos hingeworfenen Aeußerungen von solchen Besuchenden aufgefangen und öffentlich bekannt gemacht werden könnten. All' diesem Ungemach glaubte er in einer ländlichen Zurückgezogenheit zu entgehen, die ihm überdieß manchen Lieblingsplan, der seinen Geist beschäftigte, auszuführen vergönnte. Ernstlich dachte er längere Zeit daran, seinen bisherigen Aufenthalt in Weimar mit einem freundlichen Landhause bei Hohenstädt, unweit Grimma, zu vertauschen. Viel Lockendes hatte für ihn die Idee, dort seines Freundes Göschen Nachbar zu werden. Seine Verhältnisse zum Weimarischen Hofe nöthigten ihn indeß, diesen Plan wieder aufzugeben.

Den Aufenthalt in dem unweit Weimar gelegenen Rittergute Tannrode malte sich Wielands Poesie mit den glänzendsten Farben aus. Ueber den Ankauf dieses Gutes, das der Familie von Egloffstein gehörte, pflog er Unterhandlungen. Er nannte es in einem seiner Briefe ein ächtes Horazisches Sabinum. „Ich schmeichle mir“, schrieb er, „wenn ich erst in meinem alten Schlößchen Tannrode etablirt seyn werde, in der herrlichen Luft und der schönen Natur, die mich dort umgeben wird, neue Munterkeit und Kraft zu meinen Geistesarbeiten zu erhalten.“ Diese Idee gab Wieland jedoch wieder auf. Er entschloß sich zu dem Kauf des unweit Weimar gelegenen Gutes Osmanstädt für die Summe von 22,000 Thalern. Diese Summe glaubte er theils durch den Verkauf seines Hauses in Weimar, theils durch ein etliche Jahre verzinsliches und nach und nach abzutragendes Capital decken zu können, das er durch Vermittlung seines Freundes Göschen zu erhalten hoffte.

Mit manchen Hindernissen hatte Wieland, da Göschen's Antwort ablehnend ausfiel, noch zu kämpfen, ehe er seinen Lieblingswunsch realisiren konnte. Seinen Credit in Weimar wollte er nicht benutzen. „Davon bin ich ziemlich überzeugt“, schrieb er, „wenn alle andern Stricke reißen sollten, der Herzog würde mich nicht in der Noth stecken lassen. Aber ich habe mehr als Eine Ursache, zu diesem heroischen Mittel, nur im äußersten Nothfall zu concurriren. In einem Briefe an Göschen äußerte Wieland: „Hören Sie, lieber Freund, wie ich glaube, daß meine Angelegenheit, ohne daß Ihnen oder mir zu wehe dabei geschieht, arrangirt werden könnte; denn ganz kann ich Sie freilich nicht aus dem Spiel lassen, so sehr ich's auch thun zu können wünschte. Sie sind nun einmal, weil Sie es selbst so gewollt haben, mein Verleger, und müssen es seyn und bleiben, dafür ist kein Rath.“ — Nachdem Wieland nun das Honorar für die neue Ausgabe seiner Werke auf 7000 Thaler festgesetzt hatte, schloß er seinen Brief an Göschen mit den Worten. „Warum ich Sie bitte, ist, daß ich auf künftigen Michaelistag 4000 Thaler von Ihnen zu empfangen sicher rechnen könnte.“

Wie wohl sich Wieland fühlte in seinem „Osmantinum“ oder seiner „Oberinstädtischen Retraite“, wie er sein ländliches Asyl mitunter nannte, schilderten mehrere seiner damaligen Briefe. Am 25. April 1797 hatte er dort, nach abgeschlossenem Kauf, seinen Einzug gehalten. Ein Vierteljahr später, den 25. Juli, schrieb er: „Mir ist, als ob gar keine andere Art zu existiren für mich möglich sei, und die Weimarischen Propheten, die als ganz unfehlbar voraussahen, daß ich mich gar jämmerlich auf dem Lande und vis à vis de moi même langweilen würde, bestehen mit Schande. Auch sperren sie die Augen mächtig darüber auf, daß ich so heiter und vergnügt aussehe, und können sich daß Phänomen gar nicht erklären. Ich hingegen begreife das Wunder sehr gut, und in der That ungleich besser, als wie ich die vier und zwanzig Jahre, die ich in Weimar gelebt, noch so leidlich habe aushalten können. Landluft, unverkünstelte Natur, viel Gras und schöne Bäume, äußere Ruhe und freie Disposition über mich selbst und meine Zeit — das Alles zusammengenommen ist, so zu sagen, mein Element, so gut, wie die Luft des Vogels und das Wasser des Fisches Element ist; und es geht also ganz natürlich zu, daß ich darin gedeihe.“

Wieland war damals unerschöpflich im Lobe des Landlebens, das, wie er glaubte, sehr wohlthätig auf seinen Gesundheitszustand einwirke. Er schrieb darüber den 19. December 1797 einem Freunde: „Das Angenehmste ist, daß ich in diesem veränderlichen, dumpfen und schlackrigen Winter eine über alle Menschenerwartung hinausgehende Probe über meine Leibesconstitution mache. In der Stadt würde ich mich in diesen verwichenen acht Wochen wahrscheinlich ziemlich schlecht befunden haben; hier in meinem Hause zu Osmanstädt befinde ich mich ununterbrochen wohl und munter, arbeite an meinem Schreibtisch mit Succeß, habe, ungeachtet ich wenig an die Thür komme, guten Appetit, und schlafe weit besser, als ehemals. Alles dies entscheidet, wenigstens was mich betrifft, den Vorzug des Landlebens vor dem Stadtleben, nichts von den negativen und passiven Vorzügen zu gedenken, welche die Landmaus beim Horaz gegen ihre Freundin, die Stadtmaus, geltend macht. Nebenher thut mir auch das Bewußtseyn wohl, daß ich meinen Garten bereits in einen merklich bessern Zustand versetzt habe. Ueber dreihundert Bäume habe ich gepflanzt, von deren größerem Theil, wenn sie gut durch diesen Winter kommen, ich wenigstens die ersten Früchte zu erleben hoffen kann; und das, was ich auf Cultur und Verbesserung verschiedener, nach und nach durch Verwahrlosung in Abnahme gekommener Parthien bereits gewandt habe und noch verwenden werde, wird schon im künftigen Jahre so auffallend seyn, daß, wer mich wieder besucht, sich in ein kleines Paradies versetzt zu sehen glauben wird.“

Unter den erwähnten ländlichen Beschäftigungen war Wieland seinen literarischen Arbeiten nicht untreu geworden, obgleich manche darunter ihm so viel Beschwerden und Verdruß bereiteten, daß er sehnlich wünschte, sich ihrer entledigen zu können. Den „deutschen Merkur“ würde er, wenn er den mäßigen Gewinn, den ihm diese Zeitschrift abwarf, hätte entbehren können, zuerst aufgegeben haben. Sehr unwillig ward er mitunter über die reichlichen Zusendungen schlechter Verse und anderer mittelmäßiger Produkte. Besonders ward Wielands Zeit zerstückelt durch die Beantwortung zahlreicher Briefe, die aus allen Gegenden Deutschlands an ihn gelangten. In dieser Beantwortung war er freilich mitunter so saumselig, daß er die deshalb ihm gemachten Vorwürfe wohl verdient zu haben glaubte, und sich selbst bisweilen noch schärfer tadelte. Wielands Humor, der ihn nie ganz verließ, gab ihm einst eine öffentliche Erklärung ein, durch die er den zu häufigen und werthlosen Manuscriptsendungen vorbeugen wollte.

„Verschiedene, welche mich,“ schrieb er, „mit allerlei theils versificirten, theils prosaisch-poetischen Aufsätzen, Idyllen u. dgl. für den Merkur zu beschenken die Gewogenheit hatten, setzen mich in eine Art von Verlegenheit, deren ich gern auf immer überhoben zu seyn wünsche. Ihr geneigter Wille verdient Dank; aber es entsteht hier eine leidige Collision von Pflichten, deren Effekte weder ihnen noch mir angenehm seyn können. Einige scheinen von der Güte ihrer Producte so überzeugt zu seyn, daß man ihnen, ohne Beleidigung, weder sagen, noch zu verstehen geben kann, man sei anderer Meinung. Andere sind zwar bescheidener, geben sich blos für Anfänger aus, bitten um Nachsicht, oder daß man ihnen ihre Lection corrigiren, oder ihnen wenigstens sagen möchte, ob sie zur Dichterei berufen seien oder nicht. Aber sie bringen das mit einer so sichtbaren Erwartung eines höflichen, d.i. ihrer Eigenliebe schmeichelnden Bescheides vor, daß man's kaum über's Herz bringen kann, ihnen durch eine ehrliche Antwort wehe zu thun. Hierzu kommt noch, daß unser einer — der von einem solchen jungen Candidaten des Musenpriesterthums gefragt wird: Meister, was soll ich thun? und ihm nach seinem Gewissen die Antwort werden läßt: Alles, lieber Freund, nur keine Verse machen! — sich darauf verlassen kann, daß der junge Aspirant diese Antwort geradezu für einen Beruf annehmen wird, sich nun erst recht auf's Versemachen zu legen. Denn — sagt er zu sich selbst — meine Verse müssen doch wohl gut seyn, weil Wieland sich fürchtet, daß ich ihn ausstechen werde, und mich also gleich an der Schwelle des Musentempels gern zurückschrecken möchte. — Wie könnte der arme Verfasser des Winter- und Sommermährchens sich unterstehen, einem solchen Rivalen etwas Unangenehmes zu sagen? Der junge Mann würde natürlicher Weise denken müssen, es verdrieße Wieland nur, sich in Leichtigkeit der Verse und guter Art zu erzählen, übertroffen zu sehen. Das will ich denn auch dem jungen Dichter hiermit ohne Widerrede zugestanden haben. Nur der Merkur ist kein würdiger Schauplatz für solche Originalwerke. Mein unmaßgeblicher Rath ist, sie besonders, und um des Effects willen, auf prächtigem holländischen Papier, mit Kupfern von Chodowiecky, abdrucken zu lassen. Der Verfasser wird an der Wirkung sein Wunder sehen! Jetzt ist gerade der rechte Zeitpunkt, wo die Nation für solche Werke Sinn hat, denn man sieht ja, wie gut sie den Oberon aufgenommen, der doch nur auf schlechtem Papier, und ohne Kupfer von irgend Jemand, sein Fortkommen in der Welt suchen mußte.“

Ein anderes Ungemach, worüber Wieland sich oft bitter beklagte, erwuchs ihm aus den zeitraubenden Correcturen, die er zwanzig Jahre hindurch allein besorgt, und erst 1793 sie einem Hausgenossen, einem Candidaten der Theologie, Lütkemüller mit Namen, übertragen hatte. Mit Unmuth äußerte sich Wieland oft über das unleserliche Manuscript. Jeder Gelehrte und Schriftsteller, äußerte er, sollte eine leserliche Hand schreiben, das könne man mit Fug und Recht fordern; sonst müsse er seine Druckschriften von einem seiner Hand kundigen Schreiber gut copiren lassen. Dergleichen Verdrießlichkeiten, gegen die er durch lange Gewohnheit hätte gleichgültig werden sollen, erzeugten in ihm sogar den Gedanken, die Herausgabe des „deutschen Merkurs“ aufzugeben, ungeachtet dies Journal für ihn bisher keine unbedeutende Erwerbsquelle gewesen, und von talentvollen Köpfen, unter andern seit 1785 von Reinhold, und seit 1788 von Schiller durch gehaltvolle Beiträge unterstützt worden war.