Die »Deutschen Blätter« werde ich bestimmt zu Ostern schließen. Die Bedingungen der Censur, die ängstliche Rücksicht, die allenthalben genommen wird, der Mangel an Einsicht in die politischen Interessen Deutschlands, die hinkende Theilnahme des Publikums jetzt, wo die Hauptfragen entschieden sind, und die ungeheuere Schererei bei geringer Belohnung veranlassen mich dazu.
Dem Drucker des Blattes, Pierer in Altenburg, meldete er am 2. December 1815, daß er die Auflage, die bei Beginn 4000 und mehr Exemplare betrug, auf 1100 ermäßigen wolle.
Noch eingehender spricht er sich über das Aufhören des Blattes in einem am 9. März 1816 an Oken gerichteten Briefe aus, der zugleich interessante Mittheilungen über literarische Verhältnisse enthält:
Auch mir thut es herzlich leid, das allerdings interessante und mir selbst unendlich lieb gewesene Institut der »Deutschen Blätter« eingehen lassen zu müssen. Ich sehe mich aber dazu gezwungen. Aus der Ueberzeugung, daß bei ihrem sehr verminderten Absatz — da ich Ihnen versichern kann, seit einem Jahre das volle Drittel der noch zu Anfang des vorigen Jahres stattgefundenen Zahl der Abnehmer verloren zu haben, wobei ich noch nicht in Anschlag bringen kann, was mir auf der Messe wird zurückgegeben werden — ihre Wirksamkeit in dieser Form nicht von der Art ist, als sie auch bei den mäßigsten Ansprüchen sein sollte. Die Erscheinung eines so verringerten Absatzes, da die Blätter an sich tüchtigen Inhalts sind, muß Jedem allerdings auffallend sein, der das deutsche Publikum nicht aus Erfahrung in dieser Hinsicht kennt und der nicht weiß, daß der Werth besonders eines politischen Blattes für den Absatz in Deutschland nie entscheidend ist. So z. B. wenn ich Ihnen versichere, daß von der »Allgemeinen Zeitung«, wie ich in der Officin derselben erfahren habe, nicht mehr als 2000 Exemplare gedruckt werden, während der »Nürnberger Correspondent« (ein gegen jene elendes Blatt) gewiß das Doppelte absetzt, und nur Cotta's große Kapitale, sein Stolz und seine Consequenz, auch ohne Vortheil ein Institut fortzusetzen, dessen Nützlichkeit er einmal erkannt hat — eine Consequenz, die aber nur einem Manne wie ihm möglich ist — bestimmen denselben, dieses Institut, das ihm ungeheuere Summen kostet und bei welchem er meinem Urtheile nach wenig oder nichts verdient, nicht untergehen zu lassen.
An vielen Orten sind die »Deutschen Blätter« abbestellt oder gehen in so geringer Anzahl dorthin, daß daraus abzunehmen ist, wie wenig Interesse das Publikum für sie noch zeigt. So gebraucht z. B. die thätigste Buchhandlung in Prag, die von andern Artikeln, welche die Zeit berühren, leicht funfzig und mehr Exemplare absetzt, nur ein einziges Exemplar, und ich erhalte posttäglich neue Abbestellungen für den nächsten Band, von dem man meint, daß er noch erscheinen werde.
Von sämmtlichen Journalinstituten in Deutschland gedeiht überhaupt keins mit eigentlichem Glück, und die meisten derselben erhalten sich nur dadurch, daß ihre Redacteure und Herausgeber zugleich die Haupt- oder einzigen Ausarbeiter derselben sind, daß sie also nicht an Andere etwas zu bezahlen nöthig haben und sich mit einer kleinen Ausbeute begnügen können. So schreibt oder übersetzt Herr Bran seine »Minerva« und »Miscellen« ganz allein selbst, oder er zahlt für etwaige kleine Mithülfe höchstens 3 Thlr. per Bogen; so ist Professor Voß in Halle der alleinige Verfasser der auch von ihm selbst verlegten »Zeiten«, und mir ist von den Commissionären desselben versichert worden, daß nicht 400 Exemplare von diesem Journale debitirt werden, ein Absatz, mit dem man einzig bei einem so hohen Preise und dann eben auskommen kann, wenn man zugleich noch alleiniger Verfasser und Selbstverleger ist. Die Bertuch'schen Journalinstitute erhalten sich gewiß einzig durch das fabrikmäßige Bearbeiten derselben und durch den Antheil, welchen Vater und Sohn selbst daran nehmen.
Brockhaus hatte bei Aufgeben der »Deutschen Blätter« eine directe Fortsetzung derselben beabsichtigt, doch kam sie aus Gründen verschiedener Art wenigstens nicht in der zuerst beabsichtigten Weise zu Stande.
Diese Fortsetzung sollte den Titel: »Encyklopädische Blätter« führen und von Professor Oken in Jena, einem Hauptmitarbeiter der »Deutschen Blätter«, herausgegeben werden. Das oben auszugsweise mitgetheilte Schlußwort der »Deutschen Blätter« hat deshalb die Ueberschrift: »Schluß dieser und Ankündigung der 'Encyklopädischen Blätter'« und theilt zugleich das Programm des neuen Blattes mit. Das erste Heft desselben wurde auch bereits im August 1816 mit der Jahreszahl 1817 ausgegeben (es trägt am Fuße der ersten Seite die eigenthümliche Notiz »Kundt am 1. August 1816«), aber unter dem veränderten Titel: »Isis oder Encyklopädische Zeitung von Oken«. Diese bekannte Zeitschrift, welche dann bis zum Jahre 1848 erschien und abwechselnd bald Eigenthum des Herausgebers Oken, bald der Firma F. A. Brockhaus war, ist also aus den »Deutschen Blättern« hervorgegangen, hat aber freilich nicht viel von denselben beibehalten. In jenem Schlußwort ist zwar direct gesagt: das neue Blatt sei »gewissermaßen das Kind der 'Deutschen Blätter', und die Mutter solle darin, wenngleich nur in einem kleinen Kämmerlein, fortleben«; allein dieses »Kämmerlein«, die politische Abtheilung, war sehr klein und wurde später ganz geschlossen, wie auch der Nebentitel »Encyklopädische Zeitung« bald wegfiel. Hingegen nahmen die Naturwissenschaften von Anfang an den größten Theil des Raums ein.
Die »Isis« wird in der folgenden Periode von Brockhaus' Verlagsthätigkeit in ihrer eigenthümlichen Gestalt und Geschichte vorgeführt werden; nur ihre Entstehungsgeschichte war hier zu erwähnen.
Die »Deutschen Blätter« bilden, von ihrer Stellung und Bedeutung in der Geschichte der deutschen Zeitungspresse abgesehen, auch ein wichtiges Glied in Brockhaus' Verlagsthätigkeit während der altenburger Periode. Sie boten ihm Gelegenheit, auf die politische Gestaltung Deutschlands einzuwirken und sich so auch persönlich an der großen Zeit der Freiheitskriege mit zu betheiligen; sie brachten ihn in nähere Beziehungen zu den besten politischen Schriftstellern seiner Zeit, die er dann für seine übrigen Unternehmungen an sich zu fesseln wußte; sie gaben endlich seinem ganzen Verlage für die nächste Zeit eine bestimmte politisch-nationale Richtung, wiewol diese bei der Vielseitigkeit seines Geistes und gegenüber den schon früher von ihm gepflegten Gebieten der Literatur keine ausschließliche blieb.
Als patriotischer Buchhändler nimmt der Herausgeber der »Deutschen Blätter« in der Geschichte der Jahre 1813-1815 jedenfalls eine ehrenvolle Stelle ein.