Im Frühjahr 1808 hoffte er den langgehegten Plan zum ersten male ausführen zu können, allein seine Hoffnung wurde wieder vereitelt. Kurz nach der Michaelismesse 1807 hatte er plötzlich denjenigen Gehülfen verloren, der, wie er in einem Circulare sagt, »zeither unser schnell wichtig gewordenes deutsches Sortimentsgeschäft allein besorgt und dirigirt hatte«; es war der in seinem Briefe vom 25. August 1807 erwähnte Gehülfe, der im Herbst 1806 aus Hannover in das Geschäft getreten war und in der Ostermesse 1807 das Kunst- und Industrie-Comptoir in Leipzig vertreten hatte, doch ist uns weder sein Name noch der Grund seines plötzlichen Wiederaustritts aus dem Geschäfte bekannt. Brockhaus engagirte zwar sofort einen andern Gehülfen, Namens Zinkernagel, der bisher in der Buchhandlung von Heinsius in Leipzig angestellt gewesen war, schloß mit ihm nach damaliger Sitte sogar einen Contract ab und schickte ihm Reisegeld sowie einen Vorschuß; aber statt des sehnlichst erwarteten Gehülfen traf im Februar 1808 ein Brief von dessen bisherigem Principale ein, worin dieser bat, ihm denselben ganz oder wenigstens noch bis zur Ostermesse zu lassen, wo er dann ja zugleich die Geschäfte seines neuen Hauses besorgen könne. Brockhaus lehnte unterm 29. Februar diese »Zumuthung«, die ihm »sehr auffallend und befremdend« sei, mit der ihm eigenthümlichen Bestimmtheit und Offenheit ab, indem er dem Briefe an Heinsius in einem Gemisch von Ironie und Zorn hinzufügte: »So vielen Antheil wir auch an Ihrer persönlichen Wohlfahrt und an dem regelmäßigen Gange Ihrer Geschäfte immerhin nehmen, so kann dieser Antheil sich doch nicht so weit erstrecken, daß wir darum unsere eigene Wohlfahrt aufopfern und unsere nicht unbedeutenden Geschäfte nur in Wirrwarr sich auflösen lassen sollen. Es entspricht ebensowenig der Lage unserer Geschäfte, Herrn Zinkernagel die Ostermeßgeschäfte thun zu lassen und ihm oder Ihnen zuzugestehen, daß er in Erwartung derselben einstweilen dorten bleibe. Der Chef unserer Handlung wird selbst diese Messe besuchen, und geschieht das nicht, so werden wir diejenigen Maßregeln nehmen, die uns am zweckmäßigsten dünken. Wir geben heute Herrn Zinkernagel wiederholt auf, ohne Verzug eines einzigen Tags seine Reise hierher anzutreten.« Trotz alledem scheint Zinkernagel gar nicht nach Amsterdam gekommen zu sein.
Nur wenige Wochen nach diesem Briefwechsel, am 12. April, schreibt Brockhaus an den Buchhändler Heyse in Bremen: er habe von Herrn Culemann in Hannover gehört, daß sich bei ihm ein junger Mann befinde, der sich zum Gehülfen in seiner Handlung eigne, und bitte ihn um Auskunft über denselben; er stehe zwar bereits mit einem andern in Unterhandlung, diese werde sich aber wahrscheinlich zerschlagen. Heyse scheint dem jungen Manne ein gutes Zeugniß gegeben zu haben, denn am 30. April meldet Brockhaus wieder an Heyse, daß er ihn engagire. Der Betreffende kam denn auch wirklich nach Amsterdam. Es war dies Friedrich Bornträger, der spätere Verlagsbuchhändler in Königsberg; er blieb drei Jahre lang bei Brockhaus und wurde während dieser Zeit dessen Vertrauter, sodaß wir ihm fortan viel begegnen werden.
Leider konnte auch er nicht sofort, sondern erst im Sommer seine Stelle antreten, wahrscheinlich weil Heyse ihn nicht eher entbehren konnte. Brockhaus schreibt darüber an Letztern:
Nun, es sei denn, haben wir uns seit 4-5 Monaten durchgeschlagen und darüber sogar die Messe versäumen müssen, so mag es denn auch noch 4 à 5 Wochen hingehen. Aber wir rechnen auf Ihr Wort auf das unbedingteste, daß Herr Bornträger am 12. Juni von Bremen abreisen kann. Wir machen darüber nicht weiter viele Worte. Ein Wort für hundert.
Wir wünschen Ihnen die beste Reise zur Messe, und bedauern wir nur, daß durch das Ausbleiben unsers engagirten Gehülfen es uns persönlich reine Unmöglichkeit geworden ist, ebenfalls die Messe zu besuchen, da wir in jeder Hinsicht so nothwendig dorten wären. Ob wir gleich Herrn Reclam gefunden haben, der unsere Meßgeschäfte wahrnehmen will, so kann er es doch nur halb. Vieles muß ganz versäumt werden, Vieles muß noch besorgt werden, das für Herrn Bornträger seine erste Arbeit sein muß.
An Bornträger selbst meldet er unterm 27. Mai, daß er ihm einige seiner letzten Kataloge mit Gelegenheit nach Aurich geschickt habe, und fügt folgende Worte hinzu, aus denen hervorgeht, wie er jede Gelegenheit zum Weiterausbau seines Geschäfts benutzte:
Nehmen Sie solche in Empfang und machen Sie davon auf Ihrer Hierherreise den möglichst nützlichsten Gebrauch. Da Ostfriesland jetzt zu Holland gehört, mithin von dort viele Berührungen mit Amsterdam, als dem Sitze des Gouvernements, Platz haben werden, wo der reiche Adel hierhin zu Aemtern und Ehrenstellen gezogen wird und manche andere Connexion stattfinden wird, so könnte Ostfriesland auch für uns nicht ganz ohne Bedeutung werden. Früher haben wir dies sonst nicht ambitionirt, weil damals Bremen und Hannover passender war.
In der Besorgniß, daß der junge Mann sich deshalb zu lange unterwegs aufhalten könne, warnt er ihn übrigens sofort, dies ja nicht zu thun, und schließt:
Wie gedenken Sie Ihre Reise hierhin zu machen? Und wann werden Sie abreisen? Wir erwarten Sie mit dem lebhaftesten Verlangen und sind Ihnen mit Freundschaft zugethan.
Der Gebrauch des »wir« statt »ich« selbst in solchen Briefen persönlicher Art erklärt sich daraus, daß Brockhaus in dieser Zeit alle Briefe, auch eigenhändige, mit der Firma »Kunst- und Industrie-Comptoir« unterschrieb und nur bisweilen noch seinen Namen hinzufügte.