Woran erinnerst Du mich, lieber Bruder, durch die Erzählung Deiner Reise zum guten lieben Onkel? An die auch für mich glücklichsten Stunden meines Lebens, das damals so eben und heiter dahinfloß wie ein rieselnder Bach! An die Jahre meiner Kindheit, meines Jünglingsalters, die des jungen Mannes, wo ich, noch unbekannt mit den Täuschungen des wirklichen Lebens, an der Pforte desselben stand und mit hochfliegendem Sinne und Herzen, ach! die schönsten Hoffnungen von der Zukunft und den Menschen überhaupt hatte und auch wol berufen und geeignet war, sie haben zu dürfen. Damals ahndete ich den giftigen Mehlthau nicht, der sich auf die Blume meines Lebens setzen und Jahre lang desselben würde vergiften machen! O die Zeiten, lieber Bruder! wie wir mit dem guten und geistvollen Onkel[29] dann durch die langen und fruchtbaren Aecker und zwischen dem wogenden Meer der vollen sich niedersenkenden Aehren einhergingen nach dem Kloster Welver, oder nach Dinker oder zur Kirmeß — ich weiß nicht wo, wie heitere und seelenvolle Gespräche uns erquickten, ländliche Kost uns erfreute, wie wir von Alt und Jung gegrüßt, ehrerbietig gegrüßt wurden, von allen Menschen als Freunde behandelt und zärtlich gepflegt wurden.

Mir ist der Onkel immer wie der ehrwürdige Pfarrer zu Grünau, von dem Voß in seiner »Luise« ein so hinreißend entzückendes Gemälde aufgestellt hat. Damals litt der gute Onkel immer viel, er war kränklich und seinem Leben schienen nur noch kurze Tage zu harren. Es freut mich unendlich, daß unsere Furcht sich darin nicht bewahrheitet, und ich gebe noch keineswegs die Hoffnung auf, ihn noch einmal, ehe er oder ich jene furchtbare Reise antreten, von der kein Wanderer zurückkommt, an meine Brust zu drücken. Vielleicht ist diese Zeit selbst näher als ich noch vor kurzem hätte denken können. Es ist nämlich sehr wahrscheinlich, daß ich nächste Ostern selbst mit nach Leipzig gehen werde. Unsere dortigen Geschäfte und Berechnungen, Tausche, Einkäufe, Arrangements mit Druckereien, Papierhandlungen, Autoren u. s. w. sind wichtig und mannichfaltig genug, um die Kräfte eines Mannes alleine zu übersteigen und auch von zu bedeutenden Folgen, um sie einem auch noch so guten Commis anvertrauen zu können. Wenn es mir also nur irgend möglich ist, so habe ich zur Absicht, alle Jahre, so Gott will, selbst Ostern nach Leipzig zu gehen in Begleitung eines Gehülfen, der den mechanischen Theil des Geschäftes und der Berechnungen besorgt. Ich habe zu einer solchen Reise mehrere Reiserouten vor mir, werde aber gewiß, wenn meine dortigen Angelegenheiten einmal in Ordnung sind, wofür ich möglichst sorgen werde, zur Hin- oder Herreise immer die über Dortmund nehmen. Bei Lesung Deines letzten Briefs, lieber Bruder, ist mir dabei der Gedanke eingefallen, wie außerordentlich nützlich für Dein Geschäft, erhebend für Deine Seele und stärkend für Deinen Körper es sein würde, wenn auch Du es einrichtetest, alle Jahre einmal abwechselnd nach Frankfurt oder Leipzig zu gehen, und wir dann vielleicht dann und wann solche Reisen hin oder zurück zusammen machen könnten. Der Gedanke, theuerster Bruder, ist mir so ausführbar vorgekommen, daß ich ihn gar nicht loswerden kann! und doch ist es mir zu reizend, als daß ich es mir wieder zu schmeicheln wagen mag, daß er wirklich werde ausgeführt werden ....

Zu meinem jetzigen Geschäfte, wie es jetzt geht, bedarf ich durchaus noch einiger Fonds, und es ist nicht dem allermindesten Zweifel unterworfen, daß, wenn ich nur noch so viele habe, als ich oben gedachte, es mir möglich sein wird, dasselbe auf einen solchen Fuß zu halten und zu setzen, daß für mich und meine Familie die segensreichsten Folgen daraus entstehen werden. Die Zeiten der Chimären und der Luftschlösser sind bei mir vorbei: was ich jetzt thue und treibe, beruht auf dem sichersten Calcul. Nur der sehr gute Erfolg mehrerer unserer Unternehmungen hat übrigens auch nur diese noch nöthige Alimentation veranlaßt, da wir nicht im Stande sind, diese Unternehmungen aufzuhalten, die Fonds dafür aber erst im nächsten Jahre u. s. w. eingehen. So müssen wir von Villers' Briefe über Lübeck schon wieder zwei neue deutsche und französische Auflagen machen, ob wir gleich viele Tausend von der ersten haben drucken lassen. So von einem französischen Handbuche für Reisende durch Deutschland ebenfalls schon wieder die zweite Auflage, obgleich die erste von 2000 Exemplaren erst im Januar und Februar erschienen. So ist das Glück, das die »Vertrauten Briefe« machen, woran ich ein Viertel habe, außerordentlich. Aber diese glücklichen Unternehmungen erfordern gerade deswegen Nachschüsse, worauf ich nicht gerechnet, und die, da wir im Laufe des Jahres so wenig einnehmen, mich sehr en peine setzen für den Rest des Jahres, besonders da es hier platterdings gar keine Ressourcen für mich gibt, und ich Alles und Alles aus mir selbst schöpfen muß. Es sind indessen keine großen Summen, deren ich jetzt bedarf, und mit einigen tausend Gulden, die ehemals ein Tropfen im Eimer gewesen wären, kann ich über die kleinen Sorgen nun alle wegkommen. Und doch drücken solche außerordentlich und sie müssen auf immer weggeräumt werden.

Darauf folgt, unter herzlichem Danke für das zunächst Gewährte, die Bitte um eine weitere größere Summe, die er bestimmt im nächsten Jahre zurückerstatten will: »Du könntest darauf wie auf Deine Existenz rechnen!« Er schließt:

Du kennst nun meine Sorgen und meine Hoffnungen alle. Vertraue, vertraue auf mich. Mein Dank, Sophiens Dank, unser Aller Dank wird Dich für alles Gute, was Du uns schon gethan, Du allein uns gethan, bis zum letzten Odemzuge begleiten .... Wir Alle grüßen euch Alle tausendmal.

Als auf diesen Brief eine abschlägige Antwort kam, weil der Bruder, trotz seiner steten Bereitwilligkeit zu helfen, diesmal die Bitte nicht erfüllen konnte, entschloß sich Brockhaus' Frau ohne Vorwissen ihres Mannes nochmals an den Schwager zu schreiben. Ihr Brief, einer der wenigen, die von ihr erhalten sind, gibt ein treues Bild ihrer einfachen, aber gediegenen und gesunden Natur. Das im Eingang des Briefs erwähnte sechste Kind, Max, war wenige Monate vorher, am 19. Juni 1807, geboren worden; es starb übrigens nach kaum drei Jahren, im März 1810, in Dortmund. Sie schreibt aus Amsterdam vom 29. September 1807:

Lieber Herr Bruder!

Ich schreibe Ihnen diesen Brief ohne Vorwissen meines guten Brockhaus; dieser ist auf Comptoir, und ich sitze hier im Kreise aller meiner Sechse, Max schläft eben, und das Kindermädchen mag sehen, wie sie ein halb Stündchen mit den übrigen fertig wird, denn ich muß absolut mit Ihnen sprechen.

Daß es uns gut geht, daß wir zufrieden sind, daß Brockhaus in seinen Geschäften glücklich ist, sich glücklich darin fühlt, daß wir bei dem schrecklichen Lauf der Weltbegebenheiten und der Zernichtung des englischen Handels hier (für den, der nicht über große Fonds zu disponiren hat) sehr froh sind, die Trümmer unsers Vermögens in ein Geschäft gerettet zu haben, das, wenn es, wie es scheint, mit dem Glücke fortgeht, als es angefangen wurde, uns ein redliches Bestehen sichern wird — dies Alles, werthester Bruder, wissen Sie wohl und gewiß von Brockhaus. Aber Brockhaus findet gerade jetzt in dem guten Fortgange seines Geschäfts Veranlassung zu Sorgen, auf die er nicht gefaßt war und die ihn erstaunlich angreifen, da er sich möglich denkt, daß, wenn er gar nicht im Stande wäre Hülfe zu finden, alle unsere guten Aussichten wieder zusammenfallen, er seinen unbegrenzten Credit in Leipzig, den er sich so mühsam angebaut, verlieren, und wir Alle dann eigentlich unglücklich werden könnten. Sie wie ich würden ihm hier dann die Erinnerung machen können, daß er sich nach seinen Mitteln hätte einschränken müssen; allein er bemerkt darauf, daß sich das nicht auf ein paar tausend Gulden im ganzen Jahre lang berechnen ließe &c. Das kann ich auch nicht beurtheilen. Aber die Sache ist, daß hier in Brockhaus seinem Geschäft Alles auf Jahresrechnung geht, er aber Vieles beständig bezahlen muß, Frachten, Papier, Druckerlohn &c. beständig viel Geld wegnehmen, und daß Brockhaus, um Credit zu kriegen, Vieles hat prompt bezahlen müssen, wo er in Zukunft Credit haben wird — kurz, Brockhaus hat für den Lauf dieses Jahres noch ein paar tausend Gulden zu bezahlen, wozu er hier keine Aussicht hat, um sie in diesem Jahre anschaffen zu können. Wir leben erstaunlich eingezogen, haben fast mit keinem Menschen Umgang, und wo wir Freundschaft mit haben, die haben keine Mittel, worüber sie disponiren können, und in Amsterdam muß man nicht mit Geldfragen kommen: eine kalte abschlägige Antwort ist, was man zu erwarten hat, und ihre Achtung und Freundschaft, ja gar Vertrauen — Alles ist weg.

Brockhaus hat sich also, lieber Bruder, in seinen Sorgen um die paar tausend Gulden, die ihm die Kohlen auf den Fuß legen, an Sie gewendet, weil er hoffte, daß Sie in Ihrem Verhältnisse eher Rath dazu schaffen könnten und aus Liebe für uns Alles thun würden, was in Ihren Kräften wäre. Schrecklich war daher gestern seine Täuschung, als Ihr Brief ihm sagte, daß Sie jetzt nicht könnten. Der Himmel weiß es, wie er es machen wird, da ich weiß, daß er in acht Tagen schon ein paar Wechsel bezahlen muß und im nächsten Monat Alles gebraucht. Mir ist also eingefallen, ob Sie in Verbindung und in Ueberlegung mit Luise[30] und Rittershaus die doch nicht gar große Summe zusammenbringen könnten. Rittershaus hat Vermögen und Credit, und ich vertraue auf Luise, daß sie etwas auf Rittershaus vermag und er ihr und mir eine solche Gefälligkeit nicht abschlagen werde. Ich weiß auch, daß Brockhaus im Stande ist, es ihm nöthigenfalls im Januar oder zur Ostermesse wieder zurückzugeben, vielleicht könnte er ihm Kleie dafür senden. Das Wenige, was mir früher oder später zufallen wird, gebe ich auch gern bis zum Ersatz. Ueberlegen Sie es also mit Luise. Thun Sie, was Sie können, Sie machen mich dadurch zum glücklichsten Weibe. Ich habe nicht nöthig, Ihnen zu erinnern, daß es mir lieb sei, wenn darüber kein Gerede entstehe. An Luise schreibe ich nur ein paar Zeilen, Sie werden die Güte haben, sie von der wahren Lage der Sachen zu unterrichten, daß es nicht Mangel überhaupt ist, sondern Verlegenheit gegen Ende des Jahres und unvorhergesehene starke Ausgaben und da wir keine Ressourcen haben. O wie glücklich würde ich sein, wenn der nächste Posttag mir sagte, daß Sie etwas für uns thun könnten — Ihr Herz bürgt mir für Ihren Willen.

Nicht mit ganz frohem Herzen sage ich Ihnen Lebewohl. An Lottchen und Papa tausend Grüße. Ich bin Ihre Sie hochschätzende Schwester

Sophie Brockhaus.

Ob ihre Bitte Erfolg hatte, geht aus den wenigen aus dieser Zeit erhaltenen Briefen nicht hervor, doch ist es wahrscheinlich, da in den nächsten Monaten von finanziellen Verlegenheiten nicht weiter die Rede ist.


[5.]
Reisen zur leipziger Buchhändlermesse.

Bei der Bedeutung und Ausdehnung, die Brockhaus' buchhändlerisches Geschäft rasch erlangt hatte, war es (wie er auch unterm 18. September 1807 seinem Bruder schrieb) seine bestimmte Absicht, alljährlich Ostern zur Buchhändlermesse nach Leipzig zu reisen. Ein Besuch derselben war zu jener Zeit noch wichtiger als er es gegenwärtig ist, besonders für den Besitzer eines neuerrichteten Geschäfts; auch hatte er bereits vielfache geschäftliche Beziehungen in Leipzig, deren Pflege und Erweiterung ihm am Herren lag; endlich freute er sich darauf, die Stadt wiederzusehen, in der er als junger Mann eifrigen Studien obgelegen und wol zuerst den Entschluß gefaßt hatte, selbst einmal den Buchhändlerstand zu wählen.