Mehrfache Veranlassung, sich in der Geduld zu üben, so schwer ihm dies auch werden mochte, fand Wieland, als der in einem frühern Briefe erwähnte Gesundheitszustand seiner Gattin im Herbst 1801 sich täglich verschlimmerte. Wielands Empfindungen schilderte ein Brief an Göschen vom 19. October 1801. „Zwar bin ich“, schrieb er, „noch nicht in der traurigen Nothwendigkeit, das Aergste erwarten zu müssen; aber ich kann doch nur selten über mich gewinnen, es nicht zu fürchten. So wenig beneidenswerth auch meine übrige Lage ist, würde ich mich doch für den glücklichsten aller Menschen halten, wenn mir der Himmel nur sie, die nun sechs und dreißig Jahre lang das ganze stille Glück meines Lebens machte, nur noch einige Zeit erhalten wollte. Sie allein ist mein Ersatz für alles Andere; ohne sie — Gott allein weiß, ob und wie ich ohne sie leben könnte.“
Am 8. November 1801 sah sich Wieland für immer getrennt von seiner Gefährtin, im Kreise derer, denen sie das Leben gegeben, und für deren Wohl sie kein Opfer gescheut hatte. Den tiefen Eindruck jenes Verlustes zeigte ein Brief Wielands an Göschen vom 31. December. Er äußerte darin unter andern: „Mit mir geht es — wie es kann; leidlich wenigstens. Ich arbeite viel, aber es ist, als ob mir die Schwungfedern gestutzt wären. Sonst arbeitete ich mit Freude, mit Munterkeit; jetzt mühsam, entgeistert, schwerfällig. Möglich, daß auch die trübselige, immer veränderliche und gar nicht wintermäßige Witterung etwas dazu beiträgt. Gewiß aber ist, daß ein Herkules, der mir meine Alceste, nur mit so viel Gesundheit, als sie noch vor drei Jahren besaß, aus dem Elysium zurückbringen könnte, auf einmal einen ganz andern Menschen aus mir machen würde.“
In einem spätern Briefe vom 15. Februar 1802 wunderte sich Wieland selbst über seinen leidlichen Gesundheitszustand in einem Alter von beinahe siebzig Jahren. Er schrieb einem Freunde: „Daß die Engelsseele, die nun meinen körperlichen Augen unsichtbar geworden, mir geistiger Weise immer gegenwärtig ist, und daß ich mich nach und nach an diese rein geistige Art Liebe und Freundschaft gewöhne, trägt ohne Zweifel das Meiste dazu bei, daß ich mich so wohl, d.h. nicht viel schlimmer befinde.“
Dankbar erkannte Wieland die zarte Aufmerksamkeit und Theilnahme der Herzogin Amalia, die ihn, um seinem Geiste eine andere Richtung zu geben, im Juli 1802 nach Tiefurt eingeladen, und nach Wielands eignem Geständnisse, ihr Möglichstes gethan hatte, ihn zu erheitern und vergessen zu machen, daß er, „ohne seine Alceste, die ihm kein Herkules wieder bringe,“ wohl zuweilen glücklich scheinen, doch nicht glücklich seyn könne. „Der besten Fürstin zu Gefallen“, schrieb Wieland, „arbeite ich, wiewohl unter mancherlei Unterbrechungen, etwas langsam in den Vormittagsstunden an einer Uebersetzung der Helena des Euripides. Bevor ich mit dieser Arbeit zu Stande bin, ist an den Aristipp nicht zu denken; denn mit diesem kann und will ich nicht anders, als mit ganzer Seele, mit ganzem Gemüth und mit allen mir noch übrigen Kräften mich beschäftigen.“
Ermuntert fühlte sich Wieland zu dem eben erwähnten Werke, das später unter dem Titel: „Aristipp und seine Zeitgenossen“ erschien, durch die Theilnahme, die ihm nicht blos in seinen nächsten Umgebungen, sondern auch durch briefliche Mittheilungen entgegen kam. „Was Sie mir“, schrieb er an Göschen, „über die Entwicklung und Ausführung der beiden Hauptcharaktere des Aristipp und der Lais schreiben, hat mir großes Vergnügen gemacht. Solche Leser, für welche nicht nur im Detail nichts verloren geht, sondern die auch Sinn für die Composition, Haltung und Ausführung des Ganzen haben, d.h. gerade für das, worauf Alles ankommt — solcher Leser wünsch' ich mir recht viele. Aber unglücklicher Weise giebt es deren unter hundert kaum Einen, weil in der That beinahe eben so viel Genie, Kopf, Bildung und Kunstsinn dazu erfordert wird, ein solcher Leser zu seyn, als ein Autor, der im Stande ist, solche Leser zu befriedigen.“
Unter einzelnen Unterbrechungen hatte Wieland so fleißig an seinem „Aristipp“ gearbeitet, daß er im Sommer 1801 das vollständige Manuscript seinem Verleger Göschen senden zu können glaubte. Das Werk erlitt jedoch eine Unterbrechung durch die Idee, seinem „Aristipp“ eine ausführliche Beurtheilung der vorzüglichsten Werke Plato's in den Mund zu legen. Schon vier Monate, schrieb Wieland an Göschen, beschäftige ihn einzig die Lösung dieser Aufgabe. „Sie können sich nicht vorstellen,“ heißt es in jenem Briefe, „was für ein Stück Arbeit dies ist. Wenn ich aber so glücklich seyn sollte, mich mit Ehren aus der Sache zu ziehen, so wird es das wichtigste und beste Morceau meines ganzen Werks seyn.“ Ueber den Umfang desselben war Wieland eine Zeitlang nicht mit sich einig. „Es findet sich“, schrieb er, „daß ich mit dem vierten Bande allerdings schließen kann, aber daß die Ausführung meines Plans, den Aristipp bis nahe an seinen Tod fortzuführen, wenigstens noch einen starken Band erfordern würde. Im vierten kann ich ihn nicht weiter bringen, als bis zum Tode seiner Kleone und zu seinem Entschluß, Cyrene wieder zu verlassen, und sich zu seinem Freunde Philistus zu Syrakus zu wenden. Ich bin aber gleichwohl entschlossen, es vor der Hand bei den vier Bänden zu lassen, und nicht eher an den fünften zu gehen, als bis unsre — merken, daß dem Werke noch was fehlt, und bis sie Ursache finden, mich nicht als Freund, sondern als Verleger, zum fünften Bande aufzufordern. Dabei muß und wird es einstweilen bleiben; denn wenn ich noch vor Fertigung dieses fünften Bandes aus der Welt ginge, so blieben die vier Bände ein doch für sich bestehendes Werk, und Niemand hätte sich zu beklagen, daß es unvollständig wäre.“
Eine Art von Fragment blieb gleichwohl der „Aristipp“, so lange Wieland nicht den vierten Band dieses Werks geliefert hatte. Darüber war jedoch eine geraume Zeit vergangen. Der Grund zu dieser Zögerung war der Gesundheitszustand seiner geliebten Dorothea. Wieland schwebte fortwährend zwischen Furcht und Hoffnung. Bei seinem Freunde und Verleger Göschen entschuldigte er sich, daß es ihm in den letzten sechs Wochen physisch und moralisch unmöglich gewesen sei, irgend einer Geistesarbeit sich mit dem freien und muntern Sinne zu widmen, der eine der unerläßlichsten Bedingungen sei. „Seyn Sie indeß versichert“, schrieb Wieland, „daß ich nicht ruhen werde, bis das Werk vollendet, und so vollendet ist, daß ich selbst einiges Wohlgefallen daran haben kann.“
Diesem Vorsatz blieb er treu, ohne sich durch den damals entworfnen Plan irre machen zu lassen, nach dem Muster des Théatre des Grecs, gemeinschaftlich mit Böttiger und Jacobs ein „Theater der Griechen“ herauszugeben, welches Uebersetzungen, mit Anmerkungen und Abhandlungen begleitet, enthalten sollte. Von der Ausarbeitung des fünften Bandes seines „Aristipp“ ward Wieland indeß bald wieder abgelenkt durch mehrfache neue Entwürfe zu literarischen Arbeiten, die jedoch zum Theil unausgeführt blieben, wie unter andern das Werk „Osmanstädtische Unterhaltungen“ betitelt, worin er einige sehr gelungene Erzählungen seines Sohnes Ludwig aufnehmen, und ihn dadurch als Schriftsteller in's Publikum einführen wollte.
Wielands literarische Thätigkeit war damals sehr groß. Ehe er seinen „Aristipp“ vollendet hatte, lieferte er einige Seitenstücke zu diesem Werke. Dahin gehörten die beiden griechischen Gemälde „Menander und Glycerion“, und „Krates und Hipparchia“, die er als Taschenbuch für die Jahre 1804 und 1805 herausgab, und außerdem sechs Erzählungen, zuerst in Almanachen gedruckt und hierauf unter dem Titel: „das Hexameron von Rosenhain“ in einem Bändchen vereinigt. Wieland war dadurch mit mehreren Buchhändlern in Verbindung getreten, mit Cotta in Tübingen, Wilmans in Bremen, und Vieweg in Braunschweig, wodurch sich sein vieljähriger Verleger Göschen verletzt fühlte. Wieland suchte ihn zu beruhigen. „Ich kann“, schrieb er, „den Gedanken nicht ertragen, daß die Irrungen, die ein doppeltes Paar alter Griechen und Griechinnen unschuldiger Weise zwischen uns veranlaßt haben, das Grab unserer vieljährigen Freundschaft seyn sollten. Ich glaube, Sie können sich meinen kleinen Verkehr mit den Taschenbüchern um so mehr gefallen lassen, da Sie auch nichts dagegen hätten, wenn ich dergleichen Aufsätze im Merkur abdrucken ließe, der noch unter meinem Namen und Böttigers Redaktion fortläuft. Wäre es nicht Thorheit gewesen, wenn ich, in meinen Umständen, solche Gelegenheiten nicht hätte benutzen wollen?“
Schon in einem frühern Briefe an Göschen hatte Wieland offen gestanden, daß „die eiserne Noth, die ehemals den Horaz zum Dichter gemacht, ihn drücke und dränge, und daß er alles, was seine alte Muse noch gebähre, bald möglichst in baares Geld umsetzen müßte.“ Dadurch hoffte er wenigstens einigermaßen sich die sorgenvolle Lage zu erleichtern, in die er durch den Kauf seines Guts, durch mannigfache kostspielige Bauten und Verbesserungen, und durch den geringen jährlichen Ertrag seines Besitzthums gerathen war. Daß er „bei seiner Landwirtschaft keine Seide spinne,“ gestand er offen seinem vieljährigen Freunde Göschen.