Mit großem Interesse hatte er damals die von de l'Averdy aus den Manuscripten der Pariser Bibliothek herausgegebenen Acten über den Verdammungs- und Lossprechungsproceß der Johanna d'Arc gelesen. Er benutzte dieß historische Ereigniß zu seiner romantischen Tragödie: "die Jungfrau von Orleans." Um völlig ungestört arbeiten zu können, begab er sich nach Jena, wo er seine Gartenwohnung bezog. Er hatte sich so völlig isolirt, daß er nur mit Schelling und Niethammer in einige Berührung kam. In einem Briefe an Goethe vom 3. April 1801 äußerte er die Hoffnung, sein Trauerspiel in vierzehn Tagen zu vollenden. Er beschäftigte sich indeß damit noch beinahe sieben Monate. Ueber die Behandlung seines Stoffs und über einzelne Charaktere und Situationen seiner Tragödie erklärte er sich ausführlich in einem am 26. November 1801 geschriebenen Briefe. Er nannte die "Jungfrau von Orleans" in jenem Briefe ein in ihrer Art einziges Süjet, und einen beneidenswerthen Stoff für den Dichter.

Die Stimme der Kritik über sein neues Trauerspiel befriedigte ihn nicht. Auch die billigen Anforderungen an eine Recension fand er nicht erfüllt in einer damals von Apel für die Allgemeine Literaturzeitung geschriebenen Beurtheilung der "Jungfrau von Orleans". Jene Recension schien ihm ein bloßer Versuch, "die Prinzipien der Schellingschen Kunstphilosophie einem vorhandenen Werke anzupassen und darauf anzuwenden."

Von der Wirkung seines neuen Trauerspiels und von der Macht seines Talents überzeugte sich Schiller bei der Vorstellung der "Jungfrau von Orleans" in Leipzig. Der Enthusiasmus des Publikums äußerte sich, als der Vorhanggefallen war, durch den vielstimmigen Ruf: "Es lebe Friedrich Schiller!" Die Zuschauer drängten sich in dem überfüllten Schauspielhause, um den heraustretenden Dichter zu sehen. Schiller hatte sich damals von Leipzig nach Dresden begeben, wo er in dem nahegelegenen Loschwitz, auf Körners Weinberge, mehrere Wochen verweilte, in heitern Jugenderinnerungen, besonders an seinen "Don Carlos", den er dort gedichtet hatte. In fast wehmüthiger Stimmung verließ er Dresden, wo er mit dem durch Goethe und Meyer in ihm geweckten höhern Sinne für die plastische Kunst, sich heimathlicher als früher gefühlt hatte in der antiken Welt, deren Anschauung neue und fruchtbare Ideen in ihm weckte.

Sein Aufenthalt in Weimar ward ihm behaglicher, als bisher, durch ein bequemes und freundliches Haus an der sogenannten Esplanade. In diesem, von ihm damals gekauften Hause bewohnte er die obere Etage allein. Vor der Mittagssonne schützte ihn in seinem Zimmer ein carmoisinrother Vorhang, dessen röthlicher Schimmer, wie er meinte, auf seine produktive Stimmung belebend einwirkte. Zufällig war der Tag, an welchem er seine neue Wohnung bezog, der Todestag seiner Mutter. Wie schmerzlich ihn jene Nachricht ergriffen, schilderte er in einem Briefe an seine Schwester Christophine, die Gattin des Bibliothekars Reinwald in Meiningen.

Mit einer Kraft und Innigkeit, wie sie ihm, nach seinen eignen Worten,
lange nicht begegnet, fühlte sich Schiller von einem neuen dramatischen
Stoffe angezogen. Es war die "Braut von Messina." In einem Briefe vom 10.
März 1802 meldete er, daß ihn jener Stoff schon sechs Wochen beschäftige.
Erst zu Ende des Januar 1803 ward das neue Trauerspiel vollendet, und am
4. Februar ward es Abends in einer Gesellschaft von Freunden und Bekannten
vorgelesen. Doch wohnte auch der Herzog von Weimar jener Vorlesung bei.
Ehe das Stück in Weimar zur Aufführung kam, ward es in Lauchstädt gegeben.
In den ersten Tagen des Juli reiste Schiller dorthin. Bei dem
Zusammenströmen zahlreicher Fremden fand er mit Mühe ein unweit dem
Schauspielhause gelegenes Logis mit einem daran stoßenden Garten. Bei der
Vorstellung des Stücks ereignete sich der Zufall, daß bei einem
aufsteigenden schwereren Gewitter, die bisher entfernt gehörten
Donnerschläge in dem Augenblicke, wo Isabella die gewaltigen
Verwünschungen gegen den Himmel aussprach, sich bis zu einem furchtbaren
Krachen verstärkten, und daß der Schauspieler Graff diesen Zufall zu einer
Gesticulation benutzte, von der das ganze Publikum ergriffen ward.

In einigen Briefen, die Schiller aus Lauchstedt an seine in Weimar zurückgebliebene Gattin schrieb, beklagte er sich, ungeachtet der Zufriedenheit mit seinem Aufenthalt und seinen Umgebungen, doch über die Ungewohnheit eines gänzlichen Müssigganges, der ihn den Verlust der schönen Zeit bedauern lasse. Im Juli 1803 kehrte er wieder nach Weimar zurück, nachdem er einen Tag bei dem Kanzler Niemeyer in Halle zugebracht hatte. Bei der Rückkehr nach Weimar widmete er sich wieder seiner gewohnten Thätigkeit. Mannigfache poetische Entwürfe beschäftigten ihn. Reich an dramatischem Interesse schien ihm besonders die ältere französische Geschichte, namentlich die Zeit der Ligue. Zu seinen Lieblingscharakteren gehörte Heinrich IV. Die neuere Geschichte Frankreichs weckte in ihm die Idee, den Zustand der Polizei in Paris unter der Regierung Ludwigs XIV. zu einem dramatischen Gemälde zu benutzen. Diese Idee beschäftigte ihn längere Zeit. Nach seinen eignen Aeußerungen sollte über den bunten und mannigfachen Gestalten einer Pariser Welt wie Polizei, wie eine Art von höherem Wesen schweben, dessen Blick ein unermeßliches Feld überschaue und in die geheimsten Tiefen dringe, und für dessen Arm nichts unerreichbar wäre. Das von ihm beabsichtigte dramatische Gemälde sollte den Titel: "Die Kinder des Hauses" führen. Durch die Lectüre von Pitaval's Causes celebres, deren Uebersetzung durch Niethammer er mit einer Vorrede begleitet hatte, war die Idee zu jenem Drama zuerst in Schiller rege geworden.

Auch von der deutschen Geschichte versprach er sich eine reiche Ausbeute dramatischer Stoffe. Besonders anziehend war für ihn unter den vaterländischen Charakteren Friedrich von Oesterreich, der Gegner und Freund Ludwigs des Baiern. Mitunter ward auch der schon früh entworfene Plan wieder in ihm rege, einen zweiten Theil der "Räuber" zu schreiben, der die Dissonanzen dieses Schauspiels beseitigen sollte. Unter diesen mannigfachen Entwürfen bot ihm die Geschichte der Schweiz endlich einen dramatischen Stoff, von welchem er sich eine großartige Wirkung versprach. Es war das Schauspiel "Wilhelm Tell", das ihn jedoch ein volles Jahr beschäftigte und erst im Februar 1804 vollendet ward.

Eine große Bewegung in dem gesellschaftlichen Leben Weimars hatte nicht lange zuvor die Ankunft einiger Fremden veranlaßt. Zu diesen gehörten besonders Benjamin Constant und Frau v. Stael. Von den Gesprächen der eben genannten geistreichen Schrifstellerin [Schriftstellerin] fühlte sich Schiller angezogen. Drückend aber war ihm das Uebermaß französischer Lebhaftigkeit, das, nach seinen eignen Aeußerungen, die ruhige und gemüthliche Aufnahme des Geistigen störe. In einem Briefe an Goethe vom 21. December 1803, in welchem Schiller eine ausführliche Schilderung der Frau v. Stael entwarf, und besonders die Klarheit, Entschiedenheit und geistreiche Lebhaftigkeit ihrer Natur hervorhob, fügte er hinzu: "Das einzige Lustige ist die ganz ungewöhnliche Fertigkeit der Zunge. Man muß sich ganz in ein Gehörorgan verwandeln, um ihr folgen zu können."

Mitten unter jenen Zerstreuungen, die weder mit seiner Liebe zur Einsamkeit harmonirten, noch auf seinen oft leidenden körperlichen Zustand günstig einwirkten, erhielt Schiller manche Beweise der Aberkennung seines Talents. Der König von Schweden hatte ihm bei seiner Durchreise durch Weimar einen Brillantring zum Geschenk gemacht wegen der "Geschichte des dreißigjährigen Kriegs", worin Schiller der Schweden rühmlich gedacht hatte. Seinem Jugendfreunde Wilhelm v. Wolzogen schilderte er seine freudige Ueberraschung mit den Worten: "Wir Poeten sind selten so glücklich, daß die Könige uns lesen, und noch seltener geschieht es, daß sich ihre Diamanten zu uns verirren. Ihr Herrn Staats- und Geschäftsleute habt eine größere Affinität zu diesen Kostbarkeiten; aber unser Reich ist nicht von dieser Welt."

Noch vor der Vollendung seines "Wilhelm Tell", der im Februar 1804 zum erstenmal aufgeführt ward, hatte Schiller in der Geschichte des falschen Demetrius in Rußland einen neuen dramatischen Stoff gefunden. Er entwarf den Plan des Stücks und einzelne Scenen. In Stunden, wo er sich nicht heiter genug fühlte zu eignen Dichtungen, beschäftigte er sich mit einer metrischen Uebersetzung des Trauerspiels "Phädra" von Racine für das weimarische Theater, für welches er schon einige Jahre früher Shakspeares "Macbeth" und Gozzi's "Turandot" bearbeitet hatte. Auch für den Julius Cäsar des großen brittischen Dichters interessirte sich Schiller lebhaft. Die Idee, auch von diesem Trauerspiel eine Bearbeitung für die Bühne zu liefern, unterblieb jedoch.