Amsterdam und Leipzig, den 6. October 1810.

Als Eigenthümer der unter der Firma: Kunst- und Industrie-Comptoir, bekannten Verlags- und Sortiments-Buchhandlung zeige ich hiermit an, daß ich diese Handlung mit allen Vorräthen, Verlags-Rechten und sämmtlichen Activ-Schulden an die Witwe Hofräthin Spazier, geb. Mayer, verkauft habe; hiernächst aber die Liquidation der Passiven, insofern diese nicht durch Gegenrechnungen, so weit sich solche bis à dato in den Handlungsbüchern verzeichnet finden, ausgeglichen werden könnten, mir selbst vorbehalte.

Friedrich Arnold Brockhaus.


Amsterdam und Leipzig, den 6. October 1810.

Indem ich Obiges bestätige, füge ich hinzu, daß in Verbindung mit mehrern Freunden eine neue Buchhandlung, unter der Firma:

Typographisch-litterarisches Institut
in Amsterdam und Leipzig,

errichtet ist, von welcher Firma hinführo der seitherige Verlag des Kunst- und Industrie-Comptoirs allein wird zu erhalten sein.

Es verbittet sich dies neue Geschäft jedoch einstweilen, bei den in Holland eintretenden Veränderungen in Rücksicht des deutschen Buchhandels, alle und jede Zusendung von Novitäten, bis es darüber etwas Näheres anzeigen wird, und begnügt es sich vorläufig mit dem Empfange der Continuationen, um deren prompte Zusendung gebeten wird. Was die Sortiments-Handlung des neuen Geschäfts gebrauchen möchte, wird es für feste Rechnung verlangen.

Das, was von heute an noch für das Kunst- und Industrie-Comptoir eingeht, wird von dem Typographisch-litterarischen Institute verrechnet werden.

Die Herren W. Rein und Comp. in Leipzig haben die Güte, die Commission für dieses neue Geschäft zu übernehmen, und ich ersuche dieserhalb, die mir als Käuferin des Kunst- und Industrie-Comptoirs competirenden Saldo-Reste und alles Weitere diesen unsern Commissionärs zuzustellen.

Johanne Caroline Wilhelmine, Witwe Hofräthin Spazier,

geb. Mayer.


Das in Amsterdam gleichzeitig in deutscher und holländischer Fassung gedruckte Circular lautet in ersterer:

Leipzig und Amsterdam, 5. October 1810.

Ich zeige Ihnen hiermit an, daß ich die Direction und meinen Theil an dem seit 1806 hier in Amsterdam wie in Leipzig, unter der Firma von Kunst- und Industrie-Comptoir, bestanden habenden Buchhandlungs-Etablissement abgegeben und an die Hofräthin Witwe Joh. Carol. Wilh. Spazier, geb. Mayer, unter heutigem Dato verkauft habe, wodurch diese alleinige Eigenthümerin beider Geschäfte mit allen Vorräthen, Verlagsrechten und ausstehenden Activ-Schulden geworden ist.

F. A. Brockhaus.


Indem ich Obiges bestätige und hinzufüge, daß ich für Amsterdam Herrn F. Schmidt zu meinem Commissionär ernannt, und ihn mit allen nöthigen notariellen Vollmachten versehen habe, an den Sie sich also von jetzt an, in Rücksicht alles dessen was Ihre Verhältnisse zum ehemaligen Kunst- und Industrie-Comptoir betrifft allein wenden, und dem, was von ihm darin geschieht, ganzen Glauben beimessen wollen, zeige ich zugleich an, daß ich künftig allein das Verlagsgeschäft und zwar unter der Firma Typographisch-litterarisches Institut in Leipzig fortführen, hingegen die in Amsterdam bestehende Sortiments-Buchhandlung aufheben werde, weil der deutsche Buchhandel durch die franz. Gesetze sehr beschränkt und gehemmt werden wird, und derselbe ohne gänzliche Freiheit nicht mit Vortheil bestehen kann.

Um nun mein daselbst vorhandenes großes Lager noch möglichst verkleinern zu können, biete ich Ihnen hierdurch alles ohne Ausnahme, was Sie noch von den vorräthigen Artikeln, nach unsern bereits erhaltenen Katalogen, zu acquiriren wünschen, gegen comptante Zahlung mit 33 13 p. Ct. Rabatt an, doch erbitte ich mir Ihre Orders so bald als möglich, da sie späterhin nicht gut mehr möchten ausgeführt werden können.

Joh. Carol. Wilh. Spazier, geb. Mayer.


Mit vollem Rechte konnte Brockhaus am 21. October an Bornträger schreiben: der kühne Schritt sei gelungen und das Geschäft gerettet; jedermann habe eingesehen, daß der Verkauf fingirt sei; derselbe habe deshalb gesetzmäßig umgestoßen werden können, wenn man den Verdacht der Insolvenz gehegt hätte, das sei aber glücklicherweise nicht der Fall, wie auch kein Grund irgendwelcher Art zu einem solchen Verdacht vorliege.

Ueber die Einwirkung aller dieser Verhältnisse auf seine dadurch scheinbar so viel näher gerückte Heirath schreibt Brockhaus an Bornträger unterm 14. October:

Was unter diesen Umständen aus unserer Verbindung werden wird, weiß Gott! Es versteht sich von selbst, daß sie nicht eher statthaben darf, bis sie einigermaßen geordnet sind. Für mich fürchte ich in Rücksicht meiner Gesinnungen nichts, da mir Minna theurer wie mein Leben ist und ich höchst unglücklich sein würde, wenn ich sie verlöre. Von der andern Seite denke ich aber auch zu zart, als daß ich auch nur auf die leiseste Weise Ueberredung gebrauchen möchte, im Fall ich auch nur einigermaßen ahnden könnte, als seien ihre Gesinnungen und ihre Liebe verändert. Ich begreife vollkommen, wie diese Geschichten alle auf sie influenciren müssen, und wie es geschäftige Rathgeber geben wird, die ihr die Verhältnisse und mich mit Farben darstellen, die sie sicher ängstlich machen müssen. Haben sich solche Rathgeber ja auch bei mir eingefunden in Rücksicht auf sie. Man muß ihre und meine Verhältnisse so genau und in allen ihren hundertfältigen Beziehungen kennen, als Sie es thun, muß wissen, wie isolirt und verloren wir Beide standen und getrennt wieder stehen würden, man muß unsere achtzehnmonatliche genaue und innige Freundschaft kennen, man muß dies Alles genau wissen, um unser Verhältniß ganz würdigen zu können ....

Ich werde Minna nie freiwillig und aus Gründen, die in mir selbst liegen könnten, verlassen. Ich kann es nicht, und ich würde es für ein Verbrechen halten, wenn ich es wollen könnte. Aber ich werde sie verlassen, sobald sie es wünscht, und gehe ich darüber auch, wie ich voraussehe, ganz zu Grunde. Dies habe ich ihr auch mehrmalen in schweren Momenten gesagt! Sie hat bisher immer erklärt, daß sie ihr Leben dem meinigen unzertrennlich anschließen werde. Wenn das ihre Gesinnung bleibt, so glaube ich, daß Alles wohl und gut enden werde und enden könne. Voneinander getrennt, glaube ich aber, daß sie wie ich moralisch und bürgerlich werden zu Grunde gehen ....

Noch gereicht mir sehr zur Beruhigung, daß ich auch bei aller meiner innigen Liebe, ja Anbetung für sie mich dennoch lange, wie Sie es selbst wissen, sehr lange gesträubt habe, ehe ich zu einer Verbindung mich entschlossen habe, und daß die Initiativen dazu nicht von mir, sondern von ihr selbst ausgegangen sind. Auch hat sie das Verhältniß meiner Handlung im ganzen gekannt wie es ist.

Nach einigen Wochen, die er in der eifrigsten Thätigkeit für Ordnung seiner Angelegenheiten und in angenehmem Verkehr mit seinen neuen Bekannten in Altenburg verbrachte, äußert er gegen Bornträger unterm 10. November:

Ich habe Ihnen letzthin viel über meine und Minna's Verhältnisse geschrieben. Sie haben sich wieder enger als je geknüpft, und sobald die bürgerlichen Schwierigkeiten besiegt sind, werden wir heirathen. Seit acht Tagen leidet sie erstaunlich an Krämpfen, ist seit heute etwas wohler, aber noch unendlich krank und schwach.

Uebrigens sind wir sehr geneigt, wenn Alles erträglich geht, uns hier zu fixiren. Altenburg ist ein Ort von circa 10-12000 Einwohnern, wo sich die Langeweile der ganz kleinen Städte nicht findet und wirklich ein sehr angenehmer Ton herrscht. Es gibt höchst interessante Cirkel, und Minna, die in mehrern Jahren in Leipzig beinahe keinen Menschen mehr sah, ist wie in einer neuen Welt, wo sie durch ihre Talente und ihren Geist sehr geschätzt ist. Das Reichenbach'sche Haus, mit Reichenbach's zwei höchst interessanten verheiratheten Schwestern, einer Madame Hoffmann und Madame Pierer, und das von Ludwig, der einen Engel an Weib und reich an Talenten zur Frau hat, bilden den Centralpunkt der bessern gesellschaftlichen Cirkel, worin Minna auch aufgenommen ist und ich es bin, wie ich es wollen werde. Man kann mit 1000 Thlr. hier ein ganz anständiges Haus machen und wird nicht blos, wie in Amsterdam und in Leipzig, nach dem, was man mit Geld wiegt, gewogen. Ueberhaupt ist das Land von allen Kriegsverheerungen beinahe ganz verschont geblieben und ist unter der sanften Gothaischen Regierung wol noch eins der glücklichsten Ländchen, die es in dem jetzigen Sturme aller Verwirrung geben mag.

So aufs neue Hoffnung schöpfend und mitten unter Stürmen dem ihm vorschwebenden bescheidenen Ziele ganz nahe, wurde Brockhaus abermals und in der entsetzlichsten Weise vom Schicksale getroffen, das wie ein Blitz aus der schwülen Luft, die ihn umgab, herniederfuhr: seine Braut — wurde wahnsinnig! Und wenn sie auch wieder genesen sollte, sie war auf immer für ihn verloren!

Mit ergreifenden Worten schildert er selbst diese Vorgänge in einem Briefe an Bornträger vom 21. November: