Daß er nicht nach Leipzig zur Messe kommen könne, zeigte er dem Buchhandel in einem vom 24. April aus Amsterdam datirten Circulare ausdrücklich an, vermuthlich, weil er schon Vielen sein Hinkommen in Aussicht gestellt hatte. Er erwähnt darin, wie gegen Heyse, daß auf seine Bitte Herr Karl Heinrich Reclam sich entschlossen habe, diesmal für das Kunst- und Industrie-Comptoir zu rechnen und das ganze Meßgeschäft zu besorgen. Daß Herr Gräff, sein bisheriger leipziger Commissionär, dies nicht besorge, erklärt er damit, daß »unsere Meßgeschäfte seinen ganzen Mann erfordern und Herr Gräff so sehr mit eigener Arbeit überhäuft ist, daß wir diesem die unserige mit wahrzunehmen nicht zumuthen konnten«; doch wird dies wol nur eine der bei einem Wechsel des Commissionärs auch heutzutage noch üblichen Höflichkeitsphrasen gewesen sein und der wahre Grund in Differenzen mit Gräff gelegen haben. Zugleich kündigt er an, daß er in Ansehung der ihm für sein Sortimentsgeschäft zu sendenden Neuigkeiten nothgedrungen »eine neue Ordnung einführen« müsse; er erhalte zu viel für ihn unnütze Artikel, werde deshalb künftig nach dem Meßkataloge selbst wählen und bitte daraus einen Maßstab für seine Bedürfnisse außer den Messen zu entnehmen. Dann fährt er fort:
Bei der ununterbrochenen Aufmerksamkeit, die wir auf Alles haben, was in Deutschland erscheint, entgehen uns ohnehin diejenigen Artikel nicht leicht, welche wir hier besonders gebrauchen können. Wir interessiren uns für die Verbreitung der deutschen Literatur in Holland auf das lebhafteste, wie Ihnen nach dem Maße unsers seitherigen Bedürfnisses bei so kurzer Dauer unsers Etablissements schon wird bemerkbar gewesen sein. Jetzt, da unsere Stadt noch zur königlichen Residenz erhoben worden ist, da sich das Gouvernement und das diplomatische Corps ebenfalls hierher begibt, jetzt haben wir bei unserer Thätigkeit Aussicht, daß unsere Geschäfte sich noch bedeutend heben werden, besonders wenn wir einmal Frieden mit England bekommen sollten. Uns in diesem Bestreben zu unterstützen, ist unsere ergebenste Bitte an Sie. Wir werden uns bemühen, Ihnen dadurch selbst nützlich zu werden, und Ihr Vertrauen gebührend zu achten wissen.
Dem Circulare ist ein Verzeichniß seiner »Novitäten zur Ostermesse 1808«, der in seinem Verlage neu erschienenen und, wie damals üblich, auf die Messe mitgebrachten Werke, beigefügt. Auch zahlreiche »Commissionsartikel« werden dabei vorgeführt, meist Verlagsartikel holländischer Buchhändler, darunter auch »der Schenkische Atlas von Sachsen«, und Musikalien, mit der Bemerkung, daß das Kunst- und Industrie-Comptoir es »gern übernehme, alle in Holland herausgekommenen und herauskommenden Bücher zu besorgen, wenn solche noch im Buchhandel zu haben« — ein Zeichen, daß Brockhaus sein Geschäft nach allen Richtungen hin ausdehnte und ihm namentlich immer mehr einen internationalen Charakter zu geben suchte.
Unter den »gegen Ende des Jahres erscheinenden Neuigkeiten« werden in dem Circulare zwei Werke aufgeführt, die später weder bei ihm noch unsers Wissens überhaupt erschienen sind: ein »Lehrbuch des Staatsrechts des Rheinischen Bundes« von Hofrath und Professor Seidensticker in Jena und eine »Deutsche und französische Encyklopädie für die Jugend gebildeter Stände, in einem dreijährigen Cursus zum Unterricht in den nöthigsten Vorkenntnissen und zur Beförderung der Fertigkeit, beide Sprachen verstehen, schreiben und sprechen zu lernen«, von Hofrath und Professor C. G. Schütz in Halle. Ueber letzteres Werk finden sich auch zwei Briefe von Brockhaus an Schütz, in deren erstem (vom 22. Februar 1808) er den nähern Plan und einige Proben der ihm zuerst von Schütz angebotenen Encyklopädie verlangt, während er in dem zweiten, ein volles Jahr später (am 8. Mai 1809) geschriebenen, kurz sagt, daß er jetzt auf die Anerbietung nicht eingehen könne. Charakteristisch ist die Vorsicht, mit der er gleich anfangs das Anerbieten beantwortet:
Wenn das Werk nur nicht zu bändereich werden sollte, was wir bei unsern Unternehmungen gar nicht lieben, und es in nicht langer Zeit kann complet geliefert werden, Ew. Wohlgeboren uns auch in Rücksicht des Honorars nur sehr billige Bedingungen machten und der Plan übrigens unsern Beifall erhielte, so dürften wir vielleicht auf die Anerbietung eingehen.
Noch interessanter für uns ist aber folgende Stelle desselben Briefs:
Wir erlauben uns bei dieser Gelegenheit die Anfrage: ob nicht das von Ew. Wohlgeboren schon seit geraumer Zeit angekündigt gewesene Lehrbuch über encyklopädische Literatur bald erscheinen werde? Schreiber Dieses erinnert sich mit sehr vielem Vergnügen einiger Vorlesungen, die er vor etwa 10 Jahren bei einer Reise durch Jena hierüber von Ew. Wohlgeboren hörte, und war es, glaubt er, schon damals ein allgemeiner Wunsch, einen gedruckten Grundriß zu diesem von Ew. Wohlgeboren jährlich wiederholten Cursus zu besitzen; seitdem ist derselbe, wenn wir nicht irren, mehrmalen in den Meßkatalogen angekündigt worden, aber, soviel wir wissen, immer nicht erschienen. Sollten von seiten der Verlagshandlung Schwierigkeiten dabei stattfinden, so würden wir uns darüber mit Ew. Wohlgeboren zu einigen wünschen.
Der hier erwähnte kurze Besuch in Jena hatte jedenfalls 1794 oder 1795 während Brockhaus' Aufenthalts in Leipzig zu seiner Ausbildung oder nach Beendigung desselben auf der Rückreise nach Dortmund stattgefunden; er benutzte also die wenigen Tage seines Aufenthalts in Jena zum Besuche der Vorlesungen des damals sehr angesehenen Hofraths Schütz und wahrscheinlich noch anderer Professoren: ein neuer Beweis seines schon damals regen Interesses für Literatur und Wissenschaft.
Gleich in dieser ersten Zeit seiner Verlegerthätigkeit begnügte sich Brockhaus nicht damit, die Manuscripte einfach so abzudrucken, wie sie ihm von den Verfassern zukamen, vielmehr prüfte er sie genau und wirkte oft auf ihre Abänderung hin. So sagt er in einem Briefe an Legationsrath Bertuch in Weimar vom 12. Juli 1808, mit welchem er diesem das Manuscript des (ebenfalls in Weimar lebenden) Freiherrn von Groß über die Kriegsgeschichte der Jahre 1792-1808 zum Druck schickte: