Reinhold stand jetzt ganz verlassen
In den öden, stillen Gassen.
Da erschien in lichtem Glanz
Mit der Lilie und dem Kranz
Jener Knabe, wunderbar,
Der zuerst sein Führer war.
Und mit freundlichem Gesicht
Jetzt der Engel zu ihm spricht:
„Laß uns gehn! Das Spiel ist aus.
Lieber Reinhold, komm’ nach Haus,
Daß die Mutter nicht erwacht
Und um dich sich Sorge macht!
Doch von all’ den schönen Dingen,
Die du heute hier geschaut,
Will ich dir ein Abbild bringen,
Wenn der frühe Morgen graut.“
Durch die grünen Wiesen schreiten
Leicht hinwandelnd nun die Beiden;
Aber Kirche, Stadt und Baum
Werden klein, man sieht sie kaum;
Winzig Alles ganz und gar,
Wie es in dem Kästchen war.
Reinhold tritt beim Lampenschimmer
In die Hütte, in sein Zimmer.
Ruhig schläft das Mütterlein;
Auf den Zehen tritt er ein.
Leise legt er schnell sich nieder,
Und der Schlaf umfängt ihn wieder.

Als der frühe Morgen graut
Und durch’s kleine Fenster schaut,
Da erwachen Beide schon,
Und die Mutter sieht den Sohn,
Der noch eben krank gewesen,
Heiter, blühend und genesen.
Schönste aller Weihnachtsgaben,
Die ein Mutterherz kann haben!
Doch in herrlicher Verklärung
Glänzt die prächtige Bescheerung.
Hundertfacher Kerzenschein
Füllt das kleine Zimmerlein.
Alles hat in später Nacht
Hier der Engel hergebracht;
Weihnachtsbaum in vollem Prangen,
Wunderherrlich ausgeschmückt,
Und mit Allem reich behangen,
Was nur Aug’ und Herz entzückt.
Da ist auch der Struwwelpeter,
Und der lustige Trompeter;
Nüsseknacker steht dabei,
Hanselmänner sind es zwei,
Arche Noäh, Storch und Hahn,
Häuser, Kirch’ und Baum daran,
Reiterei und Fußsoldaten,
Die Kanone scharf geladen,
Und daneben auf der Erd’
Steht sogar das Schaukelpferd.
Reinhold und die Mutter seh’n
Staunend all’ die Sachen steh’n.
Auch die Katze und die Maus
Gingen heute leer nicht aus.
Kätzlein hatte Milch zu lecken;
Mäuslein aber in den Ecken
An dem Honigkuchen frißt,
Drauf ein M von Zucker ist.
Und am Baum die Glocken klingen,
Und die gold’nen Vögel singen:
„Nicht grämen sollt ihr euch und sorgen!
Gott sendet seine Engel aus.
Wen er beschützt, der ist geborgen,
Und Frieden wohnt in seinem Haus.
Und heilend auf die tiefsten Wunden
Legt mild die Hand er allemal,
Und mitten in den trübsten Stunden
Trifft euch der Freude Sonnenstrahl.“

Krebs-Schmitt Nachf. Aug. Weisbrod, Frankfurt a. M.