Für eins seiner besten Werke hielt Wieland den bereits erwähnten „Agathodämon.“ Dies Urtheil, meinte er, werde die Nachwelt darüber fällen, so gleichgültig sein Werk auch für den Augenblick aufgenommen werden möchte. „Das siebente Buch des Agathodämon,“ schrieb Wieland, „war mir eine sehr schwere Aufgabe, vielleicht die schwerste von allen, die ich mir aufgeben konnte. Die Ausführung ward mir um so mühsamer, da Jahreszeit und Witterung Geistesarbeiten dieser Art sehr ungünstig waren, um mich selbst zu befriedigen. Ich habe das ganze Buch mehr als sechs Mal von neuem durch — und einige Hauptstellen ganz umgearbeitet, und des Feilens und Polirens wollte kein Ende werden. Nun ist es — wie es ist; ich bin mit mir selbst zufrieden, denn ich weiß, daß ich als Mensch, als schriftstellerischer Volkslehrer und als Dichter mein Bestes, und also meine Schuldigkeit gethan habe.“
In eine sehr unmuthige Stimmung ward Wieland durch die Nachrichten versetzt, die er von dem geringen Absatz der Gesammtausgabe seiner Werke erhielt. An seinen Verleger, Göschen in Leipzig, schrieb er darüber den 15. Juli 1799. „Ich kann nicht anders, als mit tiefem Gefühl beklagen, daß ich mich selbst bereits überlebt habe. Ich weiß nicht, wie ich zu solchem Verfall meines Credits und meiner Gunst bei dem lesenden Publikum gekommen bin, und theile daher Ihre Meinung, daß es bei den zwei und dreißig Bänden wenigstens für das achtzehnte Jahrhundert sein Bewenden haben müsse. Vielleicht geht im neunzehnten Jahrhundert ein günstigerer Stern über uns auf, und ich will mich indeß, wie jener griechische Flötenspieler, begnügen, den Musen und mir selbst zu spielen.“
Erholung von anstrengenden Geistesarbeiten fand Wieland in seinem ländlichen Asyl. Mannigfache Pläne zu Verbesserungen in seinem Hause und Garten gaben ihm die heitere Stimmung wieder, die er durch den Gedanken, wie tief sein literarischer Ruhm gesunken sei, verloren hatte. Noch öfterer würde er dem Mißmuth anheim gefallen seyn, wenn zu jener Verstimmung seines Gemüths sich noch körperliche Leiden gesellt hätten. Doch selbst in höherem Alter war ihm eine fast ununterbrochene Gesundheit geblieben. In einem Briefe an Göschen, vom 24. December 1798 wunderte sich Wieland selbst über sein Wohlbefinden. „Sie gründen darauf,“ schrieb er, „Ihre Hoffnung, daß ich ein ziemlich betagter Patriarch werden dürfte. Vor zwanzig Jahren hatte ich gar keinen Begriff davon, wie ich sechzig sollte alt werden können, und hatte zu diesem Mißtrauen in meiner Leibesbeschaffenheit allerdings viele und triftige Ursachen. Nach dem fünf und funfzigsten Jahre wurde meine Gesundheit unvermerkt immer fester, und ich befinde mich nun im sechs und sechszigsten so, daß ich ohne Absurdität mein zehntes Stufenjahr zu übersehen hoffen kann. Sie aber, lieber Freund, sollen und müssen mich überleben, wäre es auch nur, um meine Confessions oder Nachrichten von mir selbst und meinen Schriften, oder wie Sie meine Selbstrecension betiteln wollen, verlegen zu können, die nicht eher, als nach meinem Hingang aus dieser Welt gedruckt werden soll.“
Der Gedanke, daß dieser Zeitpunkt sich ihm immer mehr nähere, trübte nicht Wielands Heiterkeit. Er fühlte sich in seinem Alter sehr glücklich unter literarischen und ländlichen Beschäftigungen und Genüssen. Immer neues Vergnügen schöpfte er aus der Betrachtung der von ihm selbst geschaffenen Gartenanlagen, auf Spaziergängen durch seine Lindenallee, oder durch ein Birkenwäldchen am Ufer der Ilm, wo er sich ungestört seinen Ideen überließ. In solchen Augenblicken glaubte er zu seiner völligen Zufriedenheit kaum noch etwas zu bedürfen. An seinen Schwiegersohn, den Buchhändler Geßner in Zürich, schrieb Wieland im Januar 1799: „Ich freue mich so lebhaft auf die wiederkehrende schöne Jahreszeit, daß ich sie wirklich im Geist schon genieße, und den dazwischen liegenden Winter um so weniger lang finden werde, da die literarischen Arbeiten, womit ich ihn auszufüllen gedenke, mehr als hinlänglich wären, mich eine doppelt so lange Zeit zu beschäftigen. Ich werde aber fleißig seyn; denn es ist nicht mehr als billig, daß ich das Recht, den Sommer blos mit Genießen zuzubringen, im Winter durch Arbeiten erkaufe.“
In einem nicht lange nachher geschriebenen Briefe an Gleim erkannte Wieland es dankbar, daß ihm, neben der Glückseligkeit, ungestört mit den Geistern der Weisen und Dichter der Vorwelt Umgang pflegen zu können, noch das Vergnügen gegönnt sei, seinen guten Genius, in Gestalt eines Weibes, an seiner Seite, und einen Kreis von Kindern und Enkeln um sich zu haben, unter welchen ihm seine Tage so leicht und schnell entschlüpften, wie den Bewohnern des dichterischen Elysiums. „Das Einzige“, schrieb er, „was allenfalls (wenigstens zur vollständigen Aehnlichkeit mit dem Elysium, das uns Lucian so genial geschildert hat) noch abgeht, sind die Buttersemmeln und Bratwürstchen, die auf den Bäumen wachsen, die gebratenen Rebhühner, die von selbst auf den Tisch geflogen kommen, und die schönen crystallenen Kelchgläser, die man von den Hecken abbricht, um sie aus Quellen und Bächen mit köstlichem Wein zu füllen, die eben so freiwillig, als unerschöpflich aus allen Felsen hervorsprudeln u.s.w. So bequem und wohlfeil hab' ich's nun freilich nicht. Aber, die reine Wahrheit zu sagen, ich möcht' es nicht einmal so bequem und wohlfeil haben; denn ich halte das Gesetz, daß uns die Götter nichts Gutes ohne Arbeit geben, für ein sehr weises Gesetz, und betrachte eine gewisse Portion Mühe und Sorge quantum satis, als die unentbehrlichste Würze zum wahren Lebensgenuß.“
Erhöht ward dieser Genuß für Wieland noch durch Besuche seiner Weimarischen Freunde. Selbst sein Fürst, seine Fürstin, die Herzogin Mutter verschmähten nicht, ihn unter dem Schatten seiner Bäume zu begrüßen. Der lebhafte Ideenaustausch in mannigfachen Gesprächen, die ihn in die Vergangenheit zurückführten, hatte für Wieland viel Anziehendes. Von großem Interesse war ihm auch die damals angeknüpfte Bekanntschaft mit Jean Paul, von dem er sich vielseitig angeregt, doch, nach seinem eignen Geständnisse, auch eben so oft abgestoßen, als angezogen fühlte.
Unstreitig einer der schönsten Momente in Wielands späterem Leben war das Wiedersehn seiner Jugendfreundin Sophie la Roche, die ihn 1799 in Osmannstädt besuchte, begleitet von einer ihrer Enkelinnen, Sophie Brentano, einer Schwester des bekannten Dichters Clemens Brentano. Die Erinnerung an die genußreichen Tage, die Wieland damals verlebte, blieb ihm unvergeßlich. Wieder angefrischt ward sie, als Sophie Brentano im Mai 1800 ihn abermals in seinem ländlichen Asyl begrüßte. Erheiternd wirkte auf ihn die Gegenwart des durch Geist und Herz ausgezeichneten Mädchens, das damals in der vollen Blüthe jugendlicher Schönheit stand. Einen eigentümlichen Reiz erhielt ihr Wesen durch einen Zug stiller Melancholie. Wieland beklagte oft, daß Sophie, so ganz geschaffen, Andrer Leben zu verschönern, sich von den Menschen hinwegwende und die Einsamkeit suche. Früher jedoch, als er selbst oder irgend Jemand ahnen mochte, zerstörten die Eindrücke eines längst zerrütteten Gemüths ihren von Natur zarten Körper. Das friedliche Osmantinum, nach dem sie sich so oft gesehnt hatte, war bestimmt, ihre irdischen Uebereste zu empfangen.
„Ich und meine Familie“, schrieb Wieland den 29. September 1800 an Göschen, „haben in diesem Monat einen harten Stand gehabt. Sophie Brentano, das liebenswürdigste und interessanteste Mädchen von 24 Jahren, das vielleicht der Erdboden trug, ward am 24. September von einer der sonderbarsten und verwickelten Nervenkrankheiten befallen, die sich in wenig Tagen als gefährlich ankündigte, mit jedem Tage trostlosere Symptome zeigte, und unerachtet aller ersinnlichen angewandten Hülfe, mit dem Tode endigte. Was wir in diesen trübseligen sechzehn Tagen erfahren und gelitten, möge Ihnen Ihre eigene Einbildungskraft und Ihr eigenes Herz sagen. — Die Hülle, die der entflohene Engel zurück ließ, ruht nun in einem stillen Plätzchen meines durch sie geheiligten Gartens.“
Wielands stille Trauer um das zu früh verblühte holde Mädchen erklang noch oft in den Briefen an seine Freundin Sophie la Roche. Den 24. April 1801 schrieb er: „Die Wiederkehr der schönen Jahreszeit giebt der geistigen Gemeinschaft, die bisher zwischen unsrer Sophie Brentano und mir ziemlich ununterbrochen fortgedauert, ein neues Leben. Alle meine Spaziergänge führen zu ihrem Grabe; meine liebsten Ruheplätze sind nur wenige Schritte davon entfernt, und der Gedanke, daß uns nur noch ein kleiner Zeitraum trennt, wird unvermerkt zu einem still fortdauernden Gefühl, das meinem Aufenthalt im Garten ein ganz eignes melancholisch süßes Interesse giebt. Weil es indessen gut ist, daß ich noch, so lange als möglich, für meine Kinder lebe, so helfen Sie mir, theure Freundin, Gott für die Erhaltung meiner bessern Hälfte bitten, deren zeither abnehmende und noch immer schwankende Gesundheit mich nur zu oft beim Blick auf Sophiens Ruhestätte mit Trübsinn und herzzerdrückenden Ahnungen erfüllt. Noch hoffen wir, was wir sehnlich wünschen, daß die immer näher kommende schöne und milde Jahreszeit das Beste bei ihr thun, und uns eine Gattin und Mutter, die so wenige ihres Gleichen hat, und uns so unentbehrlich ist, auf lange Zeit wieder schenken werde.“
Ein ungewöhnlich rauher Sommer, über den er sich bitter beklagte, vereitelte Wielands Hoffnungen. „Der Juni“, schrieb er, „war so kalt, windig und unfreundlich, daß wir oft vierzehn Tage lang täglich zweimal die Wohnzimmer heizen lassen mußten. Aber noch viel schlimmer spielte uns der Juli mit. Stürmische Westwinde bei Tag und Nacht, ein immer dichtbewölkter Himmel, kaum zwei bis drei Tage, an denen die Sonne zuweilen durchzubrechen vermochte, und zwei Regentage gegen einen, sind diesen ganzen Monat über unser Loos. Seit mehr als vier Wochen steht der Barometer meist anderthalb, zwei, drei, höchstens vier Linien über sieben und zwanzig Zoll, und so oft er ein wenig über vier Grad stieg, konnten wir auf einen vollständigen Landregen rechnen. Wie eine solche Witterung nicht nur den Menschen, sondern auch den Feld- und Gartenfrüchten aller Art bekommt, können Sie sich vorstellen. Die dadurch bisher aufgehaltene Ernte ist vor der Thür, und noch ist kein Anschein zu einer schon so lange und so sehnlich erwarteten Veränderung. Doch der Mensch ist nun einmal in der Gewalt der großen elementarischen Massen, und Geduld! Geduld! Geduld! ist die unwillkommene Lection, die sie uns einbläuen, und an der wir unser Lebelang zu lernen haben, weil uns nichts schwerer eingeht.“