(schaudernd)

Den Mann, der eben einen Becher austrank.

(Pause.)

Zuleima. Ins Haus der Liebe trat dein Fuß, Almansor,
Doch Blindheit lag auf deinen Augenwimpern.
Vermissen mochtest du den heitern Schimmer,
Der leicht durchgaukelt alte Heidentempel,
Und jene Werkeltagsbequemlichkeit,
Die in des Moslems dumpfer Betstub' kauert.
Ein ernst'res, bess'res Haus hat sich die Liebe
Zur Wohnung ausgesucht auf dieser Erde.
In diesem Hause werden Kinder mündig,
Und Münd'ge werden da zu Kindern wieder;
In diesem Hause werden Arme reich,
Und Reiche werden selig in der Armut;
In diesem Hause wird der Frohe traurig,
Und aufgeheitert wird da der Betrübte.
Denn selber als ein traurig, armes Kind
Erschien die Liebe einst auf dieser Erde.
Ihr Lager war des Stalles enge Krippe,
Und gelbes Stroh war ihres Hauptes Kissen;
Und flüchten mußte sie wie'n scheues Reh,
Von Dummheit und Gelehrsamkeit verfolgt.
Für Geld verkauft, verraten ward die Liebe,
Sie ward verhöhnt, gegeißelt und gekreuzigt; —
Doch von der Liebe sieben Todesseufzern
Zersprangen jene sieben Eisenschlösser,
Die Satan vorgehängt der Himmelspforte,
Und wie der Liebe sieben Wunden klafften,
Erschlossen sich aufs neu' die sieben Himmel,
Und zogen ein die Sünder und die Frommen.
Die Liebe war's, die du geschaut als Leiche
Im Mutterschoße jenes traur'gen Weibes.
O, glaube mir, an jenem kalten Leichnam
Kann sich erwärmen eine ganze Menschheit;
Aus jenem Blute sprossen schön're Blumen,
Als aus Alradschids stolzen Gartenbeeten,
Und aus den Augen jenes traur'gen Weibes
Fließt wunderbar ein süß'res Rosenöl,
Als alle Rosen Schiras liefern könnten.
Auch du hast teil, Almansor ben Abdullah,
An jenem ew'gen Leib und ew'gen Blute,
Auch du kannst setzen dich zu Tisch mit Engeln,
Und Gottesbrot und Gotteswein genießen,
Auch du darfst wohnen in der Sel'gen Halle,
Und, gegen Satans starke Höllenmacht,
Schützt dich mit ew'gem Gastrecht Jesu Christ,
Wenn du genossen hast sein „Brot und Wein“.

Almansor. Du sprachest aus, Zuleima, jenes Wort,
Das Welten schafft und Welten hält zusammen;
Du sprachest aus das große Wörtlein „Liebe!“
Und tausend Engel singen's jauchzend nach,
Und in den Himmeln klingt es schallend wieder;
Du sprachst es aus, und Wolken wölben sich
Dort oben hoch, wie eines Domes Kuppel,
Die Ulmen rauschen auf wie Orgeltöne,
Die Vöglein zwitschern fromme Andachtlieder,
Der Boden dampft von wallend süßem Weihrauch,
Der Blumenrasen hebt sich als Altar, —
Nur eine Kirch' der Liebe ist die Erde.

Zuleima. Die Erde ist ein großes Golgatha,
Wo zwar die Liebe siegt, doch auch verblutet.

Almansor. O, flechte nicht zum Totenkranz die Myrte,
Und hüll' die Liebe nicht in Trauerflöre.
Der Liebe Priesterin bist du, Zuleima,
Die Liebe wohnt in deines Busens Zelle,
Aus deiner Äuglein klaren Fenstern schaut sie,
Ihr Odem weht aus deinem süßen Munde —
Auf euch, ihr sammetweichen Purpurkissen,
Auf euch, ihr holden Lippen, thront die Liebe,
Auf euch möcht sich Almansors Seele betten, —
Ei, hörst du nicht Fatymas letzte Worte:
„Bring diesen Kuß Zuleimen, meiner Tochter.“ —

(Sie sehen sich lange wehmütig an. Sie küssen sich feierlich.)

Zuleima. Fatymas Totenkuß hab' ich empfangen,
Nimm hin dagegen Christi Lebenskuß!

Almansor. Es war der Liebe Odem, den ich trank
Aus einem Becher mit Rubinenrande;
Es war ein Freudenborn, woraus ich trank
Ein Öl, das heiß durch meine Adern rinnet,
Und mir das Herz erquicket und verbrennt.