Am 26. November 1798 theilte Wieland seinem Freunde Göschen die Nachricht mit, daß der „deutsche Merkur“ mit dem December aufhören werde. Vierzehn Tage nachher widerrief er jedoch diesen Entschluß, und erklärte sich für die Fortsetzung seines Journals, wenigstens bis zum Schluß des Jahrhunderts. Der Rath seiner Freunde mochte ihn zu diesem Entschluß gebracht haben, von welchem ihn ein Blick auf den damaligen Zustand der deutschen Literatur zurückgeschreckt hatte. Die Kantische Philosophie, die ihm durch Reinholds Bemühungen, ihre Principien immer allgemeiner zu verbreiten, nicht unbekannt hatte bleiben können, äußerte ihren Einfluß auf alle wissenschaftliche Forschungen. Unverkennbar war besonders der Einfluß jener Philosophie auf die neuere Aesthetik, an deren Stelle jetzt eine Geschmackscritik treten sollte. Dagegen hatte Wieland im Wesentlichen nichts einzuwenden. Aber die neue philosophische Schule, die sich aus der Kantischen gebildet, schien ihm eine gänzliche Umgestaltung der Aesthetik herbeizuführen, seit man angefangen hatte, sie auf die Grundideen der Fichte'schen Wissenschaftslehre zu reduciren. Dies war besonders von Schiller in den „Horen“ geschehen. Mit wachsender Besorgniß sah Wieland an die Stelle ruhiger Untersuchungen eine neue Sturm- und Drangperiode treten, und wie in der politischen Welt, schien auch im Gebiet der Aesthetik eine Art von Terrorismus vorherrschend werden zu wollen. Auf's Heftigste erregt ward die Leidenschaft der verschiedenen Partheien durch die in dem Schillerschen Musenalmanach vom Jahr 1797 gedruckten „Xenien.“

Die Verfasser dieser Epigramme, Goethe und Schiller, waren Wielands Freunde. Seiner Verehrung Goethe's ist bereits früher gedacht worden. Schillers Talenten jedoch hatte Wieland anfangs nicht volle Gerechtigkeit widerfahren lassen in einer ziemlich harten und fast unbilligen Beurtheilung einiger Scenen des „Don Carlos“, welche Schiller in der „Thalia“ mitgetheilt hatte. Wielands Urtheil enthielt ein Brief vom 6. März 1785. „Ich kann irren,“ schrieb er, „jedenfalls aber spreche ich nach meiner innigsten Ueberzeugung, wenn ich sage, daß ich weder die Charaktere in diesem Stück richtig gezeichnet, noch die Leidenschaften mit Wahrheit dargestellt finde; daß ich auch dann, wenn ich zugeben könnte, daß es einem Tragödienschreiber, der seine Personen aus dem sechzehnten Jahrhundert an dem Hofe König Philipps II. nimmt, erlaubt sei, sie in ideale Phantasiegeschöpfe zu verwandeln, doch die psychologische Wahrheit nicht selten an ihnen vermisse, ohne welche sie allenfalls, wenn man will, schöne Carricaturen seyn mögen, aber doch immer nur Carricaturen sind; daß ich ziemlich häufig auf Gedanken und Ausdrücke gestoßen bin, die, meinem Gefühl nach, bald schwülstig, bald zur Unzeit witzig, bald sonst unschicklich und der redenden Person nicht anständig sind; und daß überhaupt die Sprache in diesem Stück sehr weit davon entfernt ist, was nach meinem von Sophokles und Racine abgezogenen Ideal die schöne Sprache der Tragödie seyn soll.“

Ungeachtet dieser strengen Critik, die ihm eine unmuthige Stimmung eingegeben haben mochte, ward Schiller, als er einige Jahre später (1787) nach Weimar kam, von Wieland mit väterlicher Zuneigung empfangen. „Wir werden schöne Stunden haben,“ schrieb Schiller; „Wieland ist jung, wenn er liebt.“ Ein freundschaftliches Verhältnis zwischen beiden Dichtern dauerte fort, und ward noch fester geknüpft durch Schillers Beiträge zum „deutschen Merkur.“ Im December 1787 eröffnete Wieland dem Publikum die Aussicht, daß „Schiller mit dem nächsten Jahrgange vielleicht jedes Monatsstück mit einem Aufsatze seiner Hand zieren werde, die schon in ihren ersten Versuchen den künftigen Meister verrathe, und nun, da sein Geist den Punkt der Reise erreicht habe, die Erwartung rechtfertige, die sich das Publikum von dem Verfasser des „Fiesko“ und des „Don Carlos“ zu machen Ursache gehabt habe.“ Wieland fügte hinzu: „Da ich selbst vom Mittelpunkt des Lebens schon einige Jahre herabsteige, und täglich mehr Gelegenheit finde, an mir selbst zu erfahren, wie wahr das Virgilische: Facilis descensus Averni in mehr als Einem Sinne ist, so gereicht es mir zu nicht geringer Ermunterung, diesen vortrefflichen jungen Mann an meiner Seite zu sehen; und mit solcher Unterstützung darf ich sicher hoffen, den deutschen Merkur seinem ersten gemeinnützigen Zwecke in Kurzem auf eine sehr merkliche Art näher zu bringen.“

Mehrere Stellen in Wielands damaligen Briefen sprachen für seine Anerkennung und Hochachtung Schillers. Mit liebenswürdiger Bescheidenheit weigerte sich Wieland, für den „historischen Calender“, den Schiller damals herausgab, das Leben des Cardinals Richelieu zu schildern. Er wollte nicht mit Schiller in die Schranken treten, der für jenen Calender seine „Geschichte des dreißigjährigen Kriegs“ lieferte. „Diese Geschichte,“ schrieb Wieland, „hat so viele Leser gehabt, als es in dem ganzen Umfang unserer Sprache Personen giebt, die auf einigen Grad von Cultur des Geistes Anspruch zu machen haben. Von einem Schriftsteller verfaßt, dessen frühere Werke in der dramatischen Dichtkunst sowohl, als in derjenigen, die sich mehr dem Gebiet der historischen Muse nähert, große Erwartungen von dem, was sein Geist in dem Zeitpunkt seiner Reise leisten könnte, erweckt hatten, übertraf sie selbst diejenigen, zu welchen man sich durch seinen ersten Versuch in dem historischen Fache berechtigt hielt; einen Versuch, der bereits alles, was unsere Literatur in dieser Hinsicht aufzuweisen hatte, hinter sich zurückließ, und natürlicher Weise in Allen, denen der Ruhm der Nation nicht gleichgültig ist, den Wunsch erregen mußte, daß ein Schriftsteller, der bei seinen ersten Schritten in dieser neuen Laufbahn ein so entschiedenes Talent gezeigt hatte, sich zu einem Platze neben Hume, Robertson und Gibbon emporzuschwingen, sich, wo nicht gänzlich, doch hauptsächlich, der Geschichte unseres Vaterlandes widmen möchte.“

Mit diesem Urtheil war es Wieland Ernst, und das Verhältnis zwischen ihm und Schiller erhielt sich in der ursprünglichen Reinheit, wie es der Letztere mehrere Jahre zuvor (1787) durch die Worte bezeichnet hatte: „Mit Wieland bin ich ziemlich genau verbunden, und ihm gebührt ein großer Antheil an meiner jetzigen Behaglichkeit, weil ich ihn liebe, und Ursache habe zu glauben, daß er mich auch liebt.“ Schillers Gesinnungen gegen Wieland, wenn sich auch seine ästhetischen Ansichten geändert hatten, waren dieselben geblieben. Wieland dagegen schien ihn mit einer Art von Neid zu betrachten. Die Anzeige der neuen Ausgabe seiner Werke, von denen die erste Lieferung erschienen war, hatte er mit den Worten begleitet: „Wäre es auch nur, damit man uns nicht gar über den neu erschienenen Horen aus dem Gesicht verliert, die jetzt die allgemeine Aufmerksamkeit beschäftigen, und in der Allgemeinen Literaturzeitung so pompös angekündigt und so hyper-pompös recensirt worden sind.“

Weder in den „Horen“, noch in den „Xenien“ war Wieland in Vergleich mit andern Schriftstellern auf eine Weise angegriffen worden, die ihn hätte veranlassen können, sich persönlich zu beklagen. Nur in einem Anflug übler Laune hatte er sich durch einige Xenien (Göschen an die deutschen Dichter, Peregrinus Proteus u.a.) verletzt fühlen können. Der Tadel war meistens weniger gegen ihn, als gegen seine Nachahmer, besonders den Rector Manso in Breslau, gerichtet. Aber der Ton, der in jenen Epigrammen herrschte, und der Uebermuth, der sie charakterisirte, war Wielands Urbanität zuwider. Er glaubte, seine Meinung darüber öffentlich aussprechen zu müssen, und wählte dazu die Form des Dialogs, der ihm gönnte, den schärfsten Tadel auszusprechen, und sich doch zugleich den Schein zu geben, als vertheidige er die Verfasser der „Xenien.“ Er bezweifelte sogar, daß sie, ungeachtet des allgemeinen Gerüchts, aus Schiller's und Goethe's Feder geflossen seyn könnten. Die bedenkliche Frage, wie diese Epigramme in den Musenalmanach gekommen wären, suchte Wieland mit einer seinen satyrischen Wendung dadurch zu erklären, daß Schiller, aus Mangel an Zeit, das Ordnen seiner Distichen nicht selbst besorgt habe. „Das Geschäft,“ schrieb Wieland, „kam zur bösen Stunde in die Hände irgend eines jungen, lebhaften, von Witz und Muthwillen strotzenden, für Goethe und Schiller enthusiastisch eingenommenen Kunstjüngers, welcher der Versuchung nicht widerstehen konnte, diese Gelegenheit zu benutzen, und — vielleicht weniger in der Absicht, sich ein Verdienst um seine magnos amicos zu erwerben, als um sie zu rächen, und ein schreckliches Exempel an ihren Widersachern zu statuiren — in aller Stille eine gute Anzahl derber, handfester Distichen von seiner eignen Fabrik hinzuthat. Das in den parvum amicum gesetzte allzu große Vertrauen wäre denn also das Einzige, was dem Herausgeber des Almanachs zur Last gelegt werden könnte, und wofür er durch den häßlichen Spuk, den die „Xenien“ machen, mehr als zu viel bestraft ist. Wer weiß, welches Meisterwerk, das uns allen Freude machen wird, ihn damals beschäftigte, als er dem jungen Brausekopf die Sorge für seinen Musenalmanach überließ, und sich dadurch unwissend manchen bittern Augenblick bereitete.“

Unter dieser schonenden Wendung verbarg Wielands Ironie seine wahre Meinung, die er in einem Briefe an Göschen vom 29. November 1796 mit den Worten aussprach: „Ich habe wenig Freude daran, wenn Männer, wie Goethe und Schiller, der Welt eine solche Farce geben, und durch einen Muthwillen, der in ihren Jahren kaum verzeihlich ist, sich selbst eine pöbelhafte Behandlung zuziehen. Ich möchte eher darüber weinen, als lachen. Ueber die ihm gesandten Gegen-Xenien, die der Buchhändler Dyk in Leipzig verfaßt hatte, schrieb Wieland: „Ich werde mich wohl hüten, dieses von der Pleiße zu uns herüberschallende Echo hier Jemand mitzutheilen; ich fürchte jedoch, es wird ohne mich bekannt genug werden.“ In einem spätern Briefe vom 5. December 1796 äußerte Wieland: „Das hätten die Herren Götterbuben, um mit dem Verfasser des Ardinghello zu reden, doch voraussehen sollen, daß man beschmutzt wird, wenn man sich zum Spaß mit Gassenbuben herumbalgt.“

Wielands Unmuth über die „Xenien“, die er seinen Freunden geraume Zeit nicht verzeihen konnte, erhielt neue Nahrung durch die Reform im Gebiet der Aesthetik, die damals von den Brüdern August Wilhelm und Friedrich Schlegel ausging. Ein patriotisches Interesse schien es nicht zu seyn, was ihre vereinten Bemühungen leitete, der deutschen Poesie einen neuen Schwung zu geben. Sie begünstigten vielmehr die poetischen Formen des Auslandes, und suchten durch Uebersetzungen und Nachbildungen eine neue Dichterschule zu begründen, die der romantischen Poesie vorzugsweise das Wort redete. Gewohnt, das Schöne und Gute überall anzuerkennen, wo er es fand, war Wieland jenen Bestrebungen nicht abgeneigt. Er erinnerte sich, daß er einst selbst ähnliche Wege betreten hatte, und erkannte daher das Fortschreiten einer jüngern Generation gern an. Was ihm aber keineswegs behagte, war der polemische Ton, durch den die Häupter der romantischen Schule die von ihnen aufgestellten Principien geltend zu machen suchten. Schonungslos griff eine von den Gebrüdern Schlegel herausgegebene Zeitschrift, „Athenäum“ betitelt, seit dem Jahr 1798 alles an, was die „Xenien“ noch verschont hatten. Auch Wieland entging diesem Schicksal nicht durch eine, späterhin von ihm selbst als voreilig erklärte Aeußerung in der Vorrede zu seinen sämmtlichen Werken. „Seine beinahe ein halbes Jahrhundert umfassende Laufbahn“, schrieb er dort, „habe begonnen, da eben die Morgenröthe unserer Literatur vor der aufgehenden Sonne zu schwinden angefangen, und er beschließe sie, wie es scheine, mit ihrem Untergange.“

Unter mehrern Angriffen, die seitdem von den Häuptern und Anhängern der romantischen Schule gegen das sogenannte goldene Zeitalter der Literatur gerichtet wurden, befand sich auch im zweiten Bande des „Athenäums“ eine gegen Wieland gerichtete „Citatio edictalis.“ Sie lautete: „Nachdem über die Poesie des Hofraths und Comes Palatinus Caesarius Wieland in Weimar, auf Ansuchen der Herren Lucian, Fielding, Sterne, Bayle, Voltaire, Crebillon, Hamilton und vieler anderer Autoren Concursus creditorum eröffnet, auch in der Masse mehreres verdächtigt, und dem Anschein nach dem Horaz, Ariost, Cervantes und Shakspeare zustehende Eigenthum sich vorgefunden: als wird jeder, der ähnliche Ansprüche titulo legitimo machen kann, hierdurch vorgeladen, sich binnen sächsischer Frist zu melden, hernachmal aber zu schweigen.“ Dieser öffentliche Angriff Wielands war das Signal für alle Anhänger der romantischen Schule, über den genannten Dichter die wegwerfendsten Urtheile zu fällen, und ihm unter andern die Anerkennung des Hans Sachs im „deutschen Merkur“ als sein bedeutendstes Verdienst um die literarische Welt anzurechnen. Kaum konnte ihm verargt werden, wenn er, tief gekränkt, in seinem Unmuth die Frage aufwarf: „Ob er das um seine Zeit und seine Nation verdient habe?“

Was ihn hauptsächlich schmerzte, war, daß der größere Theil derer, die ihn nicht tief genug herabwürdigen zu können glaubten, unter Goethes Aegide zu stehen schien, da das „Athenäum“, unerschöpflich in dem Lobe dieses Dichters, zu den „drei größten Tendenzen des Zeitalters“ außer der französischen Revolution und Fichte's „Wissenschaftslehre“, auch „Wilhelm Meister's Lehrjahre“ gerechnet hatte. Obschon der aufrichtigste Verehrer und Bewunderer Goethe's, fühlte Wieland sich ihm allmälich entfremdet, wenn auch Goethe's Persönlichkeit noch immer einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn ausübte. An Herder, für den er längst eine große Zuneigung empfunden, schloß er sich um so inniger an, da Goethe und Schiller sich einander mehr genähert hatten, als es bisher der Fall gewesen war. Aber während Wieland Herder's Unmuth über Kant's „Kritik der reinen Vernunft“ theilte, und sich bei einer Anzeige an Herders „Metakritik“ zu einer leidenschaftlichen Philippika hinreißen ließ, fand er selbst Niemand, der die unbillige Behauptung, „er habe sich selbst überlebt“, zu wiederlegen suchte. Zwar bemühten sich Kotzebue und Merkel, in dem „Freimüthigen“ und in den „Briefen über die wichtigsten Produkte der schönen Literatur“, Wieland an seinen Gegnern zu rächen, doch geschah es nicht selten auf eine für ihn unwürdige Weise.