In Tübingen sah Schiller seinen Jugendlehrer Abel wieder, der ihn an sein Vaterland zu fesseln suchte, das nach dem um diese Zeit erfolgten Tode des Herzogs Carl von Würtemberg eine neue und minder willkürliche Verfassung bekommen hatte. Jenem Antrage gab Schiller jedoch kein Gehör, und eben so wenig der Bitte seines Vaters, dem neuen Regenten Ludwig Eugen in einem Gedicht zu seinem Regierungsantritt Glück zu wünschen. Für unwürdig hielt es Schiller, die Poesie zu irgend einem Vortheil oder zu andern untergeordneten Zwecken zu benutzen. Auch wollte er den Schein vermeiden, als freue er sich über den Tod eines Fürsten, durch dessen Willkühr er so viel gelitten. Nie vergaß er die Wohlthaten, die er dem Herzog in seiner Jugend zu verdanken gehabt hatte.

Einflußreich für seine spätern Lebensverhältnisse war für Schiller die in Tübingen angeknüpfte Verbindung mit der Cottaischen Buchhandlung. Er trat jedoch zurück von dem ihm gemachten Antrage, die Allgemeine Deutsche Zeitung zu redigiren, da die politisch-poetische Richtung, welche Cotta jener Zeitschrift zu geben wünschte, Schillers Geiste zu fern lag. Seinen Fähigkeiten und Neigungen weit angemessener, als jenes Blatt, war die Herausgabe eines poetischen Journals unter dem Titel: "die Horen." Die neue Zeitschrift sollte, nachdem die "Thalia" aufgehört hatte, mit dem Anfange des Jahres 1795 erscheinen. Politische Gegenstände sollten von diesem Journal gänzlich ausgeschlossen seyn. Nach der von Schiller geschriebenen Vorrede sollten die "Horen" einer heitern und leidenschaftsfreien Unterhaltung gewidmet seyn. Dem Geist und Herzen des Lesers, den der Anblick der Zeitbegebenheiten bald entrüste, bald niederschlage, sollte diese Zeitschrift eine fröhliche Zerstreuung gewähren, und mitten in dem politischen Tumult sollte sie für Musen und Charitinnen einen engen vertraulichen Cirkel schließen, aus welchem alles verbannt wäre, was mit einem unreinen Partheigeiste gestempelt sei.

Mehrere der achtenswerthesten Schriftsteller Deutschlands, Goethe, Herder, Kant, Fichte, Humboldt u. A. waren von Schiller zu Beiträgen für die "Horen" aufgefordert worden. Für das neue Journal zeigten sich die günstigsten Aussichten durch vielversprechende Antworten, welche Schiller von mehreren Seiten erhielt. Mit einzelnen der erwähnten Gelehrten war er in nahe Berührung gekommen, unter andern mit Wilhelm von Humboldt, der sich damals mit seiner Gattin in Jena häuslich niedergelassen hatte. Die philosophischen und ästhetischen Abendgespräche zwischen Schiller und Humboldt zogen sich oft bis in die Nacht hinein. Ein besonderes Interesse gewann die Herausgabe seines Journals noch dadurch für Schiller, daß er mit Goethe, den er zur Theilnahme an den "Horen" aufgefordert, in das längst von ihm gewünschte nähere Verhältniß trat, welchem sich Goethe, aus entschiedner Abneigung gegen Schillers frühere Producte, bisher entzogen hatte.

Schillers Gespräche mit Goethe über Kunst und Kunsttheorie weckten in ihm den Gedanken, die Correspondenz mit jenem Dichter zu einer Quelle von Aufsätzen für die "Horen" zu benutzen. Schiller freute sich sehr über den fruchtbaren Ideenwechsel, der aus seinem näheren Verhältniß mit Goethe entsprang. Mit Vergnügen folgte er daher einer Einladung Goethes, nach Weimar zu kommen, und sich dort einige Wochen in seinem Hause aufzuhalten. Goethe hatte ihm jede Freiheit und Bequemlichkeit zugesichert, die theils sein körperlicher Zustand, theils seine gewohnte Lebensweise forderte.

Zu Ende des Septembers 1794 war Schiller wieder nach Jena zurückgekehrt, noch voll von den mannigfachen Ideen, die Goethe in ihm angeregt hatte. Neben der Vollendung seiner "Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen" beschäftigte er sich mit einer Recension von Matthisson's Gedichten, den er in Tübingen persönlich kennen gelernt hatte. Aehnliche Gedanken, wie er sie in seinem Gedicht: "die Künstler" ausgesprochen, enthielt Schillers geistreiche Kritik der Gedichte Matthissons. Was er einige Jahre zuvor (1788) in einer Recension von Goethe's "Egmont" diesem Trauerspiel zum Vorwurf gemacht hatte, daß demselben Idealität fehle, das legte Schiller mit noch größerem Nachdruck seiner sehr strengen Beurtheilung der Gedichte Bürgers zum Grunde, durch welche er diesen an Glück und Ruhm verarmten Dichter in den letzten Tagen seines Lebens bitter kränkte.

Sehr günstig hatte Goethe die in Schillers "Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen" enthaltenen Ideen beurtheilt. Dadurch fühlte sich Schiller getröstet über den Widerspruch Herders, der ihm, wie er äußerte, seine Vorliebe für Kant nicht verzeihen könne. Ungeachtet des glänzenden Denkmals, das Schiller in einem Briefe vom 28. October 1794 der Kantischen Philosophie setzte, ward er derselben wieder entfremdet durch anderweitige literarische Beschäftigungen. Goethe's Schriften, besonders die Lectüre des "Wilhelm Meister" gewährten ihm damals einen hohen Genuß. Er fühlte sich, wie er am 7. Januar 1795 schrieb, "von einer süßen innigen Behaglichkeit, von einem Gefühl geistiger und leiblicher Gesundheit durchdrungen. Es sei ihm peinlich zu Muthe, von einem Product dieser Art in das philosophische Wesen hineinzusehen. Dort sei alles so heiter, so lebendig, so harmonisch aufgelöst und so menschlich wahr; hier alles so streng, so rigid und abstract und so höchst unnatürlich, weil alle Natur nur Synthesis und alle Philosophie Antithesis sei. Zwar glaubte er, sich das Zeugniß geben zu können, in seinen Speculationen der Natur so getreu als möglich geblieben zu seyn. Aber dennoch fühle er nicht weniger lebhaft den unendlichen Abstand zwischen dem Leben und dem Raisonnement." So viel, meinte er, sei gewiß: der Dichter wäre der einzige wahre Mensch, und der beste Philosoph gegen ihn nur eine Carricatur.

Mit dem Jahr 1795 begann eine neue Periode der poetischen Fruchtbarkeit Schillers. In dem Zeitraum von 1790 bis 1794 schien er, die metrischen Uebersetzungen aus dem Virgil abgerechnet, der Dichtkunst beinahe ganz entsagt zu haben. Theils in die "Horen", theils in den "Musenalmanach", den er mit dem Jahr 1795 herausgab, nahm Schiller mehrere seiner, durch Form und Inhalt besonders ausgezeichneten Gedichte auf, unter andern "die Ideale", das "Reich der Schatten" (später das "Ideal und das Leben" genannt), und die "Elegie", welcher er nachher die veränderte Ueberschrift: "der Spaziergang" gab. Auf das zuletzt genannte Gedicht legte Schiller einen besondern Werth. Das beste Kriterium der wahren Güte eines poetischen Products, meinte Schiller, sei dieses, daß es in jeder Gemüthsstimmung gefalle, und das sei ihm noch bei keinem Gedicht begegnet, als gerade bei diesem. Eine großartige Wirkung versprach er sich von einer Idylle, einem Gegenstück zu seiner "Elegie." Er wollte in diesem Gedicht "das Ideal der Schönheit objectiv zu idealisiren suchen," gab indeß diesen Plan, wie einige andere poetische Entwürfe, wieder auf.

In wechselnder Stimmung kehrte er wieder zur dramatischen Poesie zurück, für die sich sein Talent vorzugsweise eignete. Die Geschichte der Belagerung von Malta wollte er zu einem Trauerspiel benutzen, bei welchem er sich viel vom Gebrauch des Chors versprach, wie er ihn später in seiner "Braut von Messina" nach dem Muster der Griechen, wieder auf der Bühne einführte. Das durch Wieland ihm empfohlene Studium der Alten hatte noch immer viel Reiz für ihn, und er suchte sich ihre Vorstellungsweise anzueignen. Seine neue dramatische Dichtung nannte Schiller die "Ritter von Malta." Den Plan dieses Werkes findet man in des Dichters gesammelten Werken; die Ausführung unterblieb.

Auch den schon früher entworfenen Plan, den Wallenstein zum Helden einer Tragödie zu wählen, nahm er wieder auf, gestand aber, von einer augenblicklichen Muthlosigkeit ergriffen, seinem Freunde Körner: "Ich glaube mit jedem Tage mehr zu finden, daß ich nichts weniger vorstellen kann, als einen Dichter, und daß höchstens da, wo ich philosophiren will, der poetische Geist mich überrascht. Was ich im Dramatischen zur Welt gebracht, ist nicht sehr geeignet, mir Muth zu machen. Im eigentlichen Sinne des Worts betrete ich eine mir ganz unbekannte, wenigstens unversuchte Bahn; denn im Poetischen hab' ich seit drei bis vier Jahren ganz neuen Menschen angezogen."

Schillers Vertrauen zu seinen Kräften wuchs unter den mannichfachen dramatischen Vorbereitungen, die sich bis in den May 1796 hinzogen, wo er sich für den "Wallenstein" entschied. "Der Held seines neuen Trauerspiels," meinte er, "sei ein Charakter, der nur im Ganzen, doch nie im Einzelnen interessiren könne, denn er habe nichts Edles, erscheine in keinem Lebensact groß, habe wenig Würde u. dgl." Dennoch aber überließ sich Schiller der Hoffnung, auf rein realistischem Wege einen dramatisch großen Charakter in ihm aufzustellen, der ein ächtes Lebensprincip habe. Im "Posa" und "Karlos", bemerkte Schiller, habe er die fehlende Wahrheit durch schöne Idealität zu ersetzen gesucht, hier im "Wallenstein" wolle er den Versuch machen, durch die bloße Wahrheit für die fehlende Idealität zu entschädigen.