In dem Hause des Professors Böhme, der Geschichte und Staatsrecht lehrte, fand Goethe, nachdem er seine Empfehlungsbriefe abgegeben, eine freundliche Aufnahme. Als er jedoch seine Abneigung gegen die Jurisprudenz sich merken ließ, und mit dem Plan hervortrat, sich den alten Sprachen und schönen Wissenschaften widmen zu wollen, mißbilligte Böhme, der die Dichter, selbst den allgemein gefeierten Gellert nicht leiden konnte, dies übereilte Vorhaben. Dringend empfahl er das Studium der römischen Alterthümer und der Rechtsgeschichte, und schloß seine Ermahnungen mit der Bitte, den gefaßten Entschluß reiflich zu überlegen. Seine Ueberredung wirkte. Goethe gab seinen Plan auf, und entschied sich für die Jurisprudenz. Nach Böhme's Rath sollte er zuerst Philosophie, Rechtsgeschichte und die Institutionen hören. Er ließ sich jedoch, ungeachtet der Abneigung Böhme's gegen Gellert, nicht abhalten, auch dessen Auditorium zu besuchen, besonders die Collegien über Literaturgeschichte, die jener hochgefeierte Mann nach Stockhausens bekanntem Compendium las. Nach der Schilderung, welche Goethe in spätern Jahren von Gellert entwarf, war er von Gestalt nicht groß, schwächlich, doch nicht hager. Er hatte sanfte, fast traurige Augen, eine sehr schöne Stirn, eine nicht übertriebene Habichtsnase, einen feinen Mund und ein gefälliges Oval des Gesichts, was, verbunden mit der Freundlichkeit in seinem Benehmen, einen angenehmen Eindruck machte.

Durch die Vorlesungen, die Goethe, wenigstens anfangs, sehr regelmäßig besuchte, ward er nicht sonderlich gefördert. In den philosophischen Collegien fand er nicht die gehofften Aufschlüsse über einzelne, ihm dunkle Materien. Er ward bald nachlässig im Nachschreiben seiner Hefte. Sie wurden immer unvollständiger, besonders in den philosophischen Collegien, die der Professor Winkler las. Auch die juristischen Vorlesungen behagten ihm nicht lange. Was durch ein wissenschaftliches System in enge, schroffe Grenzen, in dürre Begriffe ohne Leben eingeschlossen worden war, konnte seinem poetisch gestimmten Gemüth nicht zusagen.

Zu diesem Zwiespalt mit dem starren Facultätswesen und dem Geiste der akademischen Vorlesungen gesellten sich noch kleine Unannehmlichkeiten des Lebens, die ihm, verbunden mit seinen unbefriedigten Erwartungen, den Aufenthalt in Leipzig verleideten. Er mußte hier und da manchen Spott hören über seine altmodische Kleidung, die er aus dem elterlichen Hause mitgebracht hatte. Diese Kleidung mit einer andern zu vertauschen, die den Anforderungen der Mode mehr entsprach, ward Goethe erst veranlaßt, als er in einem damals sehr beliebten Lustspiel von Destouches den Herrn von Masuren in einem ähnlichen Tressenkleide, wie er selbst es trug, auftreten sah. Auch sein fremder Dialekt ward ein Gegenstand des Spotts. Unmuthig darüber, blieb er aus geselligen Cirkeln weg, in die er eingeführt worden war. Die Gattin des Professors Böhme, eine vielseitig gebildete Frau, in der er eine zweite Mutter fand, machte ihm seine Verstöße gegen die feine Lebensart bemerklich. Auch auf seinen ästhetischen Geschmack übte sie, wenn auch nur negativ, einen wohlthätigen Einfluß aus, indem sie dazu beitrug, ihm Gottsched's und seiner Anhänger Poesie zu verleiden. Ihr scharfes Urtheil über talentvolle Dichter, unter andern ihren bittern Tadel des von Weiße geschriebenen Lustspiels: "die Poeten nach der Mode," konnte Goethe, dem dieß Stück sehr gefiel, ihr nicht verzeihen. Seine eigene Autoreitelkeit fühlte sich verletzt durch ihre Aeußerungen über einige seiner lyrischen Gedichte, die er ihr anonym mittheilte.

Kaum seinen Ohren traute Goethe, als er hörte, wie Gellert in einem seiner Collegien seine Zuhörer vor der Dichtkunst warnte, und sie zu prosaischen Ausarbeitungen aufforderte. Demungeachtet wagte Goethe, ihm einige seiner poetischen Versuche zu zeigen, die er, wie alle übrigen, mit rother Dinte corrigirte und die zu große Leidenschaftlichkeit in Styl und Darstellung, mitunter auch einige psychologische Verstöße tadelte. Eine scharfe Rüge, die seinen Lieblingsdichter Wieland traf, machte ihn so irre an seinem poetischen Talent, daß er in seinem Unmuth eines Tages alles, was er in Versen und Prosa geschrieben, den Flammen übergab. Ihn in seinem poetischen Streben zu fördern war der damalige Zustand der schönen Literatur in Deutschland nicht sonderlich geeignet. Aus den Dichtern, die Goethe sich hätte zum Muster nehmen können, aus Gellert, Lessing, Klopstock, Wieland u. A. blickte eine zu entschiedene Individualität hervor. Vor sclavischer Nachahmung bewahrte ihn sein besseres Gefühl. Was die Poesie der genannten Dichter Vortreffliches hatte, glaubte er nicht erreichen zu können; aber er fürchtete, in ihre Fehler zu verfallen. Er hatte zu sich und seinem Talent das Vertrauen verloren, und fand es erst wieder in dem Umgange mit mehreren gebildeten und kenntnisreichen jungen Männern, zu denen unter andern sein Landsmann und nachheriger Schwager Schlosser gehörte, der damals als geheimer Secretär des Herzogs Ludwig von Würtemberg diesen Fürsten nach Leipzig begleitet hatte.

Durch Schlosser, der als Schriftsteller nicht unrühmlichbekannt war, erhielt Goethe Zutritt zu manchen gelehrten und einflußreichen Männern. Auch mit Gottsched, dem damaligen Tonangeber des ästhetischen Geschmacks, dessen Aussprüche, seinem Antagonisten Breitinger zum Trotz, noch immer als Orakel galten, ward Goethe auf die erwähnte Weise bekannt. Er fand ihn im ersten Stockwerk des goldnen Bären, welches ihm von seinem Verleger Breitkopf, aus Erkenntlichkeit für den großen Absatz seiner Schriften, zur lebenslänglichen Wohnung eingeräumt worden war. In einem Schlafrock von grünem Damast, mit rothem Taft gefüttert, trat Gottsched, wie Goethe in spätern Jahren erzählte, ihm und Schlosser entgegen. In demselben Augenblicke aber eilte ein Diener herbei, und reichte ihm eine große Perücke, um sein kahles Haupt zu bedecken. Der Saumselige bekam jedoch eine tüchtige Ohrfeige, worauf Gottsched mit großer Ruhe und Gleichgültigkeit die beiden Fremden zum Sitzen nöthigte und sich mit ihnen in ein Gespräch einließ, das meistens literarische Gegenstände betraf.

Die beliebtesten englischen Autoren sich zum Muster zu wählen, hielt Goethe für das wirksamste Mittel, um sich von dem seichten Geschmack Gottsched's und seiner Schule frei zu erhalten. Aber auch zu einem gründlichen Studium der bessern deutschen Schriftsteller, die der Literatur eine neue Richtung gaben, ward Goethe durch den Umgang mit mehreren vielseitig gebildeten jungen Männern geführt, zu denen, außer einigen gebildeten Livländern, ein Bruder des Dichters Zachariä, der nachherige Privatgelehrte Pfeil und der durch seine geographischen und genealogischen Compendien bekannte Schriftsteller Krebel gehörten. Fleißig las Goethe in Lessings, Gleims, Hallers, Ramlers u. A. Schriften. Keiner dieser Dichter aber raubte ihm die Vorliebe für Wieland. Den Eindruck, den das Lehrgedicht "Muserion" damals auf ihn gemacht, schilderte er in spätern Jahren mit den Worten: "Hier, in diesem Gedicht war es, wo ich das Antike lebendig und neu vor mir zu sehen glaubte. Alles, was in Wielands Natur plastisch war, zeigte sich hier aufs Vollkommenste, und da der zu unglückseliger Nüchternheit verdammte Phanias-Timon sich zuletzt wieder mit seinem Mädchen und mit der Welt versöhnte, so mochte ich die menschenfeindliche Epoche wohl mit ihm durchleben."

Ein flüchtiges Interesse nahm Goethe an der lange dauernden literärischen Fehde, welche die Verschiedenheit religiöser Meinungen zwischen den beiden Leipziger Professoren Ernesti und Crusius hervorrief. Jener ging bekanntlich in der biblischen Hermeneutik von allgemeinen philologischen Grundsätzen aus, während Crusius zu einer mystischen Erklärungsweise der heiligen Schrift sich hinneigte. Lebhafter, als für diese theologische Polemik, interessirte sich Goethe, neben seiner Beschäftigung mit der Dichtkunst und den schönen Wissenschaften, für die eifrigen Bemühungen Jerusalems, Zollikofers, Spaldings und anderer berühmten Theologen, in Predigten und Abhandlungen der Religion und Moral aufrichtige Verehrer zu verschaffen. Zurückgeschreckt durch die barocke Schreibart der Juristen, bildete Goethe nach jenen Mustern, besonders nach Mendelssohn und Garve, seinen Styl.

Poetischen Stoff sammelte er auf einsamen Spaziergängen durch das Rosenthal, nach Gohlis und andern benachbarten Orten. Zu einer Idylle, auf die er noch in spätern Jahren einigen Werth legte, begeisterte ihn Annette, die Tochter eines Wirths, bei welchem er mit mehreren Freunden seinen Mittagstisch hatte. Ueber sein Liebesverhältniß entwarf Goethe in spätern Lebensjahren eine anziehende Schilderung in den Worten: "Ich war nach Menschenweise in meinen Namen verliebt, und schrieb ihn, wie junge Leute zu thun pflegen, überall an. Einst hatte ich ihn auch sehr schön und genau in die glatte Rinde eines Lindenbaums geschnitten. Den Herbst darauf, als meine Neigung zu Annetten in ihrer besten Blüthe war, gab ich mir die Mühe, den ihrigen oben darüber zu schneiden. Indeß hatte ich gegen Ende des Winters, als ein launischer Liebhaber, manche Gelegenheit vom Zaun gebrochen, sie zu quälen und ihr Verdruß zu machen. Im Frühjahr besuchte ich zufällig die Stelle. Der Saft, der mächtig in die Bäume trat, war durch die Einschnitte, die ihren Namen bezeichneten, und die noch nicht verharrscht waren, hervorgequollen, und benetzte mit unschuldigen Pflanzenthränen die schon hart gewordenen Züge des meinigen. Sie hier über mich weinen zu sehen, der ich oft durch mein Benehmen ihre Thränen hervorgerufen hatte, versetzte mich in Bestürzung. In Erinnerung meines Unrechts und ihrer Liebe kamen mir selbst die Thränen in die Augen. Ich eilte, ihr Alles doppelt und dreifach abzubitten, und verwandelte jenes Ereigniß in eine Idylle, die ich niemals ohne Rührung lesen oder Andern mittheilen konnte."

Aus der poetischen Gattung, zu der jenes Gedicht gehörte, ward Goethe bald wieder auf die dramatische Dichtkunst hingewiesen durch den tiefen und bleibenden Eindruck, den Lessings Minna von Barnhelm auf ihn machte. Dieß ganz eigentlich aus dem Leben gegriffene Lustspiel von ächtem Nationalgehalt, lenkte seinen Blick zugleich auf die großen Weltereignisse des siebenjährigen Krieges. Neben dem bedeutenden Stoff bewunderte er besonders die concise Behandlung. Ein solches Muster zu erreichen, traute er sich nicht zu. Schon sein beschränkter Umgang mit vielseitig gebildeten Personen verhinderte ihn daran. In den eignen Busen mußte er greifen, wenn es ihm darum zu thun war, seinen Gedichten durch Empfindung oder Reflexion eine feste Basis zu geben. Fühlbar ward ihm wenigstens, daß er, um bei seinen poetischen Producten zu einer klaren Anschauung der einzelnen Gegenstände zu gelangen, aus dem Kreise, der ihn umgab und ihm ein Interesse einflößte, nicht heraustreten durfte. Solchen Ansichten verdankten mehrere lyrische Gedichte Goethe's, von denen sich jedoch nur wenige erhalten haben, ihre Entstehung. Goethe gab diesen Gedichten meistens die Form des Liedes, bisweilen auch ein freieres Versmaß. Es waren weniger Produkte einer sehr lebhaften Phantasie, als des ruhigen Verstandes, wofür schon die epigrammatische Wendung in einigen jener Gedichte zu sprechen schien. Unverändert blieb seinem Geiste die Richtung, Alles, was ihn erfreute, beunruhigte oder überhaupt in irgend einer Weise lebhaft beschäftigte, in ein poetisches Gewand zu kleiden. Seine Natur, die leicht von einem Extrem in's andre geworfen ward, gelangte dadurch zu einer gewissen Ruhe.

Aus seinem, durch eigene Schuld, vorzüglich durch grundlose Eifersucht wieder aufgelösten Lebensverhältniß schöpfte Goethe die Idee zu seinem ersten dramatischen Werke. 1769 dichtete er sein Schauspiel: "die Laune des Verliebten", das er jedoch erst nach einer bedeutenden Reihe von Jahren dem Druck übergab. Seinem Inhalt nach war das Stück dem später gedichteten Schauspiel: "Erwin und Elmire" ähnlich, so wesentlich es sich von demselben durch die Form und Behandlungsart unterschied. Erhalten hat sich unter mehreren literarischen Entwürfen aus jener Zeit nur der Anfang einer in Alexandrinern verfaßten Uebersetzung von Corneille's Lustspiel: Le Menteur, unter dem Titel: "der Lügner", und außerdem das Fragment eines in Briefen zwischen "Arianne und Wetty" geschriebenen Romans. Man findet diese Bruchstücke in den neuerlich von A. Scholl herausgegebenen Briefen und Aufsätzen Goethes aus den Jahren 1766-1786. Vollendet ward von Goethe nur das Lustspiel: "Die Mitschuldigen." Er bedauerte in spätern Jahren, daß er über der ernsten Richtung in seinen ersten dramatischen Werken manchen heitern Stoff, den ihn das Studentenleben darbot, unbenutzt gelassen hatte. Seine Empfindungen legte er in einzelnen Liedern und Epigrammen nieder, die jedoch, nach seinem eignen Geständnisse in späterer Zeit, zu subjectiv waren, um außer ihn selbst, noch irgend Jemand zu interessiren.