Beschäftigt mit seiner dramatischen Dichtung, blieb Goethe, wenn man den Umgang mit dem Landschaftsmaler Hackert ausnimmt, dessen Leben er später so anziehend beschrieb, auch in Neapel "dem eigensinnigen Einsiedlersinn" treu, der ihm schon in Rom von seinen Freunden zum Vorwurf gemacht worden war. "Freilich scheint es," schrieb er, "ein wunderliches Beginnen, daß man in die Welt geht, um allein bleiben zu wollen." Während Goethe sich aber dem geselligen Leben entzog, streifte er in der Umgegend umher. "Neapel ist ein Paradies," äußerte er in dem vorhin mitgetheilten Briefe. "Jedermann lebt in einer Art von trunkener Selbstvergessenheit. Mir geht es eben so. Ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz anderer Mensch."

Längere Zeit schwankte Goethe in dem Entschluß, auch Sicilien zu besuchen. "Eine Seereise," schrieb er, "fehlt mir ganz in meinen Begriffen. Die kleine Ueberfahrt, vielleicht eine Küstenumschiffung, wird meiner Einbildungskraft nachhelfen und mir die Welt erweitern. Und so geh' ich denn Donnerstag den 29sten mit der Corvette, die ich, des Seewesens unkundig, in meinem vorigen Briefe zum Rang einer Fregatte erhob, nach Palermo."

Von der Seekrankheit befallen, wagte sich Goethe längere Zeit nicht wieder auf's Verdeck, und mußte so den herrlichen Anblick der Küsten und Inseln entbehren. "Abgeschlossen von der äußern Welt," schrieb er, "ließ ich die innere walten, und da eine langsame Fahrt vorauszusehen war, gab ich mir gleich zu bedeutender Unterhaltung ein starkes Pensum auf. Die zwei ersten Acte des Tasso, in poetischer Prosa geschrieben, habe ich von allen Papieren allein mit über See genommen. Diese beiden Acte, schon vor mehreren Jahren geschrieben, hatten etwas Weichliches, Nebelhaftes, welches sich jedoch bald verlor, als ich, nach neueren Ansichten, die Form vorwalten und den Rhythmus eintreten ließ."

Einen begeisternden Eindruck machte auf Goethe der majestätische Anblick des Meeres mit seinen zahllosen Inseln. In dieser lebendigen Umgebung glaubte er, nach seinen eignen Worten, den besten Commentar zu Homers Odyssee zu finden, deren Lectüre ihn damals beschäftigte. "Was den Homer betrifft," schrieb er an Herder, "so ist mir eine Decke von den Augen gefallen. Die Beschreibungen, die Gleichnisse u.s.w. kommen uns poetisch vor, und sind doch unsäglich natürlich, aber freilich mit einer Reinheit und Innigkeit bezeichnet, vor der man erschrickt. Selbst die sonderbarsten erlogensten Begebenheiten haben eine Natürlichkeit, die ich nie so gefühlt habe, als in der Nähe der betriebenen Gegenstände. Ich möchte den Gedanken kurz so ausdrücken: sie stellen die Existenz dar; wir gewähren den Effect; sie schildern das Fürchterliche; wir schildern fürchterlich; sie das Angenehme, wir angenehm. Daher kommt alles Uebertriebene, alle falsche Grazie, aller Schwulst. Wenn das, was ich sage, nicht neu ist, so hab' ich es doch bei neuem Anlaß recht lebhaft gefühlt. Nun ich alle diese Küsten und Vorgebirge, Golfe und Buchten, Inseln und Erdzungen, Felsen und Sandstreifen, buschige Hügel, sanfte Wälder, fruchtbare Felder, geschmückte Gärten, gepflegte Bäume, hängende Reben, Wolkenberge und immer heitere Ebenen, Klippen und Bänke und das alles umgebende Meer mit so vielen Abwechselungen und Mannigfaltigkeiten vor mir habe—nun ist mir erst die Odyssee ein lebendiges Wort."

Ergriffen von diesen Ideen, wollte Goethe in der Heldin einer Tragödie, "Nausikaa" betitelt, von welcher sich jedoch nur die zwei ersten Scenen des ersten Acts in Goethe's Werken erhalten haben, nach seinen eignen Aeußerungen, "eine treffliche, von Vielen umworbene Jungfrau darstellen, die keiner Neigung sich bewußt, alle Freier bisher ablehnend behandelt, durch einen sittsamen Fremdling aber gerührt, aus ihrem Zustande herausträte und durch eine voreilige Aeußerung ihrer Neigung sich compromittirte." Von dieser Situation versprach sich Goethe eine große tragische Wirkung. Der Reichthum der subordinirten Motive und besonders das Meer- und Inselhafte der Ausführung sollte, nach Goethe's Ansicht, jener einfachen Fabel ein besonderes Interesse geben. Er war so ergriffen von seinem Gegenstande, daß er darüber, wie er äußerte, "seinen Aufenthalt zu Palermo, ja den größten Theil seiner übrigen sicilianischen Reise verträumte."

Der lebendige Antheil an jenem Süjet verlor sich jedoch bald wieder. In einem Briefe vom 17. April 1787 beklagte sich Goethe "über das wahrhafte Unglück, von vielerlei Geistern verfolgt und versucht zu werden." In einem öffentlichen Garten weckte die Betrachtung mehrerer dort blühender Gewächse in ihm eine alte Lieblingsidee. Er wollte, wo möglich, unter dieser Schaar die Urpflanze entdecken. Eine poetische Form gab Goethe dieser Idee in seinem Gedicht. "die Metamorphose der Pflanzen." Wissenschaftlich erörterte er jenen Gegenstand in seinem 1790 gedruckten "Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären."

Wie Goethe die Natur überhaupt, besonders aber im

Gegensatze zur Kunst betrachtete, zeigten die nachfolgenden Aeußerungen in einem Schreiben an die Herzogin Luise von Sachsen-Weimar: "Das geringste Product der Natur hat den Kreis seiner Vollkommenheit in sich, und ich darf nur Augen haben, um zu sehen, so kann ich die Verhältnisse entdecken; ich bin sicher, daß innerhalb eines kleinen Cirkels eine ganze wahre Existenz beschlossen ist. Ein Kunstwerk hingegen hat seine Vollkommenheit außer sich; das Beste liegt in der Idee des Künstlers, die er selten oder nie erreicht; alles Folgende in gewissen angenommenen Gesetzen, welche zwar aus der Natur der Kunst und des Handwerks hergeleitet, aber doch nicht so leicht zu verstehen und zu entziffern sind, als die Gesetze der lebendigen Natur. Bei den Kunstwerken ist viel Tradition, die Naturwerke sind immer wie ein frisch ausgesprochenes Wort Gottes."

Ueber die vorhin erwähnte Idee einer Metamorphose der Pflanzen erklärte sich Goethe näher in einem Briefe an Herder vom März 1787. Er äußerte darin, daß er dem Geheimniß der Pflanzenerzeugung und Organisation ganz nahe gekommen sei, und meinte, daß es nichts Einfacheres gehen könnte. Unter dem italienischen Himmel ließen sich darüber die herrlichsten Beobachtungen anstellen. "Den Hauptpunkt, wo der Keim steckt," schrieb Goethe, "hab' ich ganz klar und zweifellos gefunden. Alles Uebrige sah ich schon im Ganzen, und nur noch einige Punkte müssen bestimmter werden. Die Urpflanze wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt, um welches die Natur selbst mich beneiden soll. Mit diesem Modell und dem Schlüssel dazu, kann man alsdann Pflanzen in's Unendliche erfinden, die consequent seyn müssen, d. h. die, wenn sie auch nicht existiren, doch existiren können, und nicht etwa malerische und dichterische Schatten und Scheine sind, sondern innerliche Wahrheit und Nothwendigkeit haben." Dasselbe Gesetz, meinte Goethe, werde sich auf alles übrige Lebende anwenden lassen.

In mehreren von Goethe's damaligen Briefen regte sich die Sehnsucht, wieder in seine Heimath zurückzukehren. Besonders freute er sich auf das Wiedersehen Herders, mit dem er stets in innigen Verhältnissen gelebt hatte. An ihn schrieb er den 17. März 1787. "Wir sind so nahe in unserer Vorstellungsweise, als es möglich ist, ohne eins zu seyn, und in den Hauptquellen am nächsten. Wenn du diese Zeit her viel aus dir selbst geschöpft hast, so hab' ich viel erworben, und ich kann einen guten Tausch machen. Ich bin freilich mit meiner Vorstellung sehr an's Gegenwärtige geheftet, und je mehr ich die Welt sehe, desto weniger kann ich hoffen, daß die Menschheit je Eine weise, kluge, glückliche Masse werden könne. Vielleicht ist unter den Millionen eine, die sich des Vorzugs rühmen kann; bei der Constitution der unsrigen bleibt mir so wenig für sie, als für Sicilien bei der seinigen zu hoffen."