Am 1. März 1797 meldete Goethe, daß "der Katarrh zwar im Abmarsch sei," er aber noch das Zimmer hüten müßte. "Die Gewohnheit", schrieb er, "fängt an, mir diesen Aufenthalt erträglich zu machen." Er äußerte in diesem Briefe die Hoffnung, sein Gedicht "Hermann und Dorothea," wovon er den vierten Gesang vollendet habe, glücklich zu Ende zu bringen. "So verschmähen also," schrieb er, "die Musen den asthenischen Zustand nicht, in welchem ich mich durch das Uebel versetzt fühle. Vielleicht ist es gar ihren Einflüssen günstig." Bereits am 4. März meldete Goethe, daß die Arbeit fortrücke, und schon anfange, Masse zu machen. "Nur auf zwei Tage," schrieb er, "kommt es noch an, so ist der Schatz gehoben, und ist er erst einmal über der Erde, so findet sich alsdann das Poliren von selbst." Merkwürdig sei es, fügte Goethe hinzu, wie das Gedicht gegen das Ende sich ganz zu seinem idyllischen Ursprung hinneige.

Die Erfindung, die Wahl des Stoffs hielt Goethe bei jedem poetischen Werke für die Hauptsache. Form und Darstellung, meinte er, seien nur Nebendinge. Er schrieb darüber an Schiller den 5. April 1797: "Sie haben ganz Recht, daß in den Gestalten der alten Dichtkunst, wie in der Bildhauerkunst, ein Abstractum erscheint, das seine Höhe nur durch das, was man Styl nennt, erreichen kann. Es giebt auch Abstracta durch Manier, wie bei den Franzosen. Auf dem Glück der Fabel beruht freilich alles; man ist wegen des Hauptaufwandes sicher, die meisten Leser und Zuschauer nehmen dann doch nichts weiter davon, und dem Dichter bleibt doch das ganze Verdienst einer lebendigen Ausführung, die desto fleißiger seyn kann, je besser die Fabel ist."

Abgelenkt ward Goethe wieder von der Beschäftigung mit seinem Epos durch eine jugendliche Lieblingsidee, die in ihm auftauchte. Die Bibel ward für ihn ein Gegenstand mannigfacher Forschungen. "Indem ich den patriarchalischen Ueberresten nachspürte," schrieb er den 12. April 1797, "bin ich in das Alte Testament gerathen, und habe mich auf's Neue nicht genug verwundern können über die Confusion und die Widersprüche der fünf Bücher Mosis, die freilich, wie bekannt, aus hunderterlei schriftlichen und mündlichen Traditionen zusammengestellt seyn mögen. Ueber den Zug der Kinder Israel in der Wüste hab' ich einige artige Bemerkungen gemacht, und es ist der verwegene Gedanke in mir entstanden, ob nicht die große Zeit, welche sie darin zugebracht haben, erst eine spätere Erfindung sei."

Näher erklärte sich Goethe hierüber in einem Briefe vom 15. April 1797. "Noch immer," schrieb er, "hab' ich die Kinder Israel in der Wüste begleitet. Meine kritisch-historisch-poetische Arbeit geht davon aus, daß die vorhandenen Bücher sich selbst widersprechen und sich selbst verrathen; und der ganze Spaß, den ich mir mache, läuft dahin hinaus, das menschlich Wahrscheinliche von dem Absichtlichen und blos Imaginirten zu sondern, und doch für meine Meinung überall Belege aufzufinden. Alle Hypothesen dieser Art bestehen blos durch das Natürliche des Gedankens und durch die Mannigfaltigkeit der Phänomene, auf die er sich gründet." Es sei ihm, fügte Goethe hinzu, "recht wohl zu Muthe, wieder einmal etwas auf kurze Zeit zu haben, bei dem er mit Interesse im eigentlichen Sinne des Worts spielen könne, denn die Poesie, wie er sie seit einiger Zeit treibe, sei doch eine gar zu ernste Beschäftigung."

Neben diesen Bibelstudien, bei denen ihm Eichhorn's Einleitung in das Alte Testament wesentliche Dienste leistete, hatten sich die einzelnen Gesänge von "Hermann und Dorothea" nach und nach zu einem Ganzen gerundet. An Schiller schrieb Goethe den 28. April 1797: "Mein Gedicht ist fertig. Es besteht aus zweitausend Hexametern, und ist in neun Gesänge getheilt, und ich sehe darin wenigstens einen Theil meiner Wünsche erfüllt. Die höchste Instanz, vor der es gerichtet werden kann, ist die, vor welche der Menschenmaler seine Compositionen bringt, und es wird die Frage seyn, ob man unter dem modernen Costüm meines Gedichts die wahren ächten Menschenproportionen anerkennen werde. Der Gegenstand selbst ist äußerst glücklich, ein Süjet, wie man es in seinem Leben nicht zweimal findet; wie denn überhaupt die Gegenstände zu wahren Kunstwerken seltener gefunden werden, als man denkt, woher auch die Alten sich nur beständig in einem gewissen Kreise bewegen. In der Lage, in der ich mich befinde, habe ich mir zugeschworen, an nichts mehr Theil zu nehmen, als an dem, was ich so in meiner Gewalt habe, wie ein Gedicht, wo man weiß, daß man zuletzt nur sich zu tadeln oder zu loben hat; an einem Werke, an dem man, wenn der Plan einmal gut ist, nicht das Schicksal des Penelopeischen Schleiers erlebt. Leider lösen in allen übrigen Dingen einem die Menschen gewöhnlich wieder auf, was man mit großer Sorgfalt gewoben hat, und das Leben gleicht jener beschwerlichen Art zu wallfahrten, wo man drei Schritte vor, und zwei zurück thun muß."

So wenig auch Goethe's individuelle Natur, die Vielseitigkeit seines Geistes ihm erlaubte, bei dem in diesem Briefe ausgesprochenen Entschlusse ernstlich zu beharren, so schien er doch diesmal demselben treu bleiben zu wollen. "Ich habe," schrieb er den 22. Juni 1797, "mich entschlossen, an meinen Faust zu gehen, und ihn, wo nicht zu vollenden, doch wenigstens um ein gutes Theil weiter zu bringen, indem ich das, was gedruckt ist, wieder auflöse, und es mit dem, was schon fertig oder erfunden ist, in große Massen disponire, und so die Ausführung des Plans, der eigentlich nur eine Idee ist, näher vorbereite. Nun hab' ich eben diese Idee und deren Darstellung wieder vorgenommen, und bin mit mir selbst ziemlich einig. Da die verschiedenen Theile dieses Gedichts in Absicht auf die Stimmung verschieden behandelt werden können, wenn sie sich nur dem Geist und Ton des Ganzen subordiniren, und da übrigens die ganze Arbeit subjectiv ist, so kann ich in einzelnen Momenten mich damit beschäftigen, und so bin ich auch jetzt etwas zu leisten im Stande. Ich werde vorerst die großen erfundenen und halb bearbeiteten Massen zu enden, und mit dem, was gedruckt ist, zusammen zu stellen suchen, und so lange treiben, bis sich der Kreis selbst erschöpft."

Unterbrochen ward Goethe's Beschäftigung mit dem "Faust", so wie seine ganze literarische Thätigkeit durch eine Reise nach der Schweiz. Den 30. Juli 1797 verließ er Weimar. Unterwegs beschäftigte ihn die genaue Betrachtung der Gegenden, besonders in Bezug auf Geognosie und die darauf gegründete Cultur des Bodens. Genußreiche Tage verlebte er in seiner Vaterstadt Frankfurt. Unter mehreren Bekanntschaften, die er dort theils anknüpfte, theils erneuerte, war besonders Sömmering für ihn belehrend durch seine geistreiche Unterhaltung, durch Präparate und Zeichnungen. Zur Ausführung einiger poetischen Entwürfe fehlte ihm die nöthige Stimmung, die er erst nach der Rückkehr von einem ruhigen Zustande erwartete. Von Frankfurt a.M. ging er über Heidelberg, Heilbronn und Ludwigsburg nach Stuttgart, wo er den kunstliebenden Kaufmann Rapp und die Bildhauer Dannecker und Scheffauer kennen lernte. In der Schweiz, wohin er sich im September 1797 begab, fand sein poetisches Talent mannigfache Anregung durch die Betrachtung der schönen Natur. "Herrliche Stoffe zu Idyllen und Elegien," schrieb er, "habe ich aufgefunden, und Einiges schon wirklich gemacht." Am längsten verweilte er bei der Idee, den Befreier der Schweiz zum Helden eines epischen Gedichts zu wählen. Er schrieb darüber den 14. October 1797: "Ich bin fest überzeugt, daß die Fabel vom Tell sich werde episch behandeln lassen, und es würde daher, wenn es mir, wie ich vorhabe, gelingt, der sonderbare Fall eintreten, daß das Mährchen durch die Poesie erst zu seiner vollkommnen Wahrheit gelangte, anstatt daß man sonst, um etwas zu leisten, die Geschichte zur Fabel machen muß. Das beschränkte, höchst bedeutende Local, worauf die Begebenheit spielt, hab' ich mir wieder recht genau vergegenwärtigt, so wie die Charaktere, Sitten und Gebräuche der Menschen in diesen Gegenden, so gut in der kurzen Zeit möglich, beobachtet, und es kommt nun auf gut Glück an, ob aus diesem Unternehmen etwas werden kann."

Andere Gegenstände verdrängten die Ausführung dieser Idee. Indeß meinte Goethe doch, daß nur ein wenig Gewohnheit dazu gehöre, die literarische Thätigkeit, an die man daheim gewöhnt sei, auch auswärts fortzusetzen. "Wenn die Reise," schrieb er, "zu gewissen Zeiten zerstreut, so führt sie uns zu andern Zeiten desto schneller auf uns selbst zurück. Der Mangel an äußeren Verhältnissen und Verbindungen, ja die lange Weile ist demjenigen günstig, der manches zu verarbeiten hat. Die Reise gleicht einem Spiel; man empfängt mehr oder weniger, als man hofft, man kann ungestört eine Weile hinschlendern, und dann ist man wieder genöthigt, sich einen Augenblick zusammenzunehmen. Für Naturen, wie die meinige, die sich gern festsetzen und die Dinge festhalten, ist eine Reise unschätzbar; sie belebt, berichtigt, belehrt und bildet."

Bei seiner Rückkehr nach Weimar widmete Goethe vorzugsweise seine Aufmerksamkeit dem Theater. Sein Interesse an der Bühne, durch die schriftliche und mündliche Unterhaltung mit Schiller immer auf's neue belebt, ward noch höher gesteigert, als Iffland im April 1798 eine Reihe von glänzenden Darstellungen gab. Vielfach thätig war Goethe bei dem neuen Theatergebäude, das damals durch den Architekten Thouret aus Stuttgart in Weimar errichtet und mit einem Prolog Schillers eröffnet ward, welchem eine Vorstellung von Wallensteins Lager folgte. Goethe fühlte sich der dramatischen Gattung seit längerer Zeit entfremdet. Er gestand dies in einem Briefe an Schiller vom 9. December 1797. "Ohne ein lebhaftes pathologisches Interesse," schrieb er, "ist es mir nie gelungen, irgend eine tragische Situation zu bearbeiten, und ich habe sie daher eher vermieden, als aufgesucht. Sollte es wohl auch einer von den Vorzügen der Alten gewesen seyn, da bei uns die Naturwahrheit mitwirken muß, um ein solches Wesen hervorzubringen? Ich kenne mich zwar nicht selbst genug, um zu wissen, ob ich eine wahre Tragödie schreiben könnte; ich erschrecke aber blos vor dem Unternehmen, und bin überzeugt, daß ich mich durch den bloßen Versuch zerstören könnte."

In der Beilage zu einem an Schiller gerichteten Briefe hatte Goethe den Unterschied zwischen epischer und dramatischer Dichtung scharf bezeichnet. Doch blieb er der erstern treu, weil sie mit seinen Naturanlagen mehr harmonirte. Das fortgesetzte Studium des Homer führte ihn zu dem Entwurf eines epischen Gedichts unter dem Titel "Achilleis", das jedoch unvollendet blieb. Den 6. December 1797 schrieb Goethe: "Ich habe diese Tage fortgefahren, die Ilias zu studiren, und zu überlegen, ob zwischen ihr und der Odyssee nicht noch eine Epopöe inne liege. Ich finde aber eigentlich nur tragische Stoffe, es sei nun, daß es wirklich so ist, oder daß ich nur den epischen nicht finden kann. Das Lebensende des Achill mit seinen Umgebungen ließe eine epische Behandlung zu, und forderte sie gewissermaßen wegen der Breite des zu bearbeitenden Stoffs. Nun würde die Frage entstehen, ob man wohl thue, einen tragischen Stoff ebenfalls episch zu behandeln. Es läßt sich allerlei dafür und dagegen sagen. Was den Effect betrifft, so würde ein Neuer, der für Neue arbeitet, immer dabei im Vortheil seyn, weil man ohne pathologisches Interesse sich wohl schwerlich den Beifall der Zeit erwerben wird."