„Ich habe,“ schrieb Wieland den 21. April 1802, „eine Last auf mich geladen, unter der ich erliegen würde, wenn ich nicht ernstlich darauf bedacht wäre, sie je eher je lieber von meinen alten Schultern abzuwälzen, in sofern es ohne Nachtheil und vielmehr zum wirklichen Vortheil meiner armen Kinder geschehen kann. So lange der holde Engel, der mich vor sechs Monaten verlassen mußte, noch sichtbar um mich war, fühlt' ich diese Last zwar auch, aber sie drückte mich weniger. Ich hatte mehr Muth und Hoffnung, mehr Lust und Freudigkeit zum Arbeiten, und alles, was mein Geist unternahm, ging leicht und munter von statten. Seitdem ist alles leider ganz anders. — Ich fühle, wenn ich noch einige Jahre den Meinigen, der Welt und meinen Freunden leben soll, so ist es schlechterdings nothwendig, daß ich mich gänzlich schuldenfrei mache — und dazu ist möglicher Weise nur Ein Mittel. Das ganze Gut zu verkaufen, wenn sich auch ein Käufer dazu fände, der mir dafür geben wollte, was mich's kostet, dazu kann ich mich aus mehreren und verschiedenen Ursachen nicht entschließen. Meine Idee ist, das Gut zu zerschlagen, den Pavillon, den ich bewohne, nebst dem Garten und einer einzigen Hufe Ackerland für mich zu behalten, aus allem Uebrigen aber ein für sich bestehendes kleines Erblehngut zu machen, und es gegen baare Bezahlung an den, der Lust dazu haben wird, zu verkaufen. Da das Gütchen so klein ist, so ist es natürlicher Weise keine Sache für reiche Leute. Indessen könnte und sollte sich doch wohl in ganz Germanien unter 24 Millionen Menschen irgend Jemand finden, dem gerade ein solches kleines Landgut anstünde, und in dessen Augen es dadurch noch einen besondern Werth erhielte, daß er mein lieber Nachbar würde, und (alles vorausgesetzt, was hierbei vorauszusetzen ist), mit mir und meiner Familie in einem beiden Theilen angenehmen freundschaftlichen Verhältniß leben könnte. Wenn meine Imagination bei guter Laune ist, so poetisirt sie mir verschiedene Arten möglicher Subjecte vor, die hiezu geeigenschaftet seyn könnten. Ich gestehe übrigens gern, daß diese meine Idee einem utopischen Traum ziemlich ähnlich sieht. Indessen sind doch schon viel unwahrscheinlichere Dinge realisirt worden.“

Im August 1802 meldete Wieland seinen Entschluß, daß das ganze Gut zu verkaufen, doch mit Vorbehalt des von ihm bewohnten Hauses und dazu gehörigen Gartens, von welchem er jedoch den usum fructuum und jede selbstbeliebige Benutzung dem Käufer des Guts überlassen wolle. „Der Garten,“ schrieb er, „soll, so lange es nur immer möglich seyn wird, meiner Familie bleiben, und dies um so mehr, da er das heilige Grab meiner Geliebten, und dereinst auch das meinige neben ihr, in sich schließt. Finde ich einen annehmlichen Käufer zum Gute, so lebe ich künftig wieder in der Stadt, und bringe nur die schöne Jahreszeit in meiner Osmanstädtischen Villa zu.“

Eine unverhoffte Fügung des Schicksals, oder, wie Wieland sich ausdrückte, „seines, noch immer zu seinem Besten geschäftigen guten Genius,“ hatte ihm im Februar 1803 in dem Hofrath Kühn aus Hamburg einen Käufer seines Guts zugeführt, der sich zu der Kaufsumme von 30,000 Thlrn. anheischig machte. „So ungern,“ schrieb Wieland, „ich mich auch von dem Boden trenne, worin die heiligen Gebeine meiner geliebten Dorothea ruhen, so kann ich diesen Verkauf doch nicht anders, als für das Glücklichste halten, was mir in meinem Leben noch begegnen konnte. Ich bin dadurch von einer Last befreit, die mich öfters zu Boden drückte; ich werde auf einmal schuldenfrei, und es bleibt immer noch so viel übrig, daß ich für meine noch unversorgten Kinder ungleich mehr thun kann, als mir möglich gewesen wäre, wenn ich das Gut noch länger hätte behaupten müssen.“

Wielands damalige Briefe enthielten mehrfache rührende Geständnisse über seine drückende Lage und über die Mittel, die er ergriffen, sie durch eine erweiterte literarische Thätigkeit zu verbessern, die beinahe seine Kräfte überstieg. In Bezug auf seine Beiträge zu mehreren Taschenbüchern schrieb er: „Ich schäme mich, daß ich durch die Etourderie, mit der ich mein ganzes Leben hindurch zu kämpfen gehabt, mich selbst in meinem siebzigsten Jahre noch zu Projecten solcher Art hinreißen lassen konnte. Aber die Summe, deren ich bedurfte, um blos meine unvermeidlichen Ausgaben zu bestreiten, stand, zumal in den letzten Jahren, mit dem Ertrag des Gutes und meiner übrigen fixen Einnahmen in einem so unproportionirten Verhältniß, daß ich, um das sehr beträchtliche Deficit zu decken, alle meine Kräfte aufbieten mußte, das vacuum, das Ceres und Pales in meinem Beutel ließen, durch den Ertrag der Früchte meines Geistes zu ersetzen. Ich fühlte von Zeit zu Zeit, daß ich über Vermögen arbeitete, oder wenigstens daß ich, wenn es noch länger so fortgehen müßte, Gefahr liefe, in den traurigen Zustand von Erschlaffung und Kraftlosigkeit zu gerathen. Aber Noth hat kein Gesetz. Die Hoffnung, mein Gut ohne beträchtlichen Schaden verkaufen zu können, war sehr gering, die Last, die auf mir lag, immer drückender, und die Gefahr, mit jedem Jahr ärmer zu werden, immer größer. Welche Lage für einen Siebzigjährigen, von einer zahlreichen Familie umgebenen Mann von meiner Sinnesart und Constitution!“

Mit Böttiger, der ihn kurz zuvor besuchte, ehe sich im Februar 1803 sein früher so heiß ersehntes Idyllenleben in Osmanstädt schloß, durchwanderte Wieland noch einmal den geräumigen Garten. Nicht ohne Rührung betrachtete er alle seine Lieblingsplätze. Eine tiefe Wehmuth ergriff ihn, als er vor den Gräbern seiner Dorothea und der Sophie Brentano stand, und sich sagen mußte, daß er auch diese in fremden Händen zurücklassen müßte. Nach einigem Schweigen sagte Wieland: „Ich traue es dem wackern Käufer meines Guts zu, daß die Stätte, wo auch ich einst neben meiner Gattin begraben zu seyn wünsche, ihm stets heilig und unantastbar seyn werde.“ Darin täuschte sich Wieland nicht. Der neue Besitzer seines Gutes ehrte die heilige Stätte, wo die geliebten Todten ruhten.

In einem Schreiben aus Osmanstädt an die Herzogin Amalia hatte Wieland sich sehr gefreut, eine Wohnung in der Nähe des Palastes seiner von ihm innig verehrten Fürstin beziehen zu können. Aus den Fenstern seiner von dem Schauspielhause nur durch einen Garten getrennten Wohnung sah er auf freundliche Anlagen hinaus, in denen, wie er sich äußerte, die geliebte Fürstin als „die wohlthätigste aller Feen walte.“ Nur der Vergünstigung eines Schlüssels, meinte er, werde es bedürfen, um mit aller Bequemlichkeit in's Himmelreich einzugehen. „Denn das wird für mich,“ schrieb er, „jeder Ort seyn, wo sich die über alles verehrte und geliebte Fürstin aufhält, deren Huld und herablassende Güte so wohlthätige Sonnenblicke auf den späten Abend meines Lebens geworfen.“

Seine kühnsten Erwartungen übertraf die wohlwollende Aufnahme, die Wieland, als er wieder nach Weimar zurückgekehrt war, bei der hochherzigen Fürstin fand. Sie zog ihn in ihre nächsten Umgebungen und erweiterte den Kreis seiner ältern Freunde durch neue Bekanntschaften, unter denen ihm Fernow, nach Jagemann's Tode zum Bibliothekar der Herzogin ernannt, eine der interessantesten war. Während des Sommeraufenthalts der Fürstin in Tiefurt befand sich Wieland oft dort. Wie sie ihn überall auszeichnete, bewies auch sein Ehrenplatz in der herzoglichen Loge. Seine Liebe zur Bühne, auf der damals manches vielversprechende Talent sich entfaltete, fand wieder neue Nahrung, und er bedurfte nicht mehr der Opfer, mit denen er während seines Aufenthalts in Osmanstädt den theatralischen Genuß hatte erkaufen müssen. Erfreulich und belehrend waren für ihn auch die damaligen Kunstausstellungen unter Goethe's und Meier's Leitung. Wieland glaubte so wenigstens einigen Ersatz dafür zu finden, daß die von Goethe herausgegebene Zeitschrift: „die Propyläen“, für die er sich lebhaft interessirt, aufgehört hatte.

So vereinigten sich mehrere Umstände, ihn in einer ruhigen Gemüthsstimmung zu erhalten, die jedoch durch den Tod Herders am 18. December 1803 heftig erschüttert ward. Seiner Freundin Sophie la Roche schrieb er damals: „Es ist ein großer unersetzlicher Verlust für seine Familie, für die Welt und für seine Freunde. Er war mein bester und gewissermaßen mein einziger Freund in Weimar. Ich habe sehr viel an ihm verloren, und hatte große Ursache, auch um meiner selbst willen zu wünschen, daß er, der so beträchtlich jüngere Mann, mich Alten überleben möchte. Geduld und Ergebung ist alles, was uns in solchen Fällen übrig ist; und mir wird diese Ergebung freilich insofern leichter, als mein Gefühl für Schmerz und für Freude durch den 8. November 1801 abgestumpft worden ist. Indessen ist es Pflicht, sich für die Lebenden so lange als möglich zu erhalten, und sich an der geistigen Gemeinschaft genügen zu lassen, daß wir mit unsern Geliebten, nachdem sie unsern Augen und Armen entschwunden sind, uns noch immer fort unterhalten können. Das egoistische Gefühl unseres Verlustes ist menschlich; aber immer verliert es sich wieder in dem süßen Gedanken, daß sie ausgelitten haben, daß ihnen nun wohl ist, und unendlich besser, als uns.“

In ein dumpfes Hinbrüten artete Wielands Ergebung in das unvermeidliche Schicksal selten aus, und seine Thätigkeit ward dadurch nicht gelähmt. Von besonderem Interesse war in seiner damaligen Stimmung für ihn die Schrift: „Meiner Gattin wirkliche Erscheinung nach ihrem Tode.“ Ihr Verfasser, Dr. Wötzel, hatte sie dem Herzog von Weimar zugeeignet, und sie ward in einem Hofcirkel, in welchem sich auch Wieland befand, vorgelesen und vielfach besprochen. Den 20. October 1804 schrieb Wieland an seinen Freund und Verleger Göschen: „Ich arbeite seit einigen Monaten an einem kleinen Werke, wovon ich aus wesentlichen Ursachen wünsche, und es daher zu einer Bedingung machen muß, daß es besonders, und als ein Werk für sich, im Buchhandel erscheine. Der Titel ist: Euthanasia, oder Gespräche über das Leben nach dem Tode, veranlaßt durch die Schrift: Meiner Gattin wirkliche Erscheinung nach ihrem Tode. Diese Euthanasia wird aus drei oder vier Dialogen bestehen, wovon der erste und größte vollkommen fertig ist. Das Ganze wird mich noch bis Ende dieses Jahres beschäftigen.“

Ein sehr scharfes Urtheil fällte Wieland in einem spätern Briefe über die vorhin erwähnte Schrift und ihren Verfasser. „Ich glaube,“ schrieb er, „daß der Herr Doctor oder Magister Wötzel durch meine Analyse seines über allen Ausdruck elenden und abgeschmackten Buchs in Reputation kommen wird. Aber damit er Ursache habe, sich dafür bei mir zu bedanken, möcht' ich ihm rathen, sich in bevorstehender Messe um Geld sehen zu lassen. Wirklich wäre ein Hermaphrodit mit drei Köpfen, sechs Armen und vier Beinen kein sehenswürdigerer Irrthum der Natur, als dieser in seiner Art gewiß einzige Mensch, in welchem Dummheit, Eigendünkel, Pfiffigkeit, Albernheit und Plattheit auf eine Art, die allen Psychologen zu schaffen machen sollte, vereinigt sind. Wer sollte nicht vier Groschen daran spenden, ein solches Mißgeschöpf mit Augen zu sehen!“