Das Schlußwort der Redaction gibt einen Gesammtüberblick über die Wirksamkeit der »Deutschen Blätter« und sei deshalb auszugsweise hier mitgetheilt.

Die Redaction spricht zunächst offen aus, daß die wahrhaft glänzende Theilnahme, die das Blatt im Anfange gefunden, sich naturgemäß allmählich bei den ruhigern Zeiten verringert habe, und obwol noch immer eine Auflage, zu der wenige ähnliche Unternehmungen in ihrer günstigsten Zeit sich erheben möchten, für den Aufwand entschädige, so sollten die »Deutschen Blätter« doch nicht dann erst enden, wenn sie sich selbst überlebt hätten.

Darauf heißt es weiter:

Sie begannen in der Zeit, die zu den herrlichsten, hoffnungsvollsten und erfolgreichsten gehört, welche das Vaterland je erlebte; unter Verhältnissen und Begünstigungen, wie sie selten einem schriftstellerischen Unternehmen zutheil werden. Die köstliche Zeit der errettenden Völkerschlacht, die Zeit der wiedererrungenen, hochbeglückenden Freiheit, war die Zeit ihrer Geburt, sie brachten die erste umständliche Kunde von dem Segen, den der Höchste auf die gerechten Waffen der Verbündeten gelegt, verbreiteten zuerst von einem Ende des Vaterlandes zum andern die sichere und begeisternde Botschaft von Deutschlands Sieg und Wiedergeburt, von der Niederlage der Unterdrücker, von der Vernichtung der Despotie. Darum wurde ihre Stimme so gern gehört, zumal sie kräftig war und würdig, und ein Geist, der vieler Herzen erhob, in ihr wehte. Vom Vaterland und für das Vaterland sprachen sie, und des Vaterlandes Söhne und Töchter nahmen sie freudig auf. Sie hatten überdies die Empfehlung für sich, daß der geehrte Feldherr, der an der Spitze der siegreichen verbündeten Heere stand, selbst sie veranlaßt, ihr Erscheinen selbst befördert und so gleichsam eine höhere Bürgschaft ihnen gegeben hatte.

Von Leipzigs Siegesfeldern begleiteten sie den Triumphzug über den alten Rhein bis in das stolze Babel, den Mittelpunkt der Unterdrückungsplane des zu Schanden gewordenen Uebermuths, der zerstörten Tyrannei. Mit mäßigem Jubel ließen sie die Kunde des geschlossenen bedenklichen Friedens erschallen, und, scheidend von den glorreichen Schlachtgefilden, wendeten sie sich zu den unblutigen, aber nicht minder gefährlichen Kämpfen in den Steppen des Wiener Congresses, den Irrgängen der Unterhandlungen. Sie nahmen Partei, aber nur für die Sache des Vaterlandes, der Gerechtigkeit und der Freiheit, und sprachen manch starkes Wort, wo es frommen konnte. Aber sie mochten sich nicht wie der Vater Rhein nach kräftigem Ernst im Sande verlieren oder, den gewaltigen Strom verlassend, in kümmerlichen Bächen verrinnen. Sie erhoben sich in neuer Kraft, als die Botschaft kam von der Rückkehr des Furchtbaren aus seinem Felseneiland, von des Vaterlandes Gefahr.

Die Neue Folge der »Deutschen Blätter« begann, um zu erwecken zum neuen Kampf, aufzurufen zu den schützenden Waffen, hinzuweisen auf das, was abermals dringend Noth war, was geschehen mußte, und regten von neuem in der allgemeinen Bewegung sich selber lebendiger, stürzten sich wieder in das Schlachtgewühl. Des Feindes Trug und Arglist, seine Macht und seine Kampffertigkeit, alle die losen Künste, mit denen er zu lang uns berückt und geschwächt hatte, stellten sie den deutschen Lesern klar vor Augen und ermahnten, das alte Joch, das viele noch zu willig trugen, völlig zu zerbrechen, die allzu verderbliche Abhängigkeit von fremder Sitte, mannichfachem fremden Einfluß endlich zu verbannen. Sie frohlockten über den neuen, herrlichen Sieg, den Gott verliehen, über Babels zweiten Fall, über die Heimkehr des theuern Eigenthums, das, als schnöder Raub und frevle Siegestrophäe zu lange trauernd, an feindlicher Stätte gefesselt gelegen; sie mühten sich, das Kleinod der Hoffnung zu erhalten, als in langen geheimnißvollen Unterhandlungen Sorge und Ungeduld allenthalben Raum gewannen und sich mehrten, weil manch theuerer Wunsch nicht in Erfüllung gehen wollte, ja immer mehr gefährdet ward. Sie suchten zugleich das Gedächtniß der frühern Zeit des Vaterlandes, seiner alten Schicksale zu erneuen, um durch die Bilder der Vergangenheit nicht nur zu trösten, sondern auch zu erwecken. Dann, als die neue Friedensbotschaft so unbefriedigend erschien, ergriff sie die Ahnung, daß ihr Ende gekommen sei, daß, wie nun Alles zur Ruhe sich lege, auch ihr Wächterruf immer mehr verhallen möge. Auch ließen sie nicht ab, ihrer Bestimmung treu die wichtigsten Angelegenheiten zur Sprache zu bringen und manch ernstes Wort zu reden von dem, was zu Deutschlands Heil geschehen muß. Aber: »Vestigia me terrent!« zu deutsch: »Laß dir rathen, ehe guter Rath dir noch theuer zu stehen kommt«, dachten sie bei sich selbst. »Wir wollen die Welt meiden, Einsiedler werden und uns selbst begraben, ehe man uns begräbt. Aus dem selbst gewählten Grabe kehren wir dann vergnügt und lebendiger, auch wohl vollkommener wieder.« Dachten es und brachen als Freunde des Tags, wie sie von je gewesen, noch eine Lanze mit den Rittern der Nacht, die ihren Herold vorangesendet hatten, und bringen nun ihren Freunden den Abschiedsgruß.

Sechsmal erneuten sie sich seit ihrem ersten Erscheinen, dreimal in der Neuen Folge. In neun Bänden schließen sie gut, denn neun ist eine gute und vollkommene Zahl ....

Sie haben eine gute Zeit durchlebt, obwol die schönste, in der sie geboren wurden, schnell vorüberging. Doch klingen noch in tiefster Seele nach die Lob- und Danklieder aus der Zeit der Vaterlandserhebung und Errettung, und der Blick nach oben feiert noch immer und soll endlos feiern, was der Herr aufs neue Großes und Herrliches an dem deutschen Volke und an der Menschheit in dieser Zeit gethan hat. Und das bleibt des höchsten Dankes werth!

Sie bringen auch ihren erneuten Dank den tapfern Streitern dar, deren Heldenthaten auch ihnen das Dasein gaben. Unsterblich, wie der Thaten Geist, und lichthell, wie der Thaten Frucht, deren Herrlichkeit ungekränkt bleibt, ob auch manches nicht zur vollen Reife gedieh, lebt der Helden Gedächtniß und Ruhm und der Dank des befreiten Vaterlandes fort. Ihr Verdienst war es auch, wenn hier manch freies und erweckendes Wort geredet werden durfte, das in früherer trüber Zeit nicht hervorzutreten wagen konnte, und wenn dadurch, wie wir glauben dürfen, manches Gute befördert worden ist. Die Stimme der Wahrheit hat eine so siegreiche Kraft, daß keine Gewalt ihr widerstehen kann auf die Dauer, und je gesegneter ihre Wirksamkeit ist, desto höherer Dank gebührt denen, die ihr die Bahn wieder geebnet, die Luft gereinigt haben von den giftigen Dünsten, welche sie gänzlich zu ersticken drohten.

Aus allen Theilen Deutschlands sind sie durch zweckmäßige Beiträge bereichert worden. Denen, die auf diese Weise ihr Leben erhöhten und stärkten, gebührt vorzüglicher Dank. In ihnen haben sich, meist einander unbekannt, doch im wesentlichen in gleichem Geiste und gleicher Gesinnung, vorzüglich gleicher Liebe des Vaterlandes und verwandter Ansicht von dem, was zu dessen Heil geschehen muß, viele deutsche Männer begegnet und durch ihre Uebereinstimmung das, was sie aussprachen, noch mehr empfohlen. Die bewährte Gesinnung hat sich durch den gemäßigten und bescheidenen, zwar, wie es Noth war und löblich, starken, aber selten allzu scharfen Ton, der fast alle Beiträge auszeichnete, viele Freunde erworben, und fast nie ist ein Anlaß zu gerechten Klagen und Beschwerden gegeben worden. So freimüthig als besonnen, überall aber mit strenger Wahrheitsliebe, ward das, was Bedürfniß der Zeit und des Vaterlandes war, hier ausgesprochen, keiner grundlosen Parteilichkeit für irgendeinen Zweig des deutschen Volks Raum gegeben, kein unziemlicher und verderblicher Zwiespalt genährt, sondern überall das Gute, wo es sich auch fand, anerkannt und vor allem auf jene Eintracht und Geisteseinigkeit, in der Deutschland allein stark, frei und sicher bestehen kann, hingearbeitet. Diesen Ruhm wird man den »Deutschen Blättern« ungekränkt lassen.

Jetzt, da diese Neue Folge sich schließt, ist ihr letzter Wunsch: Segen und Heil dem theuern Vaterlande! Ihm haben sie gelebt und ihm gedient, ihm werden sie immer aufs innigste ergeben bleiben, und wenn längst ihre Stimme verhallt ist, wird der fernste Nachklang noch von Liebe und Treue für den heimatlichen Boden, für das deutsche Volk ertönen.

Dieses Schlußwort, das sich dann noch weiter über die Zeitverhältnisse ausspricht, um »in diesen letzten Mittheilungen noch einmal die höchsten Angelegenheiten unsers Volks den Lesern ans Herz zu legen«, sagt nicht zu viel von dem Gehalte und der Wirkung der »Deutschen Blätter«; es war übrigens weder von Brockhaus noch von Hain, sondern auf deren Wunsch von einem Mitarbeiter verfaßt, wahrscheinlich von dem Professor Hasse in Dresden. Die »Deutschen Blätter« nehmen anerkanntermaßen eine der ersten Stellen ein unter den Organen der Presse, welche der Zeit der Befreiungskriege ihr Entstehen verdankten, zugleich aber selbst mannichfach fördernd auf die Zeit einwirkten. Diese Bedeutung weist ihnen auch Karl Hagen zu in seinen die eingehendste Schilderung dieser Zeitschriften enthaltenden und überhaupt sehr werthvollen zwei Aufsätzen: »Ueber die öffentliche Meinung in Deutschland von den Freiheitskriegen bis zu den Karlsbader Beschlüssen«.[58] Andere ähnliche Blätter waren: der »Rheinische Mercur« von Görres, die »Nemesis« von Luden, das weimarer »Oppositionsblatt«, die gothaer »Nationalzeitung der Deutschen«, die »Teutonia«, die »Kieler Blätter«. Die meisten derselben entstanden erst nach den »Deutschen Blättern« und verschwanden noch vor ihnen wieder vom öffentlichen Schauplatze.


Von allen Seiten waren den »Deutschen Blättern« patriotische Aufsätze zugeströmt, auch ohne directe Aufforderung der Redaction, und die Reihe der (meist indeß nicht genannten) Mitarbeiter der »Deutschen Blätter« ist eine ebenso mannichfaltige als stattliche.

Einer der ersten und thätigsten Mitarbeiter war Karl August Böttiger in Dresden, der schon an der 1807 von Brockhaus in Amsterdam herausgegebenen Zeitschrift »Le Conservateur« sich betheiligte und mit ihm fortwährend in den lebhaftesten geschäftlichen und freundschaftlichen Beziehungen blieb. Ferner waren fleißige Mitarbeiter: Professor Pölitz, Professor Saalfeld, Karl Curths (der Historiker), Georgius (Karl Christian Otto), Baumgarten-Crusius, Villers, die Professoren Zeune in Berlin, Hasse in Dresden und Oken in Jena. August Wilhelm Schlegel und Friedrich Perthes schickten einzelne Beiträge.

Auch die patriotische Dichtkunst war reich vertreten. Die »Deutschen Blätter« veröffentlichten wol zuerst die drei Gedichte Theodor Körner's: »Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein?«, »Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!« und sein letztes Sonett: »Die Wunde brennt, die bleichen Lippen beben«. Ferner brachten sie Dichtungen von Max von Schenkendorf, Matthias Claudius, Christian Graf Stolberg, Graf von Loeben, Friedrich Rückert.