Durch den Tod seiner geliebten Gattin hatte Wieland hinlänglich Veranlagung erhalten, über den Zusammenhang der Geisterwelt mit dem irdischen Leben reiflich nachzudenken. Er glaubte sich aber gegen alle Geistererscheinungen erklären zu müssen, wenn er sich die Erfahrungen seines eignen Lebens zurückrief. „Wäre eine Möglichkeit“, schrieb er, „daß die Geister der Verstorbenen erscheinen könnten, warum habe ich von meiner Gattin, dieser treuen Seele, nie eine Erscheinung gehabt? Warum, wenn Geister auf unsre Seelenorgane wirken können, erscheint sie mir nicht alle Wochen wenigstens einmal im Traum, und unterhält sich mit mir, da sie doch weiß, wie unaussprechlich glücklich sie mich durch eine solche Herablassung zur menschlichen Schwachheit machen könnte? Sie kann also nicht, oder sie darf nicht, und warum sollte es denn nicht mit allen Andern eben diese Bewandtniß haben?“
Bei der Richtung, die sein Geist damals genommen, hatte Wieland die Vollendung des „Aristipp“ fast gänzlich aus den Augen verloren, besonders als ein literarischer Plan, den er schon vor zwanzig Jahren (1790) entworfen, der Ausführung entgegenreifte. Es war eine Uebersetzung der sämmtlichen Briefe Cicero's. Die mit einer solchen Arbeit verbundenen Schwierigkeiten getraute er sich zu überwinden. Willkommen war ihm diese Arbeit auch deshalb, weil sie ihn über die Eindrücke der politischen Ereignisse hinwegtrug. Freude und Leid griffen damals rasch wechselnd in sein Leben ein. Im November 1804 war er Zeuge gewesen bei der Vermählungsfeier des damaligen Erbprinzen (jetztverstorbenen Großherzogs) von Weimar mit der russischen Großfürstin Maria Paulowna. Den Dichter, der jenes frohe Ereigniß durch das Drama: „die Huldigung der Künste“ gefeiert, mußte Wieland bald nachher scheiden sehn. Schiller starb am 9. März 1805, und Goethe war damals gefährlich krank. „Ich kann mir vorstellen“, schrieb Wieland den 6. Juni 1805 an Göschen, „welche Sensation die Nachricht von Schillers Tode in Leipzig gemacht hat. Nach Herder, und so lange uns Goethe noch erhalten wird, konnte Deutschlands Literatur keinen empfindlichern Verlust erleiden.“ Seinen eigenen Gesundheitszustand schilderte Wieland in diesem Briefe mit den Worten: „Einen so strengen und fast ununterbrochen fortdauernden Winter habe ich in 72 Jahren nicht erlebt, und ich wundere mich alle Tage, wie es zugeht, daß eine so zarte Maschine, wie diejenige, an die mein Daseyn geknüpft ist, eine solche unbarmherzige Witterung mit so wenig Beschwerden, als ich in der That diese Zeit her gefühlt habe, auszudauern vermögend gewesen ist.“
Dieser physischen Kraft bedurfte Wieland, um die Schrecknisse zu ertragen, welche die Schlacht bei Jena am 14. October 1806 über Weimars Bewohner verhängte. Bei der allgemeinen Plünderung jener Residenz hatte er jedoch am wenigsten Ursache gehabt, für seine Person und seine Familie sich zu beklagen. Er erhielt eine Sauvegarde, und im Namen Mürats ward ihm der unmittelbare kaiserliche Schutz zugesichert. Tief erschüttert von dem allgemeinen Unglück und innig beklagend, daß er den Tag erlebt, wo seine fürstliche Gönnerin ihren Sommeraufenthalt, das freundliche Tiefurt, hatte verlassen, und der Erbprinz für seine Gemahlin ein Asyl im Auslande hatte suchen müssen, begann Wieland wenige Wochen nach jenen Schreckenstagen, den 1. November 1806 seine früher erwähnte Uebersetzung der Briefe Ciceros, die seinen Blick von dem vielfach bewegten Leben der Gegenwart so entschieden ablenkte, daß er, nach seinem eigenen Geständniß, von allem, was um ihn her vorging, wenig gewahr ward.
In Bezug auf die mit dieser Uebersetzung verbundenen Schwierigkeiten nannte er sie, zumal für einen Greis von 72 Jahren, ein großes Wagstück. „Kaum kann ich“, schrieb er, „etwas anderes zu meiner Entschuldigung anführen, als die Zeit, in welcher, und die Art, mit welcher dieser verwegene Gedanke wie ein Gewappneter über mich gekommen ist. Ich fühlte damals ein zwiefaches dringendes Bedürfniß in mir, ohne dessen unmittelbare Stillung ich nicht länger ausdauern zu können glaubte. Das eine war: mich je eher je lieber aus einer fürchterlich einengenden Gegenwart in eine andre Welt, in eine Zeit und unter Menschen, die längst nicht mehr waren, wo möglich unter lauter colossale Menschen vom Titanen- und Gigantenstamm zu versetzen; — das Andere: irgend eine große, schwere und mühselige, aber bei alle dem angenehme und zu meinen Studien passende Geistesarbeit zu unternehmen, welche mich hoffen ließ, daß sie mir durch Lust und Liebe zur Sache, und durch die mit der Ausführung selbst nothwendig verbundene unvermerkte Steigerung meiner Kräfte vielleicht so weit gelingen dürfte, daß ich die Welt mit dem Troste verlassen könnte, die letzten Jahre oder Tage meines Lebens nicht nutzlos zugebracht zu haben. Wie hätte mir, zu Befriedigung dieses doppelten Bedürfnisses, und zur Erreichung dieser Absicht, mein guter Genius einen glücklichern Vorsatz einhauchen können, als die Uebersetzung der Briefe Cicero's?“
Mitten unter dieser Beschäftigung erschütterte ihn, nachdem die Kriegsstürme geschwiegen, die Nachricht von dem Tode der Herzogin Amalia. Am 10. April 1807 war ihr standhafter Geist von den Schicksalen, die sie ertragen, überwältigt worden. Wielands ganze philosophische Standhaftigkeit war nöthig, um sich über den für ihn zu schmerzlichen Verlust zu trösten. Frohe Momente brachten ihm die Friedensnachrichten und die Heimkehr des Herzogs Carl August in seine Staaten. Dennoch aber bedurfte Wieland des rastlosen Fleißes, den er seiner Uebersetzung der Briefe Cicero's widmete, um nicht der Gewalt schmerzlicher Eindrücke zu erliegen. Der Herzog von Weimar hatte ihm das freundliche Belvedere zu seinem Sommeraufenthalt angewiesen. Auf einer mäßigen Anhöhe, dem Schloßberge gegenüber, fand Wieland unter dunkeln Fichten ein Lieblingsplätzchen, wo er bald umherwandelte, bald mit der Lectüre irgend eines römischen oder griechischen Classikers sich beschäftigte. Mit ruhigem Gleichmuth und auf das Unvermeidliche gefaßt, schrieb er den 3. November 1809 an seine Freundin Sophie la Roche: „Was uns noch bevorsteht, weiß allein der Himmel. Unser künftiges Schicksal ist ungewiß. Wie es aber auch entschieden werden mag, ich werde es zu ertragen wissen, und mich selbst in keinem Falle verlassen.“
Wielands philosophischer Gleichmuth sollte jedoch bald erschüttert werden. Er erhielt die Nachricht von dem Tode seiner eben erwähnten Jugendfreundin, deren letztes Werk, „Melusinens Sommerabende“, er noch revidirt und mit einer Vorrede begleitet hatte. „Es scheint“, schrieb er, „mein Schicksal, daß ich alles überleben soll, was ich am meisten und innigsten liebte. Bald habe ich, außer meinen größtentheils weit von mir entfernten Kindern, nichts mehr zu verlieren. Aber der Verlust, den ich am 9. November 1801 erlitt, hat mich auch gegen jeden andern völlig abgestumpft. Die Welt kann zufrieden seyn, eine so außerordentliche Frau, die von ihrer Kindheit an für diese Welt viel zu gut war, 76 Jahre lang besessen und 36 Jahre die Früchte ihres, mit ihrem Herzen gänzlich in Eins verwebten und gleichsam zusammengewachsenen Geistes dankbar und undankbar genossen zu haben. Für uns lebt sie jetzt nur noch, insofern wir ihrer gedenken und das wollen wir.“
In einem Briefe vom 8. September 1808 warf Wieland einen Rückblick auf seine Laufbahn. „Ich habe“, schrieb er, „zwar in vollen 75 Jahren Gottlob! kein glänzendes, noch sonderliches Glück gemacht; sondern auch das herzdrückende Schicksal erfahren, alle Freunde und Freundinnen meiner Jugend und meiner besten Jahre zu überleben. Aber demungeachtet verdanke ich der Mutter Natur eine so glückliche Organisation und Sinnesart, und meinem guten Genius so manche glücklichen Ereignisse, und ein so freundlich schönes Gewebe der 27,593 Tage (die Schalttage mit eingerechnet), daß ich mich nicht zu täuschen glaube, wenn ich gegen Einen trüben oder stürmischen Tag, womit die Parzen mich nicht verschonen konnten oder wollten, vierzehn heitere und vergnügte Tage eines so frohen Lebensgenusses zähle, als ein Sterblicher, ohne thörichte Forderungen an den Himmel zu machen, von diesem unvollkommenen Erdenleben nur immer verlangen kann. Denn für mich sind die Gefühle, worin sich ein Tropfen Bitterkeit mit dem Süßen vermischt, immer die angenehmsten.“
Am Abend seines Lebens brachte Wielands Schicksal, ungeachtet er, nach seinem eignen Geständnisse, „sich von den Erdengöttern so viel als möglich entfernt gehalten,“ ihn noch in Berührung mit Frankreichs Kaiser, als Napoleon mit den damals (1808) auf dem Congreß zu Erfurt versammelten Fürsten einige Tage sich am Hofe zu Weimar aufhielt. Er wünschte den Dichter zu sehen, der ihm durch die früher erwähnte Prophezeiung, „daß Frankreichs Heil nur allein auf Buonaparte beruhe“, merkwürdig geworden war. Wieland befand sich gerade den Tag nicht am Hofe. Unter dem Vorwande des Unwohlseyns hatte er eine Einladung zum Ball abgelehnt. Eine Vorstellung von Voltaires Julius Cäsar lockte ihn jedoch Abends in's Theater, wo er seinen Platz in einer Seitenloge nahm, die sonst der Herzog einzunehmen pflegte. Als Napoleon erfuhr, daß es Wieland gewesen sei, den er dort in seinem einfachen Kleide und einem Sammtkäppchen auf dem Haupt gesehen hatte, erkundigte er sich auf dem Ball wiederholt nach ihm.
„Nun war kein andrer Rath“, gestand Wieland in einem Briefe vom 13. October 1808, „als mich in den Hofwagen, der mir geschickt wurde, zu setzen und — in meinem gewöhnlichen accoutrement, eine Calotte auf dem Kopfe, ungepudert, ohne Degen und in Tuchstiefeln (übrigens anständig costumirt) im Tanzsaal zu erscheinen. Es war gegen halb eilf Uhr. Kaum war ich etliche Minuten dagewesen, so kam Napoleon von einer andern Seite des Saals auf mich zu. Die Herzogin präsentirte mich ihm selbst, und er sagte mir ganz leutselig — das Gewöhnliche, indem er mich zugleich scharf in's Auge faßte. Schwerlich hat wohl jemals ein Sterblicher die Gabe, einen Menschen gleich auf den ersten Blick zu durchschauen, in einem höhern Grade besessen, als Napoleon. Er sah, daß ich, meiner leidigen Celebrität zum Trotz, ein schlichter, anspruchsloser, alter Mann war, und da er, wie es schien, für immer einen guten Eindruck auf mich machen wollte, so verwandelte er sich augenblicklich in die Form, in welcher er sicher seyn konnte, seine Absicht zu erreichen. In meinem Leben hab' ich keinen einfachern, ruhigern, sanftern und anspruchslosern Menschensohn gesehen. Keine Spur, daß der Mann, der mit mir sprach, ein großer Monarch zu seyn sich bewußt war. Er unterhielt sich mit mir, wie ein alter Bekannter mit seines Gleichen, und was noch keinem Andern meines Gleichen widerfahren war, an anderthalb Stunden lang in Einem fort, und ganz allein, zu großem Erstaunen aller Anwesenden. Da ich ein sehr ungeübter, schwerzüngiger französischer Orateur bin, so war es glücklich für mich, daß er gerade in der Laune war, viel zu sprechen, und die frais de la conversation fast allein auf sich nahm. Es war nahe an zwölf Uhr, als ich endlich zu fühlen anfing, daß ich das Stehen nicht länger ertragen könne. Ich nahm mir also eine Freiheit heraus, die sich schwerlich irgend ein andrer Deutscher oder Franzose unterstanden hätte. Ich bat Se. Majestät, mich zu entlassen, weil ich mich nicht stark genug fühle, daß Stehen länger auszuhalten. Er nahm es sehr gut auf. Allez donc, sagte er mit freundlichem Ton und Miene, allez! bon soir!“
In eben diesem Briefe meinte Wieland, so ungemein freundlich Napoleon auch gegen ihn gewesen, habe er doch an ihm vermißt, was man Gemüth nenne, und es sei ihm mitunter vorgekommen, als wäre der Mann aus Bronze gegossen. „Indessen“, schrieb Wieland, „hatte ich es doch dahin gebracht, daß ich ihm ganz offen endlich die Frage vorlegte, wie es denn komme, daß der Cultus, den er in Frankreich reformirt habe, nicht philosophischer und dem Geist unsrer Zeit nicht angemessener ausgefallen sei. Lächelnd erwiederte hierauf Napoleon: Ja, mein lieber Wieland, für Philosophen ist er auch nicht gemacht, denn die Philosophen glauben weder an mich, noch an meinen Cultus, und den Leuten, die daran glauben, kann man nicht Wunder genug thun und lassen. Wenn ich einmal eine Religion für Philosophen stiften könnte, die sollte freilich anders beschaffen seyn. An diesen Faden spann sich nun das Gespräch über Religion fort, wobei Napoleon den Skeptiker so sehr machte, daß er die historische Existenz Christi bezweifelte. Das war aber nur ein sehr allgemeiner Skepticismus, den er da auskramte, und ich fand an seiner Freigeisterei nichts zu bewundern, als die Offenheit, mit welcher er sich mir preisgab.“