Einen Beweis der Huld Napoleons erhielt Wieland durch den ihm übersandten Orden der Ehrenlegion. Dem Kaiser Alexander verdankte er gleichzeitig (1808) den St. Annenorden, wobei sich ihm unwillkührlich die Bemerkung aufdrang, daß das Ausland seine Verdienste gerechter anerkenne, als die Nation, zu der er gehöre. Sein Patriotismus erkaltete jedoch nicht durch solche Erfahrungen. Ohne in Napoleon den außerordentlichen Mann zu verkennen, den er für ein Werk in den Händen der Vorsehung hielt, äußerte sich Wieland mit tiefem Unmuth über die mannigfachen Bedrückungen, die das Unterjochungssystem des französischen Machthabers über Deutschland verhängte.

Was ihn oft in eine trübe Stimmung versetzte, war der Gedanke, sich so vieler Freunde beraubt zu sehen, die er geschätzt und geliebt hatte. Herder, Schiller, Gleim waren ihm vorangegangen, in der letzten Periode seines Lebens auch noch Fernow und Seume. An dem Letztern schätzte Wieland neben seinen Kenntnissen und Talenten besonders die Biederkeit seines Charakters, den offnen, geraden Sinn. „Es ist eine Freude“, schrieb er, „derbe Wahrheiten so freimüthig und kräftig, und doch so manierlich gesagt zu hören. Seume kann sicher seyn, daß Niemand glauben und sagen wird, daß englische Guineen oder Napoleons aus ihm sprechen. Ich habe von jeher große Stücke auf die ächten Cyniker gehalten, deren Ideal Lucian in seinem Kyniskos so trefflich aufhellte. Der ächte Cyniker ist der ächteste Mensch und der wahre Weise, und minor Jove, wie Horaz sagt. Das alte Griechenland hatte ihrer kaum ein halb Dutzend binnen 500 Jahren aufzuweisen; und in unsern Tagen ist Seume der Einzige, den ich wenigstens kenne.“

Zu dem Schmerz über Seumes Verlust gesellten sich für Wieland häusliche und persönliche Leiden. Seine Tochter Julie entriß ihm der Tod. Ein hartnäckiges Augenübel untersagte ihm mehrere Wochen Lesen und Schreiben. Nur langsam genas er im Herbst 1809 von einer lebensgefaährlichen Krankheit. „Das Sonderbare dabei war“, schrieb Wieland, „daß, nach der Versicherung meines Arztes, das Herz und die ganze Blutmasse an dem schrecklichen Sturm auf alle übrigen Theile meines ohnedieß schwachen Körpers keinen Antheil nahmen, und ihre eigene Oekonomie ruhig fortzutreiben schienen. Der Puls ging ruhig und gleich, nur etwas schneller, als gewöhnlich. Dafür aber waren die Muskelkräfte, Nerven, Flechsen und Sehnen so jämmerlich zugerichtet, alle Drüsen so rein ausgewunden und ausgetrocknet, alle Fibern so abgespannt, daß ein vierteljähriges Kind mehr Stärke in Armen und Beinen hat, als ich in den ersten vierzehn Tagen. Meine rechte Hand war lange fast unbrauchbar; über vierzehn Tage konnte ich nicht einen Augenblick stehen. Kurz, ich mußte, wie ein Kind, von vorn anfangen, und die Verrichtungen des animalischen Lebens wieder lernen, als ob sie mir etwas Neues wären. Wie gern möcht' ich hier meinen mich umgebenden Töchtern und Enkelinnen eine Lob- und Dankrede halten!“

In seinem Familienkreise war es, wo Wieland die durch zunehmende Altersschwäche ihm oft geraubte Heiterkeit wiederfand. „Wohl mir“, schrieb er, „daß ich im Winter meines Lebens noch mit Gegenständen der Liebe umgeben bin, mit Kindern und Enkeln, die mir Freude machen, und mein Herz wenigstens so lange warm erhalten werden, bis es zu schlagen aufhört.“ Sehr glücklich würde er sich gefühlt haben, wenn er noch einmal seinen ganzen Familienkreis um sich hätte versammeln können, der immer kleiner geworden war, und zuletzt nur aus einer seiner verwitweten Töchter mit zwei Töchtern von dieser, und seiner jüngsten Tochter Luise bestand. In dankbarer Erinnerung an die Feier seines Geburtstags im Jahr 1810 schrieb Wieland an Böttiger: „Auch wieder ein paar schöne Tage, die sich ganz besonders freundlich, heiter und liebevoll an die 28,105, die nun mit mir vorbeigewankt, gehüpft, gestolpert, getanzt, gewalzt, gestürmt und geschlichen sind, angeschlossen haben! Es ist doch eine hübsche Sache um's lange Leben, wenn einem am Vorabend des 78sten Jahres noch solche Stunden zu Theil werden, wie ich am Abend des 4. September im enggeschlossenen Kreise brüderlich verbundener Freunde genossen habe. Es konnte meinem Herzen nicht anders als wohlthun, so viele und unzweideutige Zeichen herzlicher Theilnahme, Achtung und Liebe zu empfangen.“

Wielands Gesundheit, ziemlich gestärkt seit der früher erwähnten Krankheit, gönnte ihm, an seiner Uebersetzung der Ciceronianischen Briefe mit wenigen Unterbrechungen fortzuarbeiten. Neben dieser Beschäftigung trug er sich damals mit dem Gedanken einer neuen Ausgabe seiner sämmtlichen Werke. Als sein Freund und Verleger Göschen ihn dazu aufgefordert und seinem Wunsche gemäß, versprochen hatte, deutsche Lettern, statt der bisherigen lateinischen, zu wählen, schrieb Wieland: „Die erste und wichtigste Frage wäre wohl diese: ob die neue Auflage alles, was in der ersten ist enthalten soll oder nicht? Da diese Frage, meines Erachtens, blos aus buchhändlerischem Gesichtspunkte entschieden werden kann und muß, so habe ich nichts darüber zu sagen, als daß sie mir viele und kaltblütige Ueberlegung von allen Seiten zu erfordern scheint. Glauben Sie Ihre Rechnung bei einer Auswahl des Besten und Interessantesten eher zu finden, als bei einer wiederholten Auflage meiner sämmtlichen Werke, so bin ich's völlig zufrieden; nur muß ich bemerken, daß alles, was sich mit gutem Gewissen retouchiren ließe, höchstens drei oder vier Bändchen ausmachen, und manchen Lesern auch damit vielleicht kein Gefallen geschehen würde. Die zweite Frage ist: ob wir die Kinder meines Geistes in der Ordnung, wie sie zur Welt gekommen sind, auf einander folgen lassen wollen? und da dies aus mehrern Gründen wohl das Beste seyn möchte: ob die poetischen von den prosaischen Werken abgesondert werden, und also zwei Classen ausmachen sollen? Auch dies kann und soll blos von Ihnen entschieden werden. Wenn nicht merkantilische Rücksichten das Letztere rathen, so sollte ich beinahe glauben, es dürfte vielen, wo nicht den meisten Liebhabern meiner Schriften angenehmer seyn, ohne Hinsicht auf Verse und Prosa, in der Ordnung, wie sie geschrieben wurden, zu lesen; um so mehr, da sie eben dadurch dem scharfsinnigen und aufmerksamen Leser eine Art von Geschichte, oder vielmehr die Belege zur Geschichte meines geistigen Lebens an die Hand geben, welche ich, wenn der schwarzbraunige Bruder des Schlafs mir Zeit dazu läßt, zu schreiben gedenke.“

Mit dieser Selbstbiographie schien es Wieland wenig Ernst zu seyn. In seinem literarischen Nachlaß fand sich auch nicht das kleinste Fragment jener „Memorabilien,“ wie er sie zu nennen pflegte. Zufällige Umstände verhinderten die in dem vorhin erwähnten Briefe besprochene neue Ausgabe seiner Werke. Er gewann dadurch mehr Muße zu seiner Uebersetzung des Cicero, zu welcher, als ihn der Tod bei dieser Arbeit überraschte, sein Freund und Landsmann Gräter die noch übrigen vierzig Briefe Cicero's hinzufügte.

Nicht ohne Nachtheil für seine schwache Brust glaubte Wieland die Berge und Anhöhen von Belvedere ferner erklimmen zu können. Er leistete daher im Sommer 1811 Verzicht auf seinen bisherigen Lieblingsaufenthalt, und beschränkte sich auf kleine Ausflüge nach Jena und auf Spazierfahrten. Am 11. September 1811 hatte er das Unglück, als der Wagen umwarf, das Schlüsselbein zu zerbrechen. Noch gefährlicher ward seine jüngste Tochter verletzt. Wahrhaft bewundernswerth war, nach Goethes Zeugniß, die Fassung, der ruhige Gleichmuth, womit Wieland die schmerzlichen Folgen des Falles und die Langeweile der Genesung ertrug. Auch bei dieser Prüfung bewährte sich seine Lebensphilosophie, die ihn noch nie verlassen hatte.

„Es gehört,“ schrieb er den 18. October 1811, „unter die größten Uebel der schon oft von mir recht herzlich verwünschten Celebrität (zu deutsch Berühmtheit) — die übrigens auch hin und wieder ihr nicht zu verachtendes Gute hat — daß einer nicht einmal den kleinsten Finger, geschweige ein Schlüsselbein, was doch im Grunde auch nicht viel sagen will, brechen kann, ohne daß es sogleich in öffentlichen Blättern der Welt verkündigt, und dadurch alle entfernten Freunde des Verunglückten unschuldiger und ungebührlicher Weise, gegen den Willen desselben, zum Mitleiden aufgefordert, beunruhigt, und nicht selten ist der Fall gesetzt werden, sich das Uebel ärger vorzustellen, als es ist.“

Wieland genas bald wieder. In völliger Heiterkeit fand ihn sein achtzigster Geburtstag, den er in einem Cirkel von Freunden feierte, die ihn nach Jena eingeladen hatten, und ihm an jenen Tage eine silberne Denkmünze überreichten, mit der Aufschrift: „Dem unsterblichen Sänger.“ Mit den heitersten Eindrücken kehrte er wieder nach Weimar zurück, wo ihn Ifflands Darstellungen auf dem dortigen Hoftheater erwarteten. Er schien sehr lebhaften Antheil daran zu nehmen. Seine Gesundheit blieb sich gleich. In der Nacht vom 10. auf den 11. Januar 1813 traf ihn jedoch ein Anfall von Schlag. Aller ärztlichen Hülfe unerachtet, ward sein Zustand, durch ein hinzutretendes heftiges Fieber, von Tage zu Tage bedenklicher.

Die Nähe seines Todes schien Wieland nicht zu ahnen. In schmerzlosen Stunden beschäftigte sich seine Phantasie mit seinen Kindern. Auch sprach er bisweilen mit lebhaftem Interesse von seiner Uebersetzung der Ciceronianischen Briefe. Als am zehnten Tage, den 20. Januar, das durch ärztliche Mittel beseitigte Fieber mit größerer Heftigkeit wieder zurückkehrte, schwärmte Wielands Phantasie bald in Griechenland, bald in Italiens Gefilden. In den Abendstunden hörten seine Kinder ihn schwach, doch vornehmlich, Hamlets berühmten Monolog: „Seyn oder Nichtseyn“, bald deutsch, bald englisch recitiren. Er sank hierauf in einen tiefen Schlummer, und die Mitternachtsstunde fand ihn nicht mehr unter den Lebendigen.