Inzwischen war Minna's Schwester, Karoline Richter, die Gattin Jean Paul's, aus Baireuth zu ihrer Pflege eingetroffen, die bisher von der Tochter der Kranken, Emma, von Frau Ludwig und deren noch unverheiratheten Schwester, Jeannette von Zschock, besorgt worden war.
Auf die erste flüchtige Nachricht über das Befinden der Kranken antwortete Jean Paul seiner Frau am 8. December:
Die Krämpfe Deiner Schwester, so fürchterlich sie für den Zuschauer sind, habe ich bei .... und Andern oft erlebt, sie sind ohne Bedeutung, ja sogar ohne Empfindung, außer für das Auge.
Am 20. December schreibt Karoline Richter ihrem Manne:
Der Gesundheitszustand meiner Schwester hat sich seit ich hier bin noch nicht sehr gebessert. Ob sie je zu völliger Klarheit des Geistes kommen kann, ist ein Problem. Sie ist in einem Zustande des Traums und je melancholischer, je mehr sie unter Menschen ist. Man redet ihr zu, auszugehen, sich zu zerstreuen, besucht sie fleißig, und in der That interessirt sie allgemein; aber es gleitet meist Alles ohne Eindruck an ihr vorüber. Sollte sie wieder allein stehen, ohne mich, so wäre sie sehr zu beklagen. Denn so sehr Herr Brockhaus sie liebt, so äußerst aufopfernd und gefällig er ihre Stütze ist, so kann er ihr in häuslichen Dingen nicht helfen. Sie ist wie ein Lamm, wie ein Kind, und läßt Alles über sich ergehen. So kann die Verbindung natürlich nicht vollzogen werden, solange sie nicht genesen ist, und bis dahin muß sie unter Aufsicht theilnehmender Menschen sein. Wenn sie jetzt zum Vater geht, ist es das Natürlichste und Beste. Brockhaus wünscht das zwar nicht; er fürchtet sie alsdann zu verlieren; allein ich glaube nicht, daß ihr Aufenthalt in Berlin ein Hinderniß sein würde.[42]
Die Uebersiedelung Minna's in das älterliche Haus nach Berlin erschien endlich allen Betheiligten doch als das Gerathenste, und Brockhaus entschloß sich zu dem in seiner Gemüthsstimmung doppelt schweren Opfer, sie dahin zu begleiten. In einem langen an verschiedenen Tagen geschriebenen Briefe an Bornträger kommen neben geschäftlichen Notizen mehrere darauf bezügliche Stellen vor.
Am 29. December schreibt er:
Der jetzige Zustand der Hofräthin läßt sich nicht gut beschreiben. Krank ist sie nicht mehr, aber ihr ganzes Wesen ist zerbrochen — alle Elasticität der Seele ist von ihr gewichen, und ohne daß man sagen könne: ihr Verstand sei noch in Unordnung, zeigen sich doch häufig viele Irrungen und Besonderheiten, die darthun, daß sie durchaus noch nicht zu klaren Begriffen gekommen. Gegen mich hat sie oft die rührendste Innigkeit und dann auch wieder die schneidendste Kälte. Ebenso geht's der Schwester und den besten Freunden. Am zerknicktesten ist sie, sobald viele Menschen um sie sind.
Wenn keine Aenderung statthat, so werden wir in acht Tagen zusammen nach Berlin reisen, ich aber sogleich wieder hierhin zurückkommen.
Am 3. Januar 1811 fügt er hinzu:
Ich habe diesen Brief bisjetzt hier behalten, um Ihnen über die berliner Reise noch bestimmter schreiben zu können. Es ist diese jetzt auf morgen Abend festgesetzt. Ich mache sie mit der Hofräthin und Emma alleine, da Madame Richter durchaus nicht mit kann. Wir gedenken bis Dienstag Abend in Berlin zu sein. Da wir einen Lohnkutscher von hier mitnehmen, so ist meine Absicht, 3 à 4 Tage in Berlin zu bleiben und dann hierher zurückzukehren, wo ich bis zum 15./16. wieder einzutreffen gedenke. Der geistige Zustand der Hofräthin ist noch immer derselbe, und sicher nur unter andern Umgebungen, die sie nicht, wie jetzt hier, an den dagewesenen traurigen Zustand beständig erinnern, und — von der Alles heilenden Zeit gänzliche Genesung zu hoffen. Die Zukunft ist mit dem undurchdringlichsten Schleier über ihr und mein Schicksal bedeckt! Lassen Sie es uns nicht versuchen, ihn mit frevelnder Hand lüften zu wollen. Lassen Sie uns unser Schicksal mit Resignation erwarten, und folgen, wie es uns in seiner Strenge führen will ....
Mein Gemüth ist heute wieder sehr zerrissen. Das arme, arme unglückliche Weib! Sie sollten sie jetzt sehen, die sonst von Leben, Geist und Witz überfließende, wie sie stille und in sich gesenkt ihr oft in Thränen schwimmendes Auge gen Himmel schlägt, Stunden lang kein Wort spricht, über jedes Geräusch zusammenfährt, dann aufspringt und mit zerrinnender Wehmuth mir in die Arme sinkt. Und dann wieder, wie sie Jeden anfeindet, wie es ihr Niemand recht macht! Ach Gott!
Welch ein Verhängniß, lieber Schmidt! Im vorigen Jahre an demselben Tage trat ich die furchtbare Reise von Amsterdam nach Dortmund an! Und dies Jahr mit Minna in diesem Zustande von Altenburg nach Berlin! Finde ich Schicksals Deutung darin? Daß es anders werden müßte? Wer weiß es!