Dieser geschäftige Müssiggang behagte ihm mehr, als der Unterricht im Englischen, zu welchem er von seinem Vater mit Strenge angehalten ward. Indeß gelangte er durch Fleiß in kurzer Zeit zu einer ziemlichen Fertigkeit im Englischen. Auch seine übrigen Sprachstudien vernachlässigte er nicht ganz. Seinem Wunsche, hebräisch zu lernen, um das Alte Testament in der Ursprache lesen zu können, gab Goethe's Vater seine Zustimmung. Durch den Magister Albrecht in der genannten Sprache unterrichtet, machte er darin ziemlich rasche Fortschritte.
Wichtig und einflußreich wurden Goethe's Bibelstudien besonders dadurch, daß sie ihn zu einem epischen Gedicht begeisterten. Den Stoff dazu fand er in der Geschichte Josephs. Ueber die Form jedoch war er lange Zeit mit sich nicht einig. Nach reiflicher Ueberlegung wählte er die Prosa. Von jenem Gedicht, das einen ziemlichen Umfang gewann, hat sich nicht einmal ein Fragment erhalten. Auch manche lyrische Poesien, unter andern mehrere Gedichte in Anakreons Manier, gingen verloren. Einigen geistlichen Oden und andern religiösen Dichtungen, unter andern einer "Höllenfahrt Christi", zollte Goethe's Vater besondern Beifall. Auch durch mehrere Predigtauszüge, die er Sonntags in einem verborgnen Kirchstuhl entwarf, empfahl Goethe sich seinem Vater, zog sich jedoch seine lebhafte Mißbilligung zu, als er jene Arbeit wieder saumseliger betrieb und zuletzt gänzlich unterließ.
Seinen Sohn zu einem tüchtigen Juristen zu bilden, war ein väterlicher Lieblingswunsch. Goethe erhielt von seinem Vater ein in catechetischer Form abgefaßtes Büchlein. Dadurch sollte ihm das Studium des Corpus Juris erleichtert werden. Er erlangte auch ziemliche Gewandtheit im Aufschlagen einzelner Stellen, vermochte jedoch, als er später das Struvische Compendium erhielt, der Rechtswissenschaft keinen sonderlichen Geschmack abzugewinnen. Damit es ihm nicht an der nöthigen körperlichen Bewegung fehlen möchte, ließ sein Vater ihn das Fechten, späterhin auch die Reitkunst lernen. Es war im Herbst 1761, als er auf die Reitbahn geschickt ward. Seines Lehrers pedantische Methode war jedoch nicht geeignet, ihn für die Reitkunst besonders zu interessiren.
Der Dichtkunst war Goethe nicht untreu geworden. Eine für einen Jugendfreund geschriebene poetische Epistel, die sich leider nicht erhalten hat, empfahl sich durch ihre innere Wahrheit und Naivität, und hob jeden Zweifel, der über sein poetisches Talent noch obwalten konnte. Sein Product in mehreren Händen zu sehen, schmeichelte seiner jugendlichen Eitelkeit. Er theilte es daher mehreren jungen Leuten mit, die er zufällig kennen gelernt hatte. Die nähere Berührung, in die er mit ihnen trat, ward um so entscheidender für ihn, da sich daran ein Liebeshandel mit einem jungen Mädchen knüpfte, deren Namen er späterhin in seinem "Faust" verewigte. Seinem Stande nicht angemessen und für seine sittlichen Grundsätze von keinem wohlthätigen Einflusse war der Kreis, in den er eingetreten war, und der ihn von seiner geregelten Lebensweise entfernte und zu manchen Abentheuern und jugendlichen Uebereilungen verlockte. Nach seinen eignen Aeußerungen in spätern Jahren bestand jener Kreis aus jungen Menschen, sämmtlich älter als er, die der mittlern und niedern Volksklasse angehörend, mit oberflächlichen Schulkenntnissen, durch Abschreiben, durch Besorgung kleiner Geschäfte für die Kaufleute und Mäkler sich einen nothdürftigen Erwerb sicherten. Ihr zweideutiger Ruf war ihm unbekannt, und ein Licht darüber ging ihm erst auf, als seine Eltern ihn über den gewählten Umgang und seinen jugendlichen Leichtsinn die bittersten Vorwürfe machten. Ein tiefes Gefühl von Scham ergriff ihn, als er erfuhr, daß seine Genossen zum Verfälschen von Papieren, zur Nachahmung von Handschriften und andern sträflichen Handlungen ihre Zuflucht genommen hatten.
Von der trostlosen Stimmung, in die er dadurch versetzt ward, konnte ihn nur Fleiß und Thätigkeit befreien. Er hatte aber auch noch manches nachzuholen, um sich zur Universität vorzubereiten, die er bald beziehen sollte. Ein weites Feld zu mannigfachen Betrachtungen eröffneten ihm seine fortgesetzten philosophischen Studien, größtenteils nach Brucker's Compendium. Dieser Beschäftigung ward er wieder untreu, als der eintretende Frühling ihn in die freie Natur lockte. Mit seinen Freunden besuchte er die in der Umgegend von Frankfurt gelegenen Vergnügungsorte. Noch mehr aber behagte ihm, in seiner Gemüthsstimmung die Einsamkeit der Wälder. In dem dunkeln Schatten alter Eichen und Buchen weilte er am liebsten. Unwillkührlich regte sich in ihm wieder der schon früh im elterlichen Hause erwachte Trieb, nach der Natur zu zeichnen. Alles, was er sah, gestaltete sich ihm zum Bilde. Fühlbar aber ward ihm bald, daß ihm nur die Gabe verliehen war, die ihm entgegentretenden Gegenstände im Ganzen aufzufassen. Zum Zeichnen des Einzelnen schien ihn die Natur aber so wenig bestimmt zu haben, als zum betreibenden Dichter. Demungeachtet setzte er seine Uebungen mit einer gewissen Hartnäckigkeit fort. Er ermüdete nicht in der schwierigen Zeichnung eines alten Baumstammes, an dessen gekrümmte Wurzeln sich blühende Farrenkräuter hingen.
Mit Goethe's Skizzen, so unvollkommen sie auch seyn mochten, war sein Vater im Allgemeinen zufrieden, wenn er auch Einzelnes daran tadelte. Gern ließ er seinen Sohn umherstreifen, weil er von solchen Ausflügen eine neue Zeichnung erwartete. Zu Fußwanderungen mit einigen Freunden gönnte er ihm völlige Freiheit. Einen besondern Reiz hatten für Göthe [Goethe] die Gebirgsgegenden. Er besuchte Homburg, Kroneburg, bestieg den Feldberg und Königsstein, verweilte einige Tage in Wiesbaden und Schwalbach, und kam bis an den Rhein. Den jugendlichen Sinn, der sich mehr in der großen Natur, als in abgeschlossenen Räumen gefiel, konnte Mainz nicht fesseln. Einen erfreulichen Eindruck auf Goethe machte die anmuthige Lage von Biberich. Von da kehrte er in seine Vaterstadt zurück, mit einer ziemlich reichen Ausbeute von landschaftlichen Skizzen und Zeichnungen der verschiedensten Art, unter denen manche seines Vaters Beifall erhielten, andere jedoch auch scharf von ihm getadelt wurden.
Dadurch verstimmt, schloß sich Goethe enger an seine Mutter an, die ihm mehr Milde und Nachsicht bewies, und selbst noch jugendlich, mit seinen Gefühlen und Lebensansichten mehr harmonirte, als der ernster gestimmte Vater. Ein fast noch innigeres Verhältniß bestand zwischen Goethe und seiner ungefähr ein Jahr jüngern Schwester Cornelia. Gemeinschaftliches Spiel und Lernen in den Jahren der Kindheit hatte späterhin, als sich beider physische und geistige Kräfte entwickelten, ein festes Vertrauen und eine wahrhaft geschwisterliche Liebe erzeugt. Goethe ward von seiner Schwester zum Vertrauten aller ihrer Empfindungen und Herzensangelegenheiten gewählt. Ziemlich gut bestand er im Allgemeinen, als sein Vater seine Kenntnisse in einzelnen Materien der Jurisprudenz prüfte. Mehrere wissenschaftliche Fächer beschäftigten seinen strebenden Geist, vorzüglich die Geschichte der ältern Literatur. Durch das fortgesetzte Studium von Geßners Isagoge und Morhofs Polyhistor, gerieth er fast auf den Irrweg, selbst ein Vielwisser zu werden. Sein Tag und Nacht fortgesetzter Fleiß drohte ihn eher zu verwirren, als wahrhaft zu bilden. Bayle's historisch-kritisches Wörterbuch führte ihn vollends in ein Labyrinth, aus welchem er sich kaum wieder herauszufinden wußte. Von der großen Wichtigkeit einer gründlichen Sprachkenntniß hatte er sich längst überzeugt. Das Hebräische war allmälig in den Hintergrund getreten. Auch Goethe's Kenntnisse in der griechischen Sprache reichten nicht viel weiter, als zum Verständniß des Neuen Testaments im Urtexte. Ernstlicher hatte er sich mit dem Lateinischen beschäftigt. Er war, obschon er keinen grammatikalischen Unterricht genossen, ziemlich bewandert in den römischen Classikern.
Unter diesen Sprachstudien regte sich wieder in ihm der nie ganz schlummernde Trieb poetischer Nachbildung. Seine Productionskraft, die Leichtigkeit, womit er die Erzeugnisse seines Geistes niederschrieb, hatte sich vermehrt. Jugendliche Eitelkeit ließ ihn seine poetischen Producte mit einer gewissen Vorliebe betrachten. Der Tadel, den sie mitunter erfuhren, raubte ihm nicht die Ueberzeugung, künftig wohl Geisteserzeugnisse zu liefern, die sich mit denen eines Gellert, Uz, Hagedorn und andern damals hochgefeierten Dichtern messen könnten. Aber die poetische Laufbahn, so viel Lockendes sie auch für ihn hatte, schien ihm doch zu schwankend und unsicher, um sie zu seinem künftigen Lebensberuf zu wählen. Ein akademisches Lehramt lag im Bereich seiner Wünsche. Dazu wollte er sich fähig machen, um zur Bildung Anderer, wie zu seiner eigenen, etwas beitragen zu können.
Viel Lockendes hatte für Goethe der Aufenthalt in Göttingen, wo Heyne, Michaelis und andere berühmte Männer lehrten. Sein Vater bestand jedoch darauf, daß er seine akademische Laufbahn in Leipzig beginnen sollte. Wiederholt schärfte er ihm zugleich ein, seine Zeit auf's Zweckmäßigste zu benutzen. Von seinem Vater ward er hierin so ausführlich belehrt, daß er, ohnedies verstimmt durch das Aufgeben eines Göttinger Lieblingsplans, beinahe den Entschluß faßte, in seiner Studien- und Lebensweise seinen eignen Weg zu verfolgen. Diese Idee schien ihm nicht blos romantisch, sondern auch ehrenvoll. Er dachte an seinen Landsmann Griesbach, der einen ähnlichen Weg einschlagen und sich als gelehrter Theolog und Schriftsteller einen allgemein geachteten Namen erworben hatte.
Immer näher rückte indeß die Zeit, wo Goethe Frankfurt verlassen sollte. Begleitet von den Glückwünschen seiner Eltern und Freunde, fuhr er im October 1765 nach Leipzig. Seine Reisegenossen waren der in Frankfurt ansässige Buchhändler Fleischer und dessen Gattin, eine Tochter des damals geschätzten Dichters Triller, die ihren Vater in Wittenberg besuchen wollte. Die Jahreszeit, in der Goethe seine Reise antrat, war höchst unfreundlich. Durch den fast ununterbrochenen Regen waren die Wege fast unfahrbar geworden, und in der Gegend von Auerstadt blieb der Wagen völlig stecken. Es war die Zeit der Messe, als er in Leipzig ankam. In der sogenannten Feuerkugel, zwischen der Universitätsstraße und dem Neumarkt, bezog Goethe zwei nach dem Hofe hinaus gelegene Zimmer, die er während der Messe gemeinschaftlich mit seinem Reisegefährten, dem Buchhändler Fleischer, später jedoch allein bewohnte.