Mehr wahrhafte Theilnahme an seinem harten Schicksal regte sich in einem weiblichen Herzen. In der Karlsschule war er mit Wilhelm von Wolzogen und dessen drei Brüdern, und durch diese auch mit ihrer Mutter bekannt geworden. Von dieser hochherzigen Frau hatte Schiller, als er ihr den Entschluß seiner Flucht mitgetheilt, das Versprechen erhalten, ihm auf ihrem in Meiningen gelegenen Gute Bauerbach ein sicheres Asyl zu gewähren, wenn der Herzog von Würtemberg Schritte thun sollte zur Verfolgung des Flüchtlings. An jene edle Frau, die oft in Stuttgart verweilte, hatte er sich gewandt, und fand sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht.
Seine Verhältnisse waren so drückend, daß er den Augenblick, in eine einigermaßen sorgenfreie Lage gesetzt zu werden, beschleunigen mußte. Aus Noth hatte er seine Uhr verkaufen müssen. Die eilf Louisd'or, die er von dem Buchhändler Schwan in Mannheim für sein dem Professor Abel gewidmetes Trauerspiel: "Die Verschwörung des Fiesko," erhalten, hatten kaum hingereicht, die seinem Hauswirth schuldige Summe zu tilgen, bei dem er eine Zeitlang auf Borg gelebt. Er mußte sich aber auch mit den unentbehrlichsten Kleidungsstücken für den Winter versehen, um die Reise nach Bauerbach antreten zu können.
Aus Worms, wohin sie ihn von Oggersheim aus begleitet hatten, kehrten Streicher, Meier und einige andere Freunde Schillers wieder nach Mannheim zurück. Der Abschied von seinem treuen Streicher ward ihm dadurch erleichtert, daß er dessen Gesellschaft schon einige Zeit hatte entbehren müssen, weil Streicher, um seinem Broderwerb nachzugehen, sich von Oggersheim nach Mannheim begeben hatte. In einem leichten Ueberrock, bei strenger Kälte, trat Schiller die Reise nach Bauerbach an, begleitet von den besten Wünschen seiner Freunde, die sich mit dem Gedanken beruhigten, daß Schiller, wenigstens für die nächste Zeit, Mangel und Verfolgung nicht zu fürchten habe.
Im November 1782 war er auf dem der Frau von Wolzogen gehörenden Rittergute Bauerbach spät Abends angelangt. Er hatte einen Weg von sechsundfunfzig Stunden zurückgelegt. In der herrschaftlichen Wohnung fand er schon alles zu seinem Empfange bereitet. Eine ausführliche Schilderung seiner gegenwärtigen Lage, mit der er sehr zufrieden zu seyn schien, entwarf er dem Buchhändler Schwan in Mannheim in einem vom 8. December 1782 datirten Briefe. Er betrachtete sich in diesem Schreiben als einen Schiffbrüchigen, der sich aus den Wellen mühsam emporgekämpft. Dringend legte er dem Empfänger seines Briefes die Bitte an's Herz, den Druck seines Trauerspiels, die "Verschwörung des Fiesko", möglichst rasch zu fördern. Nur das Verbot, Schriftsteller zu seyn, äußerte Schiller, habe ihn aus würtembergischen Diensten vertrieben; sollte er nun als Schriftsteller nicht bald in seinem Vaterlande etwas von sich hören lassen, so würde man den Schritt, den er gethan, grund- und nutzlos finden.
Auch seinem Freunde Streicher meldete Schiller gleichzeitig, den 8. Dezember 1782, seine Ankunft in Bauerbach, und entwarf auch ihm eine günstige Schilderung seiner neuen Verhältnisse. In seiner Einsamkeit zu Bauerbach, unter einfachen Landleuten, entfernt vom Geräusch der Welt, das mit seinem in sich gekehrten Wesen und seiner oft trüben Stimmung nicht harmonirte, fühlte sich Schiller anfangs sehr glücklich, wenn gleich die rauhe Natur des Orts mit ihren schroffen Felsenabhängen in ihm dann und wann eine schmerzliche Erinnerung an seine Heimath, an das gesegnete milde Schwaben hervorrief.
Ein inniges Freundschaftsverhältniß entstand bald nach Schillers Ankunft in Bauerbach zwischen ihm und dem Bibliothekar Reinwald in Meiningen, der sich später mit Schillers ältester Schwester Christophine vermählte. Mit diesem durch Geist und Herz ausgezeichneten Manne stand Schiller in fortgesetztem Briefwechsel. Bisweilen sahen sie sich in Bauerbach, in Meiningen oder an einem dritten Orte. In seinem ländlichen Asyl fehlte es ihm ohnedieß an Personen, in deren Umgange er sich gefallen konnte. Dann und wann spielte er mit dem Verwalter des Guts eine Parthie Schach, oder begleitete ihn auf die Jagd, oder auf einem Spaziergange. Von Streicher getrennt, fühlte er schmerzlich, daß ihm ein treuer theilnehmender Freund fehle, und oft ergriff ihn eine schwermüthige Stimmung, die er in mehreren Briefen an Reinwald aussprach.
Das Verhältniß zu seiner Beschützerin, der Frau von Wolzogen, wenn auch mitunter durch Schillers Reizbarkeit getrübt, hatte sich noch immer in seiner ursprünglichen Reinheit erhalten. Er war ihr in mehrfacher Hinsicht Dank schuldig, unter andern dafür, daß sie während ihres Aufenthalts in Stuttgart seine um ihn bekümmerten Eltern über sein Schicksal beruhigt hatte. Sehr erfreut hatte sie ihn durch Nachrichten von seiner Familie. Namentlich hatte sie ihm die Genesung seiner Mutter gemeldet, an der er mit inniger Liebe hing. Schiller war nicht undankbar. Um die zarte Aufmerksamkeit, die sie ihm bewies, einigermaßen zu erwiedern, verherrlichte er den Tag, an welchem Frau von Wolzogen im Mai 1783 aus Stuttgart wieder nach Bauerbach zurückkehrte, durch allerhand ländliche Festlichkeiten.
Einen nicht unwesentlichen Antheil der wahrhaft kindlichen Liebe Schillers zu der edlen Frau, die sich seiner so edelmüthig angenommen, hatte die in ihm aufkeimende Neigung, die er für ihre Tochter Charlotte empfand. Um so größer war seine Bestürzung bei der Nachricht, daß ein Adlicher aus Stuttgart neben ihm, dem dürftigen Flüchtling, als Bewerber um Charlottens Hand aufgetreten sei. Ihm drohte selbst, wenn jener Herr in Meiningen blieb, vielleicht Gefahr, entdeckt zu werden. Besorgnisse dieser Art schlummerten nie ganz in seiner Seele. Ein Brief an seine mütterliche Freundin vom 30. May 1783 schilderte den leidenschaftlichen Zustand, in dem er sich befand. Er äußerte in seinem Schreiben sogar den Entschluß, geradezu nach Weimar zu gehen, wenn sich die Nachricht bestätigen sollte, daß jener Stuttgarter Herr in Meiningen angekommen wäre.
So ward durch eine Leidenschaft, die er bei seinen unbestimmten Aussichten unterdrücken mußte, Schillers literarische Thätigkeit gestört. Es war für ihn ein Glück, daß eine Ortsveränderung seinem Schicksal eine andere Wendung gab. Sein aufgelöstes Verhältniß zu dem Freiherrn von Dalberg schien sich wieder anknüpfen zu wollen. Wiederholt hatten die Mitglieder des Mannheimer Theaterausschusses, bei denen Schiller noch in gutem Andenken stand, den Wunsch geäußert, daß die "Verschwörung des Fiesko" aufgeführt werden möchte. Viel versprachen sie sich auch, nach der Schilderung, die ihnen Streicher davon entworfen hatte, von einer Vorstellung der "Luise Millerin."
Dies Trauerspiel hatte Schiller bereits im Februar 1783 beinahe vollendet. Bald nachher, im März, erkundigte sich Dalberg schriftlich, ob Schillers neues Stück sich nicht vielleicht zu einer Vorstellung auf den [der] Mannheimer Bühne eignen möchte. In einem Briefe Schillers vom 3. April entschuldigte er seine verspätete Antwort damit, daß er mit dem Buchhändler Weygand in Leipzig verhandelt, doch wegen des Honorars sich nicht habe vereinigen können. Höflich, und ohne ohne [] die mindeste Empfindlichkeit zu verrathen, schrieb er an den Mann, der ihn bitter getäuscht hatte. In Bezug auf sein Trauerspiel, die "Luise Millerin", bemerkte Schiller: "Außer der Vielfältigkeit der Charaktere und der Verwicklung der Handlung, der vielleicht allzufreien Satyre und Verspottung einer vornehmen Narren- und Schurkenart, habe sein Stück noch den Mangel, daß Komisches mit Tragischem, Laune mit Schrecken wechselten, und obschon die Entwicklung tragisch genug sei, doch einige lustige Charaktere und Situationen hervorragten." In eben diesem Briefe meldete er, daß er sich mit einem neuen Trauerspiel, dem Don Carlos beschäftige, von dem er sich eine großartige Wirkung versprach. Auch beabsichtigte er eine dramatische Bearbeitung der Geschichte Conradins von Schwaben. Die Idee, Maria Stuart zur Heldin einer Tragödie zu wählen, gab er wieder auf, und realisirte sie erst in späteren Lebensjahren.