Aus dem Carlsbade zurückgekehrt, wohin ihn im Juni 1795 seine Kränklichkeit, besonders katarrhalische Zufälle genöthigt hatten, unternahm Goethe häufige Ausflüge nach Jena. Außer Schiller fand er dort auch Alexander und Wilhelm von Humboldt. Er verlebte in Jena genußreiche Tage. Naturwissenschaftliche Betrachtungen wechselten mit Gesprächen über Poesie und Kunst. Zur Fortsetzung des "Wilhelm Meister" und zu Beiträgen für die "Horen" ermunterte ihn Schiller, so wenig auch dessen Erwartungen die genannte Zeitschrift entsprach. Schiller hatte von jenem Journal eine allgemein verbreitete großartige Wirkung gehofft, und stieß dagegen von Seiten des Publikums überall auf Mangel an Empfänglichkeit und auf kleinliche Ansichten. Goethe theilte seines Freundes Begeistrung für alles Treffliche, den lebendigen Haß gegen falschen Geschmack und gegen jede Beschränkung der Wissenschaft und Kunst. Entrüstet über die kalte Aufnahme der "Horen" und über die einseitige Beurtheilung dieser Zeitschrift in mehreren kritischen Blättern, schrieb Goethe: "Ueberall spukt doch dieser Geist anmaßlicher Halbheit. Welch eine sonderbare Mischung von Selbstbetrug und Klarheit diese Personen zu ihrer Existenz brauchen, und was dieser Cirkel sich für eine Terminologie gemacht hat, um das zu beseitigen, was ihnen nicht ansteht, und das, was sie besitzen, als die Schlange Mosis aufzustellen, ist in der That merkwürdig."
In solcher Stimmung vereinigte sich Goethe mit Schiller zur Abfassung der unter dem Namen "Xenien" bekannten Epigramme. Ein damaliger Brief Schillers bezeichnete sie als "wilde Satyre, besonders gegen Schriftsteller und schriftstellerische Producte gerichtet, untermischt mit einzelnen poetischen und philosophischen Gedankenblitzen." Lebhaft ergriff Goethe diese von ihm ausgegangene Idee. Er schrieb darüber an Schiller den 23. December 1795: "Den Einfall, auf alle Zeitschriften Epigramme zu machen, wie die Xenien des Martial sind, der mir diese Tage zugekommen ist, müssen wir cultiviren, und eine solche Sammlung in Ihren Musenalmanach des nächsten Jahres bringen."
Nur auf wenige subordinirte Geister hatte sich anfangs der Witz in den erwähnten Epigrammen beschränkt. Der Stoff breitete sich jedoch immer mehr aus, und die Pfeile der Satyre verschonten auch nicht Namen, die der deutschen Literatur zur Ehre gereichten. Die bedeutendsten unter den zahlreichen Gegenschriften, welche die Xenien veranlaßten, waren von Gleim, Claudius, Jenisch, Dyk, Manso u.A. Mit vielem Scharfsinn und mit der feinsten Ironie suchte Wieland, der ebenfalls in den Xenien nicht geschont worden war, in einem gedruckten Briefe einen Freund zu überzeugen, daß Schiller und Goethe, nach ihren bisherigen ausgezeichneten Producten, unmöglich die Verfasser der Xenien seyn könnten. Ueber die Gewissensscrupel, durch die das in jenen Producten mitunter verletzte Zartgefühl sich an seinem Freunde Schiller rächte, setzte sich Goethe's heiterer Weltsinn hinweg. "Daß man," schrieb er, "nicht überall mit uns zufrieden seyn sollte, war ja unsere Absicht, und da das literarische Faustrecht noch nicht abgeschafft ist, so bedienen wir uns der reinen Befugniß, uns selbst Recht zu verschaffen. Ich erwarte nur, daß mir Jemand etwas merken läßt, wo ich mich denn so lustig und artig als möglich expectoriren werde."
Neben den "Xenien" entstanden damals mehrere Gedichte Goethe's, die zu dem Trefflichsten gehören, was die deutsche Poesie aufzuweisen hat, so unter andern die Elegie "Alexis und Dora", und, durch einen Wetteifer mit Schiller veranlaßt, mehrere Balladen: "die Braut von Corinth, der Gott und die Bajadere, das Blümlein Wunderschön, der Junggesell und der Mühlbach, der Müllerin Verrath" u.a.m. Auch mehrere humoristische Gedichte fielen in diese Zeit, wie unter andern das bekannte Tischlied: "Mich ergreift, ich nicht wie u.s.w." Für die "Horen" lieferte Goethe, außer andern Beiträgen, einzelne Fragmente aus seiner damals noch unvollendeten Biographie des Florentinischen Goldschmids "Benvenuto Cellini." Immer aber blieb der "Wilhelm Meister" seine Hauptbeschäftigung.
In Bezug auf Schillers kritische Bemerkungen über das ihm mitgetheilte Manuscript seines Romans, bemerkte Goethe treffend: "Der Fehler, den Sie mit Recht bemerken, kommt aus meiner innersten Natur, aus einem gewissen realistischen Tic, durch den ich meine Existenz, meine Handlungen, meine Schriften den Menschen aus den Augen zu rücken behaglich finde. So werde ich immer gern incognito reisen, das geringere Kleid vor dem bessern wählen, den unbedeutenden Gegenstand oder doch den weniger bedeutenden Ausdruck vorziehen, mich leichtsinniger betragen, als ich bin, und mich so, ich möchte sagen, zwischen mich selbst und meine eigene Erscheinung stellen. Nach dieser allgemeinen Beichte will ich gern zur besondern übergehen, daß ich ohne Ihren Antrieb und Anstoß wider besser Wissen und Gewissen, mir auch diese Eigenheit bei einem Roman hätte hingehen lassen, welches denn doch bei dem ungeheuren Aufwande, der darauf gemacht ist, unverzeihlich gewesen wäre, da alles das, was gefordert werden kann, theils so leicht zu erkennen, theils so bequem zu machen ist. Es ist keine Frage, daß die scheinbaren, von mir ausgesprochenen Resultate viel beschränkter sind, als der Inhalt des Werks, und ich komme mir vor, wie einer, der, nachdem er viele und große Zahlen über einander gestellt, endlich muthwillig selbst Additionsfehler macht, um die letzte Summe, Gott weiß, aus was für einer Grille, zu verringern. Ich bin Ihnen den lebhaftesten Dank schuldig, daß Sie noch zur rechten Zeit, auf eine so entschiedene Art, diese perverse Manier zur Sprache bringen, und ich werde gewiß, in wiefern es mir möglich ist, Ihren gerechten Wünschen entgegen gehen."
Ueber die einseitigen Urtheile, welche seinen Roman, den er 1796 vollendet hatte, von mehreren Seiten trafen, machte sich Goethe in den unmuthigen Worten Luft: "Möchte bei solchen Aeußerungen nicht die Hippokrene zu Eis erstarren, und Pegasus sich mausern! Doch das war vor fünf und zwanzig Jahren, als ich anfing, eben so, und wird so seyn, wenn ich lange geendigt habe. Indeß ist es nicht zu leugnen, daß es doch aussieht, als wenn gewisse Einsichten und Grundsätze, ohne die man sich eigentlich keinem Kunstwerke nähern sollte, nach und nach allgemeiner werden müßten."
Den Eindruck, den die mannigfachen, gegen die "Xenien" gerichteten Broschüren auf ihn gemacht hatten, schilderte Goethe in einem Briefe an Schiller vom 7. December 1796. "Wenn ich aufrichtig seyn soll," schrieb er, "so ist das Betragen des Volks ganz nach meinem Wunsch. Es ist eine nicht genug gekannte und geübte Politik, daß Jeder, der auf einigen Nachruhm Anspruch macht, seine Zeitgenossen zwingen soll, alles, was sie gegen ihn in petto haben, von sich zu geben. Den Eindruck davon vertilgt er durch die Gegenwart, Leben und Wirken jederzeit wieder. Was half es manchem bescheidenen, verdienstvollen und klugen Manne, den ich überlebt habe, daß er durch unglaubliche Nachgiebigkeit, Unthätigkeit, Schmeichelei, Rücken und Zurechtlegen einen leidlichen Ruf zeitlebens erhielt? Gleich nach dem Tode sitzt der Advokat des Teufels neben dem Leichnam, und der Engel, der ihm Widerpart halten soll, macht gewöhnlich eine klägliche Gebehrde. Ich hoffe, daß die Xenien auch eine ganze Weile wirken, und den bösen Geist gegen uns in Thätigkeit erhalten werden. Wir wollen indeß unsere positiven Arbeiten fortsetzen, und ihm die Negation überlassen. Nicht eher, als bis sie ganz ruhig sind und sicher zu seyn glauben, müssen wir, wenn der Humor frisch bleibt, sie noch einmal recht aus dem Fundament ärgern."
Dieser Vorsatz unterblieb. Einen würdigern Gebrauch machte Goethe von seinem poetischen Talent in dem epischen Gedicht "Hermann und Dorothea," das er um diese Zeit entworfen hatte. Er schrieb darüber den 18. Januar 1797 an Schiller, die wunderbare Epoche, in der er eingetreten, sei ihm höchst merkwürdig. "Ich schleppe von der analytischen Zeit noch so vieles mit, das [daß] ich es nicht loswerden und kaum verarbeiten kann. Indessen bleibt mir nichts übrig, als auf diesem Strom mein Fahrzeug so gut zu lenken, als es nur gehen will. In's Ferne und Ganze läßt sich nichts voraussagen, da diese regulirte Naturkraft, wie alle unregulirten, durch nichts in der Welt geleitet werden kann, sondern sich selbst bilden muß, auch aus sich selbst und auf ihre Weise wirkt.[">[
Goethe blieb seiner Natur und schnell wechselnden Geistesrichtung treu. Schon eilf Tage später, am 29. Januar, beklagte er sich, "daß für ihn an keine ästhetische Stimmung zu denken sei." Seine Thätigkeit wandte sich wieder zu wissenschaftlichen Gegenständen. "Die Farbentafeln," schrieb er, "schließen sich immer fester an einander, und in Betrachtung organischer Naturen bin ich auch nicht müßig gewesen. Es leuchten mir in diesen langen Nächten ganz wundersame Lichter. Ich hoffe, es sollen keine Irrlichter seyn." In einem spätern Briefe an Schiller vom 8. Februar 1797 gestand Goethe, er sei wie ein Ball, den eine Stunde der andern zuwerfe. "In den Frühstunden," schrieb er, "suche ich die letzte Lieferung des Benvenuto Cellini zu bearbeiten. Ueber die Metamorphose der Insekten gelingen mir allerlei gute Bemerkungen. Die Raupen, die ich im Winter in der warmen Stube hielt, erscheinen schon nach und nach als Schmetterlinge, und ich suche sie auf dem Wege zu dieser neuen Verwandlung zu ertappen."
In diese stillen Beschäftigungen griffen die damaligen politischen Ereignisse störend ein. Die mannigfachen Truppenmärsche der europäischen Mächte ließen auf den nahen Ausbruch eines allgemeinen Kriegs schließen. Erst als die Besorgnisse allmälig verschwanden, gewann Goethe wieder Muth zur Fortsetzung seines noch unvollendeten Gedichts "Hermann und Dorothea." Unterbrochen ward er jedoch darin durch physische Leiden, besonders durch einen hartnäckigen Katarrh, der ihn während seines Aufenthalts in Jena heimsuchte. An Schiller schrieb er den 27. Februar 1797: "Ich bin wirklich mit Hausarrest belegt, sitze am warmen Ofen, und friere von innen heraus. Der Kopf ist mir eingenommen, und meine ganze Intelligenz wäre nicht im Stande, durch einen freien Denkactus den einfachsten Wurm zu produciren; vielmehr muß sie dem Salmiak und dem Liquiriziensaft, als Dingen, die an sich den häßlichsten Geschmack haben, wider ihren Willen die Existenz zugestehen. Wir wollen hoffen, daß wir aus der Erniedrigung dieser realen Bedrängnisse zur Herrlichkeit poetischer Darstellungen nächstens gelangen werden, und glauben dies um so sicherer, als uns die Wunder der stetigen Naturwirkungen bekannt sind."